[Sidenote: c. 9, 1, Die Fabel. Dichter und Historiker.]
1. Aus dem Gesagten erhellt, daß es nicht die Aufgabe des Dichters ist
_das, was sich wirklich zugetragen zu erzählen, sondern das, was sich
hätte zutragen können_ und was nach Wahrscheinlichkeit oder
Notwendigkeit möglich ist.
2. _Der Geschichtsschreiber_ und der _Dichter_ (1451b) unterscheiden
sich nämlich nicht durch die gebundene oder ungebundene Rede, denn man
könnte das Werk des _Herodot_ in Verse setzen und es würde nach wie vor
eine Art Geschichtsdarstellung sein, mit Versmaß oder ohne Verse. Der
Unterschied ist vielmehr der, daß jener, was sich zugetragen darstellt,
dieser, was sich hätte zutragen können.
3. Deshalb ist auch die _Poesie philosophischer und höher einzuschätzen
als die Geschichtsschreibung denn die Poesie stellt mehr das Allgemeine,
die Geschichtsschreibung das Einzelne dar_. Das Allgemeine besteht
darin, daß dem so oder so Beschaffenen es zukommt, so oder so nach der
Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit zu reden oder zu handeln und
darauf richtet die Dichtkunst bei der Namengebung ihr Augenmerk, das
Einzelne ist aber, was ein _Alkibiades_ getan oder erlitten hat.
4. Bei der Komödie ist nun dies bereits augenfällig geworden. Indem die
Dichter nämlich ihren Stoff auf Grund wahrscheinlicher oder notwendiger
Begebenheiten gestalteten, haben sie ihren Personen dementsprechend
beliebige Namen beigegeben und nicht wie die Jambendichter sich mit
einer historischen Persönlichkeit befaßt.
5. In der _Tragödie_ dagegen _hält man sich an die überlieferten Namen_.
Der Grund dafür ist, daß das Mögliche auch glaublich ist. Was sich aber
(S. 19) noch nicht zugetragen hat, an dessen Möglichkeit glauben wir
nicht ohne weiteres, dagegen ist offenbar das möglich was sich bereits
zugetragen hat, denn es hätte sich ja gar nicht zutragen können, wenn es
unmöglich gewesen wäre. Indessen verhält es sich in den Tragödien nicht
anders, in einigen gehört nur der eine oder zwei zu den bekannten Namen,
während die übrigen erdichtet sind, in anderen findet sich überhaupt
kein einziger bekannter Name, wie in der Anthē des Agathon, in welchem
Drama die Begebenheiten ebenso wie die Namen erfunden sind, und dennoch
gewährt es eine nicht geringere Freude.
6. Deshalb soll man auch _nicht um jeden Preis darnach trachten sich an
die überlieferten Sagenstoffe_, die den Tragödien zugrundeliegen, _zu
binden_, denn es wäre lächerlich darnach zu trachten, ist doch auch das
Bekannte nur wenigen bekannt und trotzdem erfreut es alle.
7. Es ist demnach klar, daß der Dichter vielmehr ein _Dichter von
Sagenstoffen als von Versmaßen_ sein muß, insofern er ein Dichter auf
Grund der nachahmenden Darstellung ist und zwar Handlungen nachahmt Und
sollte es sich einmal treffen, daß er das, was sich wirklich zugetragen
hat, darstellt, so ist er nichtsdestoweniger ein Dichter. Denn nichts
hindert, daß von dem, was sich tatsächlich zugetragen hat, manches der
Wahrscheinlichkeit entsprechend sich zugetragen hat und in bezug auf
diesen Punkt erweist er sich eben als ein Dichter jener Begebenheiten.
[Sidenote: c. 9, 8. Die Fabel. Arten der Fabel.]
8. Von _mangelhaften_ Fabeln, d.h. Handlungen sind die _episodischen_
die schlechtesten. Ich verstehe unter einer episodischen Fabel eine
solche, in der die episodischen Teile ohne Wahrscheinlichkeit oder
Notwendigkeit aufeinander folgen. Solche werden von minderwertigen
Dichtern infolge ihres eigenen Unvermögens (S. 20) verfaßt, von guten
dagegen aus Rücksicht auf die Schauspieler. Da sie nämlich Dramen
aufführen und einmal die Fabel über Gebühr ausgedehnt haben, kommen sie
oft in die Zwangslage die (natürliche Abfolge (der Begebenheiten) in
Unordnung zu bringen. (1452a)
9. Da wir es nun mit der nachahmenden Darstellung einer Handlung zu tun
haben, die nicht nur in sich abgeschlossen ist, sondern auch furcht- und
mitleiderregende Vorgänge enthält, diese aber ganz besonders dann
entstehen, wenn sie sich wider Erwarten aus dem (inneren) Zusammenhange
ergeben, <so ist das _Wunderbare_ ein wirkungsvolles Element der
Tragödie>. Und es wird das Wunderbare eine noch größere Wirkung ausüben,
als wenn es nur von Ungefähr oder durch Zufall eintritt, da selbst bei
rein zufälligen Ereignissen diejenigen den größten Eindruck des
Wunderbaren machen, deren Vorkommen gleichsam den Schein der
Absichtlichkeit erwecken, wie z.B. die Bildsäule des _Mitys_ in Argos
den, der an dem Tode des _Mitys_ schuld war, erschlug, indem sie, gerade
als er sie betrachtete auf ihn niederfiel. So etwas scheint nämlich
nicht auf Zufall zu beruhen. Es sind also derartig beschaffene Stoffe
notwendigerweise die kunstgerechteren (schöneren).
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