KAPITEL XVIII

1. Jede Tragödie besteht aus einer _Lösung_ und einer _Schürzung_. Der

Schürzung gehören oft Begebenheiten an, die noch außerhalb und einige,

die innerhalb der Handlung fallen, das übrige bildet die Lösung. Unter

Schürzung verstehe ich aber diejenige Verknüpfung, die vom Anfang bis zu

demjenigen Teil reicht, der die Grenze bezeichnet, von der aus ein

Umschwung in Glück oder Unglück sich vollzieht; unter Lösung diejenige

vom Umschwung bis zum Schluß. So umfaßt im _Lynkeus_ des _Theodektes_

die Schürzung die Vorgeschichte, die Wegnahme des Kindes und was

unmittelbar darauf folgt, die Lösung dagegen reicht von der

Anschuldigung des Mordes bis zum Schluß.

2. Es gibt vier Arten der Tragödie und ebensoviele (?) Teile der

Tragödie waren genannt worden, nämlich die verflochtene, die ganz auf

Peripetie oder Erkennung hinausläuft, ferner die eine leidvolle Tat

enthaltende (pathetische), wie z.B. die _Aias_--und (S. 37) (1456a)

_Ixion_dramen, und die auf Charakterzeichnung beruhende (ethische), wie

die _Phthiotinnen_ und der Peleus, die vierte, einfache erscheint in

Verbindung mit den beiden letzteren, wie z.B. die _Phorkiden_, der

_Prometheus_ und die Stücke, die im Hades spielen. Man sollte nun ganz

besonders darnach trachten, alle diese Behandlungsarten sich anzueignen,

falls dies aber nicht möglich, so doch die wichtigsten und meisten,

zumal man gerade heutzutage die Dichter einer gehässigen Kritik zu

unterziehen pflegt. Da es nämlich für jeden Teil (einer Tragödie)

vortreffliche Dichter gibt, fordert man, daß der Einzelne die

Virtuosität (Spezialität) eines jeden überbieten soll.

3. Von Rechts wegen darf man eine ganz verschiedene Tragödie (im

Verhältnis zu einer anderen) als die nämliche ansprechen, selbst wenn

sie im Stoff nicht zueinander stimmen. Dieser Fall tritt ein, wenn

Schürzung und Lösung dieselben sind. Überhaupt _schürzen viele den

Knoten vortrefflich, lösen ihn aber schlecht_. Es ist aber nötig, daß

beides im Einklang stehe.

[Sidenote: c. 18, 4. Vorschriften für den Tragödiendiohter.]

4. Der Dichter muß ferner, wie wiederholt bemerkt wurde, sich daran

erinnern seine Tragödie nicht episch zu gestalten. Unter episch verstehe

ich aber einen vielstoffigen Inhalt, wie wenn jemand z.B. den ganzen

Stoff der _Ilias_ dramatisieren wollte. Dort (im Epos) erhalten nämlich

in Folge seiner Länge die Teile ihre angemessene Ausdehnung, in den

Dramen aber wird dies (Verfahren) einen der Erwartung ganz

entgegengesetzten Erfolg haben. Ein Beweis dafür ist, daß diejenigen,

welche die Zerstörung _Ilions_ als Ganzes dramatisierten und nicht

einzelne Teile, wie _Euripides_, oder die Sage der _Niobe_, und nicht

wie _Aischylos_, entweder durchfielen oder im Wettkampf schlecht

abschnitten, hat doch sogar _Agathon_ in diesem Punkte (S. 38) allein

einen Mißerfolg zu verzeichnen.

5. In Peripetien und in einfachen Handlungen erreichen die Dichter in

bewundernswerter Weise die Wirkung, die sie erstreben. Denn diese ist

eine tragische und erweckt somit menschliche Teilnahme. Dieser Fall

tritt ein, wenn ein kluger, aber schlechter Mensch, wie _Sisyphos_,

hintergangen wird und ein mannhafter, aber ungerechter Charakter <wie

...> unterliegt. Denn auch das ist in dem Sinne wahrscheinlich, wie es

_Agathon_ versteht, "_Ist es doch wahrscheinlich, daß vieles

Unwahrscheinliche sich ereignet_."

6. Ferner muß der Dichter den Chor wie einen der _Schauspieler

auffassen_, er soll ein (organisches) Glied des Ganzen sein und an der

dramatischen Handlung teilnehmen, nicht wie bei _Euripides_, sondern wie

bei _Sophokles_. Bei zahlreichen (Dichtern) haben die Chorlieder nicht

viel mehr mit der betreffenden Fabel zu tun als mit irgend einer anderen

Tragödie. Deshalb lassen sie (sogenannte) Embolima (Einlagen) singen,

ein Brauch, den zuerst _Agathon_ aufbrachte. Und doch welch' ein

Unterschied besteht darin, solche Intermezzi zu singen oder eine Rede

aus einem Stück in ein anderes einzufügen [oder gar ein ganzes

Episodion]?

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Über die Dichtkunst beim Aristoteles Neu übersetzt und mit Einleitung und einem erklärenden Namen- und Sachverzeichnis versehen von Alfred Gudemann 1921 · 第 52 / 65 题