Kapitel 2

Ich ritt zurück in die Stadt. Es hatte keinen Sinn, einfach loszureiten.

Zudem würden sie die Pferde brauchen. Sie mussten also irgendwann zum

"Whiskey Barrel" Saloon zurückkehren. Auf dem Weg zurück zum

Stadtzentrum dachte ich darüber nach wie alles so gekommen war.

Ich dachte zurück an die Zeit wo wir noch alle zusammenwohnten auf der

Ranch die mir mein Vater hinterlassen hatte. Wir hatten es schön zusammen.

Ja das Ranchen war harte Arbeit, aber es hatte auch seine guten Seiten.

Man war an der frischen Luft, gesund und sein eigener Herr und Meister.

Wir waren arm, aber wir hatten alles was wir brauchten.

Unser Land war umgeben vom Land der Kings. Drei Brüder und ihre Familien.

Sie besassen das ganze Land auf der West Seite des Dorfs ausser unserer

kleinen Ranch, die wie ein Herz in der Mitte ihrer Ranch steckte. Das

hätte sie nicht stören müssen, denn wir waren gute Nachbarn. Liessen

unser Vieh nie auf ihrem Grund weiden oder ihr Wasser trinken. Wir hatten

unsere eigenen Brunnenschächte gegraben und wir stahlen auch keine Rinder.

Kurz, wir waren friedlich, sie aber nicht. Sie wollten unser Land, denn

es war gut und hatte genug Wasser.

Nicht dass sie es brauchten, denn sie erworben immer mehr Land gegen

Westen, Norden und Süden, so dass sie ein wahres Reich geschaffen hatten.

Sie waren nicht faul, das musste man ihnen lassen. Stark und geschäftig,

das wohl, aber auch stolz und eingebildet.

Zuerst waren sie freundlich, fast zu freundlich. Machten Offerten für

mein Land. Aber ich wollte nicht verkaufen. Zu keinem Preis. Land zu

haben war mir wichtiger als alles Geld auf der Welt. Das Land war in

unserem Besitz seit mein Grossvater, Fritz Köster, von Deutschland ins

neue Land gekommen war. Der Name hatte sich geändert aber die Liebe zum

Land nicht.

Dann wurden sie kalt und gehässig uns Custers gegenüber. Dann kamen die

ersten Drohungen. Frau King flüsterte zu Julia meiner Frau im Store:

"Hast du gelesen wie Don Browns Brunnen vergiftet worden war. All sein

Vieh starb. Sie sagen, jemand hätte Arsenik ins Wasser gemischt. Könnte

jedem passieren, heh. Auch euch. Seid nur nicht so selbstsicher." Und

da die Sheriffs Frau gerade in den Laden gekommen war, fügte sie schnell

hinzu: "Man muss Gott dankbar sein für seinen Schutz jeden Tag." Diese

Heuchlerin--wie konnte sie nur Gottes Namen auf die Zunge nehmen. Sie

hätte gar nichts sagen müssen, Vom Sheriff bis zum Barbier war das ganze

Dorf sowieso auf ihrer Seite--mehr aus Angst als aus Liebe. Die Kings

waren Unterdrücker.

Für eine Weile schickte ich Jack, meinen Sohn, den Hauptbrunnen zu

bewachen, aber es war nur eine Drohung gewesen. Sie wollten ja meine

Ranch nicht zerstören, nur in ihren Besitz bringen. Die Drohungen waren

also nur um unser Leben sauer zu machen. Doch dann schritten sie von den

Drohungen zur Tat.

Der Bäcker wurde tot gefunden, von Hinten erschossen. Ich hatte eine

Ahnung wieso. Er war der einzige gewesen der gegen die Kings aufgetreten

war. Er scheute sich nicht ihnen seine Meinung zu sagen. Ich sage nicht,

die Kings hätten ihn erschossen, aber sie trauerten ihm sicher nicht nach.

Doch dann kam das Unerwartete. Sie beschuldigten mich, dass ich den

Bäcker erschossen hätte. Sie brachten falsche Zeugen, die sie teilweise

bestachen und teilweise zwangen. Auch Chuck und Butch King, die Söhne

einer der Kings Brüder, sagten aus, dass sie mich in der Nähe des Tatorts

gesehen hätten. Ich wurde zum Hängen verurteilt. Da sass ich nun in der

Zelle im Sheriffs Haus und wartete auf meinen Todestag.

Es war schlimm für mich. Den Tod fürchtete ich nicht, aber das

Eingesperrt sein konnte ich nicht ertragen. War ich doch ein freier Mann

gewesen, gewöhnt an die Weiten der Prärie. Ich betete, denn ich glaubte

an Gott. Ich glaubte dass er mir helfen würde.

Zwei Tage vor meinem Hinrichtungs Tag war der Sheriff wieder einmal recht

besoffen. Ich glaube er tat das um seine Misere in diesem Dorf zu

vergessen. Wahrscheinlich hatte er einen ausgeprägten Gerechtigkeits Sinn,

wie die Meisten Gesetzausführer. Zwar gab es mit ihm nur schwarz und

weiss, entweder war ein Mann gut, oder er war böse. Dabei ist es ja klar,

dass Gutes und Böses in uns allen steckt. Aber Gerechtigkeit wurde in

diesem Dorf von den Kings bestimmt. Das sah der Sheriff nicht gern, war

aber zu ängstlich etwas dagegen zu tun. So soff er.

Vor der Nacht nahm er mich immer auf das Klo. Dazu legte er mir durch das

Gitter die Handschellen an, öffnete dann die Zelltür, liess mich hinaus

und sperrte mich dann ins Klo hinein. Durch das kleine Fenster in der Klo

Türe nahm er mir die Handschellen ab. Dann konnte ich mein Geschäft

erledigen.

Dann ging das ganze wieder im Rückwärtsgang, bis ich wieder in der Zelle

war.

"Na, beeil dich schon, J-J-Josh, hab ja n-n-nicht die ganze Nacht. Man

will sich ja auch m-m-mal hinlegen. Kannst dich ja wirklich ein Bisschen

schneller b-b-bewegen". Doch diesmal schloss er zwar die Zelltüre,

vergass aber sie abzuschliessen. Er nahm den Schlüssel aus dem

Schlüsselloch, hatte aber vergessen ihn erst zu drehen.

Ich wartete bis etwa drei Uhr morgens, dann schlich ich mich hinaus. Ich

rannte zu meiner Ranch. Es war acht Meilen. Ich schuf es in einer Stunde.

"Julia, ich bin's, wach auf, beeil dich", weckte ich sie. "Ich werde nach

Kanada fliehen. Such mich in Edmonton, wenn ich wegkomme."

"Ich liebe dich, Josh--ich lieb dich--geh, geh schon--ich will dich nicht

verlieren!" Sie stopfte meine Taschen voll mit Geld. Sie hatte alles

verkauft, was sie verkaufen konnte in der Zwischenzeit, um gerade für so

einen Fall zu sorgen. Man konnte sich auf sie verlassen.

"Dad, vergiss die nicht". Jack war inzwischen aufgewacht und aus seinem

Zimmer gekommen. Er reichte mir meine Smiths Colts und Patronen. Ich

fiel ihm um den Hals und küsste ihn : "Sorge für die Familie, gehorche

deiner Mutter, denn sie ist weise. Verlier nicht die Nerven, mach nichts

Dummes." Ich wusste was für eine Zielstrebigkeit und was für starke

Gefühle Jack besass und das konnte ihn manchmal zum Hitzkopf machen,

obwohl er normalerweise sehr ruhig war.

Lisa, meine jüngere Tochter kam keuchend ins Haus gerannt : "Dad, Sara und

ich haben dein Pferd gesattelt. Das nötigste ist in den Satteltaschen.

--au! jetzt hab ich noch was zu Essen vergessen. Wart ich geh gleich."

"Wenn sie hierher kommen, sag dass du mich nicht gesehen hättest. Dass

ich meine Sachen wahrscheinlich leise gehohlt hätte. Sonst wirst du

mitschuldig." Ich packte die Munition und rannte hinaus. Alle folgten

mir ebenso rasch.

"Beeil dich, Dad" sagte Sara mit besorgter und gedämpfter Stimme.

"Beeil dich!--wir werden dich nie vergessen". Ich küsste sie über das

ganze Gesicht, dann Lisa, dann Julia und zuletzt auch noch Jack.

"Mach dir keine Sorgen um uns, Josh--kümmere dich nur um dich selbst.--ich

will dich nicht verlieren!" sagte Julia mit zitternder Stimme.

Nur meine Mutter, die mit uns wohnte, war nicht aufgewacht. Sie war

siebzig Jahre alt, doch schlief sie sehr gut.

Dann galopierte ich weg. Nach Süden. Denn ich würde nicht geradewegs

nach Kanada reiten. Zuerst musste ich über den Rio Grande, nach Mexiko.

Und das so schnell wie möglich.

Als ich dahinritt ging mir die Abschiedsszene nochmals durch den Kopf.

Sogar in einer solch kurzen Szene zeigten sich doch der Charakter meiner

Frau und Kinder. Alle waren sehr zuverlässig. Das verlangte ich von

meinen Kindern von sehr früh an. Wie froh war ich jetzt, dass ich hart

mit ihnen gewesen war.

Julia und Jack waren beide sehr starke Persönlichkeiten. Man konnte sie

nicht leicht in etwas hineinreden. Sie machten nichts was sie nicht

wollten. Sie mussten ihren eigenen Weg gehen und ihren eigenen Raum haben.

Das war manchmal schwierig für mich. Meine Frau zum Beispiel trug nie

Frauenstiefel, weil sie unbequem waren. Man konnte ihr sagen was man

wollte, sie trug ihre Mokasins, von Indianern gefertigt. Und obwohl sie

hervorstach, und die argwöhnischen Blicke der Frauen im Dorf auf sich zog,

bevorzugte sie das. Das machte mir manchmal zu schaffen. Sie wollte

einfach nicht "normal" sein, so wie jeder, und sich einfügen.

Jack, der wollte keine Brandzeichen auf unsern Rindern, weil er glaubte

dass es ihnen weh täte. Wenn ich es tun wollte, fing er an gegen mich zu

kämpfen. Wir sprachen darüber, und ich konnte ihn nicht davon abbringen.

Alle Vernunft half nichts. So einigten wir uns dass wir ein kleines

rundes Loch aus ihren Ohren schneiden würden, um sie zu identifizieren.

Jack sah das etwa so, wie die Löcher für Lisas und Saras Ohrringe. Es war

ok.

Lisa, die jüngere war sehr sprudlig aber immer etwas zerstreut. Sie

sprach am Meisten in der ganzen Familie. Sie liebte das Schauspiel und

die Musik. Sie liebte Humor. Brachte uns immer zum Lachen. Es machte

ihr gar nichts aus wenn Leute über sie lachten. Während es jemand anders

scheniert hätte, empfand sie es als Spass.

Sarah war mir am Ähnlichsten. Sie war sehr organisiert. Ein tiefer

Denker. Sehr intelligent. Scheu zwar und zurückgehalten, aber kein

Feigling. Eine tiefe innere Glücklichkeit und Zufriedenheit schien durch

ihr Gesicht. Das machte sie sehr attraktiv.

* * *

Ich war zum Rio Grande gekommen und schwamm hinüber, mein Pferd am Halfter

führend. Das Wasser war trüb wie immer und warm. Ich hatte es bis

Mexiko geschafft, aber sicher war ich noch nicht. Sie konnten mich hier

zwar nicht verhaften. Aber sie konnten mich holen und illegal wieder über

den Rio Grande zurückbefördern und dort verhaften. Oder schlimmer, sie

erschossen mich und nahmen mich tot zurück. Das wäre den Kings sicher am

Liebsten gewesen, dann hätten sie einen Sündenbcok, der nicht mehr

sprechen konnte. Trotzdem fühlte ich mich besser jetzt, und sprach ein

Dankgebet. Gott hatte mir geholfen, wie erwartet.

Ich machte keine Rast, sondern ritt tagelang bis Santa Cruz, wo ich mich

dann wieder über die Grenze zurück wagte. Lisas Essen reichte für fünf

Tage. Sie hatte mir Brot und geräuchtes Rindfleisch, Mandeln und dedörrte

Aprikosen gepackt. Dann ging ich zweiundzwanzig Tage ohne Essen. Ich

wollte nirgends gesehen werden.

Sara und Lisa hatten alles mögliche in meine Satteltaschen gepackt: eine

Decke, frische UnterWäsche, Taschentücher, Feuerzeug, eine kleine Ax,

einen Kamm, Zahnbürste und ein paar Frauen Sachen: Faden und Nadeln, einen

Waschlappen, ein Handtuch, Seife und sogar eine kleine Flasche Perfum mit

einem kleinen Zettel darumherumgewickelt. Darauf stand: "Wenn du dieses

Perfum riechst, dann wird es dich an mich erinnern, lieber Dad. Geh

sparsam damit um. Deine Lisa." Wie süss! Sie mussten mich erwartet und

alles vorbereitet haben.

Zwei Jahre schlug ich mich dann in New Mexiko und Arizona herum, Suchte

Gold hier und dort, fand am Anfang aber nicht viel. Mein Geld reichte aus

für einfache Kost, die ich selbst kochte. Die Jagd fügte einige

Leckerbissen hinzu. Ich schlief immer draussen.

Gold gab es in diesem Land schon, man musste es nur finden. Man konnte

an vielen Orten Goldstaub finden, solange man am richtigen Ort schaufelte.

Etwa auf der Innenseite einer Flussbiegung, oder hinter grossen Steinen

im Fluss. Es war aber harte Arbeit und viel fand man meistens nicht.

Doch dann, eines Tages, es war Oktober oder November, ich erinnere mich

nicht mehr genau, ritt ich in ein Bergtal hinein und folgte dem Fluss, der

das Tal geschaffen hatte. Für die Grösse des Tals hätte er mehr Wasser

haben sollen. Doch es war eine trockene Gegend. Ich folgte dem Fluss und

brauchte meine Goldpfanne hie und da, nur so zum Sehen ob ich etwas fände.

Aber es gab nicht viel. Wahrscheinlich war ich nicht der Erste hier.

Dann hörte ich hoch oben in den Felsen plötzlich einen Puma fauchen. Und

dann sah ich ihn auch. Er war gut getarnt. Ich hätte ihn nie gesehen,

wäre er still gewesen. Neben ihm lag seine Beute, eine Maulhirschkuh.

Und jetzt sah ich, warum er gefaucht hatte. Da war noch ein Puma, den ich

zuerst gar nicht gesehen hatte. Sie stritten sich also um die Beute. Sie

musste auf der Grenze ihrer Reviere liegen.

Ich liebte die Natur und wollte mir das Schauspiel näher ansehen. So

ritt ich im Schatten eines vertikalen Grats die Felsen hinauf. Bald kam

ich näher. Beide waren Prachtsexemplare. Sie stritten sich noch immer.

Dann kam es zu einem Kampf. Noch nie hatte ich solche Schnelligkeit

gesehen. Sie balgten sich, sie drehten sich. Es dauerte nur zwei

Sekunden. Dann wars vorbei. Der Verlierer schlich sich weg, mit einer

blutenden Schramme am Genick. Der Sieger fing an zu fressen. Ich würde

ihn nicht stören.

Mittleweile war ich an einen kleinen Bergbach gekommen und ich dachte, da

ich schon hier oben bin, versuch ich mein Glück. Tatsächlich fand ich

ein kleines Nugget, etwa erbsengross. Ich folgte dem kleinen, kurzen Bach

in die Höhe and fand noch eins, haselnussgross. Dann keine mehr. Ich

nahm Notiz, wo ich das letzte gefunden hatte, und suchte nun diese Gegend

sorgfältig ab. Dann fand ich sie, eine kleine Goldader in einer kleinen

Höhlung. Da gabs noch mehrere Nuggets, die am Boden lagen. Ein starkes

Gewitter könnte leicht einige in den Bach tragen, wo ich sie erst gefunden

hatte. Ich sammelte alle Nuggets und kratzte die Goldader mit dem Messer

aus dem Felsen, bis nichts mehr übrig blieb.

Dies würde ein schönes Stück Geld bringen. Genug bis Kanada, falls ich

sparsam damit umging. Aber vieleicht konnte ich es mir jetzt leisten, mal

im Saloon zu schlafen, und ein heisses Bad zu geniessen. Im Fluss

baden--was ich bis jetzt getan hatte--war alles andere als heiss.

* * *

Bis jetzt hatte ich Glück gehabt. Es gab überall Steckbriefe von mir,

doch hatte mich noch keiner erkannt. Ich sah nicht mehr so aus wie auf

dem Steckbrief, der von einer Photo kam, die sie auf der Ranch geholt

hatten. Nein, ich hatte jetzt graues Haar, wohl von den vielen Sorgen.

Das Haar war lang, da ich keinen Barbier besuchen wollte. Zusammen mit

meinem grauern Vollbart deckten sie fast das ganze Gesicht und auch die

Ohren zu. Trotzdem dünkte es mich weise, mich noch mehr zu verändern.

Ich wollte mir eine Brille kaufen, natürlich mit Fensterglas. Das würde

auch noch meine grünen Augen decken.

Ein Merkmal, das der Steckbrief enthielt, hatte sich allerdings nicht

verändert und das war das herzförmige Muttermal auf meinem Rücken.

Und so machte ich mich auf nach Silver City, um meine Brille zu bekommen.

Doch das war mein Verhängnis.

Ich hatte neue Vorräte und die Brille schon gekauft, hatte sie aber noch

nicht angezogen, weil ich noch nicht an sie gewöhnt war. Ich nahm noch

ein schnelles Bier im Saloon, dann würde ich mich aus dem Staub machen.

Ich lauschte dem Gespräch am andern Tisch, da sassen drei Männer und eine

Frau. Sie glichen sich und waren wohl Brüder und Schwester. Sie schienen

ihre finanzielle Lage zu besprechen.

"Also Bob, sags mir noch einmal. Was ist jetzt in der Bank geschehen?"

"Nichts, Bradley, wir haben einfach schon alles Geld verbraucht. Ich

habs dir ja schon gesagt."

"Das Geld ist nicht unter Black, ich habe es unter Nelson einbezahlt. Das

weisst du doch, Bob. Oder?"

"Ja Brett, das weiss ich schon, ich bin doch nicht blöd. Das hab ich dem

Banker auch gesagt."

"Wir haben eben ein Bisschen zu gut gelebt, nicht Bob." fügte die

Schwester hinzu.

"Blödsinn, Bridget, Bob hatts sicher in seine Tasche gesteckt." "Jetzt hör

doch auf, Brad, es ist einfach Zeit einen neuen Steckbrief einzukassieren."

"Und wen hast du da im Sinn, Kleiner?".

"Gehen wir sie uns mal anschauen. Kommt. Zahlen, Wirt. Zahlen!"

Bis der Wirt kam, sassen sie für ein Weilchen still da. Da fing mich

einer an anzustarren. Dann ein Geflüster am Tisch. Dann ein paar schräge

Blicke in meiner Richtung, so unauffällig wie sie nur konnten. Aber ich

wusste sie hatten mich erkannt. Sie waren noch nicht ganz sicher, sonst

hätten sie mich vieleicht gerade hier gestellt. Ich zahlte und ritt

unauffällig langsam aus der Stadt. Aber kaum hatte ich den Rand erreicht,

da gings im Gallopp weiter.

Also die Black Brothers waren mir auf der Spur. Brad, Bob, Brett und

Bridget. Ich taufte sie die BB's in meinem Kopf, den sie hatten alle die

gleichen Initialen. Alle ihre Vornamen fingen mit einem "B" an, und ihr

Nachname auch. Sie waren Kopfjäger, und sehr gute. Sie konnten schiessen,

und sie waren schnell.

Ich hörte Pferdehufe hinter mir. Schon war wenigstens einer hinter mir

her, der, der mich zuerst angestarrt hatte, nämlich Bradley. Er ritt

gleich schnell wie ich. Er konnte mich nicht einholen, aber er fiel auch

nicht zurück. Es kam jetzt nur darauf an, wer den ausdauernsten Gaul

hatte. Das würde kaum meiner sein. Obwohl ich ein gutes Pferd hatte,

musste es von dem leben, was es fand, und in dieser trockenen Umgebung war

das sehr rauhe Kost. Bradley's Pferd aber hatte sicher von Hafer gelebt,

die übliche Kost in den Saloons.

Trotzdem galoppierte ich weiter. Vieleicht würden wir wenigstens aus der

Reichweite der anderen Brüder kommen. Ich bückte mich hinter den Hals

meines grauen Apfelschimmels um den Luftwiderstand zu verkleinern. Doch

nichts half. Er kam langsam näher. Da zog ich die Zügel zurück und

sprang ab. Ich augte ihn genau. Falls er früh schoss, war ich bereit.

Doch er stieg ab und kam auf etwa dreissig Yard auf mich zu.

Dann schrie er: "Du bist Josh Custer, nicht wahr. Du weisst das du vom

Gesetz gesucht wirst, weil du Mord begangen hast. Versuch also nicht noch

einen weiteren Mord zu begehen, sonst wirst du für den auch zur

Rechenschaft gezogen." Er versuchte in einem feierlichen Ton zu sprechen.

"Nimm also deine Hände hoch und komm her. Ich werde dich entwaffnen und

zum Sheriff führen."

Ich brauchte diese Rede wirklich nicht. Es war mir recht peinlich, ihm

zuzuhören. Er sprach wie ein Vater zu einem Sohn den er gerade beim

Schule schwänzen erwischt hatte. Dazu wunderte ich mich warum er so viel

redete. War es um Zeit zu gewinnen, bis seine Brüder ihn einholten. Ich

sagte : "Ich kenn eure Sorte. Ihr Rechtschaffenen. Sorgt für

Gerechtigkeit um dabei eure Taschen zu füllen. Du musst mich schon holen

kommen."

"Du weisst, wer ich bin. Du hast keine Chance. Das sag ich dir. Ich

bin Bradley Black, Steckbriefjäger. Du bist der Einundzwanzigste den ich

zur Rechenschaft ziehe. Noch keiner ist davongekommen."

Es ging viel zu lange. Ich musste etwas tun. Ihn provozieren, oder ihn

gleich erschiessen, bevor es zu spät war. Denn gegen ihn und seine Brüder

hatte ich keine Chance.

Ich zögerte, ich wollte nicht der Erste sein der zog. Ich wollte

niemanden erschiessen. Ich hatte noch nie jemandem etwas angetan,

geschweige denn jemand getötet. Doch ich wollte nicht zum Sheriffs Haus.

Ich war unschuldig. Diesem Steckbriefjäger ging es nicht um Gerechtigkeit,

nur um das Geld. Es kam ihm nicht darauf an, ob jemand unschuldig war.

"Ich bin unschuldig. Bitte glaub es mir, Bradley Black."

"Das sagen sie alle, Mister. Wenn du unschuldig bist, brauchst du keine

Angst zu haben, zum Sheriff zu kommen."

Das hatte ich gedacht. Er wollte nur sein Geld. Ich nahm meinen ganzen

Willen zusammen und zog so schnell ich konnte. Er war bereit. Er war

viel schneller als ich. Doch sein rechter Revolver klemmte. Aber er war

mit seinem linken noch schneller als ich. Seine Kugel streifte meine

Schläfe. Die zweite die Stirn. Dann traff ihn meine Kugel--ins Herz. Er

schoss noch zweimal. Die dritte Kugel streifte meine rechte Wange, die

vierte meine linke. Er war tot. Ich lebte, aber mein Gesicht war eine

blutige Masse.

Mit seiner Linken war sein Ziel nicht so gut wie mit der Rechten. Ich

hatte Glück gehabt, aber ich wusste es nicht. Ich wartete auf meinen Tod.

Denn ich konnte nicht sehen, wo er mich genau getroffen hatte. Nur

jedesmal wenn ich mein Gesicht berührte, waren meine Hände voll Blut.

Dann kam er auch schon angetritten. Brett Black. Als er sah, dass sein

Bruder verloren hatte, stieg er weit entfernt ab. Er glaubte keine Chance

zu haben gegen einen, der es mit Brad aufgenommen hatte. Er starrte mich

an. Er schien eine Ahnung zu haben, was geschehen war, als er meine

Wunden sah. Trotzdem getraute er sich nicht näherzukommen.

Ich musste weg. Ich stieg aufs Pferd und raste weg. Meine Wunden

schmerzten. Mein Kopf schmerzte. Meine Seele schmerzte. Blut tropfte in

meine Augen, so dass ich bald kaum sehen konnte. Ich ritt in die Berge

zurück. Zum kleinen Bach. Zum kleinen Bach, wo ich Gold gefunden hatte.

Dort verbarg ich mich. Ich verbarg mich in einer abgelegenen Höhle, samt

meinem Pferd.

Ich legte mich hin und ruhte, ruhte lange und dachte nach. Ich fühlte

als ob Gott mich verlassen hätte. Er hatte mich vorher beschützt. Warum

nicht dieses Mal. Er hätte sicher die Macht gehabt, diese Kugeln ein

Bisschen abzulenken, der Allmächtige. Warum hatte er das nicht für mich

getan. Oder war er böse, dass ich zuerst gezogen hatte. Hatte ich ihm

nicht genug vertraut, und die Dinge in meine eigenen Hände genommen?

Ja, ich hätte ihm mehr vertrauen sollen und ich sollte ihm jetzt mehr

vertrauen. Er dachte anders als Menschen. Er wusste viel mehr und er

konnte die Zukunft sehen. Wer weiss ob das nicht noch seine gute Seite

haben würde.

Und wahrhaftig, es hatte seine gute Seite. Denn als meine Wunden heilten,

mit riesigen Narben, wurde mein Gesicht entstellt. Ich war nicht mehr zu

erkennen. Ich brauchte keinen Steckbriefjäger mehr zu fürchten, ausser

Brett Black natürlich, der wohl ahnen konnte wie mein Gesicht heilen würde.

Aber auch er konnte nicht genau wissen wie ich jetzt aussah. Er hatte

mich nur für einen Moment gesehen, und das mit meinen Wunden, nicht meinen

Narben.

Ich sah nicht mehr wie der alte Josh aus. Ich war hässlicher geworden.

Aber auch zäher, und meine Zähheit hatte ihre Schönheit.

Zuerst war es hart zu ertragen, hässlicher auszusehen. Ich war deprimiert.

Aber ich wurde auch demütiger. Ich war Stolz gewesen auf mein gutes

Aussehen. Dieser Stolz war weg. Wie ein Balast, weg. Und das war gut.

Ich sah, dass Schönheit vergänglich ist, und dass ein Mann auch wenn er

hart versucht, eben sein Leben doch nicht ganz in der Hand hat. Es ist

gut demütig zu werden. Denn wer zu sehr auf sich selbst vertraut, wird am

Ende von sich selbst entäuscht.

* * *

So langsam zog es mich auf unsere Ranch zurück. Ich wollte meine Familie

sehen, mich erkunden, wie es ihnen ging. Ich musste vorsichtig sein, so

geheim gehen wie möglich. Niemand würde mich jetzt erkennen, das war klar,

aber man kann nie vorsichtig genug sein. Ein falsches Wort und man

könnte sich verraten. Wenn mich jetzt jemand erkannte, dann war ich

nachher leicht zu finden, mit meinen Narben. Ich trug sogar meine Brille.

Ich wusste dass meine Mutter die Frau des verstorbenen Bäckers besuchte

und zwar jeden Sonntag Nachmittag. Am Anfang war es gewesen, um ihr Trost

zu spenden, dann waren sie gute Freunde geworden. Es war klar, dass die

Bäckers Frau nicht glaubte, dass ich den Bäcker umgebracht hatte, sonst

hätte sie meine Mutter nie akzeptiert. Jeden Sonntag also, nach dem

Mittagessen, fuhr meine Mutter mit ihrer eigenen Kutsche in das Dorf. Ich

lauerte an einer abgelegenen Stelle.

Ich sah sie von weitem kommen. Dann ritt ich ihr langsam entgegen. Sie

hielt den Wagen an und sagte : "Sie haben sich wohl verirrt, Fremder?"

"Nein, hab ich nicht--ich bin's, Josh Custer, Mutter!"

"Bist du das Josh. Oh, du siehst aber anders aus. Komm mal her." Sie

nahm mich in ihre Arme und küsste mich. Ich hatte das Gefühl als musterte

sie mich dabei genau um sich zu vergewissern, dass ich es wirklich war.

Nach einigem Zögern, schaute sie dann doch mein Hemd hinunter, um das

Muttermal zu sehen. Als sie es fand, wurde ihre Stimme weicher: "Wer hat

dich den so zugerichtet." "Mutter ich hab nicht viel Zeit. Es ist viel

zu gefährlich. Ich will wissen wie es euch geht und was ihr plant. Dann

hau ich ab. Du must mir versprechen, dass du weder mit jemand über meinen

Besuch redest, noch jemandem verrätst wie ich jetzt aussehe."

"Gut Sohn, werd ich. Aber Julia wird sich freuen. Sie liebt dich immer

noch."

"Ich meine du darfst es ihr auch nicht sagen, auch den Kindern nicht!

Niemandem! Das würde sie und mich in Gefahr bringen. Wenn sie nicht

weiss dass ich hier war, kann es niemand aus ihr herausbringen. Und wenn

sie mich nicht kennt, dann wird sie auch nicht wissen, wenn ich nächstes

Mal hierherkomme um zu spähen. Ihre Augen werden mich nicht verraten

können. Niemand glaubt das ich noch lebe, weil mich schon solange keiner

mehr gesehen hat. Wenn jemand erfährt das ich noch lebe, könnte er meine

Frau kidnappen, um mich zu zwingen, sie rauszuholen. Aber wenn nicht

einmal meine Frau glaubt, dass ich noch im Land bin, dann wird jeder

annehmen, dass ich tot bin. Und dann auch: Wenn meine Frau weiss dass ich

hier bin, wird sie mich suchen kommen. Es ist besser, wenn sie mich in

Kanada suchen geht. Du auch, du darfst dich nicht glücklich zeigen, dass

du mich gesehen hast. Du musst schweigen, wie das Grab. Würde ich dich

nicht kennen, wäre ich nie gekommen. Aber ich weiss ich kann mich auf

dich verlassen."

"Kannst du. Ich werde tun wie du sagst. Aber ich muss einwenden, dass du

Julia genau so trauen kannst wie mir."

"Ich weiss, aber sie steckt tiefer drin als du. Es wird ihre

Entscheidungen beeinflussen, ohne dass sie es merkt. Es muss so bleiben,

wie es ist, Ma."

"Wir könnten noch lange darüber diskutieren, aber ich weiss du musst dich

beeilen. Ich vertraue dir. Niemand wird auch nur das Geringste erfahren."

"Danke Ma. Also wie gehts?"

"Wir konnten nicht weg, denn wir hatten kein Geld. Nach einem Jahr

wurdest du als vemisst betrachtet, die Ranch ging an Julia. Jetzt fingen

die Kings an, Julia zu bearbeiten. Und zwar waren es Chuck und Butch und

ihr Vater Tom. Zuerst machten sie sehr schlechte Offerten. Doch dann,

komischerweise, verliebte sich Chuck, der Ältere in deine Frau. Sie sind

etwa gleichen Alters. Butch, der jüngere, verliebte sich in die zehn

Jahre jüngere Sara.

"Mehr Begierde als Liebe, heh?"

"Wohl eine Mischung, Josh, wie bei allen. Ich hätte gedacht dass Julia

und Sara sich zumindest etwas geehrt gefühlt hätten, aber es war nicht so.

Da kam gar nichts zurück. Julia und Sara erwiderten Chucks und Butchs

Liebe überhaupt nicht. Am Anfang machte sie das nur noch wilder. Die

Offerten waren jetzt nicht mehr so schlecht. Und dann hat Julia

akzeptiert. So die Ranch ist vor einem Monat verkauft worden. Sie gehört

jetzt den Kings, doch Julia ist erlaubt zu bleiben, für eine kleine Pacht.

Ist eigentlich gar nicht so schlecht für sie, im Moment, solange die

Gefühle von Butch und Chuck noch da sind. Aber sie weiss dass niemand

ewig liebt, wenn nichts zurück kommt, und so machen wir Vorbereitungen im

Geheimen um nach Kanada zu fliehen."

Ich fühlte einen Stich in meinem Herzen über die Ranch. Sie war verloren.

Doch das konnte man jetzt nicht ändern.

"Ich bleibe hier Sohn. Die Bäckers Frau hat ein schönes Zimmer für mich,

und Julia wird mir die Hälfte vom Geld von der Ranch geben, so dass ich

leben kann bis zu meinem Tod. Sie werden durch die Berge reisen, du

weisst wie Julia ist. Man kann ihr nichts ausreden. Sie hat schon immer

die Berge sehen wollen. Ich sagte, du kannst ja an den Bergen

vorbeireiten, aber bleib doch auf der Prärie und geh den leichten Weg.

Aber nein, sie will durch die Berge. Auf jeden Fall bis Colorado. Sie

werden in zwei Monaten reisen."

"Danke, Mam--ich muss weg. Ich liebe dich, ich liebe dich. Good Bye."

"Bye, Sohn, Bye". Sie küsste mich und küsste mich und wollte mich nicht

gehen lassen. Die Tränen rollten nur so von ihren Wangen. Es brach mir

das Herz. Ich riss mich los. Da fasste sie sich. Ich mich auch. Ich

ritt weg.

Wie ich später erfahren sollte, war dies das letzte Mal, dass ich sie

sehen würde. Sie starb eine Woche später.

Julia's und der Kinder Spur fand ich in Laredo wieder. Wie ich auch

später erfuhr, waren sie in der Nacht weggezogen, in Männer Kleidung,

jeder auf seinem Pferd, und Jack und Julia je mit einem Packpferd. Die

Kings waren ihnen nicht gefolgt. Die Liebesgefühle hatten sich abgekühlt.

Ich fragte mich warum wohl alles so gekommen war. Warum musste ich meine

Ranch verlieren. Warum war ich verleumdet worden. Warum musste ich ein

Narbengesicht haben? Doch das Leben ist ein Geheimnis. Ein Schöpfer ist

da am Werk, der weiss, was er in uns kreiert. Er beschützte mich im

Allgemeinen, doch er ersparte mir nicht jeden Kummer. Er verwöhnte mich

nicht, verweichlichte mich nicht. Wir hätten gerne Komfort, doch

Charakter kommt nicht durch Komfort. Er arbeitete an mir, so wie ich an

meinen Kindern gearbeitet hatte um etwas aus ihnen zu machen. Er

demütigte mich, denn er wollte keinen Besserwisser.

Er beschützte mich, doch er war mir verborgen, so wie ich nun meine

Familie beschützte, doch ihr verborgen blieb. Von seiner Sicht sahen die

Dinge anders aus, so wie die Dinge für meine Familie aus meiner Sicht

anders aussahen.

Frau und Kindern auf der Spur · 第 5 / 8 题