New-Reda genannt, hoch über San Franzisko, auf dessen wundervolle
Bai vom goldenen Tor sie nun tagtäglich herabschauen könne. Selten
sei auf der lieben Gotteserde so viel Schönheit verschwenderisch
zusammengehäuft worden wie in diesem sonnenheiteren, freilich ein
wenig wackligen Kalifornien, und doch könne sie die ernsten, nebligen
Waldberge Schlesiens darüber niemals vergessen. Kaspar müsse zu ihr
kommen und sie vom Heimweh kurieren, dafür wolle sie ihm auch klar
machen, daß ein alter Junggeselle gar nichts von Kindern verstehen
könne.
Kaspar lachte -- nach langer, banger Zeit -- endlich einmal wieder
aus vollem Halse und fröhlichem Herzen. Dann ging er voll innerer
Gewißheit und Klarheit zu seinem Direktor, um ihm zu kündigen.
Der sprach einige schöne bedauernde Worte, die auf Kaspar jedoch
weniger Eindruck machten, als vor Jahren der ehrliche Ärger des
Tramberger »Chefs«.
Die Kollegen machten große Augen, als sie von Kaspars Austritt und
seiner Begründung hörten, und fragten einander erstaunt, was dieser
gewiß biedere, doch in seinen Fähigkeiten ziemlich begrenzte Kollege da
drüben im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten wolle.
Kaspar verriet es ihnen nicht, er wußte es ja selbst noch nicht so
recht. Er kam sich selber zur Genüge klein und unwert einer solchen
unverdienten Auszeichnung vor; aber das Kuratorium war seinen
utopischen Entwürfen so nahe getreten, daß es ihm schon eine ganze
Reihe ergänzender Beobachtungen auferlegt und auch eine ziemlich exakte
Marschroute für die bedeutendsten Erziehungsanstalten Nordamerikas
vorgeschrieben hatte.
Kaspar ging mit gewohnter, zäher Gründlichkeit an die neue schwierige
Aufgabe, in der er doch wieder einen höheren Wink zu erkennen glaubte.
Er studierte die nicht kleine, aber merkwürdig oberflächliche,
meist nur nach dem äußeren Eindruck urteilende Literatur über
Amerika, aus der jedoch drei bedeutsame und völlig verschiedene
Urteilsindividualitäten hervorragten: ein künstlerisch empfindender
Geograph, sein geliebter verstorbener Lehrer, ein still von ihm
verehrter und auch schon betrauerter Lausitzer Poet und ein ihm noch
unbekannter deutsch-jüdischer Philosoph, der allerdings nicht ganz die
Objektivität der beiden andern aufwies, vielleicht weil er, wie so
viele Deutsche, Amerika zu lieb gewonnen hatte.
Aus diesen drei deutschen und zwei sehr ergiebigen englischen Quellen
schöpfte Kaspar seine beste Vorbereitung für die bevorstehende eigene
Anschauung.
* * * * *
Nun galt es Abschied zu nehmen. Viel Liebes besaß Kaspar nicht im
Vaterlande.
Die Enterbten der Moravenrunde gaben ihrem »heimlichen Prinzen« launig
ihren Segen, und Gottfried Kämpfer hielt zu seinem Abschied eine
warme, sinnige Scherzrede über den heilkräftigen Wert sogenannter
Kolonialböden.
Er habe manche Nacht darauf gelegen und nach und nach herausbekommen,
daß sie einen zauberisch würzigen Duft ausströmten, der besonders für
alternde Gehirne, senile Willenspotenzen und verkalkende Arterien
ausgezeichnete Dienste tue. Kaspar solle sich also öfters, namentlich
im jungfräulichen wilden Westen, auf den Boden legen, aber ja nicht auf
den Bauch, sondern hübsch mit der Nase gen Himmel, sonst verlöre der
beste Pionier die Orientierung.
Mit drei Hurras für »Seine Königliche Hoheit, den Prinzen Schlemihl
von Utopien, zurzeit Ehrenritter des goldenen Kalbes«, schloß der
Journalist und überreichte Kaspar feierlich seinen kleinen Kompaß aus
dem Burenkriege, damit er jederzeit wie der andächtig betende Moslem
wisse, wo sein Mekka, wo »das liebe, närrische Land der solidesten
Träumer« liege.
Dann fuhr Kaspar nach Reda zu der recht hinfälligen Mutter Winkler, die
ihm, noch immer sorgend, allerlei Päckchen für die große Ursemi und die
kleine Edith mit vielen Grüßen auf die Seele band.
Auch den +Dr.+ John Sebalt und seine Zwillingsbübchen sollte
Kaspar von ihr grüßen, wenn er ihn irgendwo zu sehen bekäme.
Volpelius hatte eingehende Besprechungen mit Kaspar und weihte ihn
völlig in die nun schon zu wichtigen Einzelheiten gediehenen Pläne des
Kuratoriums ein.
Von Kaspars Berichten erwarte man vor allem Klärung in allerlei
schwierigen Fragen für praktische Aufgaben, die eben in Amerika
vielfach mit dem ganzen Mut traditionsloser Pioniere und dem Geschick
lebenskluger Geschäftsleute gelöst seien.
Kaspar möge als unbefangener Erziehungssachverständiger nachprüfen, ob
und wie weit dabei »der Geist, der sich die Formen schaffe«, zu seinem
Rechte gekommen sei und was, ohne deutscher Eigenart zu schaden, als
fruchtbare Anregung oder gar als Vorbild zu verwerten sei.
Die Mittel seien so weit beisammen, daß man demnächst mit den ersten
Bauten der Winklerstiftung beginnen könne.
Dann händigte Volpelius seinem Schützling einen großen Stoß wichtiger
Empfehlungsbriefe und einige Reisescheckbücher ein.
* * * * *
Von Reda reiste Kaspar nach Ingelbach zu seinem hoffnungslos
dahinsiechenden Onkel Andreas, den Tante Renate mit selbstloser Hingabe
pflegte.
Es war ein bewegtes Wiedersehen und -- wie Kaspar deutlich fühlte --
ein Abschied für immer.
Zum Skelett abgemagert, lag der ehrwürdige Onkel nun schon seit Monaten
völlig hilflos auf seinem Schmerzenslager. Und doch kam keine Klage
über die schmalen, blutleeren Lippen, im Gegenteil, er dankte seinem
Herrn Jesus, der ihm Gelegenheit gebe, seinen Glauben an ihn auch im
Leiden zu bewähren, und ihn damit zu preisen vor den Menschen.
Es war ein stiller, rührender Held, der so, leise und eindringlich,
zu seinem Neffen sprach. Es war kein verzückter Märtyrer, kein
überspannter Fanatiker, aus dem etwa unheimlich die Selbstqualfreude
hervorloderte.
Kaspar fand zwar keinen Trost für das furchtbare Leiden des sterbenden
Mannes, er blieb stumm vor Ergriffenheit; aber er nahm aus den
abgezehrten Knochenhänden des Greises reichen Trost und Segen mit sich.
Das Bild Christi war in Kaspars Seele lang verschwunden; nun tauchte
es, wie aus Morgennebel, schüchtern wieder empor, lieblich und rührend,
väterlich milde und menschlich gütig wie in den Tagen seiner ersten
Liebe zu ihm.
Um Dogmen und Forschungsergebnisse war es Kaspar schon längst
nicht mehr zu tun; auch die theologische Auffassung der Person des
Menschenerlösers war ihm, wenn nicht gleichgültig, so doch
unwesentlich.
Nur eines stand ihm plötzlich wieder fest: Wenn Christi Leben und
Sterben noch immer befreiend, verklärend, ja wunderkräftig auf so
schlichte, reine und ernste Menschen wie Onkel Andreas wirken konnte,
dann konnte seine göttliche Wirkung und Bestimmung, deren letzter
Urgrund für uns Menschen vielleicht absichtlich Geheimnis bleiben
sollte, noch längst nicht nachgelassen haben oder gar erschöpft sein.
Auch Kaspar wollte ruhig warten, was in seiner Seele nach und nach
offenbar, oder vielleicht nur ~wieder offenbar~ werden wollte.
Erzwingen ließ sich nichts, das hatte er zur Genüge erfahren.
Eines wußte er nun: Das innere wie äußere Erleben spiegelt uns
unsern Gott. Und wie das Leben millionenfach verschieden ist, gleich
der großen Natur und ihren Offenbarungen, so auch der Spiegel des
göttlichen Wesens in den Seelen der Menschen. Je bewegter die Seelen
sind, um so unklarer wird dieses Bild; darum gilt es ruhig zu werden,
um seine erhebende Schönheit rein und andächtig zu genießen, ruhig wie
die Kinder, die redlichsten Diener Gottes.
* * * * *
Es war Silvester, und wie in seinen Jugendjahren ging Kaspar Krumbholtz
mit ernster Fassung in den weihevollen Mitternachtsgottesdienst der
Neujahrsnacht, nachdem er Onkel und Tante nach alter Brüdergemeinsitte
einen gesegneten Übertritt in das neue Jahr gewünscht hatte.
Rundum warmes, schweigendes Düster, nur hie und da spärlich erhellt
von weichem, bläulich verschleiertem Laternenschimmer. Feuchter
Nebeldunst war beim Atmen zu spüren, unsicher tastete der Fuß über das
schmutzig-schlüpfrige Pflaster.
Etwas Erwartungsvolles, unheimlich Kreißendes lag über der im Dunkel
versunkenen Landschaft wie vom Brauen und Weben einer fruchtbaren
Vorfrühlingsnacht.
Das alte, brave Glöcklein rief mit seinem heiseren, dünnen Stimmchen
vom gespenstischen Dachreitertürmchen herab die Andächtigen aus
Ingelbach und Umgegend zum großen Kirchensaal, vor dessen Türen die
Bläser mit vollen Backen und unter einigen redlichen Schweißtropfen
einen schwierigen, nur für diese Gelegenheit üblichen Choral bliesen.
Im schlichten, weißen Saal standen noch die hohen, duftenden
Christtannen im Schmuck ihrer letzten Lichter, und rings von den Wänden
und den Brüstungen der Emporen herab grüßten feierlich Lichtlein um
Lichtlein.
Der feinfühlige Organist intonierte stimmungsvoll ein zartes,
wehmütiges Vorspiel, das wie ein müdes Scheidelied an das alte Jahr
klang, während sich Kaspar hinten unters Chor in einen stillen Winkel
schlich, wo er mit sich und seinen Stimmungen und Gedanken allein war.
Der Liturg schritt gemessen hinter den dunkelgrünen Tuchaltar, auf dem
eine mächtige Bibel lag, und blickte gebietend zur Orgel hinauf.
Der Chor sang mit wundervoller Harmonie sein »Heilig, heilig, heilig
ist Gott der Herr,« und dann brauste mächtig und doch getragen das Lied
der ergriffenen, dichtgedrängten Gemeine durch das festliche Haus: »O
Ewigkeit, du Donnerwort!«
In ernster Rede sprach der Geistliche über die schönsten Worte des 90.
Psalms, und alles lauschte mit Aufmerksamkeit.
Nur Kaspar saß wie träumend und ließ noch einmal an seiner Seele seine
ganze bisherige Entwickelung vorüber ziehen.
Als Kind hatte er in der ersten Neujahrsnachtfeier, die ihn schon
damals innig bewegte, gelobt: ein redlicher Diener Gottes zu werden wie
sein Vater, der den Heldentod auf dem Felde von Gottes Ehre gefunden
hatte.
Als junger Student hatte er wieder in einer solchen Nacht davon
geschwärmt: was müsse es doch für ein unsagbares Glück und stolzer
Auftrag sein, in so weihevoller Stunde als gottverordneter Diener am
Wort einer sündigen Menschheit ein drohend donnerndes »Besinne dich«
zuzurufen und damit auch die schlaffsten, gleichgültigsten Seelen
wachzurufen und aufzurütteln. Und dann?
Dann gingen die paar Menschlein unter den Milliarden hinaus mit jenen
guten Vorsätzen, mit denen die Macht der Finsternis die schönen,
bequemen Wege zu ihrer Hochburg gepflastert hatte.
War dieser Beruf der Festtagerschütterer und Sonntagtröster wirklich
der höchste der menschlichen?
Nein, auch er war nur einer unter vielen, nicht besser und nicht
schlechter als andere -- nur gefährlicher! Denn jeder Diener der
Majestät neigt dazu, sich selber ein Stück derselben zuzuschreiben. Die
Geschichte der Kirche lehrte es zur Genüge durch die Jahrhunderte.
Der Weltenschöpfer hatte sicherlich an jedem redlichen Schaffen seine
Freude, ob es für Ihn, für den Schaffenden selbst oder für andere war,
ob produktiv oder reproduktiv, ob fürs Ideale oder ums liebe Brot --
galt Ihm, dem über all das Erhabenen, wohl gleich.
Er stand ja auch nicht still; Er hatte gar viele Mühlen im Gange,
die für Ihn mahlten; und die leisesten und verborgensten waren Ihm
vielleicht die liebsten, sicherlich die wichtigsten.
Kaspar wollte sorgen, daß seine Mühle nicht stille stand.
Da brach mit jubelnden Fanfaren das neue Jahr herein -- schnitt
rücksichtslos dem Geistlichen die letzten Worte ab, obwohl er sie nach
der Uhr genau abzuzirkeln versucht hatte. Da läutete das Glöcklein
droben Sturm, denn der Küsterbruder zerrte es gar wild und grimmig.
Da sangen die Männer, Weiber und Kinder ringsum frohlockend: »Nun laßt
uns gehn und treten mit Singen und mit Beten«, und dann beugten sie die
Knie und beteten wirklich und tief erschüttert von der Wucht und den
Schauern des großen Augenblicks: »Du ewiger Gott, heiliger, starker
Gott!«
Auch Kaspar betete, aber er dankte nur still, daß ihn der
Unerforschliche trotz aller Trübsal seines Lebens, trotz der
niederschmetternden Enttäuschung auch dieses herben Jahres doch den
richtigen Weg geführt habe, und daß er es endlich wieder verstehen
gelernt habe.
Während die eben noch so Andächtigen sich mit jovialen, breiten
Philistermienen die derben Alltagshände wacker schüttelten, die runden
Handwerksschultern vertraulich klopften und sich laut »Prost Neujahr«
zuschrien oder sich leise »ein gesegnetes neues Jahr« in die Ohren,
Hauben und Kapuzen raunten, schritt Kaspar an dem kleinen, stillen
Friedhof, auf dem gar manch ein Krumbholtz schlummerte, vorbei --
hinaus in die zukunftgebärende Nacht.
Von rückwärts verhallte der weiche Orgelklang und der grelle, harte
Klang der Posaunen; vor ihm knallten einige frohe Schüsse übermütiger
Dorflümmel; fern von unsichtbaren Dorftürmen bimmelten dumpfe und helle
Glöcklein.
Wieder ein Jahr vorüber -- und das Leben schritt unaufhaltsam weiter
von Generation zu Generation.
* * * * *
Als Kaspar nach einiger Zeit erfrischt und innerlich geklärt zu dem
kleinen Hause seiner Verwandten zurückkehrte, fand er eine schluchzende
alte Frau über einer noch warmen Leiche hilflos zusammengebrochen.
Onkel Andreas hatte unter den Klängen der Glocken und Posaunen sein
Lebenswerk zu Ende gebracht. Lächelnd und friedlich lag er da wie ein
glücklicher Sieger.
Kaspar richtete mit schonender Zärtlichkeit die arme Tante Renate auf,
strich ihr über die verwirrten Strähnen ihres dünnen, silberweißen
Haares und sagte liebreich tröstend:
»Weine, Tantchen, es erleichtert, aber klage nicht! Es kommt nichts um
in Gottes Reich; auch dieser Mann hat nicht umsonst gelebt. Er hat mit
seinem Leiden und Sterben die schönste Predigt seines Lebens gehalten.
Halten wir uns an das Wort, das ihm so starken Trost gab: Wo ich bin,
da soll mein Diener auch sein!«
Da umarmte die wankende Greisin ihren aufrechten Neffen und stammelte:
»Wenn du das wieder glauben kannst, mein Junge, dann ist auch er nicht
umsonst gestorben.«
Achtes Kapitel
Die neue Welt
Wie die stumpfen Riesenzähne eines gierig weitgeöffneten Rachens
bläkten die zahllosen Piers zu beiden Seiten des Hudson aus dem langsam
verebbenden Nebelmeer.
In tausend Signalen tutete und schrillte, stöhnte und frohlockte
ein scheinbar völlig wirrer Verkehr auf dem tagsüber schmählich
geknechteten Fluß, der nur in schweigender Nacht, im Spiel der
ruhigen Himmelslichter, seine stille Majestät und ursprüngliche Größe
wiederfand.
Ein dumpfes Brausen, in dem Millionen Stimmen mitklangen, schwoll von
all den Ufern ringsum, vor allem von der langen, schmalen Landzunge,
auf der sich das schier endlose Neuyork dehnte und streckte.
Mit gefaßter Seele und bohrenden Blicken maß Kaspar Krumbholtz das
seltsame Völkertor Nordamerikas, durch das schon so viele Millionen des
sich immer noch überreichlich verjüngenden deutschen Volkes zu neuem
Leben, zu Freiheit und rastlosem Schaffen gezogen waren.
Unheimlich drohend standen die Ungetüme von Wolkenkratzern da drüben
in Reih und Glied, gleich einer Schar trotziger Garden. Auf ihren
vergitterten Masken stand ein herrisches »Herein -- doch nicht zurück!«
Kaspar zuckte zusammen. Auch sein Geschlecht hatte diesem Moloch unter
den Kontinenten wertvolle Opfer bringen müssen. Würde auch er dem
verführerischen Zauber dieses lockenden jungfräulichen Bodens erliegen,
der selbst einen so heimatstolzen und unabhängigen Mann wie den Grafen
Harry Brosyn nach und nach überwältigt hatte und ihn nicht wieder los
ließ? Vielleicht konnte ihm, dem Missionskind, dieser Zauber weniger
anhaben, da er ja schon ein Kind dieses Erdteils war.
Zu langem Nachsinnen war Hoboken nicht der Ort und das Anlegen eines
Hapagdampfers nicht die Gelegenheit. Der heiße Sturmatem des neuen
Landes wehte dem Ankömmling bereits entgegen, ehe er es betrat.
In wenigen Minuten war man fest, war man an Land, war man in den
tückischen Klauen schonungsloser Zollinquisitoren, der ersten großen
Schande der stolzen Republik.
Noch manche andere und schlimmere sollte Kaspar offenbar werden
bei seinem langsamen und zähen Prüfen, das sich von schimmernden
Oberflächen und blendenden Äußerlichkeiten nicht bestechen ließ.
Aber was bedeuteten allerlei kleine Schönheitsfehler wohl für das große
Ganze? Kinderkrankheiten für einen später vielleicht um so gesünderen
Organismus!
Stieß Kaspar doch allüberall auf einen mutigen, lebensfrohen und
zukunftsicheren Menschenschlag, der all diese herben Schäden
wie Bestechlichkeit, Spekulationswut, Mammonsgeist, Prahlsucht,
rücksichtslosen Egoismus, Roheit, sittliche wie religiöse Heuchelei,
mehr oder weniger offen zugestand und des festen Glaubens lebte,
mit der Zeit auch darüber ebenso hinweg zu kommen wie über seine
künstlerische Unreife und Unselbständigkeit.
»Das ist alles nur provisorisch, das Eigentliche muß erst noch kommen«,
so stand es überall auf den Gesichtern dieser nationalstolzen Bürger,
dieser selbstbewußten Bürgerinnen zu lesen.
Ein starker, unbesieglicher Optimismus waltete wie ein unsichtbar
schützender Genius über dem jungen, zuversichtlichen Volke.
* * * * *
Schon am nächsten Morgen begann Kaspar Krumbholtz die ihm aufgetragenen
Studien, indem er der großzügigsten und wissenschaftlich am
selbständigsten und kühnsten aufstrebenden Bildungsstätte Amerikas, der
Columbia-Universität, einen Besuch abstattete.
Schon hier hatte Kaspar nach wenigen Stunden das Gefühl, daß er vor
einer den deutschen staatlichen Hochschulen ebenbürtigen und doch
privaten Schöpfung stehe; woraus er freudig, doch vorschnell schloß,
seine gründlichen Landsleute würden daheim etwas Ähnliches schaffen
können, sobald nur einmal genügende private Mittel zur Verfügung
ständen. Er vergaß die Wucht der Tradition, den Zwang der historischen
Entwickelung, die Schlaffheit seines Jahrhunderte lang übermäßig
bevormundeten, bürokratisierten Volkes.
In den Geist und die Eigenart Columbias, dieser monumentalen
amerikanischen Wissenschaftshochburg, einzudringen, dazu bedurfte es
allerdings längeren Ein- und Mitlebens, und Kaspar, der sich für seine
Reise das »+multum, non multa+« als Motto gewählt hatte, scheute
diese Mühe auch nicht und sollte es nicht bereuen.
In einzigartiger gastlicher und kameradschaftlicher Weise kamen ihm
Dozenten und Studenten entgegen, insonderheit die Herren vom deutschen
Departement, mit denen Kaspar schließlich in freundschaftliche
Beziehungen treten durfte.
Von Columbia führte ihn die Arbeit zum City College, das in
märchenhafter Schloßherrlichkeit, frei und stolz, hoch über die
Nordstadtteile Neuyorks emporragt.
Auch hier galt es länger zu verweilen und sich schließlich nur schweren
Herzens loszureißen; denn noch harrten der Besichtigung allein in
Neuyork eine ganze Reihe ähnlicher, freilich nicht mustergültigerer
Bildungsanstalten, in denen eine merkwürdig gleichmäßige Jugend in
kecker, ein wenig geräuschvoller Selbständigkeit, in ritterlicher
Frauenverehrung, gesund an Leib und Seele, heranwuchs.
Dann ging es in die nähere und weitere Umgegend, in das vornehme Yale
und Princeton, das altehrwürdige, ein bißchen sybaritisch erschlaffte
und verzopfte Harward, das zurzeit auf seinen Lorbeeren eingeschlummert
schien, in das gediegene Johns Hopkins, das solide Pennsylvania und das
jugendfrische Cornell.
Auch die idyllisch angelegten, zum Teil schon von Natur paradiesisch
ausgestatteten Mädchen-Colleges Vassar, Wellesley und Smith-College
suchte Kaspar auf, nahm neue, reiche und tiefe Eindrücke und Anregungen
in sich auf und verbrachte unvergeßliche Stunden mit edlen, freien,
zielbewußten Frauen, um deren Gestalten bisweilen ein Hauch königlicher
Würde schwebte.
Es war in der Tat eine neue Welt, die dem ehemaligen Lehrer der
Tramberger Anstalt und der Leipziger Reformschule nach und nach
aufging. Und doch ward er gerade hier oft an alte moravische
Institutionen, zum Beispiel das Jahrgangssystem, die mehr oder
weniger begrenzte Selbstverwaltung der Zöglinge und die intensive
Körperausbildung, erinnert.
Unabsehbare Perspektiven eröffneten sich jedenfalls, frohe
Zukunftshoffnungen regten sich; klarer und klarer wurde Kaspar, wo
deutsche Nacheiferung mit Erfolg einsetzen konnte, wo nationale
Selbständigkeit und deutsche Stammesart gewichtige Unterschiede
bedingen und behaupten mußten.
Im großen und ganzen waren es mehr äußere Vorzüge, die den Neid
deutscher Erzieher erregen konnten, so die großlinige Anlage der
behaglichen Wohnheime, der fürstlich ausgestatteten Institute, der
vornehm moderne Zuschnitt des kraftvoll gesunden Lebens, die üppige
Gelegenheit zu Spiel, Sport und Kunstpflege aller Art, die reichen
Bibliotheken, die freie Geselligkeit und anderes mehr.
Aber auch innere Momente waren sehr beachtenswert, vor allem die
Einheitlichkeit der nationalen Grundstimmung, die frauenstolze
Sittenstrenge, die zielbewußte Erziehung zum unabhängigen
Willensmenschen, der nüchtern, keck, froh und nicht mit allzu viel
gelehrtem Ballast beladen, seinen Mann im praktischen Leben stehen
kann.
Nur ein wichtiges Moment, das den alten Griechen wie ihren modernen
Nachfahren, den Deutschen, stets als Ideal im Zenith ihrer Erziehung
stand, das der künstlerischen Harmonie, vermißte Kaspar gar zu sehr
in den amerikanischen Bildungsanstalten. Dafür herrschte zu viel
Oberfläche, zu viel Prunk, gab es zu viel Hast, zu wenig Tiefe und
still langsames Reifenlassen.
Man pflegte anscheinend einen guten und lebenstüchtigen Durchschnitt zu
erzielen, aber keine besonderen Individualitäten, keine Führernaturen,
keine Bahnbrecher, die übrigens wohl nicht zufällig auch dem
amerikanischen Kunst-, Wissenschafts- wie Staatsleben in der Tat
fehlten. Selbst an geistig wie wirtschaftlich wirklich unabhängigen
Forschern gebrach es allenthalben, vielleicht darum, weil die Erzieher
und Lehrer Amerikas nicht ähnlich fürstlich unterhalten und geschätzt
wurden wie die prunkvollen Gebäude, in denen sie wirkten.
Nur im Geschäftsleben waren geniale Schöpfer zu finden, da hier
einstweilen noch durchaus der Schwerpunkt des amerikanischen Ehrgeizes
und seiner Leistungen lag.
Weit schärfer traten Kaspar diese Mängel der amerikanischen
Jugenderziehung entgegen, als er nach einigen Monaten in den Middle
West und Westen kam.
Freilich galt es auch hier, nicht in Bausch und Bogen zu urteilen oder
gar zu verurteilen, es galt vorsichtig und gerecht zu prüfen und zu
werten; es galt vor allem, nicht Früchte von Bäumen zu verlangen, die
erst vor kurzem gepflanzt und noch nicht einmal fest eingewurzelt
waren.
Überdies gab es Ausnahmen genug, namentlich da, wo sich in älteren
deutschen Ansiedlungen, nach Befriedigung des gierigen Geldhungers,
der alte germanische Bildungstrieb schon wieder geregt und
Eignes geschaffen hatte, wie etwa in der stolzen Metropole der
deutschen Middlewest-Kultur, in Cincinnati, oder im lieblichen,
rührigen Indianapolis, in Milwaukee, Chicago und den selbstbewußt
emporstrebenden Zwillingsstädten St. Paul-Minneapolis.
* * * * *
Und weiter gen Westen eilte Kaspar, und nach und nach ging dem bisher
allzu eifrig aufs geistige Amerika Bedachten auch die Eigenart und die
in scharfem Kontrast zwischen arm und üppig schwankende Beschaffenheit
des Landes auf. Mit seinem sprunghaften Klima und seinem tückischen
Wechsel zwischen gar keinen oder zu vielen Bodenschätzen, Naturkräften,
Fauna- und Florabeständen mußte dieses seltsame Land auf den Charakter
der zu Extremen jeder Art neigenden Bevölkerung gewirkt haben und wohl
stets weiter wirken.
Im Osten hatte sich Kaspar nur wenig um die Landschaft der Gebiete
gekümmert, die er mit den oft rasenden Expreßzügen durcheilte. Dafür
genoß er die Einzelschönheiten seiner Hauptstationen mit um so größerer
Muße und Liebe, wie zum Beispiel die wunderreichen Ufer des Hudson,
die gern versteckten Parkherrlichkeiten des idyllisch lieblichen
Massachusetts oder die ihn an Schlesiens und Thüringens Waldberge
unwillkürlich erinnernden Catskill-Mountains.