KAPITEL VI

1. Über die in Hexametern nachahmende Darstellung wie über die Komödie

werden wir später handeln, jetzt wollen wir über die Tragödie reden,

indem wir die _Definition_ ihres Wesens dem bereits Gesagten entnehmen.

2. Die _Tragödie_ ist demnach die nachahmende Darstellung einer sittlich

ernsten, in sich abgeschlossenen, umfangreichen Handlung, in kunstvoll

gewürzter Rede, deren einzelne Arten gesondert in (verschiedenen) Teilen

verwandt werden, von handelnden Personen aufgeführt, nicht erzählt,

durch die Erregung von Mitleid und Furcht die Reinigung (_Katharsis_)

von derartigen Gemütsstimmungen bewirkend. Unter "kunstvoll gewürzter

Rede" verstehe ich eine solche, die Rhythmus wie Harmonie, d.h. Gesang

enthält, und unter dem "gesondert in seinen (verschiedenen) Arten," daß

einiges (S. 11) rein metrisch, anderes dagegen musikalisch ausgeführt

wird....[8]

3. Da es nun handelnde Personen sind, die die nachahmende Darstellung

vollziehen, so ergibt sich erstens mit Notwendigkeit, daß der Schmuck,

der in der szenischen Ausstattung liegt, gewissermaßen ein Bestandteil

der Tragödie ist, ferner die Gesangskomposition und der sprachliche

Ausdruck, denn mit diesen Mitteln wird die nachahmende Darstellung

erreicht. Unter sprachlichem Ausdruck verstehe ich hier die bloße

Verbindung der Verse, unter Gesangskomposition aber das, was seinem

Wesen nach allen offenkundig ist.

4. Da wir es nun mit der nachahmenden Darstellung einer _Handlung_ zu

tun haben, diese aber durch gewisse handelnde Personen erfolgt, die in

Hinblick auf ihren Charakter und ihre Gedanken von einer bestimmten

Beschaffenheit sein müssen, denn eben daraufhin legen wir ja den

Handlungen eine gewisse Beschaffenheit (1450a) bei, so ergeben sich

naturgemäß zwei Ursachen für eine Handlung, eben der Charakter und die

Gedanken, denen gemäß alle ihr Ziel erreichen oder verfehlen.

5. Nun ist aber die nachahmende Darstellung einer Handlung die _Fabel_.

Unter Fabel verstehe ich nämlich die Verknüpfung der Begebenheiten,

unter _Charakter_ aber, wonach wir den handelnden Personen eine

bestimmte Beschaffenheit zuweisen, unter _Gedanken_ endlich das, womit

die Eedenden etwas beweisen oder einer allgemeinen Wahrheit Ausdruck

verleihen.

[Sidenote: c. 6, 6. Bestandteile der Tragödie.]

[Sidenote: c. 6, 6. Rangordnung der Bestandteile.]

6. Somit gibt es also _sechs Bestandteile_ einer jeden Tragödie, nach

welchen sie eine bestimmte Beschaffenheit hat. Es sind diese: die

_Fabel, die_ (S. 12) _Charaktere, der sprachliche Ausdruck, die

Gedanken, die szenische Ausstattung und die musikalische Komposition_.

Zwei[9] von diesen Teilen gehören zu den Mitteln, eine[10] zu der Art

und Weise und drei[11] zu den Gegenständen der nachahmenden Darstellung.

Weitere gibt es nicht. Von diesen Formen hat man auch in der Regel

Gebrauch gemacht, denn szenische Ausstattung hat ein jedes Drama, ebenso

wie Charakterzeichnung, eine Fabel, sprachlichen Ausdruck, Gesang und

Gedankeninhalt.

7. _Der bedeutsamste dieser Bestandteile ist aber die Verknüpfung der

Begebenheiten_, denn die Tragödie ist eine nachahmende Darstellung nicht

der Menschen, sondern ihrer Handlungen und des Lebens. Glück und Unglück

beruhen auf Handlung und ihr Endzweck ist eine Art Tätigkeit, nicht eine

Beschaffenheit. Dem Charakter nach sind wir so oder so beschaffen,

unseren Handlungen nach aber glücklich oder das Gegenteil. Daher handeln

die Nachahmenden nicht um die Charaktere nachahmend darzustellen,

sondern der Handlung zu Liebe werden die Charaktere in ihre Darstellung

mitaufgenommen. So sind die Handlungen, will sagen die Fabel, das

Endziel der Tragödie, das Endziel ist aber von allen Dingen die

Hauptsache.

8. Ferner, ohne Handlung könnte es keine Tragödie geben, ohne Charaktere

aber wäre dies wohl möglich, weisen doch die Tragödien der meisten

Neueren keine (individuelle) Charakterzeichnung auf und überhaupt gilt

dies von vielen Dichtern. Ähnlich verhält sich unter den Malern _Zeuxis_

zu _Polygnot_. Dieser ist ein vortrefflicher Charaktermaler, die

Malerei des (S. 13) _Zeuxis_ hingegen entbehrt der Charakterisierung.

[Sidenote: c. 6, 13. Rangordnung der Bestandteile.]

9. Wiederum, sollte jemand charakterzeichnende Tiraden wohlgelungen im

sprachlichen Ausdruck wie in den Gedanken hintereinander aufreihen, so

würde er damit noch keineswegs die von uns der Tragödie zugewiesene

Aufgabe erfüllen, um vieles eher würde dies eine Tragödie tun, die von

jenen Dingen einen mangelhafteren Gebrauch macht, dagegen aber eine

Fabel d.h. eine Verknüpfung der Begebenheiten aufweist.

10. Dazu kommt, daß gerade diejenigen Mittel, mit denen die Tragödie

ihren Hauptreiz ausübt, ich meine die Peripetien (Schicksalswendungen)

und Wiedererkennungen Bestandteile der Fabel sind.

11. Ein weiterer Beweis (für obige Behauptung) liegt darin, daß Anfänger

in der Dichtkunst eher im sprachlichen Ausdruck und in der Zeichnung der

Charaktere strengen Anforderungen der Kunst zu genügen imstande sind als

die Begebenheiten gehörig zu verknüpfen und dasselbe trifft auf fast

alle Dichter der ältesten Zeit zu. Grundlage und gleichsam die Seele der

Tragödie ist also die Fabel.

12. An zweiter Stelle kommen die _Charaktere_. Eine Parallele bietet uns

auch hier die Malerei. Wollte nämlich jemand eine Tafel mit den

herrlichsten Farben (1450b) aufs geratewohl bestreichen, so würde er

nicht ein gleiches Wohlgefallen hervorrufen, als wenn er nur eine

(monochrome) Zeichnung grau in grau geben würde. Wir haben es eben mit

der nachahmenden Darstellung einer Handlung zu tun und vermittelst

dieser vorzugsweise einer solchen von handelnden Personen.

[Sidenote: c. 6, 13. Die Fabel.]

13. Die _dritte Stelle_ nehmen die _Gedanken_ ein. Ich verstehe darunter

das Vermögen das von den Umständen Gebotene und Angemessene zu sagen,

genau dasselbe, was in der Beredsamkeit die Aufgabe politischer

Einsicht und rhetorischer Schulung ist. Die alten Dichter (S. 14)

ließen nämlich ihre Personen nach ethisch-politischen Gesichtspunkten

reden, bei den neueren aber treten sie als Redekünstler auf.

14. Die Charakterzeichnung ist derart, daß sie die Beschaffenheit der

Willensrichtung offenbart und deshalb haben diejenigen Tragödien keine

Charakterzeichnung in den Dialogpartien, in denen sich garnichts findet,

was der Redende begehrt oder meidet? Gedanken sind aber das, womit man

beweist, daß etwas ist oder nicht ist, oder was einen allgemeinen Satz

ausspricht.

15. Der _vierte_ der (literarischen) Bestandteile ist der _sprachliche

Ausdruck_. Ich verstehe darunter, wie bereits früher bemerkt wurde, die

Fähigkeit sich in Worten auszudrücken, was übrigens bei gebundener wie

ungebundener Rede im wesentlichen auf dasselbe hinausläuft.

16. Was die noch übrigbleibenden Bestandteile anbelangt so ist die

musikalische Komposition das wichtigste der Verschönerungsmittel, die

szenische Ausstattung dagegen ist zwar reizvoll, liegt aber der

Dichtkunst ganz fern und ist ihr am wenigsten angemessen. Die Wirkung

der Tragödie wird nämlich auch ohne öffentliche Aufführung und ohne

Schauspieler erreicht. Außerdem gehört die Herstellung der szenischen

Ausstattung mehr der Kunst des Theatermeisters an als der der Dichter.

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Über die Dichtkunst beim Aristoteles Neu übersetzt und mit Einleitung und einem erklärenden Namen- und Sachverzeichnis versehen von Alfred Gudemann 1921 · 第 40 / 65 题