KAPITEL XVII (S. 34)

[Sidenote: c. 17, 1. Vorschriften für den Tragödiendichter.]

1. Man muß bei der _Gestaltung der Fabeln und ihrer sprachlichen

Ausarbeitung die Vorgänge soweit wie irgend möglich sich vor Augen

stellen_, denn nur wenn der Dichter diese im klarsten Lichte sieht, als

wäre er bei den Begebenheiten selbst zugegen, dürfte er das Passende

finden und auch Widersprüche schwerlich übersehen. Ein Beweis dafür ist,

was dem _Karkinos_ einmal zum Vorwurf gemacht wurde. Eine Person

[Amphiaraos?] entstieg dem Tempel <....> Dies entging dem Dichter, der

sich die Situation nicht vergegenwärtigte, und so fiel er bei der

Aufführung durch, weil dieser Verstoß den Unwillen der Zuschauer

erregte.

2. _Sodann soll der Dichter_, soweit es irgend wie angeht, _Mienen und

Geberden seiner Personen an sich_ (darstellerisch) _miterproben_, denn

am überzeugendsten sind die, welche kraft ihres eigenen Naturells sich

in (die betreffenden) Gemütsstimmungen versetzen können, und am

Wahrheitsgetreuesten wird der selbst heftig Erregte aufregend darstellen

und der Erzürnte seinen Zorn auf andere übertragen. Deshalb ist die

_Dichtkunst vielmehr Sache eines Hochbegabten als eines Besessenen_,

denn jene sind reichlich bildsam, diese aber außer Rand und Band.

3. Der Dichter soll ferner die _Sagenstoffe_ und zwar (1455b) sowohl die

bereits erfundenen als die, welche er selbst erfindet, _zuerst in einem

allgemeinen Umriß entwerfen, dann Episoden einflechten_, d.h. erweitern.

Ich meine, das Allgemeine läßt sich z.B. an der _Iphigeneia_ so

veranschaulichen: Eine gewisse Jungfrau wurde auf den Opferaltar gelegt

und den Opfernden auf unbekannte Weise entrückt, sie wurde in ein

anderes Land[31] versetzt, wo es Brauch war (S. 35) Fremde der (Landes)

Göttin[32] zu opfern. Sie erhielt dieses Priesteramt.[33] Nach einiger

Zeit fügte es sich, daß ihr Bruder[34] eintraf--die Tatsache, daß der

Gott[35] aus einem bestimmten Grunde ihm befohlen hatte dorthin zu

kommen und in welcher Absicht,[36] liegt außerhalb der dramatischen

Handlung. Genug, er kam, wurde festgenommen und gerade im Begriff

geopfert zu werden, erkannte er seine Schwester, sei es, wie

_Euripides_[37], sei es wie _Polyidos_ die Erkennung (des Bruders)

herbeiführte, indem er ihn in wahrscheinlicher Weise die Äußerung tun

läßt, daß also nicht nur seine Schwester, sondern nun auch er geopfert

werde, und daraus erfolgte seine Rettung. Nachdem dieser Umriß entworfen

und die Namen (den Personen) bereits beigelegt worden sind, füge man

Episoden ein, achte aber darauf, daß diese Episoden passend sind, wie

z.B. beim _Orestes_ der Wahnsinnsanfall[38], der seine Ergreifung

veranlaßte, und seine Rettung vermittelst der Reinigung.[39]

[Sidenote: c. 17, 4. Vorschriften für den Tragödiendichter.]

4. In den _Dramen müssen die Episoden eng begrenzt sein_, das Epos

dagegen wird durch sie (gebührend) verlängert. So ist die Geschichte der

_Odyssee_ nicht eben lang: Ein Mann[40] ist viele Jahre von der Heimat

entfernt, er wird von einem Gott[41] feindselig überwacht und findet

sich schließlich allein? in (S. 36) seinem Hause lagen inzwischen die

Verhältnisse so, daß von Freiern seine Habe verschwendet und seinem

Sohne[42] nachgestellt wird. Da kommt der (einst) von Unglücksstürmen

Umhergeworfene heim und, nachdem er einigen sich zu erkennen gegeben

hatte[43], geht er zum Angriff über, wobei er selbst gerettet wird,

während er seine Feinde vernichtet. Dies der eigentliche Kern, alles

andere sind Episoden.

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Über die Dichtkunst beim Aristoteles Neu übersetzt und mit Einleitung und einem erklärenden Namen- und Sachverzeichnis versehen von Alfred Gudemann 1921 · 第 51 / 65 题