[Sidenote: c. 16, 1. Arten der Anagnorisis.]
1. Was Erkennung ist, wurde früher gesagt. Was nun die _Arten der
Erkennung_ betrifft, so ist die erste die unkünstlerischste, deren sich
die meisten als Verlegenheitsmittel bedienen, nämlich die durch Zeichen.
Von diesen sind nun (a) die einen _angeboren_, wie z.B. die Lanze,
welche die Erdgeborenen tragen, oder die Sterne, wie z.B. die im
_Thyestes_ des _Karkinos_. Andere (b) sind _erworben_ und diese wiederum
sind teils _körperlich_, wie Narben, teils _äußerliche Gegenstände_, wie
beispielsweise Halsbänder und die durch die Wanne herbeigeführte
Erkennung in der _Tyro_. Aber auch diese Zeichen kann man mehr oder
minder geschickt anwenden. So wurde z.B. _Odysseus_ an der Narbe auf die
eine Weise von der Amme,[22] auf eine andere von dem Sauhirten[23]
erkannt. Allerdings (S. 32) sind die lediglich der Beglaubigung wegen
eingeführten Erkennungen weniger kunstvoll und überhaupt alle rein
äußerlichen Erkennungen dieser Art. Doch sind die aus der Peripetie sich
ergebenden, wie die in der (eben genannten) Badeszene[24],
(verhältnismäßig) besser.
2. Eine _zweite_ Art sind die vom Dichter _erfundenen_ und eben darum
unkünstlerisch. So erkannte z.B. _Iphigeneia_ in der _Iphigeneia_, daß
_Orestes_ (vor ihr stehe). Jene nämlich wurde durch den Brief
erkannt[25], dieser sagt aber selbst[26], was dem Dichter beliebt, nicht
aber was die Handlung fordert. Deshalb kommt dies (Verfahren) dem
erwähnten Mißgriff ziemlich nahe, denn er (Orestes) hätte ebensogut
einige (Erkennungszeichen auch an sich tragen können. Ein (weiteres)
Beispiel liefert "_die Stimme der Spindel_" im _Tereus_ des _Sophokles_.
3. Die _dritte_ Art kommt auf Grund einer _Erinnerung_ zustande, indem
man sich einer Sache bewußt wird, die man wahrgenommen hat, wie der
Vorgang in den _Kypriern_ des _Dikaiogenes_, denn (daselbst) (1455a)
brach (der Held) beim Anblick des Bildes in Weinen aus, und derjenige in
der "Mär des _Alkinoos_," denn nachdem er (Odysseus) dem Kitharisten
zugehört hatte und sich der (vorgetragenen Begebenheiten) erinnerte,
vergoß er Tränen,[27] wodurch sie dann beide erkannt wurden.
4. Die _vierte_ Art endlich beruht auf einer _Schlußfolgerung_ wie z.B.
in den _Choephoren_[28]: Jemand (dem Orestes oder mir, Elektra) ähnlich
ist angekommen, (S. 33) (ihm oder mir) ähnlich ist aber niemand außer
_Orestes_. Also ist _Orestes_ angekommen. Ferner die Erkennungsszene in
betreff der _Iphigeneia_ bei _Polyidos_, dem Sophisten, denn es war
(durchaus) wahrscheinlich daß _Orestes_ den Schluß zog, weil seine
Schwester geopfert wurde, so sei es auch ihm nun beschieden geopfert zu
werden. Ferner im _Tydeus_ des _Theodektes_: Gekommen seinen Sohn zu
finden, verfalle er nun selbst dem Tode. Endlich die Szene in den
_Phiniden_: Nachdem die Frauen des Ortes ansichtig wurden, schlössen sie
auf ihr Verhängnis, weil ihnen das Schicksal bestimmt hatte an diesem
Ort zu sterben, denn eben dort seien sie ausgesetzt worden. Es gibt aber
auch eine zusammengesetzte Art der Erkennung aus dem Fehlschluß des
einen, (der angeredeten Person), wie z.B. im "_Odysseus der Trugbote_".
Da behauptete der eine (Odysseus), er allein könne den Bogen spannen und
kein anderer. Dies läßt ihn der Dichter nach der Überlieferung sagen;
wenn er nun aber hinzufügt, er werde den Bogen wiedererkennen, den er
doch niemals gesehen, so war die Annahme, er werde diesen (wirklich)
wiedererkennen, ein Fehlschluß.
[Sidenote: c. 16, 5. Arten der Anagnorisis.]
5. Von allen Erkennungsarten ist aber diejenige, die aus den
Begebenheiten selbst entspringt, die beste, insofern die Überraschung
auf Grund wahrscheinlicher Vorgänge erfolgt, wie im _Oidipus_ des
_Sophokles_[29] und in der _Iphigeneia_[30], denn es ist durchaus
wahrscheinlich daß sie ein Schreiben mitzugeben wünscht. Diese
Erkennungen bestehen für sich allein ohne erdichtete Zeichen, wie
Halsbänder. An zweiter Stelle kommt die aus einer Schlußfolgerung sich
ergebende.
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