1. Was man bei dem Aufbau der Fabeln erstreben und was man vermeiden muß
und wodurch die Aufgabe der Tragödie erreicht werden wird, soll nun auf
Grund des bereits Erörterten im folgenden dargestellt werden.
[Sidenote: c. 13, 2. Die Fabel. Quantitative Teile der Tragödie.]
[Sidenote: c. 13, 2. Die Fabel. Beschaffenheit der Handlung.]
2. Da die _Komposition der Tragödie_ keine einfache sondern eine
_verflochtene_ sein soll und diese _furcht- und mitleiderregende_
Ereignisse nachahmend darzustellen hat, liegt doch eben darin das
Charakteristische einer derartigen nachahmenden Darstellung so ist
zunächst folgendes klar: _Weder dürfen sittlich hervorragende aus Glück
in (S. 24) Unglück geratene Männer vor Augen treten_, denn dies wäre
weder furcht- noch mitleiderregend, sondern (einfach) gräßlich, noch
sollen _schlechte aus Unglück in Glück geraten_, denn dies wäre das
Untragischste von allen, da es keine der Forderungen (1453a) erfüllt,
indem es die allgemein menschliche Teilnahme unberührt läßt und weder
mitleid- noch furchterregend ist. Ferner _soll auch nicht der
Erzbösewicht aus Glück ins Unglück stürzen_, denn ein solcher Vorgang
würde zwar menschliche Teilnahme erwecken, aber weder Mitleid noch
Furcht. Ersteres nämlich bezieht sich auf einen unverdient Leidenden,
letztere auf einen unseres gleichen, so daß ein derartiges Ereignis
nichts Mitleid- oder Furchterregendes an sich hat.
3. Es bleibt mithin nur noch _Einer übrig, der zwischen jenen
Charakteren die Mitte hält_. Es ist dies aber ein solcher, der weder
durch sittliche Tüchtigkeit und Gerechtigkeit hervorragt, noch
andrerseits durch Schlechtigkeit und Gemeinheit in Unglück gerät,
sondern _infolge einer Art Irrtum und zwar bei Personen von großem
Ansehen_ und in glücklicher Lebenslage, wie bei _Oidipus_ und _Thyestes_
und anderen erlauchten Männern aus solchen Geschlechtern.
4. Es ist daher notwendig, daß eine kunstgerechte Fabel _vielmehr einen
einseitigen Ausgang als einen doppelten_, wie manche meinen, haben muß
und daß der Umschwung nicht in Glück aus Unglück, sondern im Gegenteil
aus Glück in Unglück stattfinde und zwar nicht durch Schlechtigkeit,
sondern auf Grund eines folgenschweren Irrtums von seiten eines Mannes
der angegebenen Art oder eines, der eher besser als schlechter ist Einen
Beweis dafür liefert auch die (literarhistorische) Entwicklung, denn
(S. 25) anfangs wählten die Dichter der Reihe nach beliebige
Sagenstoffe, jetzt aber drehen sich die Tragödien nur um wenige
Familienhäuser, wie um einen _Alkmeon, Oidipus, Orestes, Meleagros,
Thyestes, Telephos_ und solch' andere, denen es beschieden war, entweder
Schreckliches zu leiden oder zu vollbringen.
5. Aus einer derartig aufgebauten Handlung entsteht also die nach den
Regeln der Kunst gebaute schönste Tragödie. Deshalb befinden sich auch
diejenigen im Irrtum, die _Euripides_ tadeln, weil er dieses Verfahren
in seinen Tragödien einschlägt und viele seiner Dramen unglücklich
enden. Denn gerade dies ist, wie gesagt, das Richtige. Der schlagendste
Beweis dafür ist folgender. Bei der Bühnenaufführung erscheinen gerade
derartige Stücke, falls sie gut gespielt werden, tragisch ganz besonders
wirksam und deshalb erscheint _Euripides_, mag auch in anderen Dingen
seine Technik nicht (immer) lobenswert sein, doch tragisch wirksamer als
andere Dichter.
6. An _zweiter_ Stelle kommt diejenige Anlage der Handlung, der von
einigen die erste eingeräumt wird, nämlich die, _welche eine doppelte
Anlage enthält_ wie die _Odyssee_, und für die Besseren und Schlechteren
(wider Erwarten) in entgegengesetzter Weise ausläuft. Sie scheint aber
die erste Stelle auf Grund der Schwäche des Theaterpublikums einzunehmen
richten sich doch die Dichter in ihren Werken nach den Wünschen der
Zuschauer. Aber nicht dies ist das Lustgefühl, das von der Tragödie
ausgehen soll, sondern jener Vorgang ist vielmehr der Komödie
eigentümlich, wo nämlich Personen, die in der Sage die größten Feinde
sind, wie z.B. _Orestes_ und _Aigisthos_, am Schluß als Freunde abziehen
und keiner den Tod von der Hand des anderen erleidet.
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