KAPITEL IV

[Sidenote: c. 4, 1. Ursprung der Dichtung.]

1. Im allgemeinen scheinen es etwa _zwei und zwar in der menschlichen

Natur begründete Ursachen gewesen zu sein, die die Dichtkunst

hervorgebracht haben_. Denn das _Nachahmen_ ist dem Menschen von

Kindheit an eingepflanzt, unterscheidet er sich doch dadurch von allen

anderen lebenden Wesen, daß er das am eifrigsten der Nachahmung

beflissene Wesen ist, und daß er seine ersten Kenntnisse vermittelst

der Nachahmung sich erwirbt. Auch (S. 6) die Freude aller an

nachahmenden Darstellungen ist für ihn charakteristisch. Ein Beweis

dafür ist, was uns bei Kunstwerken tatsächlich begegnet. Denn von

denselben Gegenständen, die wir mit Unlust betrachten, sehen. wir

besonders sorgfältig angefertigte Abbildungen mit "Wohlgefallen an, wie

z.B. die Formen von ganz widerwärtigen Tieren und selbst von Leichnamen

Der Grund dafür ist, daß das Lernen nicht nur für Philosophen ein

Hochgenuß ist, sondern ebenso für alle anderen, wenn auch diese nur auf

kurze Zeit an dieser Freude teilnehmen.

2. Man betrachtet aber Bilder deshalb mit Vergnügen, weil bei ihrem

Anblick ein Lernen, d.h. ein Schluß sich ergibt, was ein jegliches Bild

vorstellt, nämlich daß dieser so und so sei. Hat man aber zufällig den

betreffenden Gegenstand nicht früher schon gesehen so ist es nicht die

nachahmende Darstellung als solche, die unsere Lustempfindung erregt,

sondern es geschieht dies wegen der technischen Ausführung oder wegen

des Kolorits oder aus irgend einem anderen ähnlichen Grunde.

3. Da uns nun der Nachahmungstrieb von Natur eigen ist und dasselbe gilt

von dem _Gefühl für Harmonie und Rhythmus_--denn daß das Metrum nur ein

Teil des Rhythmus ist, leuchtet ein--so haben die Menschen, da sie von

Haus aus dafür begabt waren und diese Eigenschaften allmählich besonders

vervollkommneten, aus _Stegreifversuchen_ die Dichtkunst ins Leben

gerufen.

[Sidenote: c. 4, 8. Geschichtliche Entwicklung.]

4. _Es spaltete sich aber die Dichtung nach der den Dichtern

eigentümlichen Sinnesart_, denn die edler veranlagten ahmten sittlich

gute Taten und Handlungen solcher Personen nach, die von niedriger

Gesinnung aber die Handlungen schlechter Menschen, indem sie zuerst

Spottlieder dichteten, wie (S. 7) die anderen Hymnen und Loblieder. Von

den vorhomerischen Dichtern können wir freilich kein derartiges

Spottgedicht namhaft machen, aber es ist wahrscheinlich daß es viele

Dichter dieser Art gegeben hat. Beginnend mit _Homer_ aber, haben wir

gleich seinen _Margites_ und ähnliches.

5. In diesen Gedichten stellte sich auch das _passende Versmaß_ ein,

deshalb wird es auch jetzt das jambische genannt, weil man in diesem

Versmaß sich gegenseitig zu verspotten pflegte (iámbizon). Von den alten

Dichtern wurden dementsprechend die einen Jambendichter, andere dagegen

Ependichter.

6. Wie nun auch in bezug auf das sittlich Gute _Homer_ ein wirklicher

Dichter war--hat er doch allein nicht nur vortrefflich gedichtet,

sondern auch dramatische Handlungen dargestellt--, so hat er auch als

Erster die Grundformen der Komödie angedeutet, indem er nicht ein

Spottlied verfaßte, sondern das Lächerliche dramatisierte. Ist doch der

_Margites_ dem Drama ganz analog, denn wie sich die _Ilias_ und (1449a)

_Odyssee_ zur Tragödie, so verhält sich jener zur Komödie.

7. Als nun aber die Tragödie und die Komödie aufgekommen waren, da

verfaßten die Dichter, je nachdem sie sich zu der einen oder der anderen

Dichtungsart hingezogen fühlten, ihrem eigentümlichen Naturell

entsprechend Komödien statt Spottgedichte und Tragödien an Stelle von

Epen, weil diese Dichtungsfonnen bedeutungsvoller und höher geschätzt

waren als jene (älteren).

8. Die Untersuchung, ob die Tragödie bereits hinreichend entwickelt ist

oder nicht, sowohl an sich betrachtet als auch in Hinsicht auf die

öffentliche Aufführung ist eine Frage für sich. Jedenfalls ist sie

selbst, wie auch die Komödie, ursprünglich _von Stegreifversuchen_ (S.

8) _ausgegangen_ und zwar jene von dem Chor, der den _Dithyrambus_

anstimmte, diese von den _phallischen Liedern_, die sich ja bis auf den

heutigen Tag noch in vielen Städten im Gebrauch erhalten haben.

9. So ist denn die Tragödie allmählich herangereift, indem man jede ans

Licht tretende Entwicklungsstufe vervollkommnete. Nachdem sie dann viele

Wandlungen durchgemacht hatte, blieb sie stehen, da sie die ihrem Wesen

entsprechende Gestalt erhalten hatte. Die Zahl der Schauspieler hat

_Aischylos_ von einem auf zwei gebracht, auch hat er den Anteil des

Chors verringert und dementsprechend dem Dialog die Hauptrolle

zugewiesen. Den dritten Schauspieler und gemalte Szenerie hat

_Sophokles_ eingeführt. (Eine weitere Entwicklungsstufe) war die aus

Fabeln geringen Umfangs entstandene Größe <....> _Der sprachliche

Ausdruck_, der aus einem burlesken Stil hervorging da er sich aus dem

Satyrspiel entwickelte, erlangte erst spät einen würdigen Charakter und

der (jambische) Trimeter trat an die Stelle des (trochäischen)

Tetrameters. Ursprünglich gebrauchte man nämlich, da die Dichtung

satyrhafter und tanzartiger war, den (trochäischen) Tetrameter. Als aber

der (tragische) Stil sich gebildet hatte, fand die Natur selbst das für

diesen _passende Metrum_, denn von allen Versmaßen eignet sich das

jambische am meisten für den Gesprächston. Beweis dafür ist, daß wir

sehr häufig in unserer Unterhaltung miteinander in jambischen

(Trimetern) reden, nur selten aber in Hexametern und auch dann nur, wenn

wir über den gewöhnlichen Gesprächston hinausgehen. Ferner ist auch die

Zahl der Akte (Episoden) zu erwähnen. Alles übrige aber, wie ein jedes

ausgerüstet worden sein soll, lasse man als gesagt gelten, denn es wäre

doch wohl (S. 9) recht mühsam, wollte man das Einzelne eingehend

besprechen.

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Über die Dichtkunst beim Aristoteles Neu übersetzt und mit Einleitung und einem erklärenden Namen- und Sachverzeichnis versehen von Alfred Gudemann 1921 · 第 38 / 65 题