Überhaupt hatte er in den Altenglandstaaten nicht oft das Bewußtsein,

in einem fremden Weltteil zu sein. Nur die traurigen Waldverwüstungen,

fern von den Kulturzentren, erinnerten wie ein schauerliches Menetekel

an die grausame Pranke des niemals schlafenden, gigantischen Raubtiers

Yankee.

Je mehr sich Kaspar jedoch von der atlantischen Küste entfernte, um so

wuchtiger und großzügiger offenbarte sich ihm die Eigenart der neuen

Welt, in der elementaren Urkraft ihrer Riesenströme und Katarakte (wie

zum Beispiel des im starren Eise doppelt majestätischen Niagara) in

den meergleichen Seen, den noch jungfräulichen Wäldern des Nordens

und den endlosen, eintönigen, aber unermeßlich fruchtbaren Ebenen des

Middlewest.

Hinter Omaha kam Kaspar kaum noch von der geräumigen Plattform des

letzten, sogenannten Observationscars fort, obwohl es hier jetzt

einsam war, denn für einen Amerikaner gab es nichts zu sehen. Es war

ja nur amerikanische Durchschnittslandschaft; doch gerade sie packte

Kaspar als das wirklich Neue und Große.

Da lagen die romantischen Prärien seiner jugendlichen Indianerträume,

jetzt voller Zeugnisse von Yankeetatkraft und zähem deutschen

Kolonialfleiß.

Wie vor Omaha die Gas-Bohrtürme und Petroleumtanks, so reckten hier an

jeder Station hohe Getreideelevatoren ihre ewig hungrigen Hälse empor.

Daneben kauerten praktische Hürden und Viehställe, Saloons und Stores,

und dahinter Farm an Farm, umgeben von reichen, oft noch halbwilden

Herden.

Eines Abends tanzten viele Tausend lodernde Feuer über die

schwarzbraunen Felder, um mit der Asche der dürren Maisstengel den

langsam schon ermattenden Boden zu erneuter Fruchtbarkeit anzuregen.

Plötzlich zog ein gewaltiges Frühjahrsgewitter dumpf grollend herauf,

prasselte und knatterte mit Blitzen und Platzregen zwischen die

Farmerfeuerchen.

Kaspar glaubte brausende Büffelherden stampfen und jauchzende Indianer

hetzen zu hören, und es war ihm, als sähe er das grause Gespensterheer

des ermordeten Uramerikas im nächtlichen Sturm der Elemente heulend

und fluchend dahinrasen wie daheim die Rotte des wilden Jägers.

Gedankenvoll schritt Kaspar durch das Rauchzimmer, durch Lese- und

Speisewagen zurück nach seinem bequemen Wohnabteil, das ihm der

bedienende Neger bereits in ein sauber überzogenes Bett verwandelt

hatte und nun grinsend präsentierte.

Es wohnte sich wirklich behaglich auf so einem modernen Schiff der

Wüste. Denn die amerikanische Wüste kam nun, öde, schauerlich schön wie

die große Gobi oder die majestätische Sahara.

Über Nacht war der brave Overland Limited ein paar tausend Meter

hinaufgestampft, nicht ganz so rasch, wie die Yankees prahlten, aber

doch unaufhaltsam. Schon früh um sechs Uhr stand Kaspar wieder, frisch

und schaugierig, auf seinem Ausguck.

Alles still, trostlos und einsam ringsum, kein Mensch, kein Tier, kein

Wasser. Groteske gelbe Felsgruppen kränzen den Horizont schanzenförmig,

oft eckig und fast schnurgerade wie Zigarrenkisten über- und

nebeneinander gestellt, ganz fern darüber zarte weiße Spitzen mit

graugrünen Schatten.

Langsam keucht die Riesenmaschine, es gilt haushalten mit Wasser und

Kohlen. Erst nach langen, bangen Stunden winkt eine kleine Tankstation,

um die ein paar schwarze Minenzechen und zwei armselige schmutzige

Saloons sich reihen. Aus halbzertrümmerten, längst pensionierten Cars

blöden und grinsen zerlumpte Negerweiber und Mischlingskinder. Auch

einige kleine, aber soldatisch straffe Japaner mustern scharf und

tückisch die Reisenden, die sich hastig im Sande die eingeschlafenen

Füße vertreten.

Die Maschine zieht lautlos wieder an, und alles stürzt zu den Türen

oder klettert unverfroren hinten über die Puffer des Aussichtwagens auf

dessen Plattform, wo Kaspar lachend steht.

Und weiter gehts durch die gelbbraune Steppe, über der die Sonne

tagaus, tagein erbarmungslos und unfruchtbar brütet.

Endlich gegen Abend ändert sich das Bild. Ein grüner Fluß schafft

Wandel, zunächst an seinen Ufern, dann ringsum. Herden kurzgeschwänzter

Schafe, auch einzelne Rinder tauchen zwischen niedrigen Büschen auf.

Wachholder und vereinzelte Gruppen trotziger, kleiner Zwergkiefern

klammern sich zäh an steile rote Felswände.

Kaspar lacht wieder und denkt fröhlich an Leipzig: +Collegia

mugoniana+!

Ein Tunnel heißt dröhnend den Zug willkommen, und in seinem rauchenden

Tor versinkt schnell das lockende Bild der bizarren Felslandschaft mit

der Devils Slide.

Dann braust der wildgewordene Dampfrenner plötzlich wie rasend bergab,

zischend bricht er gleich einem grimmen Drachenwurm in die gesegneten

Gefilde des Mormonenstaats Utah.

Tiefblauer Sommerhimmel, lachende Gärten mit Tausenden rotblühender

Obstbäume zwischen weißen, lieblichen Cottages.

Bei Ogden, dessen holden Paradiesesfrieden ernste Schneehäupter

bewachen, denkt Kaspar an Innsbruck und Hans Sebalt. Wo mochte der

traute Genosse ferner Jugendtage jetzt weilen? Ursemi hoffte in ihrem

letzten sehnsuchtsvollen Brief auch ihn, den großen Südseefahrer, in

New-Reda begrüßen zu können.

Und weiter rollt der wackere Überlandzug mitten hinein in ein weites,

seltsames Tal, auf dessen breiter Sohle der tiefblaue, schier

unendliche Salzsee totenstill und ölglatt wie ein Weiher liegt.

Die Sonne sinkt mählich. Auf einem über hundert englische Meilen

messenden Riesenpfahldamm poltert der Zug mitten durch die klare, nun

grün schimmernde Flut.

In allen Farben, vom tiefsten Violett bis zum fahlen Gelb, beginnen die

schneeigen Berghäupter zu spielen und wirre, grelle Reflexe sprühen

ringsum aus dem stahlblanken Spiegel des Sees, der nach und nach

immer flacher wird und zuletzt in hundert Lachen zu einer grauweißen

Salzwüste verebbt.

Glutrot taucht der Sonnenball in die bläulichen Dunstschichten des

Horizonts. Dämmerung breitet sich gespenstisch über die Landschaft, die

Kaspar dünken will wie ein Stück fremder Welten.

Immer tiefer wird der dunkelblaue Streifen des versinkenden Sees, immer

duftiger die Orangetöne der im Alpenglühen verhauchenden Felsspitzen;

nun sterben sie rasch, und ein hartes Dunkelviolett verkündet ihren

Tod.

Auch sonst ist alles Leben erstorben. Kein Vogel singt, kein Raubtier

schreit mehr, kein Blatt, kein Hälmchen mehr wagt sich zu rühren. Die

Wüste schläft. Starr wie die Gletscher des ewigen Eises liegen die

Leichen der Bergriesen um sie herum.

Grün und rot blitzen an der Strecke die Signallaternchen der

Blockstationen auf gleich lustigen Glühwürmchen. Und über schwarzen

Zacken steigt in majestätischer Ruhe die schmale Sichel der silbernen

Luna empor.

* * * * *

Und abermals zaubert die Lebenspenderin Sonne in taufrischer Schönheit

den Tag, und noch immer schnauft und prustet der unermüdliche Overland

Limited nunmehr munter 6000 Fuß hinauf zu den gefährlichen Firnen und

Schneejochen der Sierra Nevada.

Kecke, verwegene Goldgräber in abgeschabten Velvetkostümen, an

den Füßen Ledergamaschen und auf den trotzigen Häuptern breite

Filzhüte, steigen zum Schrecken einiger Fifth-Avenue-Ladies in den

Observationscar, lümmeln sich frech in die ledernen Parlorsessel;

rauchen, spucken, drehen ihre blitzenden Brillantringe und spielen

protzig mit ihren dicken Goldketten.

Empört fliehen die Dämchen in ihre verschwiegenen Compartements zurück,

drücken ihre Näschen indigniert an die Wagenfenster und mustern

neugierig hochmütig die vertierten, angetrunkenen Indianer, die ihnen

von draußen in malerischen Kostümen allerlei zierliche Knüpf- und

Flechtarbeiten ihrer fleißigeren Squaws feilbieten.

Die Vergangenheit grüßt die Zukunft Amerikas demütig; die Gegenwart

aber gehört den Pionieren des Glücks und der Kraft.

Die Strecke steigt immer noch. Dann donnert der Zug 55 Meilen lang

durch einen hölzernen Schneeschutztunnel, ein Kyklopenwerk, das ganzen

Wäldern der schönsten Baumriesen das Leben gekostet hat.

Da -- ein paar blitzartige Ausblicke auf starre, leichengrüne, von

schneebedeckten Zirbelkiefern umtrauerte Bergseen, die wie gefrorene

Meeraugen aus der Tiefe emporglotzen; und nun endlich gehts in

sausender Fahrt durch das duftende Blue Canyon hinab in das gelobte

Land Kalifornien, das mit herrlich blauen Koniferen, mit blühenden

Pfirsichen, Aprikosen, Birnen und Mandelbäumchen frohlockend den

Welttrotter grüßt.

Ein ewiger Frühling lacht aus den üppigen Tälern.

Weinberge, Orangen, Limonen, Feigen, Palmen, Live-Oaks, Eukalypten und

Rosen tanzen um die Wette an dem staunenden Kaspar vorbei. Das ganze

Land ist ein einziger blühender Garten, das Eden Amerikas!

Die weite Ebene öffnet sich ganz. Auf saftigen Wiesen weidet ein

schwerer Rinderschlag, eine feurige Rasse von Pferden. Hier fährt man

die Heuernte ein, dort ziehen Orangenhändler lachend zu Markt.

Alles atmet Fröhlichkeit, Üppigkeit, weltvergeßnen Genuß.

Auch dem soliden Überlandzug scheint kalifornischer Leichtsinn in die

eisernen Knochen gefahren zu sein. Er stiebt wie besessen dahin, so

daß eine wirbelnde Staubsäule ärgerlich hinter ihm herfegt und den

Observern der Plattform so viel Schmutz auf die Kleider und Sand in die

Augen wirft, daß sie die Position räumen.

Nur Kaspar weicht nicht, er schließt die Augen und träumt.

»Welt«, klingt es leise durch seine Seele, »wie groß bist du und wie

herrlich! Dank dir, toter Freund und Vater, daß du mich in solche

Weiten gesandt! Dank dir, Allmächtiger, daß du mir die Schönheit deiner

Wunderwerke geoffenbaret hast!«

Neuntes Kapitel

Shaky San Francisco

Schon in Oakland an der Fähre erwartete Ursemi ihren Kaspar und fuhr

mit ihm in glückseligem Geplauder über die tiefblaue Bai, an zwei

malerischen Inseln vorüber.

Kaspar sah die schmucken Eilande nicht; er sah nur in das liebe,

seltsam veränderte Gesicht der Jugendfreundin und glaubte allerlei zu

lesen, was ihm nicht gefallen wollte.

Harry war wie fast immer in Geschäften unterwegs, die kleine Edith ein

wenig erkältet; aber sonst war viel Gutes und Ergötzliches von dem

lieben Putz zu melden; tappeln konnte er schon ganz flott und auch von

Wau-Wau und Mies-Mies, von Brauni und Peter die größten Wunderdinge

zusammenflausen.

An der Ferry-Station stieg man aus. Ein elegantes Automobil mit

Chauffeur und Diener hielt vor dem mächtigen Portal, und mit

Staunen fuhr Kaspar die imposante Market Street mit ihren riesigen

Geschäftspalästen, ihren monumentalen Banken und Warenhäusern entlang,

an dem ragenden Kuppelbau der mit einer Liberty-Statue gekrönten

City-Hall vorüber, hinauf nach dem stillen Alamo Square, wo weiß

und schlank aus dem Gewühl der Holz- und Konkrethäuser das stolze

Marmorpalais New-Reda emporstrahlte.

Als Kaspar, vom japanischen Portier Charly gemessen begrüßt, von dem

Hausnigger Samy devot grinsend gefolgt, die mit dicken Smyrnateppichen

belegten kostbaren Mahagonistufen zwischen Bronzegeländern hinaufstieg,

während der Diener mit dem Koffer in der Lift hinauffuhr, da kam

über den gereiften Mann dasselbe Gefühl -- als erlebe er Märchen --

wie vor achtzehn Jahren in Reda. Wie die Winklersche Villa gegen die

Gnadenzeller und Betheler Bubenzimmer, so verhielt sich Neu-Reda zu

Alt-Reda.

Und als er gar von seinem hochgelegenen Balkonzimmer die schönere

und nicht minder kühn-aufstrebende Rivalin Neuyorks, die Königin

der Südsee und ihr »goldenes Tor« mit seinen blauen Buchten und

Inseln überschaute, da hätte er in die Knie sinken mögen vor solcher

majestätischen Schönheit.

Und doch war es Kaspar, als drohe Unheil, als laure in dem bläulichen

Dunst überm fern leuchtenden Ozean, etwa ein tückisches Untier, das

träge auf seine Stunde warte, um seine Riesenarme wie ein gieriger

Polyp um die vulkanische Halbinsel zu klammern und sie zu schütteln und

zu rütteln, daß ihre Grundvesten erbebten.

Als Kaspar bald darauf den strahlenden Harry Brosyn begrüßte und ihn

schüchtern fragte, ob es nicht ein wenig gewagt sei, gerade auf so

gefährlichem Boden wie hier so gewaltige Bauten aufzuführen, lachte

ihn der Graf weidlich aus, klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und

meinte überlegen: »+Well, my good fellow, our old shaky+ Frisco

hat seine Launen wie jedes schöne Frauenzimmer. Es neckt und shakt und

earthquakt auch manchmal ein bißchen; aber nur keine Angst! Man wird

das hier bald gewohnt und schert sich schließlich den Deubel drum. Wir

Amerikaner sind keine Angstmeier!«

»Oho --,« fiel Ursemi schalkhaft ein, »ich bin und bleibe eine

Deutsche, verstehst du, lieber Harry. Angst habe ich darum so wenig wie

du, du Bramarbas!«

Dann kam klein Edith und hinter ihm Brauni, das treue Hündchen.

Onkel Kaspar mußte Brauni streicheln, sein Pfötchen schütteln und alle

Kunststücke des struppigen Köters bewundern, mußte alle Spielsachen,

die Edith anschleppte, feierlich in Empfang nehmen und ward gründlich

beschäftigt.

Bald waren Kaspar, Edith und Brauni ein Herz und eine Seele und wurden

immer unzertrennlicher.

* * * * *

Die Tage wurden schwüler, die Hitze lastete immer schwerer über der

Riesenstadt und auch an dem sonst so bewegten Strande und auf der Bai

war kein kühles Lüftchen zu spüren, obwohl es noch nicht Mitte April

war.

Tag und Nacht standen die Fenster offen, doch es half nichts. Schon am

Morgen begann der Schweiß aus den Poren zu brechen.

Unter diesen Umständen verschob man die Ausflüge in die herrliche

Umgegend, vor allem ins paradiesische Yosemite Valley, auf frischere

Tage; denn von einem Ritt auf den Mount Tamalpais und ins Mill Valley

mit seiner einzigartigen Baumpracht vorsintflutlicher Redwoodriesen

waren Harry und Kaspar wie gebadet zurückgekommen.

Überdies hatte Harry gerade besonders viel auf seiner Bank zu tun, da

neue gewaltige Unternehmungen vorbereitet wurden und dazu große Summen

flüssig gemacht werden mußten.

Doch auch in der nächsten Umgebung San Franciscos gab es genug Schönes

zu sehen, insonderheit den wunderbaren Golden Gate Park, dessen

weiträumige Anlagen, Haine, Seen und Tierparks die Energie der Bewohner

erst vor kurzem gleichsam aus dem Boden gestampft hatten.

Mit Vorliebe stand Kaspar ganz früh auf -- da war es noch leidlich

kühl -- und erging sich auf den jetzt so fruchtbar bewaldeten Hängen

und üppigen Tälern des Parks, der noch vor wenig Jahren unfruchtbare

Sanddüne gewesen war.

Auch am Morgen des 18. April 1906 stand Kaspar um fünf Uhr auf und zog

sich ruhig an, obwohl es draußen gerade heute besonders dunstig und

schwül zu sein schien.

Plötzlich hörte Kaspar den treuen Brauni, der jetzt meist schon früh

vor seiner Tür lag und auf den Spaziergang wartete, laut aufheulen.

Mitleidig sprang Kaspar zur Tür -- da wars ihm, als stürze ihm diese

entgegen. Ein dumpf dröhnendes Rollen quoll aus der Tiefe, ein

furchtbarer Schlag, und mitten in das Zimmer, wo Kaspar noch eben

gestanden, fiel krachend durchs Dach ein mächtiges Stück Schornstein

herein.

Kaspar stürzte auf dem Gang, den er mit einem Sprung erreicht hatte,

lang hin, dann gellte sein Schrei in wilder Angst durchs Haus.

Im Nu sprang er auf. Edith! war sein einziger Gedanke -- hinab zu ihrem

Zimmer! Er riß das sanft schlummernde Kind aus seinem Bettchen, während

die Bonne schreiend erwachte und der getreue Brauni winselnd an ihm

hochsprang, als wolle er zur Eile mahnen.

Dann lief Kaspar an die Tür, hinter der die Eltern schliefen. Wie

wahnsinnig schlug er mit der Faust dagegen und schrie: »Raus, raus,

retten! Ich habe Edith!«

Und davon stürzte er, einige schon geborstene und verbogene Treppen

vorsichtiger nehmend, glücklich hinaus auf den Alamo Square, gefolgt

von Brauni.

Zitternd am ganzen Körper, setzte er das weinende Kind sanft auf den

grünen Rasen, rief ihm zu: »Nicht weinen, Onkel kommt gleich wieder,

hier Brauni kusch!«

Und zurück hetzte er, auf das Palais zu, während von allen Seiten

aus den wankenden, reißenden, hie und da schon aufflammenden Häusern

halb wahnsinnige, schreiende Menschen, kaum mit dem Notdürftigsten

bekleidet, herausstürzten.

Der kleine Japaner Charly und der Nigger Samy waren die ersten, die ihm

aus New-Reda entgegeneilten. Rasch wies Kaspar ihnen den Platz, wo das

spielende Kind neben dem gerade schönmachenden Brauni schon wieder vor

Vergnügen jauchzte; aber die beiden Farbigen grinsten nur spöttisch,

winkten verächtlich ab und schossen mit allerlei verdächtigen Bündeln

fröhlich davon, als begänne für sie ein großes Fest.

Den Japaner Charly hat nie wieder jemand gesehen. Samy lag später

mit bestialisch verzerrter Fratze in der schmachvollen Reihe der

erschossenen Plünderer.

Auf den ersten Stufen der Treppe rannte Kaspar gegen die schreiende

Zofe an. Die Bonne lag weiter oben ohnmächtig und blutend zwischen zwei

Geländer gepreßt.

Kaspar wollte sie emporziehen, losreißen, sie befreien, vergebens!

Immer dichter und dichter schoben sich Holz, Bronze, Eisen und Teppiche

um die Bewußtlose zusammen.

»Ein Beil!« brüllte Kaspar; aber niemand hörte. Dann scheuchte ihn

plötzlich die wilde Angst um Ursemi weiter hinauf.

»Gott sei Dank!« da stieg Harry mit der Ohnmächtigen eilends die leise

knirschenden Treppen hinab.

»Paß auf,« schrie Kaspar, »hier ist ein tiefer Spalt, spring oder wirf

sie mir zu!«

Aber das war leichter gesagt als getan. Mit dem Fuß stieß Kaspar ein

schon halb abgerissenes Bronzegeländer vollends los, warf es wie eine

Brücke über den Spalt, und Harry glitt noch eben hinüber, kam freilich

mit seiner Last zu Fall vor Kaspar, der Ursemi auffing und weitertrug.

»Komm, das Kind ist draußen,« drängte Kaspar den Grafen, der sich

leicht verletzt hatte und nachhumpelte.

»Aber die Bonne hier, die laß ich nicht liegen!« meinte Harry

mitleidig, obwohl es über ihm immer unheimlicher krachte und schob.

»Komm,« gellte Kaspars Schrei noch einmal flehend zurück, »nichts zu

machen ohne Beil!«

»Werden wir gleich haben,« sagte Harry mit kühlem Blut, während Kaspar

mit Ursemi über der Schulter zur Tür hinauskeuchte.

Neben das mit Brauni spielende Kind bettete er die bleiche Mutter, und

klein Edith legte geheimnisvoll die Rechte an ihr Schnutchen, hob ein

Fingerchen der Linken und sagte mit wichtigem Mienchen: »Mama slafe,

slafe. Didith danz tille sein, Papa atta. Bauni tusch, tusch!«

Und gehorsam legte sich die treue Hundeseele neben seine gestrenge

Herrin und ließ das Zünglein behaglich hängen.

Bald darauf neigte sich Palais New-Reda ein wenig vornüber und stürzte

krachend zusammen.

Unter seinen Trümmern fanden die tapferen Sappeure der Marine

später die völlig zerquetschten Leichen der Bonne und des Grafen

übereinandergepreßt.

Krampfhaft umklammerte des tapferen Harrys Hand noch das Beil, mit dem

er das arme Mädchen hatte befreien wollen.

* * * * *

Furchtbare Stunden und Tage hatte Kaspar durchzumachen.

Kaum war Ursemi von ihrer schweren Ohnmacht erwacht, so wollte sie auch

in das Haus zurück. Als sie es schon gestürzt sah, brach sie mit einem

entsetzlichen Aufschrei aufs neue zusammen, während das erschreckte

Kind weinend davonzulaufen suchte.

Die Zofe war erst wie blind davon gestürzt und hatte sich, selbst

völlig verwirrt unter den vielen verwirrten Menschen, die sich bald wie

eine führerlose Schafherde benahmen, scheinbar verloren. Später traf

Kaspar sie dann wieder und konnte ihr wenigstens das Kind anvertrauen.

Als jedoch gegen zehn Uhr der zweite, noch heftigere Stoß einen großen

Teil der schon erschütterten Häuser vollends umkippte wie dünne

Kartenhäuser, als die Erde sich spaltete, Pflaster und Schienen, Kabel

und Röhren zerrissen, so daß Wasser und Gas allenthalben hervorstoben,

als die Flammen von allen Seiten wie ein glühendes Meer heranwogten

und rasten, da kostete es Kaspar unsägliche Mühe, die völlig ratlose

Zofe bei sich zu behalten und mit ihr die in wilden Phantasien rasende

Gräfin abzuhalten, ihr Kind zu ergreifen und irgendwohin in eines der

brennenden Häuser zu stürzen.

Und die langen, bangen Stunden schlichen dahin, Hunger und Durst

meldeten sich. Kaspar fing irgendwo von einer noch rinnenden Leitung

Wasser in sein Portemonnaie auf und gab dem weinenden Kinde, gab der

Zofe und dem Hunde zu trinken, wusch Edith und sich ein wenig, füllte

wieder und wieder, netzte von Zeit zu Zeit die lechzenden Lippen der

fiebernden, bewußtlosen Mutter, legte ihr sein feuchtes Taschentuch

auf die glühende Stirn, bettete ihr Haupt sanft auf seine Weste und

deckte mit seiner Jacke notdürftig ihre zitternden Glieder. Denn sobald

der Tag sich neigte, sobald an die Stelle der furchtbaren Schwüle eine

merkliche Kühle trat, gebrach es an Kleidung. Auch die Zofe mußte ihre

dünne Nachtjacke hergeben und klein Edith darin einhüllen.

Als die Zofe jedoch weinend und stotternd erklärte: sie erfriere

und müsse die Jacke anziehen, stand Kaspar ratlos auf und stahl im

schützenden Dunkel der Nacht einem gutbekleideten Schlafenden eine

Decke, hüllte das weinende Kind darein, nahm es liebkosend in seine

Arme und buschte es ein.

Eine furchtbare Nacht schlich dahin, bitter kalt und feucht.

Böige Winde brausten daher, auch Regenschauer, die freilich dem

Feuer nicht Einhalt tun konnten, im Gegenteil, es scheinbar heftiger

anfachten.

Tausende von Holzhäusern brannten in wenigen Stunden bis auf den

letzten Rest nieder. Steinbauten stürzten laut krachend zusammen, und

bei den riesigen Zementgebäuden lösten sich, nach und nach springend,

die angepatzten Konkretmassen von den glühenden Eisenträgern und

torkelten mit dumpfem Gepolter in die Tiefen oder über die zerrissenen

Straßen.

Es war ein schauerlich imposanter Anblick, die gewaltige, brennende

Stadt ringsum, vor allem unten in der Tiefe.

Aus dem noch immer wogenden Flammenmeer ragten die weiß, gelb und

rot glühenden Eisengerüste, wie greuliche Skelette bläkend und

zähnefletschend, in die Höhe; und wenn die Windsbraut ihnen heulend

aufspielte, schien es Kaspar, als wären sie lebendig und tanzten einen

wilden Cancan zwischen den lodernden Flammen, als würfen sie sich mit

hohnlachendem Knattern und Knistern die Riesentrümmer wie Spielbälle

zu. Ja, das höchste Gerippe hielt die kupferne glühende Kuppel der City

Hall mit der Libertypuppe jauchzend empor wie eine glücklich erbeutete

Krone.

Und dazu das tückische Johlen und Beifallpfeifen des Sturmes, das

wüste Toben der verzweifelten Menschheit, die gellenden Schreie der

zahllosen Verwundeten, der hilflos Verschütteten, der Wahnsinnigen

und Fiebernden, das blöde Wimmern oder wütende Fluchen derer, die

in Minuten verloren, was sie in langen Jahren mühsam verdient und

erschafft, die scharfen Schüsse zwischen Soldaten und Plünderern,

und fern vom Strande dumpf donnernde Brandung wie das befriedigte

Brummen eines gesättigten Raubtiers -- wahrlich -- das klang wie das

schauerliche Mißkonzert einer infernalischen Nacht!

Und dann graute der Tag. Die Sonne stieg empor -- erst blutig rot

vom Dunst und Qualm -- dann hell strahlend und hart. Mit grausamer

Genugtuung schien sie den furchtbaren Greuel der Verwüstung zu mustern,

spöttisch das wirre bunte Lager der Hunderttausende auf den Squares und

im Golden Gate-Park zu belachen.

Mit Decken, Plaids und Laken, auf abgebrochene Stakete und Äste

gespannt, hatten sich manche schon notdürftige Zelte errichtet; aber

nur Dutzende unter Tausenden waren so glücklich, mehr gerettet zu haben

als das nackte Leben und zwei oder drei Kleidungsstücke.

Menschenliebe und Mitleid schafft das wirklich große Unglück nie, nur

Roheit und Verbrechen! Man gab sich nicht nur nichts; man stahl sich

noch das Wenige im Dunkel der Nacht; man stieg heimlich in die Trümmer

zurück, um zu plündern, was man brauchte oder den Toten nicht gönnte.

Kaspar Krumbholtz · 第 18 / 20 段