durch die Nacht, wie spürende Hunde nun am Tage. Anfangs hatte man
über den aufregenden Ereignissen des Magens Knurren überhört, ihn dann
mit dem ersten Besten, mit Früchten, Straßenabfall, Gras und Blättern,
ein wenig hingehalten. Jetzt in der kalten Morgenluft meldete er sich
wie ein reißendes Tier! Man stürmte die wenigen Läden, man raubte sich
das Gestohlene und fiel sich mit Messern und Revolvern darum an, wie
vor Hunger meuternde Matrosen eines verschlagenen Wracks.
Jede Ordnung war dahin; keine Autorität galt mehr, und die stolze,
selbstbewußte Freiheit der Republikaner schlug rasch in die Willkür
rücksichtsloser Piraten um. Auch die Achtung vorm Weibe, eine der
tiefsten und edelsten Tugenden der Amerikaner, ging zeitweise im
Strudel des bestialischen Selbsterhaltungstriebes unter.
Erst am Tage darauf ließ die Wildheit und Roheit nach, und die besseren
altruistischen Gefühle siegten hier und da über den eingebornen
Egoismus.
Der Hunger und der Durst machte nach und nach auch die zügellosesten
Burschen zahm, und gerade von unten herauf begann die Ordnung zu siegen
vermöge der drängenden Sehnsucht nach dem Leben.
Allgemach begann man systematisch ans Werk der Rettung zu gehen. Führer
fanden sich und wurden anstandslos anerkannt, wenn sie sich in den
Dienst des allgemeinen Wohls stellten.
Die erste Sorge galt dem Eindämmen des Feuers. Rasch angerückte
Soldaten unter entschlossenen Offizieren kämpften wie Helden gegen das
anfangs nur in sechzehn, dann in Hunderten verschiedener Quartiere
rasende Feuer, das rasch sich vereinigte und unaufhaltsam weiterfraß.
Wasser war nicht zur Stelle, die Leitungen waren geplatzt und
zerrissen, das Meer zu weit.
Man begann mit Dynamit zu sprengen und ganze Straßen niederzulegen, und
so mischte sich ein neues derbes Instrument in das wilde Höllenkonzert
des untergehenden San Francisco.
Auch die Ernährungsfrage ward einigermaßen geregelt. Etwaige Vorräte
wurden gesperrt und gestapelt, Diebe überwältigt, Eßwarengeschäfte
und Bäckereien mit Wachen besetzt und dann ordnungsgemäße Brotreihen
gebildet, in die auch Kaspar als Bettler für seine kranke Freundin, für
das Kind und für sich mehrfach eintreten mußte, da die Rationen nur
klein waren.
An der endlosen Reihe der Hungrigen zogen oft ganze Wagen voll
schreiender, wimmernder Schwerverletzter vorüber. Schrecklich
verstümmelte und blutig zerquetschte Glieder hingen kraftlos herab und
heraus oder zuckten wie im letzten Todeskampf.
Man rettete und flüchtete die Verwundeten aus den bedrohten Lazaretten
vor den unwiderstehlich heranwogenden Flammen, die freilich oft
schneller waren als Menschenhilfe.
Zu Dutzenden mußten beherzte Ärzte allzu schwer Verwundete und nicht
mehr zu Rettende, darunter manche Kinder, mit Chloroform betäuben, um
die Wehrlosen so vor den Qualen des gräßlichen Feuertodes zu bewahren.
Bei vielen jedoch war die Narkose umsonst, und gellend hallten die
fürchterlichen Entsetzensschreie der hilflos Verlassenen aus den
unbarmherzig fressenden Flammen.
* * * * *
Kaspar war es ein Trost, daß die schwerkranke Ursemi all den grausen
Jammer nicht mit anhören und ansehen mußte. Schon um den Verstand der
noch immer stotternden Zofe sorgte er bisweilen, denn es wurden immer
wieder neue Unglückliche wahnsinnig, und Wahnsinn steckt an.
Klein Edith dagegen spielte mit andern Kindern fröhlich, ja ausgelassen
und fragte nur öfters: warum die Mama so lange schliefe und Papa gar
nicht wiederkäme.
Nachdem Ursemi, die zeitweise wieder zu sich kam, mehrfach vergeblich
Auskunft über das Ende ihres Mannes erfleht hatte, verfiel sie gänzlich
in Apathie und Delirien, und am fünften Tage überließ sie Kaspar der
Zofe und einigen mitleidigen Nachbarn und ging aus, um Hilfe zu holen.
In dem fliegenden Lazarett wollte man die Kranke nicht aufnehmen, da
die Verwundeten vorgingen.
Zum Glück wußte die Zofe die Adresse eines jungen deutschen
Bankbeamten, eines Herrn Borchardt, der mit seiner Frau draußen im
Sunset District an der Ocean Beach wohnen sollte. Vielleicht hatte
dort draußen in den kleinen Holzhäusern auf dem weichen Dünensande das
Erdbeben nicht so gewütet. Und richtig, als Kaspar, durch das wüste
Feldlager des Golden Gate Parks eilend, hinabgelangte, sah er die
lieblichen Häuschen unversehrt in ihren bescheidenen Gärtchen stehen.
Nach allerlei Fragen fand er die junge Frau Borchardt, die Kaspar
mitteilte: ihr Mann sei jetzt Tag und Nacht auf der Bank, sie sei aber
gern bereit, die Kranke aufzunehmen. Hinten im Garten stände ihre erste
Wohnung leer, freilich nur ein zweiräumiges kleines Holzhüttchen -- sie
nannte es Puppenheim -- da wolle sie zurechtmachen.
Kaspar dankte mit Tränen in den Augen und jagte zurück zum Alamo
Square.
Aber wie die Kranke über den hohen Hügel und durch den weiten Park nach
den Dünen transportieren?
Herr Borchardt mußte eben helfen, ein anderer tats jetzt schwerlich
oder nur für vieles Geld, und Kaspars Scheckbücher lagen unter den
Trümmern.
Nicht einmal die Uhr, nur das fast leere Portemonnaie und den kleinen
Kompaß Gottfried Kämpfers hatte er gerettet von seinen wenigen
Schätzen.
Durch die brennende, mit Trümmern übersäte Stadt nach der Bank zu
kommen hielt sehr schwer.
Überall sperrten Schuttmassen, heißes Eisengestänge oder glimmende
Holzbarrikaden die Straßen.
In den wichtigeren Straßen mußte alles aufräumen helfen. Mit
Gewehrkolben, Gummiknüppeln und oft auch mit vorgehaltenen Revolvern
zwangen Soldaten und Policemen alle Männer zur Mitarbeit. Auch Kaspar
mußte heran, arbeitete in Verzweiflung mit, stahl sich aber dann
heimlich davon.
An der Van Neß-Street tobte der Kampf gegen das Feuer am wildesten.
Hier, an dieser breiten Verkehrsader, hoffte man endlich die noch immer
unbesiegten Flammen zum Stehen zu bringen.
Streng waren überall die Verbote, auf offener Straße zur Bereitung von
Lebensmitteln Feuer zu machen; am strengsten und rücksichtslosesten
wurden sie hier, an dieser gefährlichen Stelle, von den fast zu Tode
erschöpften, vielfach nervös überreizten Soldaten gehandhabt.
Da sah Kaspar, wie ein roher Söldner nach dreimaligem Verbot eine
arme, tapfere Mutter erschoß, die ein Töpfchen Milch für ihr fast
verdurstetes Baby doch auf einem schnell gestohlenen Feuerchen warm
machen wollte und sich nicht warnen ließ. Als die Ärmste, über
Feuer und Kindchen stürzend, lang hinschlug, sprang Kaspar, seiner
Sinne nicht mehr mächtig, wie rasend auf den Soldaten zu; aber ein
Gummiknüttel schlug ihn von hinten zu Boden. Man ließ ihn liegen wie
ein verendetes Stück Vieh.
Nach Stunden erwachte er. Der Abend sank zum fünften Male herab seit
dem furchtbaren Morgen des 18. April.
Mit hämmernden Schläfen richtete sich Kaspar mühsam auf und schlich
sich davon, hinten herum, durch Quartiere kleiner Leute, nach der Bank.
Ihr Prachtbau stand noch zum größten Teile wie auch die Staatsgebäude,
zum Beispiel die nahe Post und die Münze, da sie aus soliden
Steinquadern gefügt und nicht wie die Graftgebäude der Stadtbetrüger
und Spekulanten aus billigen Konkretmassen und Eisen zusammengepappt
waren.
Das mächtige Prunkportal der Bank, ein wenig verschoben, stand offen;
die vornehmen Offices leer, kein Mensch war zu sehen, auch nicht der
sonst übliche Patrolmann.
Kaspar stieg vorsichtig lugend in den Keller hinab, aus dem etwas
schimmerte wie Fackel- oder Laternenlicht. Kaum war er einige Stufen
hinab, da rief eine scharfe, militärisch klingende Stimme auf englisch:
»Hände hoch oder ich schieße!«
Kaspar stand wie vom Blitze gerührt, dann rief er zurück: »Gut Freund,
suche Mr. Borchardt.«
Lachend kam nun aus dem Kellerdunkel eine deutsche Stimme: »Hallo,
Landsmann, was wollen Sie?«
Und aus respektvoller Entfernung stand Kaspar Rede und Antwort, denn
jetzt sah er vor sich im Dunkel einige Leichen liegen.
Es waren weiße und farbige Plünderer, die von den drei tapferen
deutschen Beamten, die hier die Millionen ihrer amerikanischen Herren
treulich bewachten, erschossen waren.
* * * * *
Am sechsten Tage endlich gelang es Kaspar mit Hilfe des redlichen
Borchardt, irgendwo eine gebrechliche Karre aufzutreiben und auf ihr
die arme, totkranke Gräfin nach Puppenheim zu schaffen.
Es war ein seltsamer Zug -- anders als kurz zuvor im stolzen Automobil.
Mitten durch das endlose Zeltlager des Golden Gate Park, aus dem schon
wieder Gesang und lustiges Geschrei ertönte, ging die stille, langsame
Fahrt.
Malerische Gruppen lagen rauchend und kartenspielend ringsum.
Dort schacherte schon wieder ein jüdischer Handelsmann, hier ein
Italiener mit allerlei Dingen, zu denen sie vielleicht kein großes oder
gar kein Anlagekapital gebraucht hatten.
Ausgelassene Kinder tobten, sich fangend und zankend, wild umher.
Alte Frauen schimpften laut aufeinander; kichernde Gruppen junger
Mädchen, die sich untergefaßt hatten, erzählten sich die drolligsten
und pikantesten Kostümgeschichten von der großen Flucht.
Am Ausgang auf der breiten Sportwiese spielten sogar einige junge
Gentlemen ein regelrechtes Baseballgame, und sie spielten wie immer mit
großer Präzision, als hätte die Erde nie gebebt.
Mitten durch all das bunte Leben und Treiben fuhr Herr Borchardt
langsam und vorsichtig die auf dem kurzen Wagen schlecht gebettete
Kranke, deren Füße herabhängen mußten.
Kaspar bewahrte die halbtote Jugendfreundin liebevoll vor dem
Herabgleiten und sah mit Bangen der Stunde entgegen, in der auch das
letzte Leben aus diesem abgezehrten, vom Fieber verwüsteten Körper
entfliehen würde.
Hinter dem Wagen schritt die bleiche Zofe, noch immer nur dürftig
bekleidet, und trug oder führte die kleine Edith, die nur Augen für den
lustig bellenden Brauni hatte, dem einzelne Buben und Männer Schalen
und Kiefernzapfen nachwarfen oder ihm neckend nachblafften.
Endlich war der lange Weg überwunden, und mit rührender Sorgfalt
nahm sich Frau Borchardt der Kranken an, der sie ihr eigenes Bett
aufgeschlagen hatte.
Mit stummem Kopfschütteln verabschiedete sich der junge deutsche
Buchhalter von der Frau seines toten Chefs und eilte zu seinem harten
Dienst ins Bankgewölbe zurück.
Millionen ruhten dort, hinter der Riesentrommel der vielfach
gepanzerten Hauptdepositenkasse; aber keiner vermochte sie zu öffnen.
Denn die das Geheimnis kannten, waren tot, und so mußten schließlich
nach etlichen Wochen die treuen Wächter selbst zu Einbrechern werden.
* * * * *
Kaum war Ursemi leidlich geborgen, so brachen Kaspars Kräfte plötzlich
und völlig zusammen.
Ein tiefer Schlaf schuf ihm jedoch neue Energie, und so wechselte er
mit Frau Borchardt in Pflege und Wache am Bette Ursemis ab.
Ein rasch herbeigeholter deutscher Arzt gab wenig Hoffnung. Das
Bewußtsein kehrte nur selten und dann nur auf wenige Augenblicke
zurück; das Fieber ließ nicht nach, und das letzte Flämmchen des arg
bedrängten Lebens drohte zu verlöschen.
Der Arzt machte schließlich ein ernstes Gesicht, schüttelte den Kopf
und zuckte stumm mit den Achseln.
Da stürzte Kaspar verzweifelt hinaus in das nahe Zederngestrüpp des
Parks, warf sich in den gelben Dünensand, nahm sein Antlitz in beide
Hände und bat Gott unter heißen Tränen: er möge ihm nicht das Letzte
und Liebste nehmen, was ihm die Erde noch trug.
Dann aber schoß ihm der Gedanke durch die Seele: Hast du nicht oft
genug dir gesagt: Gott ist viel zu groß für menschliche Bitten?
Selbstlos gilt es ihm dienen, an ihn glauben, ihn lieben, auf ihn
hoffen -- trotz allem -- aber nichts von ihm erwarten!
Und Kaspar schwieg und gab sich -- in unsagbarem Weh verzichtend auf
alles -- in Gottes Hand.
Eine bange Stunde und länger schritt er dann, in trübe Gedanken
verloren, am Strande des lieblichen, stillen Ozeans entlang. Eine
leichte Brise fächelte, ihm Kühlung spendend, die heiße Stirn.
Vor ihm lagen die noch qualmenden Trümmer des ehedem so herrlich
stolzen Cliffhauses, ein jammervoller Anblick.
Links seitwärts in der See ragten einsam und leer die Felsen der
Seelöwen, die von den San Franciscanern früher gern gefüttert worden
waren. Laut aufheulend hatten sich die klugen Tiere ins Meer gestürzt,
als sie das geliebte Cliffhouse in Flammen aufgehen sahen, und waren
seitdem verschwunden.
Nachdenklich stand Kaspar auf einer Düne und schaute über die
spiegelglatte, blaue Flut.
Die Sonne stand funkelnd im Zenith, klar lag der Horizont. Totenstille
oder Frieden?
Und Kaspar dünkte, als habe das greuliche Untier da draußen seine
Krallen und seine Polypenarme eingezogen und schlummere wieder
behaglich in der Tiefe wie ein gesättigter Drache.
* * * * *
Als Kaspar in die armselige Bretterbude trat, die nun der Erbin so
vieler Millionen wie ihm, dem armen Missionskinde, als einzige Zuflucht
geblieben war, fand er Ursemi, still und matt, mit offenen Augen
daliegen.
Es schien zu Ende zu gehen. Doch war die Kranke jetzt klar bei
Bewußtsein, denn sie sprach leise und innig zu Kaspar: »Also du bist
doch bei mir, Lieber -- komm her, daß ich dir noch einmal vorm
Scheiden danke für all das, was du mir gewesen in diesem Leben. Kaspar,
sei, was du mir warst, auch dem Kinde; verlaß es nie, erzieh es zu
deiner Redlichkeit und Wahrheit.«
Kaspar beugte seine Knie, neigte schluchzend sein Haupt, und Ursemi
tastete selig danach, küßte es mit den bleichen Lippen und hauchte:
»Ich hab dich lieb gehabt, so lieb!«
Dann schloß sie die Augen von neuem, und ein glückseliges Lächeln
spielte auf ihren friedlichen Mienen. Sie schlief ruhig wie nie zuvor.
Vorsichtig erhob sich Kaspar und schlich sich auf den Zehen leise
hinaus, um sich draußen laut auszuweinen.
Dann suchte er Edith, die im Dünensande mit Nachbarskindern spielte,
und führte das Kind an das Bett der Mutter. Es war vergebens. Die
Gräfin erwachte nicht wieder.
Als der rote Sonnenball in die Fluten des Stillen Ozeans tauchte, tat
Ursemi ihren letzten, leichten Atemzug.
Zehntes Kapitel
Heimkehr
Tag für Tag fürchtete Kaspar Krumbholtz, er würde über all dem
Entsetzlichen, was ihm diese und die folgenden Wochen brachten,
zusammenbrechen; aber der einzige Gedanke, daß er für Edith zu sorgen
und einzustehen habe, hielt ihn immer wieder aufrecht.
Die entseelten Hüllen der Eltern zu bergen und schließlich in die
Heimat zu senden, machte unter den obwaltenden Umständen große
Schwierigkeiten, zumal es Kaspar erst völlig an Mitteln fehlte. Die
Bank konnte nichts spenden, bis der Tresor nach Erlaubnis einiger
versprengter Direktoren und der Behörden erbrochen werden durfte. Herr
Borchardt konnte selbst kaum etwas entbehren, denn er mußte schon für
den gesamten Unterhalt der fünf Personen aufzukommen suchen, und das
war bei der Teuerung und dem Mangel an den einfachsten Lebensmitteln
durchaus nicht leicht.
In der äußersten Not traf +Dr.+ Sebalt mit einem Dampfer von
Hawai ein und fand nach einiger Mühe den alten Jugendgefährten in dem
kleinen Bretterhäuschen.
Es war ein trübes, bewegtes Wiedersehen. Auch der lebensfrohe Sebalt
konnte sich der Tränen nicht erwehren, als er alles vernommen; doch mit
gewohnter Entschlossenheit und mit reichen Mitteln sprang er sofort dem
Freunde bei, besorgte die schwierigen Verhandlungen mit den Behörden
und ermöglichte die Heimreise.
Am liebsten hätte er Kaspar und klein Edith begleitet, aber er mußte
auf Frau und Kinder warten, die noch in Hawai zurückgeblieben waren, da
es dort einen großen Haushalt aufzulösen galt.
Sebalt hatte einen Ruf an die Leipziger Universität als Nachfolger
seines nach Berlin übersiedelnden Ordinarius erhalten und schließlich
angenommen -- »der Kinder wegen«, wie er betonte.
»Die Erziehung im lieben Deutschland kann mir keine noch so gute
amerikanische Schule ersetzen«, meinte Sebalt nachdenklicher, als es
wohl früher seine Art war, und Kaspar stimmte ihm freudig bei, indem er
hinzufügte: »Wenigstens, wenn deine Buben Deutsche werden sollen und
keine Amerikaner!«
»Das sollen sie auch,« erwiderte Sebalt sehr bestimmt, »denn sie
könnten sonst nur Halbamerikaner werden, und das wäre schlimm, wie
alles Halbe! Nein, mein alter Junge, seit ich Vater geworden, denke ich
ein wenig anders über das alles. Ich habe mir nun endlich den nötigen
Witz gekauft! Es hat ja lang gedauert und manche Torheit gekostet;
aber ich wünsche doch, daß meine Bengels denselben oder wenigstens
einen ähnlichen Weg spazieren, also etwa von Bethel nach Hawai! Darum
will ich sie in einigen Jahren eben nach Bethel oder sonstwohin in ein
solides deutsches Pennal bringen, wo man auch noch zu erziehen und
nicht nur zu pauken versteht.«
»Später gibst du sie mir,« sagte Kaspar zuversichtlich, »denn die
Winkler-Stiftung wird nun wirklich ans Werk gehen. Ja, staune nur,
Alterchen, ich selber will in ihren Dienst treten, wenn sie mich
brauchen kann. Auch ich weiß endlich wie du, woran ich mit mir bin.
Gott hat mein Leben hart geführt, er hat mich nach und nach von so
vielem losgelöst, daß ich denken muß, er hat mir Aufgaben vorbehalten,
die einen Mann so völlig ausfüllen sollen, daß er darüber seine
Einsamkeit und das gemeine Glück des Alltagslebens vergißt.«
Sebalt maß den Freund mit besorgten Blicken, dann sagte er ernst: »Du
solltest Kinder haben, Kaspar -- das bewahrt vor Schrullen und vorm
Altern.«
»Ich werde Kinder haben -- zu Hunderten und Tausenden -- mit ihnen
will ich jung bleiben, ihnen will ich zahlen, was ich andern schuldig
wurde. Mit klein Edith fang ich an. Ich freue mich auf den Tag, an
dem sie den Grundstein legt zum ersten Bau der Winkler-Stiftung. Dann
darfst du nicht fehlen, Hans. Und paß auf, wenn das Kind fröhlich und
zuversichtlich auf guten Redaer Granit klopft, dann wird auch der Segen
nicht ausbleiben. Das Kind wird ernten, was seine Eltern, was sein
Großvater Wilhelm Winkler gesät haben.«
»Wilhelm Winkler!« feierlich wiederholte Sebalt den Namen und fuhr
dann wie in Gedanken versunken fort, »ein kluger Menschenkenner und
ein kühner Rechner! Sein Mut hat mich gerettet, Kaspar. Er wußte ganz
genau, daß er mich mit dem freien Kapital an den Abgrund stellte, aber
nur dadurch machte er mich mit der Zeit auch schwindelfrei. An der
Leine des Lehrers lernt die Sorte Sebalt nicht schwimmen, nur im freien
Meer, im Angesicht der steten Gefahr zu ertrinken.«
»Eines ziemt sich nicht für alle,« erwiderte Kaspar. »Mir schrieb Vater
Winkler ein anderes Rezept, aber es hat auch geholfen. Ehre seinem
Andenken. In seinem Geiste wollen wir andere erziehen, das wird ihm
sicher der liebste Dank sein.«
* * * * *
Mit stiller Wehmut fuhr Kaspar durch das weiträumige Amerika mit Edith
und Brauni zurück nach Neuyork.
Das treue Hundchen, in dem Kaspar seinen Lebensretter sah, war
eigentlich eine bessere Kinderwärterin als die noch immer ein wenig
verstörte Zofe, die das Stottern nie wieder ganz verlor und trotzdem an
San Francisco hing wie eine Katze an ihrem Haus. Sebalt entschädigte
das arme Mädchen reichlich und verschaffte ihr eine neue Stellung.
In Neuyork holte der alte, tiefgebeugte Graf Brosyn seine Enkelin und
ihren Pflegevater ab und reiste mit ihnen über den Ozean nach Hamburg,
wo sie Frau Winkler mit der treuen Dente erwartete.
Auf Bitten des Großvaters siedelten alle nach Schloß Schlockendorff
über, wo es freilich klein Edith zunächst gar nicht gefallen wollte.
Sie sehnte sich nach dem Bretterhäuschen und den Dünen am Strande des
Stillen Ozeans oft zurück, bis Großmama, die nun über neuen Sorgen
wieder auch neue Lebenskraft fand, mit ihr, Tante Dente und dem
unentbehrlichen Brauni für einige Wochen an die Nordsee ging.
Da söhnte sich Edith mit Deutschland aus und vergaß nach und nach das
Land ihrer Sehnsucht und ihrer Jugendheimat. Nur im Grunde ihrer Seele
spiegelte sich dann und wann ein still leuchtendes Idealbild von
beidem.
Kaspar fand überreichliche Arbeit nach seiner Rückkehr, doch eine
Arbeit, die ihn innerlich völlig ausfüllte, ihn so zufrieden, ja stolz
machte, wie nie zuvor irgendeine Arbeit seines Lebens.
Er reifte nach und nach zum Vertrauensmann des Kuratoriums, dessen
Ehrenpräsident nun der alte Graf Brosyn ward.
Seit Harrys furchtbarem Ende hatte der Greis keine Freude mehr an
seinem gewaltigen Bergwerksbesitz. Er verwandelte die Gruben in
Aktiengesellschaften und vergrößerte dafür den Landbesitz fast um das
Doppelte. Trotzdem konnte er der Stiftung zu Ehren seines Sohnes noch
einige Millionen und ein herrlich gelegenes Gut mit stillen Seen und
Forsten schenken, in denen nun nach dem Muster amerikanischer Colleges
die Anstalten der Stiftung nach und nach erbaut werden sollten.
Der Geist freilich sollte der deutsche sein, deutsch in seinem
langsamen Werden und endlosen Streben, in seinem unermüdlichen Suchen
und redlichen Prüfen, deutsch in seiner gerechten Würdigung fremder
Vorzüge, aber frei von würdeloser und gefährlicher Überschätzung
derselben, deutsch vor allem in seinem zuversichtlichen Glauben an
die verklärende Schönheit und unverlöschliche Kraft des göttlichen
Funkens, der in jeder Menschenseele glimmt, der zu wilden verzehrenden
Flammen auflodern, aber auch zu stillen, wärmenden Herdfeuern angefacht
werden kann.
In Kaspar brannte ein solches Feuer seit den düstren kalifornischen
Erlebnissen mit gleichmäßiger Glut.
Er grübelte diesmal nicht wieder, wie das letzte Mal bei Carinas
Verlust, darüber nach, warum ihn Gott bis in die tiefsten Tiefen des
Leids hinabgestoßen hatte. Er hatte sein Geschick nun vertrauensvoll in
Gottes Hand gelegt, ihm überließ er die Verantwortung für Ursachen und
Wirkungen, die er im voraus doch nicht ergründen konnte.
Mit der Zeit war ihm allerlei davon doch klar geworden, und so wartete
er der weiteren inneren und äußeren Lösungen mit Geduld und ruhiger
Zuversicht. Das gab seiner Arbeit neue Kraft, das tröstete ihn über so
mancherlei Unzulänglichkeit, das verhalf ihm schließlich dazu, sich
seiner eigentlichen Mission immer klarer und fester bewußt zu werden.
Zunächst konnte er sie nicht erfüllen, wie er wohl mochte. Vorerst
hatte er mit den Vorbereitungen über und über zu tun, nicht nur mit den
Plänen der ersten Heime und des Lehrinstituts; sondern es galt auch
den zukünftigen Schülern im Verein mit Volpelius und den Kuratoren,
tüchtige Erzieher und Lehrer zu suchen. Gut Ding will Weile haben, und
Kaspar hatte gelernt, auf das Reifen zu warten.
* * * * *
Doch endlich kam der Tag, an dem klein Edith zum silbernen Hämmerchen
greifen durfte, ein Tag froher Hoffnungen und wehmütigen Gedenkens, ein
Tag, der viel gute und redliche Menschen in Sehnsucht und Zuversicht
verband und alte Freunde zu neuer Arbeit zusammenführte.
Da standen der alte Graf Brosyn, der väterliche Volpelius und seine
Kuratoren in einem erlauchten Kreise von Gästen und Gönnern, von
Männern der Theorien und Gedanken wie des praktischen Lebens.
Um sie scharte sich eine stattliche Reihe junger Dozenten, die es wagen
wollen, den Unterricht an der aufstrebenden Generation auch in Fächern
zu übernehmen, die bisher im üblichen Lehrplan zu kurz kamen oder ganz
fehlten.
So wird zum Beispiel einer der Leipziger »Enterbten«, der ehemalige
Generalsekretär der unterdessen aufgelösten nationalsozialen Partei,
den jungen Bürgern und vielleicht späteren Führern beizeiten zu
einer politischen Bildung verhelfen, die ihnen ein Verständnis und
eine Orientierung über die wichtigsten Zeitfragen, Staats- und
Wirtschaftsprobleme wie über die Parteiverhältnisse ermöglicht, ehe
sie sich selbst entscheiden und betätigen. Und ein andrer aus der
»Moravenrunde«, der vielgetreue Waisenvater, will Wirtschafts- und
Haushaltstechnik, Buchführung und Bankverkehr, Gesetzeskunde und
allerlei praktische Dinge den Zöglingen der Winklerstiftung lehren; ein
dritter sie in die Literatur der jüngsten Vergangenheit einführen. Der
Stiftsgärtner wird ihnen Anleitung zu Obst- und Gartenbau geben, und
der Hausarzt ihnen Aufklärung über allerlei Geheimnisse und Gefahren
erteilen, denen tagtäglich Tausende und Abertausende aus Neugier und
Unwissenheit zum Opfer fallen. Für das alte Ziel jeder Schule, für
das Leben, will diese neue Privatschule bewußter als die Staatsschule
vorbereiten.