1. Nach diesen Bestimmungen wollen wir zunächst darüber reden, _wie etwa
die Verknüpfung der Begebenheiten beschaffen sein muß_, da dies in der
Tragödie sowohl zuerst in Betracht kommt als auch das wichtigste ist.
Es stand uns also fest, daß (S. 15) die Tragödie die nachahmende
Darstellung einer in sich abgeschlossenen und ganzen Handlung ist, die
eine bestimmte Größe hat, denn es gibt auch ein Ganzes, das keine
(eigentliche) Größe hat. Ein _Ganzes_ ist nämlich das, was _Anfang wie
Mitte und Ende hat_. Anfang ist das, was selbst nicht notwendigerweise
auf ein anderes folgt, nach dem aber naturgemäß etwas ist, Ende dagegen
ist das, was selbst naturgemäß nach einem anderen ist, sei es
notwendigerweise oder in der Regel, nach dem aber nichts folgt, Mitte
endlich ist das, was auch selbst nach einem anderen und nach dem ein
anderes folgt. Gutgebaute Fabeln müssen daher weder aufs geratewohl von
irgend woher anfangen noch aufs geratewohl irgendwo enden, sondern sich
nach den erwähnten Begriffsbestimmungen richten.
[Sidenote: c. 7, 2. Die Fabel. Beschaffenheit.]
2. Ferner, das Schöne, sei es ein lebendes Wesen, sei es irgend ein
Gegenstand, der aus bestimmten Teilen zusammengesetzt ist, bedarf dieser
Teile nicht nur in wohlgegliederter Folge, sondern muß auch eine nicht
dem Zufall unterworfene Größe haben, denn das _Schöne beruht auf Ordnung
und Größe_. Deshalb könnte weder irgend ein winzig kleines Wesen schön
sein, denn dessen Betrachtung, die sich hart an der Grenze eines
unwahrnehmbaren Zeitpunkts vollzieht, würde verworren zusammenfließen,
noch ein übermäßig großes, denn die Wahrnehmung könnte nicht auf einmal
(1451a) zustande kommen, sondern das Eine und Ganze würde den
Betrachtenden aus dem Gesichtsfeld entschwinden wie z.B. wenn das
Geschöpf 10000 Stadien lang wäre. Wie daher bei körperlichen
Gegenständen und bei lebenden Wesen (um schön zu sein) Größe vorhanden,
diese aber leicht zu übersehen sein muß, so ist auch bei den Fabeln ein
bestimmter Umfang erforderlich, der seinerseits leicht im Gedächtnis
behalten (S. 16) werden kann.
[Sidenote: c. 7, 2. Die Fabel. Umfang und Einheit.]
3. Was nun aber diesen _Umfang_ selbst anbelangt, so ist dessen
Umgrenzung in Rücksicht auf die öffentliche Aufführung und das
Wahrnehmungsvermögen (der Zuschauer) nicht Sache der Dichtkunst. Denn
wenn man (d.i. die Schauspieler) hundert Tragödien aufzuführen hätte, so
würde man sie nach der Wasseruhr (Klepsydra) aufführen, wie wir bei
anderer Gelegenheit[12] uns auszudrücken pflegen. Die aus der Natur der
Sache selbst sich ergebende Umgrenzung ist aber diese: Stets wird die
ausgedehntere Fabel, insofern sie übersichtlich ist, auch im Hinblick
auf ihren Umfang die vorzüglichere sein. Um aber eine einfachere
Bestimmung zu treffen, so ist es eine genügende Umgrenzung des Umfangs,
wenn man (d.i. der Held) innerhalb der aufeinander folgenden Ereignisse
nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit einen Umschwung aus Unglück
in Glück oder aus Glück in Unglück durchmacht.
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