Ja so war alles gekommen, dachte ich, und war am "Whiskey Barrel" Saloon
angelangt. Und wie würde es weitergehen. War meine Familie in Sicherheit,
oder war einer der draussen wartenden Halunken ihnen nachgeschlichen.
Man konnte nie wissen.
Doch jetzt war ich von all den Geschehnissen dieses Tages todmüde. Ich
wollte mich hinlegen, nur schlafen. Es war um Mitternacht. Ich würde
früh aufstehen müssen, meine Familie zu suchen.
Ich ging leise in den Saloon hinein, ich wollte niemanden aufwecken.
Doch welche Überraschung. Das Licht war noch an. Auf einer Leiter
standen Pedro und der Wirt und hingen den Leuchter wieder an die Decke.
"Dieser Teil kommt da rauf, dann sieht man nicht wie ausgefranst das
Stahlkabel ist. Muss ja echt aussehen, wenn er am Boden liegt, so wie
wenn eine Kugel ihn zerrissen hätte. Aber hier oben muss er aussehen wie
ein normaler Leuchter", sagte der Wirt und setzte fort: "Der Koch wollte
die Mechanik gar nicht auslösen, weil Juan gerade unter dem Leuchter lag.
Das alles nur, weil Billy den Tisch, der normalerweise hier unten steht,
mit seinem grossen Arsch verschoben hatte."
"Nicht sooo groooss wie sein Maul!", fügte Pedro hinzu. "Alsooo, wieviel
zaaahlst du Peeedro heute? Du weisst Peeedro ist nicht auf Rooosen
gebettet!"
"Na komm mir nicht so, du mexikanischer Geizkragen... so schlecht hast du
es auch nicht. Hundert kann ich dir geben, Pedro. Wäre mir zwar lieber,
dieser Billy Schuft wäre tot."
"Zweihuuundert muss Peeedro miiindestens haben, sonst kann Peeedro es sich
das nächste Maaal nicht leisten zu deiner Hilfe zu kooommen! Kaaann ja
jedem mal passiiieren, dass er nicht triiifft! Wenigstens hat Peeedro das
zweite und driiitte Maaal getroffen. Konnte ja diesen Huuund nicht
abknallen nachdem er nicht mehr schiiiessen konnte. Beim zweiten und beim
dritten Schuss konnte Peeedro ihn auch nicht erschiessen. Musste erstmals
seine Waaaffen aus dem Spiel seeetzen."
Jetzt wurde mir alles klar. Was so ausgesehen hatte, wie wenn Pedro ein
ausgezeichneter Schütze gewesen wäre, war zum Teil Bluff gewesen und zum
Teil Zufall. Wie anders die Dinge manchmal aussehen, als sie wirklich
sind. Pedro war nicht schlecht, aber er war nicht so gut, wie es
ausgesehen hatte. Das ganze war nur ein Trick gewesen. So entstanden
Legenden.
Der Leuchter hatte einen Mechanismus, der von hinter der Bar ausgelöst
werden konnte und den Leuchter Mitte Kabels losliess. Falls das genau
mit einem Schuss übereinstimmte, sah es aus als ob der Leuchter von der
Decke geschossen worden war.
Nur eines konnte ich nicht verstehen: "Hast du ihn wirklich töten wollen,
Pedro?". Die beiden fielen fast von der Leiter als sie mich sprechen
hörten. Sie hatten mich nicht gehört.
"Und wer bist du, Mister? Was schleichst du dich den hier herum? Hätte
fast einen Herzschlag bekommen! Einen so zu erschrecken!"
"Ich bin Griz Caldwell (das war der ledige Name meiner Mutter gewesen).
Entschuldigung. Wollte niemand aufwecken. Es sah so aus, als wäre der
Streifschuss absichtlich gewesen. Ich traute meinen Augen nicht, was für
einen guten Schützen ich da sah."
"Gut ist Peeedro schon. Sicher, Peeedro ist seeehr guuut. Aber wir
leeeben hier ja nicht im Määärchenland. Nein, Peeedro wollte den Hund
erleeedigen."
"Aber wäre das nicht Mord?", fragte ich.
"Neeennen sie es, was sie wollen, Mister Caldwell! War nicht gerade ein
Eeengel, was ich da erschooossen hääätte."
"Gibt es hier den keinen Sheriff, kein Gesetz?"
"Uuuh, sind sie aber neugiiierig, Mister. Weiss gar nicht ob Peeedro
ihnen trauen soll?"
"Wundert mich ja nur, falls ich mal in diese Situation komme."
"Naaa, Mister. Der Sheriff ist nicht hier, der Deputy ist besoffen, und
Peeedro hat genügend Freunde hier die ausgesagt hääätten, dass Biiilly
zuerst gezogen hätte. Waaas wooollen sie, Mister, Geseeetz oder
Gereeechtigkeit."
"Schon gut, schon gut. Ich bin sowieso todmüde. Geh jetzt ins Bett.
Wünsche euch eine gute Nacht."
Sie verabschiedeten sich auch und ich ging auf mein Zimmer und legte mich
ins Bett ohne mich auszuziehen. Ich schlief gleich ein.
Ich wachte einmal auf. Dachte wiehern zu hören. Schlief aber gleich
wieder ein. Doch dann gegen morgen, wurde ich wieder geweckt, diesmal von
einem tosenden Brausen. Es kam von der Zimmertüre her. Ich begab mich
schläfrig zur Türe. Ich wollte sehen was denn so einen Krach machte. Ich
öffnete sie. Flammen schlugen gegen mich. Ich schlug sie wieder zu.
Jetzt war ich hellwach. Der Saloon brannte!!!
Da gab es kein Entweichen durch die Tür mehr. Wahrscheinlich loderte
schon der ganze Saloon. Jetzt war die Zimmertür schon fast durchgebrannt.
Plötzlich wurde es unerträglich heiss. Ich musste raus. Ich packte
meinen Sattel, der all meinen Besitz enthielt und sprang aus dem Fenster,
das aufs Dach hinausführte. Dort liess ich den Sattel fallen. Vom Dach
kletterte ich auf das Dach des Ganges zum Aussenabort und von dort auf den
Boden. Ich holte meinen Sattel.
Die Hinterwand stand noch und schützte vor der Hitze des Brandes. Mich
im Schatten der Wand vorwärtstastend, fühlte ich plötzlich warme Haut.
"Laaassen sie ihre Stiiinkhände von meinem Gesicht. Hab shon genug
Kuuummer, wie es ist."
Es war Pedro. Er war also auch entkommen. "Pedro, wo sind die andern?
Der Wirt? Wo ist der Wirt und der Koch?"
"Pedro haaat noch niemanden gefuuunden. Ist schon zweimal um den Saloooon
gerannt. Hat noch niemand gefunden. Vorne ist der Saloooon total
abgebrannt. Da hat keine Ratte überleeebt."
Wir gingen zur Vorderseite. Die war nur noch eine glühende Masse. Hie
und da, wie geisterhaft, loderten die Flammen erneut aus der Glut.
Es war kein schönes Bild. Alles war abgebrannt. Obwohl mein Zimmer auf
der Hinterseite war konnte ich jetzt von vorne hineinsehen. Nur die
Hälfte des Zimmers stand noch. Wie ich herausfand, war Pedros Zimmer
gerade neben meinem gewesen. Wir waren die einzigen Überlebenden.
Der Wirt war tot, der Koch auch. Schade um sie. Sie waren gute Leute
gewesen. Glücklicherweise war es ein schneller Tod gewesen. Man fand
kaum Überreste. Mehrere Gäste waren auch gestorben, doch man fand kaum
Leichen. Alles war total verbrannt. Wie schnell doch das Leben enden
kann. Wir Menschen sind so zerbrechlich.
Die Stimmung war bedrückt. Pedro schien besonders traurig, hatte er nicht
nur seine Freunde verloren, sondern auch ein Quelle von Verdienst.
Wie froh war ich, dass ich meine Familie aus dem Haus gehohlt hatte. Sie
hätten es nicht überlebt. So ein Holzschuppen, wie der "Whiskey Barrel"
Saloon gewesen war, brannte zu schnell.
Ich vermutete, das es Brandstiftung war. Der Wirt war zu vorsichtig, als
dass es aus Nachlässigkeit geschehen wäre. War es Billy Kane gewesen?
Ich schaute nach, wie es meinem Pferd "Flake" ging. Ich nannte ihn so, da
er wie graue Flocken auf dem Fell hatte. Er war ja ein Apfelschimmel,
hatte aber kein weiss, nur grau.
Er war unbeschert. Ich sah aber auch, dass die Pferde meiner Familie
nicht mehr da waren. Ich schaute nochmal, und nochmal. Ging dem ganzen
Corrals entlang. Sie waren weg.
Jetzt erinnerte ich mich an das Wiehern, das ich in der Nacht gehört hatte.
Sie oder jemand anders hatten die Pferde geholt. Ich musste
herausfinden, wo sie waren. Es war schon fast hell. Sobald es hell war,
würde ich reiten.
Ich ging zur Vorderseite des Saloons zurück, wo Pedro immer noch stand und
starrte. "Pedro, falls es die Zeit erlaubt, würde ich gern ein paar
Stunden von ihnen nehmen, Senor. Ich bin nicht schnell genug."
"Kaaanst du schooon, Mister. Peeedro ist froh für jeden Pfeeeenig."
"Wo wohnen sie denn?"
"Am Eeende der Stadt. Im letzten Haus. Gegen Norden. Frag die Leute.
Peeedro Escobaar ist bekaaannt", sagte er traurig.
"Gut. Adios Amigo." Ich ritt davon.
Ich fragte jede Person die ich finden konnte über Julia, Jack, Sara und
Lisa, aber niemand hatte sie gesehen. Ich fragte unter dem Vorwand, dass
ich ihnen etwas zurückgeben musste, was auch wahr war, denn ich hatte
Lisas Halstuch immer noch. Ich roch hie und da daran. Es enthielt ein
leichtes Perfum, das mich an sie erinnerte. Ich liebte sie, meine kleine
Lisa. Oh wie gerne hätte ich sie in meinen Armen gehalten, mein Kleinstes.
Oh wie gerne.
Dann am Ende der Stadt, im anderen Saloon, da war ein alter Mann, der sie
gesehen hatte. Sie waren nordwärts geritten.
"Waren sie allein?", fragte ich.
"Nein die waren alle zusammen." bekam ich als dumme Antwort.
"Ich meine, war da noch jemand?"
"Hab nicht so genau geschaut, aber so viel ich mich erinnern kann--nein,
ich glaube nicht."
"Vielen Dank, Mister".
Das war gute Nachricht. Sie hatten es also geschafft. So schien es auf
jeden Fall. Ich musste ihnen nicht gleich nach. Ich würde sie leicht
einholen.
So ging ich zu Pedro und nahm Stunden. Ich lernte viel. Ich wusste nicht,
wie wenig ich wusste. Pedro war ein guter Lehrer, sehr geduldig. Er
lehrte mich eines nach dem andern. Gab mir nie zuviel auf einmal. Sagte
kein entmutigendes Wort. Sah nur immer meine guten Seiten. Wenn ich müde
war, hörte er auf zu lehren. In ein paar Tagen machte ich
Riesenfortschritte. Ich wohnte in Pedros Haus. Das war billiger als der
Saloon.
Ich verliess die Stadt, als ich hörte, dass die Gebrüder Black in die
Stadt geritten waren. Sie hatten sich nach einem Narbenkopf erkundigt.
So hatte mir Pedro erzählt. Er würde mich nicht verraten, aber es gab mir
trotzdem einen Schock. Zuviele hatten mich gesehen. Es würde leicht sein,
mich zu finden. So, die Blacks, die BBs, waren also schon so weit
gekommen. Wie weit würden sie mir folgen? Etwa bis zur kanadischen
Grenze?
Ich verabshiedete mich von Pedro. Er war ein guter Mann. Ich hoffte ich
würde ihn wiedersehen. Dann machte ich mich aus dem Staub im Geheimen.
Ich ritt hinter meinen Geliebten her.
Ich musste mich in Taos erkundigen in welche Richtung sie gegangen waren,
und fand heraus dass sie gegen Osten gezogen waren und dass ein Mann bei
ihnen war. Das machte mir Sorgen. Erstens der Mann, und zweitens die
Route die sie gewählt hatten. Ich wusste, dass Julia durch die Berge
wollte. Warum gingen sie jetzt gegen die Prärie. Natürlich waren da
immer noch Berge, wenigstens bis zum Raton Pass. Doch fand ich das Ganze
beunruhigend.
Soweit hatte ich nichts mehr von den Black Brothers gehört, aber sicher
konnten sie nicht weit sein. Da ich mich in Taos erkundigen musste, sahen
mich viele Leute. Doch eines wussten sie nicht. In welcher Richtung ich
Taso verlassen hatte, denn ich verliess die Stadt in der Nacht.
Auch von Billy Kane hatte ich nichts mehr gehört oder gesehen. Doch
unsere Pfade sollten sich noch einmal kreuzen.
Ich holte meine Familie kurz vor dem Raton Pass ein.