1. Was die _Charaktere_ anbelangt, so sind es _viererlei_ Eigenschaften,
auf die man sein Augenmerk richten muß. _Erstes_ und wichtigstes
Erfordernis ist, daß sie _sittlich gut_ seien. Charakter wird aber
jemand haben, wenn, wie bereits erwähnt, seine Eede oder Handlungsweise
irgendeine Willensrichtung, welcher Art sie auch sein mag, offenbart und
zwar einen sittlich guten Charakter, wenn diese Willensrichtung eine
sittlich gute ist. Ein solcher ist aber in jeder menschlichen Gattung
vorhanden, denn auch ein Weib kann sittlich gut sein und ein Sklave,
obgleich vielleicht von diesen die eine ein minderwertiges, der andere
ein ganz und gar untaugliches Geschöpf ist.
2. Das _zweite_ ist das _Angemessene_. Es kann z.B. ein Charakter tapfer
sein, ohne daß dies für ein Weib angemessen sein würde, wie denn ein
solcher im allgemeinen bei ihr auch nicht üblich ist.
3. Das _dritte_ ist die (historische) _Ähnlichkeit_. Dies ist nämlich
etwas anderes als den Charakter sittlich gut und angemessen, wie wir uns
ausdrückten, darzustellen.
4. Das _vierte_ ist die _Konsequenz_, denn selbst wenn irgend eine
Person, die den Gegenstand der nachahmenden Darstellung abgibt,
inkonsequent sein sollte und als ein derartiger Charakter dem Dichter
vorgelegen hat, so muß sie gleichwohl konsequent inkonsequent sein.
[Sidenote: c. 15, 5. Die Charaktere.]
5. Ein Beispiel einer Schlechtigkeit des Charakters von nicht (innerer)
Notwendigkeit ist beispielsweise _Menelaos_ im _Orestes_, von einem
unpassenden und unangemessenen, z.B. der Klagegesang des _Odysseus_ in
der _Skylla_ und die Rede der _Melanippe_, <von einem ohne historische
Ähnlichkeit z.B.... >, von einem inkonsequenten endlich die _Iphigeneia
in Aulis_, (S. 30) denn die (um ihr Leben) Flehende gleicht in keiner
Weise der späteren (sich freiwillig opfernden).[18]
6. Man soll auch in der Zeichnung der Charaktere, ebenso gut wie in der
Verknüpfung der Handlungen, stets, sei es auf deren Wahrscheinlichkeit,
sei es auf deren Notwendigkeit bedacht sein, auf daß ein so beschaffener
Charakter so oder so, entweder nach der Notwendigkeit oder
Wahrscheinlichkeit auch rede oder handle, wie ja auch die eine
Begebenheit auf die andere der Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit
entsprechend erfolgen muß.
7. Es ist demnach klar, daß auch die _Lösungen in den Fabeln_ sich aus
dem _Charakter_ selbst ergeben (1454b) müssen und nicht wie in der
_Medea_[19] durch die (Theater-) Maschine und in der _Ilias_[20]
anläßlich der Vorgänge bei der Abfahrt, denn die Maschine darf vielmehr
nur für Begebenheiten außerhalb des Dramas in Anwendung kommen, sei es
in Bezug auf Ereignisse der Vergangenheit oder bei Vorgängen, die ein
Mensch nicht wohl wissen konnte, oder aber bei zukünftigen Dingen, die
der Vorhersagung und Verkündigung bedürfen denn den Göttern gestehen wir
ja zu, daß sie alles wahrnehmen.
8. Aber auch keine Ungereimtheit darf in Tragödien vorkommen und, wenn
ja einmal, nur außerhalb der Tragödie, wie jene bekannte im _Oidipus_
des _Sophokles_.[21]
9. Da nun die Tragödie _eine nachahmende Darstellung besserer Menschen_,
als wir es zusein pflegen, ist, so muß man die guten Portraitmaler als
nachzuahmendes Vorbild nehmen. Indem nämlich (S. 31) diese ihren
Personen zwar die ihnen eigentümliche Gestalt verleihen und sie demgemäß
ähnlich bilden, malen sie sie dennoch schöner. So muß auch der
nachahmend darstellende Dichter, wenn er zornige oder leichtmütige oder
mit anderen derartigen Charakterzügen ausgestattete Personen zu bilden
hat, sie in ihrer Eigenart als _sittlich vortreffliche Menschen
zeichnen_, wie z.B. _Homer_ den sich fernhaltenden _Achill_ als einen
guten Menschen geschildert hat.
10. Auf diese Dinge muß man also achten und überdies auch auf die der
Dichtung sich notwendig anpassende sinnfällige Darstellung, denn auch
bei dieser kann man oft in die Irre gehen. Doch ist darüber bereits in
meinen herausgegebenen Schriften zur Genüge gehandelt worden.
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