1. Jede Tragödie besteht aus einer _Lösung_ und einer _Schürzung_. Der
Schürzung gehören oft Begebenheiten an, die noch außerhalb und einige,
die innerhalb der Handlung fallen, das übrige bildet die Lösung. Unter
Schürzung verstehe ich aber diejenige Verknüpfung, die vom Anfang bis zu
demjenigen Teil reicht, der die Grenze bezeichnet, von der aus ein
Umschwung in Glück oder Unglück sich vollzieht; unter Lösung diejenige
vom Umschwung bis zum Schluß. So umfaßt im _Lynkeus_ des _Theodektes_
die Schürzung die Vorgeschichte, die Wegnahme des Kindes und was
unmittelbar darauf folgt, die Lösung dagegen reicht von der
Anschuldigung des Mordes bis zum Schluß.
2. Es gibt vier Arten der Tragödie und ebensoviele (?) Teile der
Tragödie waren genannt worden, nämlich die verflochtene, die ganz auf
Peripetie oder Erkennung hinausläuft, ferner die eine leidvolle Tat
enthaltende (pathetische), wie z.B. die _Aias_--und (S. 37) (1456a)
_Ixion_dramen, und die auf Charakterzeichnung beruhende (ethische), wie
die _Phthiotinnen_ und der Peleus, die vierte, einfache erscheint in
Verbindung mit den beiden letzteren, wie z.B. die _Phorkiden_, der
_Prometheus_ und die Stücke, die im Hades spielen. Man sollte nun ganz
besonders darnach trachten, alle diese Behandlungsarten sich anzueignen,
falls dies aber nicht möglich, so doch die wichtigsten und meisten,
zumal man gerade heutzutage die Dichter einer gehässigen Kritik zu
unterziehen pflegt. Da es nämlich für jeden Teil (einer Tragödie)
vortreffliche Dichter gibt, fordert man, daß der Einzelne die
Virtuosität (Spezialität) eines jeden überbieten soll.
3. Von Rechts wegen darf man eine ganz verschiedene Tragödie (im
Verhältnis zu einer anderen) als die nämliche ansprechen, selbst wenn
sie im Stoff nicht zueinander stimmen. Dieser Fall tritt ein, wenn
Schürzung und Lösung dieselben sind. Überhaupt _schürzen viele den
Knoten vortrefflich, lösen ihn aber schlecht_. Es ist aber nötig, daß
beides im Einklang stehe.
[Sidenote: c. 18, 4. Vorschriften für den Tragödiendiohter.]
4. Der Dichter muß ferner, wie wiederholt bemerkt wurde, sich daran
erinnern seine Tragödie nicht episch zu gestalten. Unter episch verstehe
ich aber einen vielstoffigen Inhalt, wie wenn jemand z.B. den ganzen
Stoff der _Ilias_ dramatisieren wollte. Dort (im Epos) erhalten nämlich
in Folge seiner Länge die Teile ihre angemessene Ausdehnung, in den
Dramen aber wird dies (Verfahren) einen der Erwartung ganz
entgegengesetzten Erfolg haben. Ein Beweis dafür ist, daß diejenigen,
welche die Zerstörung _Ilions_ als Ganzes dramatisierten und nicht
einzelne Teile, wie _Euripides_, oder die Sage der _Niobe_, und nicht
wie _Aischylos_, entweder durchfielen oder im Wettkampf schlecht
abschnitten, hat doch sogar _Agathon_ in diesem Punkte (S. 38) allein
einen Mißerfolg zu verzeichnen.
5. In Peripetien und in einfachen Handlungen erreichen die Dichter in
bewundernswerter Weise die Wirkung, die sie erstreben. Denn diese ist
eine tragische und erweckt somit menschliche Teilnahme. Dieser Fall
tritt ein, wenn ein kluger, aber schlechter Mensch, wie _Sisyphos_,
hintergangen wird und ein mannhafter, aber ungerechter Charakter <wie
...> unterliegt. Denn auch das ist in dem Sinne wahrscheinlich, wie es
_Agathon_ versteht, "_Ist es doch wahrscheinlich, daß vieles
Unwahrscheinliche sich ereignet_."
6. Ferner muß der Dichter den Chor wie einen der _Schauspieler
auffassen_, er soll ein (organisches) Glied des Ganzen sein und an der
dramatischen Handlung teilnehmen, nicht wie bei _Euripides_, sondern wie
bei _Sophokles_. Bei zahlreichen (Dichtern) haben die Chorlieder nicht
viel mehr mit der betreffenden Fabel zu tun als mit irgend einer anderen
Tragödie. Deshalb lassen sie (sogenannte) Embolima (Einlagen) singen,
ein Brauch, den zuerst _Agathon_ aufbrachte. Und doch welch' ein
Unterschied besteht darin, solche Intermezzi zu singen oder eine Rede
aus einem Stück in ein anderes einzufügen [oder gar ein ganzes
Episodion]?
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