KAPITEL XV (S.29)

1. Was die _Charaktere_ anbelangt, so sind es _viererlei_ Eigenschaften,

auf die man sein Augenmerk richten muß. _Erstes_ und wichtigstes

Erfordernis ist, daß sie _sittlich gut_ seien. Charakter wird aber

jemand haben, wenn, wie bereits erwähnt, seine Eede oder Handlungsweise

irgendeine Willensrichtung, welcher Art sie auch sein mag, offenbart und

zwar einen sittlich guten Charakter, wenn diese Willensrichtung eine

sittlich gute ist. Ein solcher ist aber in jeder menschlichen Gattung

vorhanden, denn auch ein Weib kann sittlich gut sein und ein Sklave,

obgleich vielleicht von diesen die eine ein minderwertiges, der andere

ein ganz und gar untaugliches Geschöpf ist.

2. Das _zweite_ ist das _Angemessene_. Es kann z.B. ein Charakter tapfer

sein, ohne daß dies für ein Weib angemessen sein würde, wie denn ein

solcher im allgemeinen bei ihr auch nicht üblich ist.

3. Das _dritte_ ist die (historische) _Ähnlichkeit_. Dies ist nämlich

etwas anderes als den Charakter sittlich gut und angemessen, wie wir uns

ausdrückten, darzustellen.

4. Das _vierte_ ist die _Konsequenz_, denn selbst wenn irgend eine

Person, die den Gegenstand der nachahmenden Darstellung abgibt,

inkonsequent sein sollte und als ein derartiger Charakter dem Dichter

vorgelegen hat, so muß sie gleichwohl konsequent inkonsequent sein.

[Sidenote: c. 15, 5. Die Charaktere.]

5. Ein Beispiel einer Schlechtigkeit des Charakters von nicht (innerer)

Notwendigkeit ist beispielsweise _Menelaos_ im _Orestes_, von einem

unpassenden und unangemessenen, z.B. der Klagegesang des _Odysseus_ in

der _Skylla_ und die Rede der _Melanippe_, <von einem ohne historische

Ähnlichkeit z.B.... >, von einem inkonsequenten endlich die _Iphigeneia

in Aulis_, (S. 30) denn die (um ihr Leben) Flehende gleicht in keiner

Weise der späteren (sich freiwillig opfernden).[18]

6. Man soll auch in der Zeichnung der Charaktere, ebenso gut wie in der

Verknüpfung der Handlungen, stets, sei es auf deren Wahrscheinlichkeit,

sei es auf deren Notwendigkeit bedacht sein, auf daß ein so beschaffener

Charakter so oder so, entweder nach der Notwendigkeit oder

Wahrscheinlichkeit auch rede oder handle, wie ja auch die eine

Begebenheit auf die andere der Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit

entsprechend erfolgen muß.

7. Es ist demnach klar, daß auch die _Lösungen in den Fabeln_ sich aus

dem _Charakter_ selbst ergeben (1454b) müssen und nicht wie in der

_Medea_[19] durch die (Theater-) Maschine und in der _Ilias_[20]

anläßlich der Vorgänge bei der Abfahrt, denn die Maschine darf vielmehr

nur für Begebenheiten außerhalb des Dramas in Anwendung kommen, sei es

in Bezug auf Ereignisse der Vergangenheit oder bei Vorgängen, die ein

Mensch nicht wohl wissen konnte, oder aber bei zukünftigen Dingen, die

der Vorhersagung und Verkündigung bedürfen denn den Göttern gestehen wir

ja zu, daß sie alles wahrnehmen.

8. Aber auch keine Ungereimtheit darf in Tragödien vorkommen und, wenn

ja einmal, nur außerhalb der Tragödie, wie jene bekannte im _Oidipus_

des _Sophokles_.[21]

9. Da nun die Tragödie _eine nachahmende Darstellung besserer Menschen_,

als wir es zusein pflegen, ist, so muß man die guten Portraitmaler als

nachzuahmendes Vorbild nehmen. Indem nämlich (S. 31) diese ihren

Personen zwar die ihnen eigentümliche Gestalt verleihen und sie demgemäß

ähnlich bilden, malen sie sie dennoch schöner. So muß auch der

nachahmend darstellende Dichter, wenn er zornige oder leichtmütige oder

mit anderen derartigen Charakterzügen ausgestattete Personen zu bilden

hat, sie in ihrer Eigenart als _sittlich vortreffliche Menschen

zeichnen_, wie z.B. _Homer_ den sich fernhaltenden _Achill_ als einen

guten Menschen geschildert hat.

10. Auf diese Dinge muß man also achten und überdies auch auf die der

Dichtung sich notwendig anpassende sinnfällige Darstellung, denn auch

bei dieser kann man oft in die Irre gehen. Doch ist darüber bereits in

meinen herausgegebenen Schriften zur Genüge gehandelt worden.

* * * * *

Über die Dichtkunst beim Aristoteles Neu übersetzt und mit Einleitung und einem erklärenden Namen- und Sachverzeichnis versehen von Alfred Gudemann 1921 · 第 49 / 65 题