Kapitel 1

"Na, hübsche zwei Töchter habt ihr hier--und selbst seid ihr auch nicht so

schlecht", hetzte er mit heiserer Stimme. Ein grosser, starker aber

hässlicher Bursche war er. Dabei wäre er gar nicht so hässlich gewesen,

mit seinen grossen blauen Augen, aber sein verdorbener Charakter schien

durch sein Gesicht.

"Kann ich eine der beiden für ein Stündchen mieten, Madam? Sicher hätten

sie nichts dagegen--oder wär es ihnen lieber ich fäng ein Streitchen an

mit ihrem Jungen da und tötete ihn im Duell?"

Das war eine arge Drohung, ging mir durch den Kopf. Da musste die arme

Frau zwischen dem Regen und der Traufe wählen. Sie war kaum im Stande

ihre drei Kinder gegen diesen Bullen zu verteidigen. Ich sass in der Bar

im "Whisky Barrel" Saloon in Santa Fe und dachte : Warum kommen Prüfungen

immer dann, wenn man noch nicht fuer sie bereit ist? Ja, ich war

schneller als nur noch vor einigen Wochen, aber ich war noch lange nicht

schnell genug.

Der arge Bursche hob ein Bein auf den einzigen leeren Stuhl am Tisch. Der

Tisch war an der Wand und war besetzt von der wunderhübschen Frau mit den

drei Kindern, die ihr zwar nicht glichen, aber ihre eigenen waren. Der

Älteste, der Junge, sah etwa zwanzig aus, war jedoch jünger. Er war gross

und mager gewachsen. Die Mädchen waren sechzehn und dreizehn, noch

hübscher als die Frau. Sie waren spindeldürr, blond, sehr hellhäutig, mit

blauen Augen. Sie waren fast wie Männer gekleidet, auch die Frau. Sie

sahen sehr zart aus, waren aber sehr lebendig und schienen guten Humors zu

sein. Doch jetzt, seit dieser Bursche an ihren Tisch getreten war, hatte

sich ihre Laune schnell geändert. Sie sahen plötzlich ängstlich aus, als

ob dies nicht das erste Mal wäre, an dem sie belästigt wurden.

Ich wusste, ich musste helfen, aber ich wollte sie nicht in grössere

Gefahr bringen durch unüberlegtes Handeln. Mal abwarten! Das musste ich

sowieso. Noch war nichts geschehen das mein Eingreifen gerechtfertigt

hätte. So oder so, Santa Fe hatte sicher einen Sheriff. Der Bursche

konnte also den Jungen nicht einfach niederschiessen solange sich dieser

nicht provozieren liess, sonst würde der Bursche des Mordes beschuldigt

und vom Sheriff in Haft genommen. Das wollte er sicher nicht. Griff der

Junge aber zum Colt, dann könnte ihn der Bursche niederschiessen in

sogenannter Selbstverteidigung.

Ich hoffte der Junge würde die Nerven nicht verlieren. Er sah nicht

gerade glücklich aus im Moment--hatte sich aber wohl gehütet seine Hände

auch nur in die Nähe seines Revolvers zu bringen.

"Lass meine Gäste in Ruhe", bruellte der riesenhafte Wirt. Der musste

mindestens drei hundert Pfund wiegen. In seinem schwarzen Leder-Gilet sah

er mehr wie ein Henker aus als wie ein Schenker. Er war hinter der Bar

hervorgetreten und schwenkte seine Arme in veritabler Drohung.

"Weisst du mit wem du sprichst, Buffalo. Ich bin Billy Kane,

Steckbriefjägerlein Numero Uno hierzulande. Mit mir hat's noch keiner

aufgenommen. Und das dort ist mein Dienerchen--Juan. Er schiesst fast so

schnell wie ich. So lass uns in Ruhe, Buffalo, sonst schiessen wir ein

paar Löchlein durch deinen Pelz, so dass das Fett nur so raussprudelt."

Darauf hin lachte die ganze Runde im Saloon.

Schöne Bande die wir hier versammelt haben, dachte ich. Ja ich hatte

schon von Billy Kane gehört. Er war als Kopfjäger mehr berüchtigt als

berühmt. Kopfjäger nannte ich alle Steckbriefjäger, weil sie meistens

grössere Schuften waren, als die, die sie jagten. Er soll schon manche in

den Rücken geschossen haben und sein Dienerchen Juan war auch kein

Engelein. Es war wohl mit seiner Hilfe im Hinterhalt dass Billy mehrere

Duelle gewonnen hatte. Solche Duelle finden nicht immer mit Zeugen statt,

die den Schuss aus dem Hinterhalt hätten hören können. Die meisten

Kopfjöger stellen ihren Gejagten ausserhalb der Stadt. Wirklich, mann

kann das kaum ein Duell nennen. Es wurde mir klar, falls einer Billy

ausschalten wollte, wär es wohl weise, zuerst Juan auszuschalten.

Der Wirt hatte sich zurück hinter die Bar begeben und bückte sich um etwas

zu holen.

"Also was ist's, schöne Frau, sie stimmen wohl mit mir überein. Ich nehm

die mal mit auf mein Zimmer für ein Weilchen. Über den Preis werden wir

uns schon einig werden." Dabei packte er die sechzehnjährige Tochter beim

Unterarm und zog sie auf die Beine. Er warf einen schrägen Blick auf den

Jungen, nur im Fall, dass dieser ziehen sollte.

Ich war erstaunt. Der Junge machte keinen Mucks. Welche Beherrschung für

einen Neunzehnjährigen. Nun hatte Billy Kane der Bar seinen Rücken

zugewandt. Er sah also weder mich noch den Wirt.

Der Wirt war wieder hinter der Bar hervorgetreten, diesmal mit einem Colt

in der Hand. "Hände hoch--Billy Kane"--brüllte er plötzlich. Er stand

vor der Bar und hatte seinen Colt auf Billy's Rücken gerichtet und ging

schnell aber leise auf ihn zu. Der Wirt wusste dass Billy keine Chance

hatte sich umzudrehen und zu schiessen, da war der schon auf Billy

gerichtete Colt dann doch schneller.

Doch Billy Kane wusste dass der Wirt nur bluffen konnte. Der Wirt konnte

ihn nicht einfach niederschiessen, ohne des Mordes beschuldigt zu werden.

Darum hob Billy die Arme nur ein bisschen um sicher zu machen, dass alle

sahen, dass er nicht ziehen würde. Sonst hätte der Wirt Grund gehabt

sich zu verteidigen und Billy niederzuschiessen. Stattdessen drehte sich

Billy langsam um. Darauf hatte der schlaue Wirt gerechnet, denn er hatte

sich schon zu Billy hingeschlichen. Gerade als dieser sich umdrehte gab

ihm der Wirt eine Linke auf's Kinn dass es nur so dröhnte. Billy ging

runter wie ein warmer Käse. Dann hob ihn der Wirt auf als ob er ein

schlafendes Kind wäre und schmiess ihn hinaus.

"Nur dass ihr's wisst, ich führe eine reine Bude hier!" brüllte er auf

dem Rückweg hinter die Bar.

Oh war ich ihm dankbar, aber ich konnte nichts sagen. Auch war das sicher

nicht das Ende des Kummers. Juan, das Dienerlein, war hinausgegangen um

Billy zu pflegen. Sicher würde Billy Rache verlangen, sobald er wieder

beieinander war.

Es war jetzt etwa acht Uhr Abends und die Mutter und ihre Kinder machten

sich auf, um ihr Zimmer im Saloon für die Nacht zu beziehen. Ich bemerkte,

als sie schon verschwunden waren, dass das jüngere Mädchen ihr Halstuch

hatte liegen lassen. Ich hob es auf und steckte es in meine Hemdtasche.

"Ich werde es ihr Morgen geben", sagte ich zum Wirt. "Ich will sie jetzt

nicht stören, sie haben genug Störungen hinter sich". "Kann man wohl

sagen", stimmte der Wirt ein. Sein Lächeln verriet grosse Zahnlücken,

unterbrochen von schwarzen kleinen Überrresten, von dem, was einmal Zähne

gewesen waren.

* * *

Wie leicht hätte es zu einer Schiesserei kommen können, dachte ich.

Schurken wie Billy Kane waren nicht immer weise genug ihren eigenen

Vorteil zu sehen. So wusste man nie ob ein Schuft wie Billy den Wirt

nicht einfach totknallte, obwohl er dafür hängen würde.

Diese ganze Gegend war sowieso von zweideutigen Charaktern Durchdrungen.

Viele kamen hier durch, entweder auf der Goldsuche nach Californien, oder

Veteranen vom Californien Gold Rush auf der Rückkehr. Dann gab es einige

Wildpferdjäger, Scouts, die die Kriegsabsichten der Indianer beobachteten,

Ex-soldaten aus dem Bürgerkrieg, die für neue Abenteuer Ausschau hielten

und Händler die die Neusten Waren aus dem Osten brachten, und Gold

zurücknahmen. In einem Saloon, wie hier im "Whisky Barrel", waren die

stabilen Ansiedler, wie die Rancher, Köche, Wirte, Ladenbetreuer und

anderen Dorfbewohner in der Minderheit.

Ehrbare Frauen sah man im Saloon nur selten. Überhaupt waren Männer in

dieser Region in der Überzahl. Die einzigen Frauen, die man regelmässig

in gewissen Saloons fand, waren die Tänzerinnen, Sängerinnen oder Barmaids,

die oft noch ein Bisschen Geld mit Nebenbeschäftigungen von zweifelhafter

Ehre verdienten.

Ja mit diesen Typen in der Mehrzahl, konnte es leicht zu einer Schiesserei

kommen. Der Westen war aber nicht ganz ohne Gesetz. Es war so: Wenn

einer zuerst zog, und den anderen tötete, konnte er leicht des Mordes

beschuldigt werden, falls es unbestechliche Zeugen gab. Konnte einer aber

warten, bis der andere zog and dann schnell genug war, ihn noch zu

erwischen, dann war es Selbstverteidigung. Darum war es so wichtig flink

zu sein.

Ich, Joshua Custer, "Griz" genannt wegen meines grauen Haars und meines

grauen Vollbarts, war noch nicht schnell genug. Ich war immer noch am

Üben. Schiessen und treffen konnte ich schon seit meiner Jugend, aber das

Ziehen war zu langsam. Ich konnte das ohne Munition üben. Und ich

übte--im Saloon Zimmer--auf dem Trail--im Schlaf--auf dem Pferd--zu

Fuss--in den Bergen--im Tal--überall.

Oh wäre ich doch so schnell gewesen, wie Jack Cohan. Er war der

schnellste den ich je gekannt hatte. Ich kannte ihn persönlich. Nur

weil ich mit ihm zur Schule ging. Schon als Kinder auf der Ranch übten

wir zusammen mit Vater's Colt. Wir schossen auf Steine die wir sorgfältig

auf den Zaun legten. Am Anfang gab es manches Loch in den Zaun. Wir

lernten zu Schiessen, aber Ziehen ist etwas anderes.

Jack Cohan lernte das Ziehen von Pedro Escobar. Der schnelle Mexikaner

lebte für ein Weilchen in unserem Dorf. Jack nahm Stunden von ihm von

seinem Taschengeld. Sein Vater erlaubte es. Es war immer gut seine Ranch

verteidigen zu können. Mit der Zeit übertraf Jack seinen Lehrer. Das

aber Jahre später, als Pedro Escobar schon lange aus dem Dorf gezogen war.

Jack war nun der schnellste in der Gegend und zog weg von der Ranch um

Sheriff in Dallas, weiter im Norden, zu werden.

Ja, Jack Cohan war schnell. Er erschoss einmal drei Schurken, bevor einer

von ihnen zum Abziehen kam. Es scheint unmöglich zu sein. Und doch ist

es wahr. Die Bewegung des Ziehens eines Profis wie Jack Cohan ist so

schnell, dass sie von Auge nicht gesehen werden kann. Jack kann also

ziehen, schiessen und den Colt wieder ins Holster stecken schneller als

unsereiner blinzeln kann. Sogar dann wenn jemand seinen Revolver schon

auf Jack gerichtet hat kann Jack noch ziehen, schiessen und treffen bevor

der andere abziehen kann.

Dass passierte mit Jose Domingo. Als er das Handgewehr von dreissig Fuss

schon auf Jack Cohan gerichtet hatte, da schoss es ihm Jack aus der Hand,

noch bevor er den Abzug bewegen konnte. Jack liess ihn leben. Denn Jose

war jung und dumm, und Jack Cohan war ein gütiger Mann.

Jack schoss rechts und links, schneller rechts. Das war von Vorteil.

Einmal in einem zweiten Duell mit Jose Domingo verklemmte sich sein

rechter Colt. Jack hatte noch genug Zeit seinen Linken zu ziehen, bevor

Jose abdrücken konnte. Wieder schoss ihm Jack den Revolver aus der Hand.

Und wieder vergab er Jose Domingo und liess ihn leben. Aber er warnte

Jose: Kommst du ein drittes Mal wird's dein Ende sein. Jose schoss nie

mehr auf Jack. Er lernte nichts beim ersten Mal, aber er lernte was beim

zweiten Mal. Besser als nie.

* * *

Es war das Jahr 1865. Ja, der Westen war ein wildes Land, in dem nur die

Stärksten überlebten. Der Bürgerkrieg war im Osten zu Ende gekommen, und

Sklaverei hatte ein Ende genommen. Der Westen aber war noch unzivilisiert

und unerschlossen. Zivilisation war bis zum Mississippi vorgedrungen,

aber die Prarie war immer noch von sechzig Millionen Büffeln bewohnt. Sie

war noch so wild, wie eh und je. Die Indianer jagten die Büffelherden,

Antelopen gab es noch von Kanada bis Mexiko und es war keine Seltenheit,

Pumas zu sehen. Das Land war noch unberührt.

Erschlossen und für Ansiedler freigemacht wurden diese Gebiete durch die

Eisenbahn. Die Eisenbahn war aber erst bis Kansas City vorgedrungen. Zur

Zeit wurden Texas Rinder immer noch auf dem Chisholm Trail nach Kansas

getrieben. Von dort konnten sie mit der Eisenbahn zu den Märkten im Osten

gefahren werden. Das sollte sich erst in zehn Jahren ändern.

In Texas gab es also Ranches mit Rindern, aber die Prärie blieb ungenützt.

Sie wurde noch nicht für Weizen gepflügt und war noch nicht zum Brotkorb

der Nation geworden.

Als ich so da sass und nachdachte--ich hatte mich inzwischen an einen Tisch

gesetzt--fielen meine Gedanken auch auf die Frau und ihre Kinder. Die

Kinder machten den Eindruck als wären sie wohl erzogen und Prüfungen und

Leid im Leben gewachsen. Sie schienen fast zu reif zu sein für ihr Alter.

Der Junge machte den Eindruck dass man ihn überall gebrauchen konnte.

Der seriöse Ausdruck auf dem Gesicht der Frau fügte zu ihrer Schönheit

hinzu. Sie schien eine Frau zu sein, auf die man sich verlassen

konnte--in jeder Situation. Sie schien tief zu sein, nicht oberflächlich,

mit einem guten Verstand und guter Einsicht, die durch harte Erfahrungen

kommen. Sie war nicht verweichlicht, nicht verwöhnt. Sie schien hart und

mutig. Auch sie hatte keinen Mucks gemacht als der Schurke ihr Mädchen

wegzuschleppen drohte. Warum nicht? Sie schien nicht die Frau zu sein,

die ihrer Tochter etwas zustossen liesse, ohne sich zu wehren. Oder war

sie es sich gewöhnt von Männern verteidigt zu werden, die ihre Anmut

schätzten. Ich konnte diese Fragen nicht beantworten. Ich sollte es

können, denn sie war meine Frau und es waren meine drei Kinder. Aber ich

kannte sie kaum mehr. Ich betrachtete sie jetzt wie ein Aussenstehender.

Ich hatte schon zweieinhalb Jahre nichts mehr mit ihnen zu tun gehabt, als

ich ihre Spur wiederfand in Laredo. Sie waren mir fast fremd. Ich

erkannte sie, das schon--aber ihr Charakter hatte sich verändert und es

war als lernte ich sie wieder kennen, seit Laredo. Mit jeder Beobachtung

war ich mehr von ihnen beeindruckt, sie waren gewachsen.

Sie hatten mich nicht erkannt und das war mir auch recht. Ich hatte es

erwartet, denn ich hatte mich sehr verändert. Ich sah nicht mehr aus wie

früher und das mit gutem Grund. Denn ich war auf der Flucht und niemand

durfte mich erkennen. Sie auch nicht, denn das brächte sie in noch

grössere Gefahr, als sie schon waren. Ja sie waren in Gefahr, denn das

war kein Land in dem Frauen und Kinder unbeschützt reisen sollten. Nun

ganz unbeschützt waren sie nicht mehr seit Laredo, denn ich würde auf sie

aufpassen. Sie waren dessen unbewusst, hatten nicht einmal bemerkt dass

ich ihnen folgte. Nein sie durften mich nicht erkennen, denn wen jemand

erfuhr, dass sie zu mir gehörten, dann würden sie gejagt werden, genau so

wie ich. Auch konnte ich sie besser beschützen aus der Distanz.

Ja ich liebte sie. Ich liebte sie sehr. Aber ich musste mich fern halten.

Sie durften nicht einmal merken, dass ich hinter ihnen her war.

Darum war ich dem Wirt so dankbar heute abend. Ich hatte nicht selbst

eingreifen müssen. Ich wollte nicht dass sie meiner überhaupt bewusst

waren. Ich hatte mich also im Hintergrund halten können. Um so

besser--aus einem anderen Grund auch--ich war noch nicht schnell genug.

Würde ich es je sein? Ich musste, da gab es keine Wahl. "Manchmal muss

man tun, was man tun muss!" wie mein Vater zu sagen pflegte als er noch

lebte.

* * *

Mit diesen Gedanken im Kopf machte ich mich auf, für einen Spaziergang.

Es blieb noch eine Stunde Tageslicht und ein Bisschen der frischen

Bergluft, die von den Zuni Bergen her wehte, würde mir gut tun.

Auf dem Weg zurück, es war schon dunkel geworden, stolperte ich fast über

ein blinde Indianerfrau, die zwei Häuser vom Saloon entfernt sass. Sie

hatte eine leere Konservenbüchse die sie mir entgegenstreckte:

"Ein Almosen, Sir, ich bitte sie." Ihr Geruch und ihre schrille Stimme

gingen mir auf die Nerven. Als ich an ihr vorbei gehen wollte, schrie sie

noch lauter: "Haben sie ein Herz, Sir, haben sie ein Herz".

Das letzte "haben sie ein Herz" war leiser und langsamer gesprochen, so

als resignierte sie sich, nichts zu bekommen. Da packte mich dann doch

das Erbarmen und ich warf zehn Silberdollar in ihre Büchse. Schnell ging

ihre Hand in die Büchse um zu zählen. Dann schrie sie "Oh gnädiger Herr

das ist doch zuviel, viel zuviel, soviel brauche ich ja gar nicht.

Vergelt es ihnen Gott, sie gütiger Mann." Sie nahm wohl von meinem Tritt

an, dass ich ein Mann war und wohl auch, weil die meisten die hier

vorbeigingen, Männer waren--wenn sie wirklich blind war.

"Schreien sie doch nicht so, oder die ganze Stadt wird denken dass ich

reich bin. Das fehlt mir noch dass einer versucht mich auszurauben."

"Oh Entschuldigung, Sir, ich will ihnen keine Schwierigkeiten machen."

"Sagen sie, sind sie ganz blind?"

"Von meiner Kindheit, Sir. Würde ich sonst hier sitzen und betteln. Dies

ist kein Platz für eine alte Frau--aber was bleibt mir."

Im faden Licht der Karbid Lampen bemerkte ich plötzlich Billy Kane auf der

anderen Seite der Strasse fluchend und schimpfend, umgeben von einer Menge

arger, bitterer Burschen und Juan. Die führten nichts Gutes im Schilde.

Ich konnte ahnen, was kommen würde. Sie bewegten sich langsam auf den

Saloon zu und ich hörte Billy angeben: "Die feinen Dämchen entkommen Billy

nicht und auch das Wirtlein nicht." Vor dem Saloon teilten sie sich. Die

eine Hälfte, sechs Mann, ging in den Saloon, die anderen umgaben den

Saloon. Es sah aus als wollten sie sicherstellen dass niemand aus dem

Saloon fliehen konnte.

Ich wusste, was sie vor hatten. Sie würden eine Streiterei vortäuschen im

Saloon oder anzetteln, bei dem der Wirt dann per Zufall erschossen wurde.

Dabei kam es ihnen gar nicht darauf an dass einige Beiständer auch

erschossen würden. So rauh waren diese Burschen. Ich hoffte nur dass die

meisten von ihnen auch was abkriegten, den in so einer Rauferei, wo die

Kugeln fliegen, ist keiner sicher. Wer andern eine Grube gräbt fällt oft

selbst hinein.

"Wo wohnt der Sheriff?", ich schrie die blinde Frau fast an.

"Der jagt nach der "Little" Gang".

"Habt ihr einen Deputy?"

"Oh, der ist immer besoffen--vergiss es Mister--es gibt keine

Gerechtigkeit auf dieser Welt".

Um's Philosophieren war es mir im Augenblick nicht.

"Madam, gibt es einen Ausweg aus dem Saloon. Sie sind hinter einer Frau

und ihren Töchtern her. Sie haben den Saloon umzingelt".

"Immer das gleiche, die Männer wollen immer nur eines von den Frauen."

Ich war froh, sie verstand.

"Durch den Aussenabort, denn der ist mit dem Saloon durch einen gedeckten

Gang verbunden! Doch es ist stockdunkel dort hinten niemand braucht den

Abort mehr, es gibt jetzt ja einen im Saloon." Gut ist es eine mondlose

Nacht, dachte ich, es wird also noch dunkler sein.

"Hier sind noch zehn Dollar. Schleichen sie durch den Abort hinein und

holen sie die Frau und ihre Kinder heraus--ich bitte sie."

"Ich tue was ich kann für sie Mister, denn sie sind ein guter Mann. Wenn

sie wieder hier vorbeikommen, gedenken sie meiner."

Dabei schlich sie sich wie eine gewandte Katze um die dunklen Ecken. Es

war als ob sie sehen konnte in der Dunkelheit und war gewandter in der

Nacht als ein Sehender.

Dann strollte ich auf den Saloon zu, ich musste meine Eile verbergen. Was

für eine Schmiere, dachte ich, warum musste das immer mir passieren. Ich

hatte wohl noch einiges zu lernen. Meine Colts waren die Besten, aber war

ich gut genug?

Ich glaubte, dass der Wirt sich schon längst aus dem Staub gemacht hätte,

aber nein, er servierte. Er war kein Feigling. Was hätte er auch machen

sollen? Jemand anders servieren lassen? Und den in Gefahr bringen? Nein

der Wirt war fair. Ich stand auf seiner Seite.

"Juan geh doch mal sehen, ob uns die Dämchen nicht Gesellschaft leisten

wollen", sagte Billy mit lauter Stimme und seine Bande stimmte ein "Ja,

hol sie mal, die Hübschen."

"Zeit dass sie was lernen...", fügte ein anderer hinzu, "...jung übt sich

was ein Meister werden will..." und alle lachten. Doch das gefiel dem

Wirt nicht. Er erhob Einspruch: "Niemand ohne Zimmer geht nach oben!"

Dann eilte er Juan nach und erwischte den gerade noch beim Ärmel. Er zog

ihn die Stiege herunter und schwang ihn auf das Parkett, auf dem Juan noch

zwanzig Fuss gleitete und gerade vor Billy zum Stoppen kam.

Dann plötzlich ein Schuss, und der schwere Leuchter kam von der Decke

gesaust und stürzte gerade auf Juan's Schulter, der darunter lag.

"Au" schrie Juan.

"Ruuuhe maaal!" kam da eine hohe aber laute und ruhige Stimme von der Bar.

Es war der Schütze, ein Mexikaner. Der konnte wohl schiessen. Das war

kein leichtes Stück den Leuchter so zu amputieren.

Es war plötzlich totenstill im Saloon. Der Mexikaner kam mir bekannt vor,

und dann half er mir ein Bisschen. "Ich bin Peeedro Escobaaar--ihr habt

von Peeedro gehööört--und Peeedro möööchte sein Diiinner in Ruhe eeessen.

Verstaaanden! Soll einer hier Peeedro ääärgern, weiss sich Peeedro zu

weeehren." Dabei wanderte er hinüber bei der Treppe vorbei, so als um

sich gut zu platzieren. Er gestierte mit beiden Händen beim Sprechen.

Das sah gefährlich aus, den man wusste nie wo sich seine Hände hin

bewegten.

"Du verdammtes, gelbhäutiges Hurensöhnchen, was mischt du dich da ein."

Billy hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da sauste die Kugel auch

schon an seinem Kopf vorbei und nahm ein bisschen Haut und Haare mit.

Jetzt verstand ich warum Pedro auf die Treppe zugegangen war. Er hatte

sich so plaziert dass seine Kugel nur Billy treffen würde, sonst aber

ohne Schaden in die Wand ging wo niemand sass. Den er wollte niemand

umbringen, nein nicht einmal Billy. Er wollte ihm nur eine Lektion

erteilen. Deswegen der Streifschuss.

Ich wusste nicht dass Pedro Escobar so genau schiessen konnte. Ich wusste

nur dass er schnell war. Billy schien ihn nicht zu kennen, sonst hätte er

es wohl gelassen. Er hätte aber wirklich sehen sollen, dass er Pedro

nicht gewachsen war.

Die anderen vier Burschen die mit Billy in den Saloon gekommen waren, und

anfangs ihres Sieges sicher gewesen waren, schienen jetzt nicht mehr so

sicher zu sein. Wie sie sich zu Beginn um Billy herumgeballt hatten, so

entfernten sie sich nun ganz allmählich. Aber Billy war noch nicht

fertig. Er war ein Narr. Er zog. Pedro schoss ihm den Colt geradewegs

aus der Hand. Dabei hatte Billy Glück. Seine Hand wurde nicht getroffen.

Jetzt versuchte er es auch noch links. Diesmal war er nicht so glücklich.

Die Kugel traf den Colt und seine Hand. Dann verschwanden die beiden.

Billys hielt seine Hand und seinen Kopf und Juan seine Schulter. Also

nicht mehr so stolz, ein bisschen demütiger sahen sie jetzt aus. Das war

der einzige Vorteil für Billy und Juan an dieser Angelegenheit. Denn

Demut ist immer besser als Stolz.

Die Ruhe war wieder hergestellt. Es hatte nur einen Mann wie Pedro

Escobar gebraucht. Der kleine, dünne, jetzt etwa fünfundfünzig Jahre alte

Mexikaner war nicht zu unterschätzen. Ich aber rannte hinaus. Ich fühlte

mich wie ein Narr. Ich hatte meine Familie möglicherweise gerade in die

Hände der draussen wartenden Halunken geschickt. Ja, ich konnte nicht

wissen dass Pedro Escobar die Gefahr abwenden würde. Ob es die blinde

Indianerin wohl geschafft hätte.

Ich rannte hinaus. Und wieder stolperte ich fast über sie, denn jetzt

sass sie ausserhalb des Saloons.

"Habt ihr es geschafft" flüsterte ich.

"Oh ja Mister, keine Bange."

"Wo sind sie hin?"

"Ich nahm sie um zwei Häuser herum. Soweit weiss ich den Weg, Sir. Dann

sind sie weiter durch die Stadt gegangen."

"Hat sie jemand gesehen?"

"Das weiss ich nicht, Mister. Sowas kann ich doch nicht sehen." Ich

verstand.

Ich rannte in den Saloon zurück und holte meine Sachen, zahlte und machte

mich auf den Weg. Keiner der Schurken die den Saloon umzingelt hatten war

mehr zu sehen. Ich sattelte meinen Apfelschimmel, stieg auf und ritt den

Corrals entlang. Ich sah ihre Pferde. Ihre Pferde waren noch da. Ich

wollte wissen wo sie waren. Es gab noch einen heruntergekommenen Saloon

am Ende der kleinen Stadt, gegen Norden. Dort ging ich hin und erkundigte

mich, aber sie waren nicht da.

Frau und Kindern auf der Spur · 第 4 / 8 题