1. Die Fabel ist aber nicht schon eine einheitliche, wie einige meinen,
wenn sie sich um eine _einzelne Person_ dreht, denn unendlich viele
Dinge begegnen einer einzelnen Person, von denen manche gar keine
_Einheit_ darstellen und so gibt es auch viele Handlungen einer
einzelnen Person, aus denen keine einzige einheitliche Handlung sich
entwickelt.
2. Daher scheinen mir alle jene Dichter im Irrtum zu sein, die eine
_Herakleis_ und eine _Theseis_ und ähnliche Werke gedichtet haben. Denn
sie glauben, weil _Herakles_ eine einzelne Person sei, komme auch (S.
17) der Fabel ein einheitlicher Charakter zu.
[Sidenote: c. 8, 4 Die Fabel. Einheit.]
3. _Homer_ dagegen, wie er ja auch in allem anderen hervorragt, scheint
auch hier einen künstlerischen Blick gehabt zu haben, sei es infolge
erworbener oder angeborener Tüchtigkeit. Denn bei der Abfassung seiner
_Odyssee_ hat er nicht alles, was _Odysseus_ selbst widerfuhr,
behandelt, wie z.B. die Verwundung auf dem Parnaß[13] und den
vorgeschützten Wahnsinn bei dem Aufgebot,[14] da von diesen Begebnissen
keins, falls das eine eintrat, auch das andere mit Notwendigkeit oder
Wahrscheinlichkeit eintreten mußte. Er hat vielmehr die _Odyssee_ um
eine einheitliche Handlung, wie wir sie eben bestimmt haben, aufgebaut
und desgleichen auch die _Ilias_.
4. Es muß daher, wie auch in den anderen nachahmenden Darstellungen die
einzelne Nachahmung Darstellung eines einzelnen Gegenstandes ist, so
auch die _Fabel, da sie die Nachahmung einer Handlung ist, Nachahmung
einer einheitlichen und zwar einer vollständigen sein_. Und es müssen
die Teile der Begebenheiten so zusammenhängen, daß, wenn auch nur einer
dieser Teile versetzt oder weggenommen wird, das Ganze zerstört wird und
auseinander fällt. Denn dasjenige, was ohne einen in die Augen
springenden Eindruck zu machen, vorhanden oder nicht vorhanden sein
kann, ist kein (wesentlicher) Teil des Ganzen mehr.
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