Ich, Julia Custer, hatte eine Entscheidung zu fällen. Sollte ich kämpfen
oder fliehen. Würde mich der Wirt beschützen, wie er mich heute
Nachmittag beschützt hatte? Würde er fähig sein mich zu beschützen? Ja,
da war noch dieses Narbengesicht an der Bar, der schien auch einige Kämpfe
hinter sich zu haben, und man konnte seinem Gesicht ablesen, dass ihm
nicht gefiehl, was vor sich ging. Auch lachte er nicht mit den andern.
Aber viel hatte er auch nicht getan.
Oder sollte ich mit dieser blinden Frau fliehen. Ich musste schnell
entscheiden. Ich wollte diesem Billy Kane nicht in die Hände fallen.
"Kommen sie schon, hier sind sie nicht sicher." sagte die blinde
Indianerfrau.
"Warum sind sie überhaupt gekommen. Wie wussten sie, dass wir hier sind.
Hat sie etwa Billy Kane selber geschickt um uns in seine Hände zu locken?"
"Nein, nein, Missis. Ein sehr netter Mann hat mich geschickt. Er hat
gesehen wie Billy Kane mit mehreren Burschen zurückgekehrt ist und wie er
das Haus umzingelt hat. Da wurde er sehr besorgt und hat mich gefragt ob
ich einen Ausweg wusste. Dann hat er mir zehn Silverdollar bezahlt um
euch rauszuholen, denn er ging in den Saloon um dem Wirt zu helfen."
"Wie sah er aus, dieser nette Mann?"
"Das weiss ich nicht, Missis, ich bin doch blind."
"Oh, Entschuldigung. Also gehen wir. Jack, Sara, Lisa, seid ihr bereit?
Vergisst nichts!"
"Ich kann mein Halstuch nicht finden!"
"Ist nicht so wichtig, Lisa. Komm schon!"
"Aber Dad gab es mir. Es ist ein Andenken an ihn."
"Komm Lisa--beeil dich!"
Wir gingen langsam durch den Gang und kamen zum Abort. Es hing ein Geruch
in der Luft, wie in einem alten Stall. Die Frau führte uns durch die Tür
hinaus in die frische Luft. Wir schlichen uns hinaus in die Wiese und
bogen dann ab zurück zur Stadt. Zwei Häuser weiter unten kamen wir wieder
auf die Hauptstrasse, die auch am Saloon vorbeiführte.
"Auf Wiedersehn--alles Gute. Weiter kann ich nicht." sagte die
Indianerfrau.
"Vielen Dank--ihnen auch alles Gute--auf Wiedersehn."
Hoffentlich hatte uns niemand gesehen. Jetzt waren wir ganz auf uns
selber angewiesen. Sollten wir die Pferde holen? Nein, besser morgen.
Wir konnten irgendwo draussen übernachten und sie am frühen Morgen holen.
Bezahlt hatten wir unsere Zimmer schon und auch das heisse Bad das wir
alle genossen hatten.
Dann erschallten plötzlich Pferdehufe hinter mir.
"Wohin denn, Missis, so allein? Stuart McGee, mein Name."
Ich erschrak ganz schön. Jemand war uns also gefolgt. Wo kam dieser Mann
überhaupt her. Hatte er auf uns gewartet. Er schien kein Halunke zu sein.
War er ein guter Mann? War er vielleicht derjenige, der die
Indianerfrau bezahlt hatte? Wie dem auch sei, ich wäre lieber allein
geblieben.
"Julia Carter." Ich verriet meinen wirklichen Namen niemand. "Freut
mich", log ich. "Wer sind Sie?".
"Durchreisender, Missis! Nach Denver, Colorado. Ich hab gehört, was im
Saloon geschah. Hat mir gar nicht gefallen. Aber wissen sie, eine
ehrenhafte Frau, wie sie, hat in diesen Gegenden auch nichts zu suchen.
Wenigsten nicht ohne Schutz. Möchten sie nicht, dass ich sie begleite?
Gehen sie überhaupt in meine Richtung?"
"Und warum soll ich IHNEN trauen, Mister McGee. Könnten Sie nicht einer
der Billy Kane Leute sein."
"Bin ich aber nicht. Ich will Sie ja auch zu nichts zwingen. War nur ein
Vorschlag."
"Gut. Danke, Mister. Wir brauchen ihre Hilfe nicht. Wir möchten allein
gelassen werden, wenn es ihnen nichts ausmacht." Obwohl das nicht ganz
wahr war, dass wir seine Hilfe nicht hätten gebrauchen können, wollte ich
ihn testen. Wenn er jetzt aufdringlich würde, wusste ich, dass er kein
Gentleman war.
"Auch gut, Missis. Falls sich unsere Wege wieder kreuzen sollten, und Sie
ihre Meinung geändert haben, sagen Sie's. Übrigens nennen sie mich Stuart!
Also, gute Reise." Damit ritt er davon, schaute sich aber ein oder
zweimal nach uns um.
"Er scheint ein netter Mann zu sein", sagte Lisa und auch Jack fügte hinzu:
"Mom, er könnte uns den Weg zeigen." Aber Sara wandte ein: "Nur weil er
nett aussieht, kann man ihm noch lange nicht trauen. Vielleicht will er
sogar bezahlt werden."
Als er fast in der Dunkelheit verschwunden war, rief ich : "Stuart!
--Stuart!"
"Ja, Madam. Ist was nicht in Ordnung. Kann ich etwas für Sie tun."
"Wollte nur wissen ob Sie es waren, der die Indianerfrau geschickt hatte."
"Welche Indianerfrau? Oh jetzt versteh ich, jaah. Die also hat euch
rausgeholt. Nein, ich hatte nichts damit zu tun. Ich hatte euch erst
gesehen, als ihr schon auf der Strasse wart. Nein--aber ich sah sie mit
jenem Narbengesicht reden. Vielleicht habt ihr den auch gesehen im Saloon."
"Also der wars. Dachte, er wäre ein anständiger Mensch. Wo waren Sie
denn--Entschuldigung--wo warst du denn im Saloon."
"Oh ich bin erst vor einer Stunde in die Stadt gekommen. Mir wurde alles
nur erzählt".
"Willst du uns immer noch begleiten, Stuart? Wir können dich zwar dafür
nicht bezahlen, abes es wäre gut wenn uns jemand den Weg zeigte."
"Oh ich würde auch nichts nehmen, Madam. Wie können Sie nur so etwas
denken. Aber ich begleite sie gern. Gibt mir auch ein Bisschen
Gesellschaft."
"Sind Sie denn Alleinstehend?" Ich hoffte, er würde sagen, dass er Frau
und Kinder hat, das hätte die Situation einfacher gemacht.
"Ich bin Witwer, Madam. Meine vier Kinder sind aufgewachsen. Ich bin
zosusagen ganz mutterseelenallein. Aber zum Praktischen : Habt ihr Pferde."
"Sie sind noch im Saloon. Werde sie morgen holen."
"Ja, die Dinge werden sich hoffentlich beruhigt haben bis dann. Ich lade
Sie ein, im Saloon am andern Ende der Stadt zu übernachten--auf meine
Rechnung."
"Danke, ich will keinen Saloon mehr sehen, so lange ich lebe. Können wir
nicht draussen schlafen."
"Können wir schon. Ich kenn da eine Stelle. Bin schon vorher hier durch
geritten."
Es war ein ebener, sandiger Platz zwischen Felsen. Auf dem Weg dorthin
hatten wir uns alle kennengelernt. Auch die Kinder schienen Stuart zu
mögen. Er wollte von allen Stuart genannt werden. Mir ging alles ein
Bisschen zu schnell. Es war schon, als ob er zur Familie gehörte. Es
schien fremdartig in einem Tag von Billy Kane und dann diesem Gentleman
umworben zu werden. Aber ich war froh, einen Mann nahe zu haben. Ich
fühlte mich wohler und beschützt.
"Nehmen wir die Frauen in die Mitte, Jack. Ich bin müde. Hoffentlich
habt ihr nichts dagegen, wenn ich gleich einschlafe."
Wir legten uns gleich nieder und starrten für eine Weile in den
Sternenhimmel. Stuart lag am Aussenende, ich nebem ihm, dann Lisa, dann
Sara und am andern Ende, Jack. Stuart schnarchte schon.
Ich wachte einmal auf und fand dass ich meinen Kopf auf Stuarts Brust
gelegt hatte. Ich zog mich schnell zurück. Es zeigte, wie sehr ich einen
Mann vermisst hatte. Es war zu tröstend, an einer starken Männerbrust zu
verweilen, bei einem Mann, der nicht nur eins von Frauen wollte.
Ich erwachte bei Tagesanbruch. Stuart war schon auf. Er hatte unsere
Pferde geholt. Er war ein guter Mann. Wir ritten los--gegen Norden.
In Taos wäre ich lieber gegen die Berge geritten, doch das würde einen
Umweg für Stuart bedeuten. Ich wollte nicht ohne ihn gehen, denn wir
hatten uns alle an ihn gewöhnt, sogar sein Schnarchen. So ritten wir
gegen den Raton Pass.
* * *
Es war kurz vor dem Raton Pass dass wir eine schöne Campstelle fanden, und
obwohl es erst Mittag war, machten wir Rast.
Jack versuchte Gold zu finden, ein Traum seit seiner Kindheit. Ein
kleiner Fluss schlängelte sich bei unserem Camp vorbei. Er arbeitete
hart um wenigstens Staub zu finden. Stuart zeigte ihm, wie man die Pfanne
gebraucht.
"Nur Geduld, Junge. Immer ein bisschen Wasser, dann wieder schwenken um
den Dreck wegzuwaschen. Gold ist schwerer, es sinkt an den Boden. Nur
nicht das Gold auswaschen, sondern den Sand und die Steine obendrauf. Die
grössten Steine kannst du von Hand oben ablesen, dabei aber immer gut
achten, dass du kein Nugget fortwirfst. Ist schon passiert. Der ganze
Dreck muss schön nass bleiben. Nicht zu stark schwenken! So ist's gut."
"Stuart, Stuart, ich seh was blinken. Schau, ist das Gold. Hier, diese
kleinen Körner in diesem schwarzen Dreck." Er zeigte auf den kleinen
Überrest, der sich nach all dem Auswaschen in der Pfanne befand.
"Ja, Junge das ist's. Echtes Gold. Hier ich hab eine kleine Flasche für
dich, da kannst du es reinstecken. Den schwarzen Dreck auch, denn der
enthält viel Goldstaub, das man mit der Hilfe von Quecksilber ausscheiden
kann."
Jack war überglücklich. Er arbeitete den ganzen Nachmittag. Stuart und
Sara und Lisa spielten Karten. Stuart lehrte sie, wie man Poker spielt.
Dabei hatte er seine Mühe, denn die Mädchen waren weniger am Pokerspiel
interessiert als an der Aufmerksamkeit, die Stuart ihnen schenkte. Wie er
es so lange mit ihnen aushielt, weiss ich nicht. Er schien sich
grossartig zu amusieren. Auch die Mädchen hatte ich seit langen nicht in
so guter Laune gesehen. Letzten Endes waren es dann aber doch die
Mädchen, die genug davon bekamen.
Hie und da gingen Reiter vorbei. Der Campplatz war etwa eine viertel
Meile vom Pfad abgelegen. Dann sah ich vier Reiter kommen. Sie gingen
nicht vorbei, sondern kamen auf unsern Platz zu.
Ah das konnte nicht sein--nein--das war doch nicht. Doch ja, zu meinem
Schreck stellte ich fest, es war Billy Kane mit drei anderen.
"Es ist Billy Kane", flüsterte ich Stuart zu. Ich hoffte, er würde alle
vier augenblicklich niederschiessen. Das konnte man doch von einem Mann
wie Stuart erwarten, nicht? Er wollte uns ja beschützen. Doch dann
dachte ich, nein, das ist doch ein Bisschen viel verlangt von einem
einzigen Mann, sogar wenn ihm Jack geholfen hätte. Doch der war noch am
Fluss. Sowieso, Stuart konnte doch nicht einfach auf diese Männer
losschiessen, sie hatten ja niemand umgebracht, nur eine Dame belästigt.
Als Billy mich sah, schien er ebenfalls zu erschrecken. Das war sonderbar,
er war doch kein Mann der leicht erschrak, und besonders nicht vor mir.
"Aah, schönes Tägchen. Treffen wir uns wieder. Die wunderhübschen
Dämchen und so ganz alleine."
So ganz alleine sind wir nicht, dachte ich, hat denn dieser Idiot keine
Augen im Kopf. Ich sagte nichts. Oh hätte ich ihn doch selbst
erschiessen können.
"Habt wohl nichts dagegen, wenn wir uns hier mit euch niederlassen. Diese
schöne Campstelle hat ja genug Platz für uns alle, nicht?"--"Hab noch
nicht die Ehre gehabt, Mister?" fügte er dann mit ärgerlicher Stimme
hinzu.
"Stuart, Stuart O'Connor." antwortete Stuart mit seinem natürlich guten
Gemüt. Man musste diesen Halunken so wenig Information geben wie möglich.
Vielleicht war das der Grund gewesen, warum Stuart nur beim Vornamen
genannt werden wollte. Villeicht war Stuart McGee auch nicht sein
wirklicher Name.
"Um euch so wenig als möglich zu stören, gehen wir dort auf die andere
Seite dieser Bäumlein. Also bis später."
Ich hoffte nicht. Von mir aus hätte er sich die andere Seite der Welt
verziehen können. Sie campierten etwa hundert Yard weg von uns, suchten
Holz, zündeten ein Feuer an und fingen an zu kochen. Mir war es
unbehaglich. Wir kochten unseren Reis und unsere Bohnen und assen, doch
ohne Appetit. Die Stimmung war betrübt. Aber es gab keine Störung von
Seiten Billy's. Alles war still. Ich dachte, dass es wegen Stuart war.
Alles was ich sah, war ein ziemlich grosses Feuer dort drüben. Sie
schienen viel Holz gesammelt zu haben. Sassen ums Feuer und lachten. Sie
waren nicht mal besonders laut.
Ich war etwas beruhigt. Vielleicht hatte Billy etwas gelernt vom letzten
Mal. Ich wusste zwar nicht was sich im Saloon später abgespielt hatte.
"Stuart...", fragte ich, "...was passierte damals im Saloon als wir
flüchteten. Du weisst, als du uns das erste Mal trafst."
"Ich weiss nicht, ich kam gerade angeritten, schaute mich ein Bisschen um
beim Saloon--da sah ich euch. Ich wollte zum andern Saloon. Ist viel
billiger. Ich erfuhr was geschehen war, schon als ich in die Stadt kam.
Ich wurde gewarnt, dass es im "Whiskey Barrel" wahrscheinlich Kummer geben
würde."
"Ich geh zu Bett." Ich rollte mich in meine Decke und versuchte zu
schlafen. Aber ich fand keinen Schlaf.
"Mama, sollten wir nicht von hier weg?" fragte Sara besorgt.
"Liebes, wohin sollen wir? Falls Billy etwas von uns will, kann er uns
sowieso nachschleichen. Er hat uns ja jetzt schon aufgespürt. Aber
beruhige dich, Stuart ist ja hier."
"Zählst du mich überhaupt nicht?" sagte Jack mit betrübter Stimme.
"Jack, was hast du vor. Du weisst wie schnell diese Burschen sind. Ohne
Übung im Schiessen hast du da keine Chance. Oh ich wünschte, dass ich
dich hätte Stunden nehmen lassen. Aber zu meiner Entschuldigung muss ich
sagen, dass es niemand im Dorf gab, der dich hätte lehren können. Nicht
einmal die Kings konnten schiessen, ausgenommen aus dem Hinterhalt."
sagte ich bitter.
"Ich nehm meinen Colt zu Bett", sagte Jack. "Gib mir auch einen!" fügte
Lisa hinzu.
"Hört auf! Ihr schiesst euch sonst noch in den Fuss. Jack du gibst Lisa
keinen Revolver! Und falls du mit einem schlafen willst, sichere ihn! Du
weisst wie schnell etwas passiert mit Feuerwaffen. Hast du gehört Jack?"
"Ja, Mam, ich hab ihn schon gesichert." erwiderte Jack.
"Dann hau ich ihn von Hand um", kam es da prompt von Lisa. "Ich bin
stark. Wollt ihr meine Muskeln sehen?" Dabei rollte sie den Ärmel zurück
und zeigte ihren Bizeps, schmunzelnd. Es war lächerlich. Ihr kleiner,
dünner Muskel hätte wohl einer Maus Ehre gemacht, aber gegen Billy Kane
war das wie ein Tropfen auf einen heissen Stein. Alle lachten.
"Oh Jack, ich wünschte dass Josh dich hätte lehren können. Er war ein
guter Schütze, aber nicht besonders schnell. Er war auch nicht der Killer
Typ. Er war zu lieb und sanft." Bei diesen Worten ging ein warmes Gefühl
durch meine Brust. Ich hatte Josh geliebt. Oh ich hatte Josh geliebt und
wie ich ihn vermisste. Er war so sanft, so gütig, so geduldig. Er war
sanft wie ein Lamm.
"Kannst du schiessen, Stuart?" Er trug zwar zwei Colts, aber ich hatte
ihn noch nie schiessen gesehen.
"Na sicher, Madam. Ist auch ganz einfach. Man nimmt den Colt, entsichert
ihn, drückt den Abzug und weg die Kugel geht. Es gibt nichts Einfachers
in der Welt."
"Ich meine kannst du treffen, ziehen?" lächelte ich.
"Bin kein Held--zugegeben. So unterer Durchschnitt. Aber jetzt hau ich
mich in die Decken, bin müde. Gute Nacht."
Erst als alle anderen sich auch niederlegten, fand ich innere Ruhe, und
schlief dann auch bald ein.
Dann mitten in der Nacht--ein Schrei. Männer kämpften. Aber es war schon
zu spät. Zwei der Halunken hatten Stuart im Schlaf gefesselt, und zwei
hatten Jack gefesselt. Jetzt waren sie gerade dabei ihren Mund mit je
einem Halstuch zu stopfen. Dann liessen sie die hilflosen Männer auf den
Boden fallen.
"Ich sage, wir sollten sie erschiessen", sagte einer.
"Können wir später noch. Billy will nicht die ganze Nachbarschaft
alarmieren.", sagte Billy.
Na, Stuart war ja eine schöne Hilfe gewesen, dachte ich. Sein lautes
Schnarcheln hatte wohl verhindert, dass wir die Burschen hatten hören
kommen. Was jetzt. Ich zitterte vor Angst. Billy hatte seinen Colt auf
mich gerichtet.
"Na kommt schon, ihr feinen Dämchen. Wollt uns doch nicht unter unseren
Deckelein allein lassen. Ist doch schön einander ein Bisschen zu wärmen.
Ihr habt ja nichts zu fürchten. Ist eine Freude, solch näheren Kontakt zu
pflegen. Ihr braucht auch nichts mitzunehmen. Ihr habt ja alles was ihr
braucht." Dabei kicherten sie alle. Dann wurde er ungeduldig und schlug
mich mit dem Colt über das Schulterblatt. "Ein Bisschen schneller, heh.
Beweg dich schon!"
Wir eilten gegen ihr Camp. Sie gleich hinter uns. Sara stolperte und
fiel.
"Na auf junges Mädchen, beweg deine schlanken Beinchen. Na los schon."
dabei gab er ihr einen harten Klaps auf den Hintern, so dass sie aufschrie.
Dann legte er einen Arm um ihre Hüfte. Sie versuchte sich loszureissen.
"Na so ein feuriges Füllen. Das ist mir ja gerade recht. Komm schon,
wir sind ja gleich da."
Wir standen in ihrem Camp und schlotterten vor Furcht. Sie zündeten ein
neues Campfeuer an, das bald hell loderte. Sie wollten uns also auch mit
den Augen geniessen.
Ich stellte meinen Kopf ab. Ich durfte mir nicht vorstellen, was kommen
würde. Ich würde wahnsinnig werden. Es durfte nicht sein. Ich konnte
es überleben, aber Sara und Lisa. Sie würden für ihr Leben verwundet sein.
Sie würden nie mehr fähig sein einen Mann normal zu lieben. In meiner
Verzweiflung sagte ich leise vor mich hin: "Josh, helf uns. Josh, helf
uns." Dann sah ich ein, wie töricht das war. Nein ich sollte besser
beten. Und ich betete wie noch nie. Ich war froh, dass ich auch in guten
Zeiten betete. Sonst wär es mir jetzt vorgekommen als ob ich Gott nur
wollte, wenn ich dringend Hilfe brauchte.
War da nichts das wir selber tun konnten. Ich wünschte fast, dass Lisa
mit dem Colt geschlafen hätte. Doch was hätte das schon genützt. Wer
allein konnte sich dieser Burschen erwehren. Es gab keine Hoffnung. Ich
musste mich auf das Schlimmste gefasst machen.
"Na zieht euch mal aus--seid nur nicht scheu. Oder soll ich euch Beine
machen." Dabei drohte Billy mit seinem scharfen Bowiemesser.
Lisa zog ihre Jacke aus fing an zu weinen. "Mam, was sollen wir tun?"
fragte sie leise.
Da--ein Schuss--Billy fiel nieder--getroffen. Noch drei Schüsse. Einer
nach dem andern fielen sie nieder und stöhnten. Dann noch vier Schüsse.
Die Gnadenschüsse. In den Kopf. Das Blut spritzte nur so. Alle waren
sie tot.
So schnell hatte ich nicht Hilfe erwartet. Was war denn los. Die Schüsse
waren aus dem Dunkeln gekommen, aus den Bäumen, schien es. Aber jetzt
war es totenstill. Wir standen nur da und starrten einander an.
Ungläubig. War das nur ein Traum gewesen. Doch nein. War Stuart seinen
Fesseln entkommen?
Ich dankte Gott und fasste mich. "Kommt!" Wir eilten zurück zu unserm
Camp, stolperten über jeden Busch, so voller Angst waren wir noch. Als ob
wir vor einem Gespenst wegrannten. Da lagen beide noch. Wir lösten die
Fesseln.
"Was ist geschehen" fragte Stuart. "Habt ihr sie..." fragte Jack und
machte ein Zeichen mit seinem Finger über die Kehle.
"Wir nicht--jemand hat sie aus dem Dunkeln erschossen. Weiss nicht wer.
Hast du eine Ahnung, Stuart?"
"Keinen blassen Dunst, Julia. Du scheinst ja noch andere Beschützer zu
haben. Und gut ist das. Ich hab ja schön versagt. Tud mir leid, Julia."
"Schon gut, Stuart." Wer könnte dieser gute Geist gewesen sein. War es
ein guter Geist, oder nur jemand anders der hinter mir her war? Aber dann
hätte er ja Stuart auch erschiessen können. Sicher hatte er über Stuart
gewusst. Er musste ja schon früher näher geschlichen sein.
Könnte es Josh gewesen sein? Aber der war wahrscheinlich schon in Kanada.
Zudem könnte es nicht Josch sein, sonst würde er sich doch zu erkennen
geben. War es der Narbenkopf, der auch die Indianerfrau geschickt hatte?
Oh wie gerne hätte ich gewusst.
Trotz diesen Zweifeln fühlte ich mich, wie wenn da jemand wäre, der für
mich Ausschau hielt, der für mich sorgte. Mein ganzes Wesen fühlte sich
erleichtert. Ich hätte lachen können. Es war so ein gutes Gefühl. Es
war ein wunderbares Gefühl.
Wir begruben sie am nächsten Tag. Stuart wollte die wertvollen Sachen mit
sich nehmen und in Denver verkaufen. So nahmen wir alle Pferde, Sättel
und Revolver mit. Ein Pferd fehlte aber und wir konnten es nicht finden.
Geld hatten sie nicht viel. Vielleicht hatten sie auch unser Geld gewollt,
nicht nur unsere Körper.
Wir ritten weiter. Ich war voller Hoffnung und wusste nicht warum.
* * *
Wir ritten in Richtung Denver, wo Stuart uns verlassen würde. Ich würde
ihn vermissen. Darum freute ich mich nicht auf Denver, und versuchte
unsere Reise so lang als möglich auszuzögern. Stuart war ein guter Freund
und er war männliche Gesellschaft.
Ich mochte Stuart, aber Stuart war kein Held. Nicht das, was ich mir als
Mann wünschen würde. Er sah sehr gut aus, war gross und stark. Aber
sicher und beschützt fühlte ich mich in seiner Nähe nicht. Ich wunderte
mich, wie ich Josh jetzt einschätzen würde, nach allem was passiert war.
Wäre er mir jetzt zu sanft. Hätte ich jetzt lieber einen Mann wie den
Wirt im Saloon, der aggressiver war und der für mich aufstand. Doch nein,
ich liebte Josh, sein gutes Herz, seine zurückhaltende Höflichkeit. Aber
gut wäre es, wenn Josh mich auch in allen Situationen beschützen könnte.
Wenn er genau so hart sein könnte, wie er sanft sein konnte. Vielleicht
war Josh ein Bisschen verhätschelt worden als Kind. Nicht verwöhnt, das
nicht. Doch sein Vater wie seine Mutter waren starke Persönlichkeiten
gewesen und hatten gut für Josh gesorgt. Zu gut.
In dieser Richtung wollte ich Josh wachsen sehen, dass er sein sanftes
Herz bewahrte, aber unter einer rauhen Schale, die hart war wie Stein und
an die man sich klammern konnte wie an einen Fels in der tobenden See.
Ob Josh wohl auch ein Verlangen hätte, mich wachsen zu sehen--und in
welcher Richtung. Ich war immer sehr eigensinnig gewesen. Wusste genau
was ich wollte, und liess mir von niemand etwas sagen. Traute auch
niemandem, ausser mir selbst. Letzthin hatte ich gelernt, wie
zerbrechlich ich wirklich war und wie sehr ich andere Leute brauchte.
Vielleicht müsste ich lernen, anderen mehr zu vertrauen. Vielleicht
wollte Josh das ich lernte, ihm mehr zu vertrauen.
Aber was nützte all dieses Nachdenken, ich wusste ja nicht einmal ob Josh
noch am Leben war. Bei diesem Gedanken wurde es mir kalt ums Herz. Er
musste. Er musste einfach noch am Leben sein. Ich brauchte ihn noch.
Ich wollte ihn noch einmal sehen, ihm alles erzählen, was geschehen war.
Wir waren an einen reissenden Fluss gekommen. Gespiesen von den Bergen,
schäumten die gewaltigen Wasser an den riesigen Steinen vorbei.
"Machen wir doch einmal halt für einen Tag. Ich sollte unsere Kleider
waschen. Da im Fluss wäre es geeignet. Oh da--da--an dieser kleinen
Bucht."
Stuart nickte schweigend. Jack's Gesicht hellte auf: "Oh dann können
Stuart und ich jagen gehen. Immer Reis und Bohnen ist mir schon längstens
verleidet. Vielleicht erwischen wir ein Präriehuhn oder eine Ente oder
gar eine Antilope."
"Könnten ja auch fischen gehen da im Fluss." sagte Stuart schnell. Er
war mehr für leichtere Arbeiten. Fischen brauchte sehr viel weniger
körperlichen Aufwand als die Jagd.
"Oh Stuart, komm jagen. Fischen können wir morgen. Hab sowieso nur ein
paar Haken."
"Ich hab genug Haken. Trotzdem, wenn du jagen willst, gehen wir halt.
Nur hetzte mich nicht. Immer schön langsam."
Es war mir recht, dass die Männer sich verzogen, denn wir Mädchen
brauchten dringend ein Bad. Je mehr wir badeten, desto sparsamer konnten
wir mit unserem Perfum umgehen. Wir hätten zwar keine grossen Hemmungen
gehabt, so oder so zu baden, aber ich wollte Stuart keine Ideen geben,
denn ich war nicht bereit Josh untreu zu werden, obwohl ich nicht wusste
ob er lebte oder tot war. Jack und Stuart konnten jederzeit ein Bad
nehmen.
"Also wir sind auf der Pirsch! Wir werden ein paar Stunden vor
Sonnenuntergang zurück sein. Viel Spass beim Waschen." rief Stuart.
"Oh ihr Männer, warum zieht ihr nicht aus, was ihr nicht unbedingt braucht.
Dann kann ich das gerade auch noch erledigen. Eine Schnur brauch ich
auch zum Aufhängen!"
Jack spannte eine Schnur von Ast zu Ast mit Sara's Hilfe, zog sein Hemd
und Unterhemd aus und stapfte weg. Stuart nahm einen ganzen Bündel
schmutziger Wäsche aus seiner Satteltasche.
"Hast du das aufbewahrt?", fragte ich lachend.
"Waschen ist nicht so meine Lieblingsbeschäftigung", knurrte er und
stapfte hinter Jack her. Sie gingen zu Fuss.
Sara und Lisa hobbelten die Pferde, die sich auf das grüne Grass hier am
Fluss freuten.
"Sollen wir zuerst Waschen oder Baden?" fragte ich.
"Baden, Mammi, du bist wohl verrückt", sagte Lisa. "Ist doch viel zu kalt."
"Du willst doch nicht noch mehr stinken, du Ferkel", sagte Sara.
"Stink ich?", fragte Lisa und hielt dabei die Nase unter ihre Achselhöhle.
Sara hielt die Nase zu und sagte: "Hilft nichts, auch so riech ich dich
noch und es ist kein Veilchenduft. Mir wirds schlecht."
"Das sind nur meine Kleider, ich zieh sie gleich alle aus und ziehe
frische an. Ich geh mal zum Packpferd."
"Bring mir auch frische Kleider. Baden wirst du aber, du kleines
Schweinchen!" sagte ich.
"Also baden wir zuerst, dann können wir frische Kleider anziehen und die
alten waschen. Ist ja logisch, nicht?" sagte Sara mit ihrer zarten
Stimme.
Das Wasser war frisch aber nicht zu kalt. Es war sowieso ein sehr heisser
Tag und das Bad tat gut. Was für ein Genuss das war in dieser herrlichen
Bergwelt ein Bad zu nehmen. Umweht vom würzigen Duft der wilden Blumen,
umgeben von all den kleinen Lichtern, wiedergespiegelt von den im Wind
spielenden Blättern der Silbererlen. Dann die rauschende Macht des
glasklaren Wassers, und die heilende Wirkung der Sonne und der würzigen
trockenen Luft. Wir konnten kaum Genug bekommen.
In der kleinen Bucht war das Wasser nicht so tief und es gab kaum Platz
für alle drei. Sara, die Mutigste, wagte sich ins tiefere Wasser.
"Vorsichtig Sara", sagte ich "Komm zurück!" Ich wusste, die Kinder
konnten nicht schwimmen. Sie hatten nie die Gelegenheit gehabt auf der
Ranch, den da gabs nur genug Wasser, um die Rinder zu tränken.
"Sara, ich hab mal von einer Schulklasse gelesen, die in einem Sturm den
Fluss hinuntergeschwemmt wurden und alle...." sagte Lisa und hielt
plötzlich mit offenem Mund inne. "Mam, Mama", schrie sie und zeigte mit
dem Finger auf den Platz wo Sara gleich noch gewesen war.
Ich sprang auf den nächsten grossen Steinbrocken und sah Saras Arme
schwenken. Sie kämpfte, um an der Oberfläche zu bleiben. Der Fluss war
gnadenlos. Er riss Sara mit sich in atemberaubendem Tempo.
"Lisa hol mir das Pferd! Schnell!" Sie rannte und ich zog Hose und Bluse
an. Da war sie schon mit dem Pferd. "Bleib hier!"
Ich ritt los wie wütend. Ich versuchte an den Fluss heranzukommen, doch
da waren zuviele Bäume und Gestrüppe. Ich ging aussen herum. Ich konnte
Sara nicht sehen. Ich musste einen Vorsprung erreichen. Ich galoppierte.
Ich würde hier aussen reiten, weg von den Bäumen. Später konnte ich
dann wieder zum Flussufer einbiegen.
Ich durfte nicht ungeduldig werden. Ich musste weit genug reiten, um
sicher zu sein, dass ich Sara eingeholt hatte. Erst dann konnte ich zum
Flussufer. Mir war Angst und Bange. Hätte ich Zeit gehabt, darüber
nachzudenken, wäre es mir wohl schlecht geworden.
Jetzt. Ich würde es versuchen. Ich bog zum Flussufer ein, sprang ab und
rannte durch die Bäume. Ich strauchelte, sprang wieder auf. Da--ich war
am Ufer. Da war sie auch schon. Schon weit an mir vorbei. "Sara--Sara?!"
Sie kämpfte immer noch. Sie war noch am Leben. "Gib nicht auf!" Sie
verschwand von meiner Sicht. Ich war nicht weit genug geritten.
Ich rannte zum Pferd zurück. Ich musste es noch einmal versuchen. Ich
nahm einen Satz aufs Pferd. Reiten konnte ich wie niemand sonst. Ich
galoppierte los. Ich musste sie einholen...
Jetzt hatte ich lange genug galoppiert. Ich bog nochmals zum Fluss ab,
rannte zum Ufer. Ich war bereit hineinzuspringen, sobald sie kam. Doch
sie kam nicht. War sie schon vorbei? Oder schlimmer, war sie ertrunken?
Ich wartete. Ich durfte nicht zu lange warten oder ich würde sie nie mehr
einholen, falls sie schon vorbei war. Aber ich wusste ja nicht. Was
sollte ich tun. Ich shrie: "Sara, Sara, Sara!"
Ich hatte lange genug gewartet. Sie müsste jetzt hier sein. Also war sie
schon vorbei. Ich musste sie verpasst haben. Ich musste es noch einmal
versuchen. Wie weit mochte sie schon sein.
Ich sprang nochmals aufs Pferd und ritt und ritt. Ich trieb mein Pferd
gnadenlos an. Es ging mir durch den Kopf, dass ich mein Pferd besser
behandeln sollte. Es war auch gefährlich so schnell zu reiten, denn es
gab viele Steine und viele Löcher. Mein Pferd strauchelte ein oder zwei
Mal. Fing sich aber auf. Es ging mir nicht schnell genug. Ich war
durchdrungen von Panik und Selbstvorwürfen.
Jetzt--nochmals zum Ufer. Ich sprang ab und rannte durch die Bäume, dann
die Büsche, die hier dichter waren. Ich kam nur schwer ans Ufer. Hier
gab es eine lehmige Böschung, überwachsen und ungeeignet um an das Wasser
heranzukommen. Ich musste weiter nach unter, dem Fluss entlang. Da, da
gab es einen grossen Stein auf den ich von der Böschung springen konnte.
Ich sprang und schürfte mein Bein an der scharfen Steinkante. Doch ich
beachtete es nicht. Nur zum Fluss wollte ich. Da, ich glitt auf dem
besprühten Stein. Fast wäre ich in den Fluss gerutscht. Ich klingte an
den Stein mit meinen Fingernägeln. Ich schaute den Fluss hinauf, den
Fluss hinunter. Nichts. Zurück, ich muss ein Bisschen zurück, auf den
trockenen Teil des Steinbrockens. Jetzt konnte ich Atmen holen. Ich war
auf allen Vieren und keuchte.
Ich sah nichts, ich wartete und wartete. Sie kam nicht. Ich schrie "Sara,
Sara, Sara!" aus lauter Verzweiflung. Das Getöse des Flusses übertönte
meine Stimme. Ich sprang auf die Böschung zurück setzte mich und heulte.
Ich war fertig. Ich fühlte mich so machtlos, so klein, so ungenügend. Oh
hätte ich sie doch nicht ins Tiefe gehen lassen. Oh hätten wir doch nicht
bei diesem reissenden Fluss gehalten. Stuart hätte besser wissen sollen.
Oh hätte ich doch... oh hätte ich doch... Kaum war sie von Billy Kane
beschützt worden, musste dies geschehen. Es war alles so sinnlos. Warum
hatte sie niemand vor diesem Unglück beschützen können. Ich konnte nur
weinen.