[Sidenote: c. 14, 1. Die Fabel. Arten der Handlung.]
l. Es kann nun das _Furcht- und Mitleiderregende_ (S. 26) (1453b) aus
der szenischen Ausstattung erwachsen, es kann aber auch aus der
_Verknüpfung der Ereignisse_ selbst sich ergeben und dies ist das
Vortrefflichere und Sache des besseren Dichters. Man muß nämlich auch
ohne Rücksicht auf die Aufführung die Fabel so gestalten, daß man schon
beim _bloßen Anhören_ aus dem, was sich zuträgt, Schauder und Mitleid
empfindet, eine Wirkung, die jemand, der die (dramatische) Darstellung
der _Oidipus_-Geschichte auch nur (vorlesen) hört, an sich erproben
kann. Diese Wirkung aber (allein) durch Vermittlung der szenischen
Ausstattung zu erzielen ist unkünstlerischer, weil sie (rein äußerer)
theatralischer Mittel bedarf. Diejenigen aber, die vermittelst
szenischer Ausstattung nicht das Furcht- und Mitleiderregende, sondern
lediglich Wundererscheinungen bezwecken, haben überhaupt nichts mehr mit
der Tragödie gemein, denn _nicht jede Lustempfindung darf man von der
Tragödie verlangen_, sondern nur die (ihrem Wesen) eigentümliche. Da
also der Dichter nur die aus Mitleid und Furcht vermittelst einer
nachahmenden Darstellung sich ergebende Lustempfindung bereiten soll, so
ist klar, daß er diese Wirkung eben in die Begebenheiten selbst verlegen
muß.
2. Wir wollen nunmehr untersuchen, welche _Art von Vorgängen als
schrecklich, welche als mitleidvollanzusehen ist_. Notwendigerweise
spielen sich derartige Handlungen unter Personen ab, die _entweder
untereinander verwandt oder verfeindet oder keins von beiden_ sind.
Greift ein Feind einen Feind an, mag er nun die Tat wirklich ausführen
oder nur im Begriff sein sie auszuführen, so ist das nicht mitleid-
oder furchterregend, wenn wir (S. 27) (im ersteren Falle) von dem
leidvollen Vorgang als solchem absehen, und dasselbe trifft auf Personen
zu, die sich gleichgültig gegenüberstehen.
3. Wenn aber die leidvollen Taten unter Verwandten stattfinden, wie wenn
der Bruder den Bruder, der Sohn den Vater, die Mutter den Sohn oder der
Sohn die Mutter tötet oder zu töten im Begriff ist oder irgend ein
anderer (Verwandter) etwas der Art tut, so sind dies die Begebenheiten,
die man aufsuchen muß.
4. Den Kern der _überkommenen Sagen darf man aber nicht zerstören_, ich
meine, daß z.B. _Klytaimestra_ von der Hand des _Orestes_ fällt und
_Eriphyle_ von der des _Alkmeon_; im übrigen soll der Dichter selbst
erfinden und die überlieferten Stoffe _kunstvoll_ verwerten. Was wir
unter "kunstvoll" verstehen, wollen wir etwas genauer erläutern. Die
Handlung kann nämlich (1) so sich abspielen, wie die alten Dichter
Personen, die (ihre Opfer) kennen und wissen, wer sie sind, darzustellen
pflegten, wie noch _Euripides_[16] _Medea_ ihre Kinder mordend
darstellte.
[Sidenote: c. 14, 5. Die Fabel. Arten der Handlung.]
5. Ein weiterer Fall ist (2) der, in dem die Tat in Unkenntnis (des
Opfers) begangen wird oder aber, (3) wo das Schreckliche zwar auch
unwissentlich ausgeführt wird, aber erst hinterher die Verwandtschaft
erkannt wird, wie der _Oidipus_ des _Sophokles_, wo freilich die Tat
außerhalb des Dramas liegt; innerhalb der Tragödie selbst gibt uns ein
Beispiel der _Alkmeon_ des _Astydamas_ oder _Telegonos_ im "_Verwundeten
Odysseus_." Sodann (4) kann man nur im Begriff sein, irgend eine
ruchlose Tat in Unkenntnis zu begehen, vor der Ausführung aber (das
Opfer) erkennen. Außer diesen Fällen gibt es keine anderen. Denn
notwendiger weise ist die Tat entweder vollbracht oder nicht, und (S.
28) zwar wiederum entweder in Kenntnis (des Opfers) oder in Unkenntnis.
6. Von diesen (Möglichkeiten) ist nun in Kenntnis (des Opfers) die Tat
nur zu beabsichtigen, aber nicht zu vollführen, die minderwertigste.
Denn dies hat etwas Abscheuerweckendes und nichts Tragisches an sich,
fehlt ihr doch die leidvolle Tat. Darum hat auch niemand derartiges
dargestellt, oder doch nur selten, wie z.B. in der _Antigone Haimon_
gegenüber _Kreon_ (1454a) so verfährt[17].
7. _An zweiter Stelle_ kommt die wirkliche Vollziehung der Tat, wobei
die zwar in Unkenntnis vollzogene, aber mit einer nach der Tat folgenden
Erkennung die bessere ist.
8. Die _wirkungsvollste_ Art aber ist die letzte. Ich meine z.B., wie im
_Kresphontes Merope_ sich anschickt ihren Sohn zu töten, ihn aber nicht
tötet, sondern (vorher) erkennt und wie in der _Iphigeneia_ die
Schwester den Bruder erkennt, (ehe sie ihn tötet), und in der _Helle_
der Sohn im Begriff die Mutter (dem Tode) auszuliefern sie erkennt.
9. Deshalb bewegen sich, wie bereits erwähnt, die Tragödien um nicht
viele Geschlechter. Denn auf der Jagd nach (passenden) Stoffen gelang es
den Dichtern weniger durch ihre eigene Kunst als durch des Zufalls Gunst
derartige Wirkungen in ihren Fabeln anzubringen, und sie wurden so
gezwungen bei denjenigen Familienhäusern zusammenzutreffen, in denen
eben derartige leidvolle Taten sich ereignet haben. Über die Verknüpfung
der Begebenheiten und die nötige Beschaffenheit dieser Sagenstoffe ist
also hiermit hinreichend gesprochen worden.
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