Dann flossen die Briefe spärlicher und wurden auch kürzer.

Entschuldigungen traten an Stelle der Beteuerungen; kühle Vernunft trat

an die Stelle des warmen Gefühls, statt Trost spendete die Schreiberin

Gründe und schließlich Ausflüchte.

Da merkte Kaspar, daß es zu Ende ging mit der Kraft der kleinen Carina;

auch sie erlag wohl der Übermacht der Gewohnheit, der nur Helden

gewachsen sind.

Nun packte Kaspar die Angst wie mit Eisenfäusten, schüttelte ihn und

jagte ihn empor.

War es nicht feige, das arme, schwache Mädchen allein den schweren

Kampf um die Zukunft ihrer Liebe führen zu lassen? Aber waren ihm

denn nicht die Hände gebunden? Erlaubte es denn sein Stolz, um etwas

zu betteln, dessen man ihn nicht für würdig hielt? Konnte er mit

ungeschickten, wenn auch gut gemeinten Schritten nicht Carina nur

Unannehmlichkeiten bereiten und alles verderben?

Gewiß, es sprachen mancherlei schwerwiegende Gründe gegen eine

persönliche Einmischung. Aber wenn er sich nicht selbst einsetzte,

ging auch alles fehl, das fühlte er unwillkürlich. Nein, jetzt mußte

er handeln, er mußte der ermatteten Braut zu Hilfe kommen, falls Hilfe

noch möglich war. Und so ging er schweren Herzens doch wieder zu

Ewalds, ließ sich raten, schrieb einen dringenden Brief an Volpelius

und reiste schließlich selbst in die nordische Provinzialhauptstadt.

* * * * *

Auf Grund der Empfehlungsbriefe empfing Herr Regierungspräsident

Mutzer, ein strengblickender, scheinbar wortkarger Mann, Kaspar, maß

ihn fast drohend von Kopf bis zu Fuße mit den Augen, ehe er ihn mit

einer gebieterischen Geste zum Sofaplatze wies, und dann verging noch

eine geraume Weile, bis er zu reden begann:

»Wenn ich Sie heute hier empfange, Herr Krumbholtz, so geschieht das

einmal, weil Sie sich in der leidigen Angelegenheit bisher taktvoll

benommen haben, und zweitens, weil ich hoffe, durch eine persönliche

Aussprache mit Ihnen das endlich zu erreichen, was ich bei meiner

Tochter noch nicht ganz erreichen konnte, nämlich eine Aufhebung des

Verhältnisses, ein Verlöbnis kann ich es nicht nennen.«

»Um von vornherein keine Unklarheit walten zu lassen,« erwiderte

Kaspar gemessen, »so gestehe ich schon jetzt, daß ich gerade mit der

Bitte an Sie herantreten möchte, daß Sie uns endlich Ihre Einwilligung

geben möchten. Ich habe auf Ihren Wunsch seinerzeit Carina mein

Wort zurückgeben wollen, sie hat es nicht gewünscht, und so halte

ich mich für gebunden, halte mich auch für verpflichtet, alles zu

tun, was unserer Verbindung förderlich sein kann. Der Weg zu Ihnen,

Herr Präsident, der Sie für gut befanden, mich durch die Form Ihres

Schreibens so tief zu verletzen, ist mir schwer genug geworden. Ich

habe meinen Stolz so gut wie Sie, aber ich habe nicht in erster Linie

an mich zu denken, sondern an das Glück Ihrer Tochter, dem ich meinen

Stolz opfern muß.«

»Ich stehe nicht an zu bemerken, Herr Krumbholtz, daß ich mich in der

ersten Empörung und in der völligen Unkenntnis Ihrer Persönlichkeit

vergriffen habe, und ich bedaure das. Das ändert aber nichts an meiner

Meinung, daß ich eine Verbindung zwischen meiner Tochter und Ihnen,

der Sie doch einem völlig andern Gesellschaftskreise angehören, nicht

wünsche. Überdies -- wie wollen Sie die Kosten für einen standesgemäßen

Haushalt aufbringen?«

»Sie vergessen, Herr Präsident, daß Carina, sobald sie meine Frau

wird, in meinen Stand übertritt, und daß in meinen Kreisen gar manch

eine Familie mit den bescheidenen Mitteln, die mir zu Gebote stehn,

glücklich und gesund lebt. Mehr wünsche ich nicht, mehr wird Carina,

wenn sie mich wirklich lieb hat, auch nicht wünschen.«

»Sie scheinen das sehr genau zu wissen, Herr Krumbholtz. Sie gestatten,

daß ich daran zweifle bei aller Hochachtung vor Ihrer Lebenskenntnis

und Ihrer Energie. Eine Frau, die durch ihre Ehe ökonomisch wie sozial

herabsteigen muß, fühlt sich auf die Dauer nie glücklich, glauben Sie

mir das!«

»Es mag sein, daß dies für den Durchschnitt gilt, Herr Präsident.

Ihr Fräulein Tochter ist aber keine Durchschnittsnatur, und sie wird

sich in das Äußere sicherlich leicht finden. Außerdem ist es ja nicht

gesagt, daß ich mein Lebenlang städtischer Oberlehrer bleiben werde.«

»Ah, ich verstehe, Sie spielen auf das an, was auch Herr Geheimrat

Volpelius mir schon schrieb. Das steht aber wohl noch in weitem Felde.

Wenn Sie daran denken, sich zu verändern, dann -- wüßte ich auch einen

andern Ausweg, der uns schließlich wohl alle drei befriedigen könnte.«

»Und der wäre, Herr Präsident?«

»Sie sollen schon einmal umgesattelt sein, wie ich hörte. Wie wäre

es, Herr Krumbholtz, wenn Sies noch einmal riskierten? Sie haben viel

studiert, auch auf allerlei Nachbargebieten der Jurisprudenz, die

Semester würden Ihnen ja angerechnet, und all das kann Ihnen später

noch gute Dienste leisten. Werden Sie Jurist, in zwei, drei Semestern

können Sie mit Hilfe eines guten Repetitors Referendar sein, und ich

verspreche Ihnen, an dem Tage nach Ihrem glücklich bestandenen Examen

gebe ich meine Einwilligung zu Ihrer öffentlichen Verlobung mit meiner

Tochter. Für das weitere lassen Sie mich sorgen. Wenn Sie einigermaßen

fleißig und brauchbar sind, und ich darf das nach Ihrem bisherigen

Lebenslauf annehmen, sollen Sie in dem neuen Beruf mehr erreichen

als in dem alten. -- Nun bitte -- wie denken Sie darüber? Vielleicht

brauchen Sie Zeit, sich die Sache in Ruhe zu überlegen?«

»Nein, Herr Präsident. Es steht mir völlig klar vor der Seele, daß ich

diesen Weg nicht gehen kann, so sehr ich Ihnen für Ihr Entgegenkommen

danken möchte. Damit Sie mich nicht falsch verstehen, muß ich das näher

begründen. Ich bin zu meinem Beruf, den ich liebe, an dem ich mit allen

Fasern meiner Seele hänge, und mit dem ich innerlich verwachsen bin,

nicht durch Not oder Klugheitsrücksichten gekommen, sondern durch den

Drang meines Herzens, durch meine ganze Lebensentwickelung. Ich bin

gleichsam hineingeboren in den Erzieherberuf und gehöre ihm mit Leib

und Seele, auch wenn ich mir oft genug ausspreche, daß ich ihn, so wie

ich ihn auszuüben wünschte, an der Stelle, wo ich jetzt stehe, nicht

ausüben darf. Doch das kann sich mit der Zeit schon ändern.«

»Also gut, Herr Krumbholtz, dann schlagen Sie doch wenigstens die

akademische Karriere ein, etwa als Pädagoge, oder lassen Sie mich

dafür sorgen, daß Sie später als Jurist mit Erziehungsangelegenheiten

beschäftigt werden.«

»Nein, Herr Präsident, keines von beiden. Ich will bleiben, was

ich bin, weil ich es werden ~mußte~. Aus Ihren sicherlich

gutgemeinten Vorschlägen sehe ich nur allzu klar, daß Ihnen mein Stand

gesellschaftlich nicht genügt für den Mann Ihrer Tochter. Und gerade

das verletzt mich bis ins Innerste; denn ich liebe diesen Stand und

halte ihn für den wichtigsten für die Entwickelung unseres Volkes.

Als akademischer Lehrer wäre ich nach meiner ganzen Veranlagung und

Begabung nicht am Platze und wäre in meinen Augen um kein Haar mehr,

so wenig wie als Jurist, zu dem ich erst recht nicht passe. Ein

Kaufmann mag wohl einmal seine Branche wechseln, um in ein Geschäft

einzuheiraten und so zur Selbständigkeit zu gelangen, obwohl mir auch

das nicht gefällt. Aber ein überzeugter Erzieher, der sich um äußerer

Vorteile willen oder selbst aus Liebe zu einem Weibe verleiten ließe,

seinen Beruf aufzugeben und einem aussichtsreicheren sich zuzuwenden,

würde mir als ein ehrloser Deserteur erscheinen, im besten Falle als

ein Schwächling, doch nie als ein Mann, zu dem ein Weib in Achtung und

Liebe emporsehen könnte. Ihr Fräulein Tochter wußte, wer ich war, als

sie mich kennen lernte, sie hat dem armen Schulmeister ihre Neigung

geschenkt und sich damals nicht an seinem Berufe gestoßen. Ich würde

ihr nie wieder offen und stolz ins Antlitz schauen können, wenn ich

mich plötzlich meines Standes schämen würde, nur weil er Ihnen nicht

vornehm genug erscheint. Verlangen Sie von mir, was Sie verlangen

dürfen, aber nicht das Verzichten auf meine Überzeugung, auf meine

Selbstachtung und mein ganzes inneres Sein.«

Mit kaum verhaltener Erregung hatte Kaspar Krumbholtz gesprochen, und

mit gespanntester Aufmerksamkeit hatte der Präsident ihm zugehört; aber

mit jedem Worte, das dieser hörte, ward ihm klarer, daß er mit dem

Manne da vor ihm schwerlich je zusammenkommen würde. Er hielt das alles

für Schulmeisterhochmut, und sein Gegenüber sah ihm ganz so aus, als ob

er ihn ebenso des Juristenhochmuts zeihen würde, wenn er ihm weiter

zuredete. Eine Brücke ließ sich nicht schlagen, also lieber ein Ende!

Mit eisiger Kälte erklärte Herr Mutzer:

»Da ich annehmen muß, daß Sie nicht in der Lage sind, meiner Tochter

zuliebe das Opfer zu bringen, das ich als Vater für ihre Zukunft und

ihre gesellschaftliche Stellung verlangen muß, darf ich Sie wohl

bitten, nunmehr jede Beziehung zu Carina abzubrechen.«

»Ich bedaure,« antwortete Kaspar festen Tones, »diesem Ihrem Wunsche

vor der Hand nicht Folge leisten zu können. So lange Ihr Fräulein

Tochter mich nicht meines gegebenen Wortes entbindet, werde ich tun,

was mir meine Liebe und mein Gewissen gebietet, das heißt, alles daran

setzen, um sie zu erringen, vor allem meine Existenz so zu festigen

oder zu verbessern, daß Ihr Fräulein Tochter ohne Sorgen an meiner

Seite leben kann. Ist das erreicht, werde ich Carina bitten, die Meine

zu werden.«

»Mein Herr, tun Sie, was Sie verantworten können, ich werde das Meine

tun, und zwar rasch. Noch heute werde ich meine Tochter vor die

entscheidende Frage stellen. Sie hat zwischen Ihnen und mir zu wählen.«

»Dann bitte ich nur um die Erlaubnis, vorher noch einmal mit Carina

reden zu dürfen. Ich habe, wie Sie wissen, Herr Präsident, mich bisher

zurückgehalten, ihr auch nicht geschrieben, gestatten Sie mir nun

wenigstens eine kurze offene Aussprache in Ihrem Hause.«

»Es tut mir leid,« erwiderte der Präsident hart, »Ihnen diesen Wunsch

nicht gewähren zu können, da ich meinem überdies schon abgehärmten

Kinde diese Aufregung ersparen möchte. Wollen Sie ihr schriftlich noch

einmal alles klar auseinandersetzen, so bitte tun Sie das in aller Ruhe

hier nebenan in meinem Schreibzimmer. Geben Sie mir nachher den Brief,

und ich verspreche, ihn meiner Tochter sofort zu übergeben. Sie mag

dann alles ruhig durchdenken, ehe sie ihre schwere Entscheidung trifft.

Erlassen kann ich sie ihr nach alledem nicht mehr. Lieber ein Ende mit

Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich bitte -- hier herein. Tinte,

Feder und Papier finden Sie.«

Mit totwundem Herzen begann Kaspar Krumbholtz seinen Brief an Carina.

Er schrieb ihn klar und freundlich, aber ohne rechte Hoffnung, denn

nur von Angesicht zu Angesicht hätte er noch einen Sieg für möglich

gehalten.

So stand er schließlich wieder auf und ging noch einmal zu dem

Präsidenten und bat ihn abermals, ihm doch wenigstens vielleicht im

Beisein der Tante eine Unterredung mit Carina zu gewähren.

»Wir kämpfen mit zu ungleichen Waffen,« schloß Kaspar mit bebender

Stimme, »wie jetzt die Verhältnisse liegen, wird mein Einfluß, vollends

durch das geschriebene Wort gegen das gesprochene des geliebten und

gebietenden Vaters, nicht aufkommen können! Lassen Sie mich zu ihr

reden, Herr Präsident, nur das eine Mal; es handelt sich um das Glück

meines Lebens!«

»Um das meine wohl nicht minder, Herr Krumbholtz! Und wenn Sie von

einem Kampfe reden, so wäre ich doch ein Tor, Ihnen die Chancen, mich

zu überwinden, zu erleichtern. Ich habe soeben Gelegenheit gehabt, Ihre

zähe Energie zu prüfen, und ich fürchte den erneuten Einfluß Ihrer wohl

nicht ungefährlichen Persönlichkeit auf meine Tochter. Also ich bedaure

nochmals --«

»Herr Präsident,« flammte nun Kaspar empor, »zwingen Sie mich, bitte,

nicht, Wege einzuschlagen, die mir unsympathisch und nur durch die

äußerste Not zu rechtfertigen wären.«

Ärgerlich griff der Präsident nach der Glocke, läutete dem Diener und

ließ Fräulein Carina zu sich bitten.

Dann ging er stampfend wie ein gereizter Stier auf und ab und polterte

heraus: »Sie sind wirklich ein Eisenkopf, Herr Krumbholtz.«

Ruhig erwiderte Kaspar: »Wenn ich nicht alles daran setzte, das

Mädchen, das ich liebe, zu gewinnen, wäre ich kein Mann, und Sie wären

sicher der erste, der mich verachten dürfte. Würden Sie in meiner Lage

anders handeln, Herr Präsident?«

»Sie wollen aber mit dem Kopf durch die Wand, junger Mann. Doch

meinetwegen, ich bin meines Kindes sicher. Also sagen Sie Carina

nebenan, was Sie für gut halten. Dann werde ich die Kabinettsfrage

stellen. Vorher gebe ich Ihnen jedoch nochmals anheim, meinen Vorschlag

von vorhin in Erwägung zu ziehen. Auch mir liegt daran, ohne Tragik

auszukommen. Sie scheinen ein Mann von Mut und Ausdauer zu sein, ich

würde mich freuen, Ihnen nach Erfüllung der gestellten Bedingung die

Wege zu ebnen.«

Stumm und traurig schüttelte Kaspar den Kopf und ging langsam in das

Nebengemach.

Bald darauf erschien Carina. Mit ruhigem Ernst empfing sie der

Präsident und sagte:

»Liebes Kind, ich sehe mich leider genötigt, dir schon heute die

Entscheidung nahezulegen, von der wir gelegentlich sprachen. Herr

Krumbholtz wünscht noch einmal mit dir zu reden, ehe ich dich

bitte, zwischen ihm und mir zu wählen. Die Gegensätze haben sich so

zugespitzt, daß eine Vermittlung, wie ich sie noch eben anzubahnen

versuchte, ausgeschlossen ist.«

Erschrocken und zögernden Schrittes trat Carina vor den Geliebten.

Matt war ihr Händedruck, dann sagte sie leise: »Ich danke dir, Kaspar,

daß du gekommen bist, aber folgen kann ich dir nicht, ich kann nicht

von Papa fort. Er hat niemand außer mir, und ich hänge viel, viel mehr

an ihm, als ich dachte. Dergleichen merkt man immer erst, wenn man mit

dem Gedanken umgeht, sich zu trennen.«

»Carina,« entgegnete Kaspar weich, »hast du vergessen, was du mir zum

Abschied in Leipzig auf dem Bahnhof zuriefst? Soll ich weiter auf dich

warten, ich will es tun. Viel zu gern! Nur laß mich hoffen. Vielleicht

wird dein Vater doch mit der Zeit anderer Meinung. Ich will unterdes

redlich versuchen vorwärts zu kommen.«

»Laß es gut sein, Kaspar, es hilft doch nichts. Ich habe mir damals

in Leipzig alles anders und leichter gedacht. Ich habe dich wohl noch

immer so lieb wie ehmals, aber der Mut ist mir gebrochen. Man grübelt

und ringt nicht umsonst wochenlang mit seiner Umgebung, mit seinen

liebsten Angehörigen. Ich müßte an deiner Seite nicht nur in eine neue,

mir fremde und nicht sonderlich verlockende Welt, ich müßte -- ich weiß

es jetzt -- in die völlige Einsamkeit, beladen mit dem väterlichen

Fluch -- und das geht über meine Kräfte. Ich würde bald zusammenbrechen

und dir kein Glück bereiten, nur eine Last sein.«

»Zwei Menschen, die sich selbst genug sind, können nie einsam sein.«

»Doch -- ich wäre es -- ich bin anders als du, bin nicht so trotzig,

unabhängig und genügsam wie du.«

»Du wirst es an meiner Seite bald werden, Carina. Und ich hoffe, mit

der Zeit wird auch dein Vater ein Einsehn haben.«

»Vater -- nie. Da kenn ich ihn besser. Er ist seelensgut, aber er geht,

wie viele seines Standes, allzu sehr im Äußern, im Formalen auf. Und

ich bin vielleicht auch darin ein wenig seine Tochter. Ich würde mich

wohl in dein Wesen, aber schwerlich in deine Ziele, niemals in deine

Gesellschaftskreise finden können.«

»Die brauchen wir nicht, Carina, --«

»Doch -- du vielleicht nicht, aber eine Frau braucht dergleichen.«

»Aber nicht eine Frau wie du, Carina.«

Müde lächelte die kleine Mutzerin, dann sagte sie resigniert: »Du hast

eine zu hohe Meinung von mir, Kaspar, wie ich sie selber auch von mir

hatte; aber ich bin leider keine Heldin, ich bin doch nur ein armselig

schwaches Weib, das zu einem Kämpfer, wie du es wohl bist, gar nicht

passen würde.«

»Carina, sage das nicht. Gerade du bist die beste Ergänzung für mein

Wesen, Carina, laß mich nicht im Stich, du weißt nicht, was du mir

bedeutest!«

»Ich weiß es vielleicht -- und dennoch, Kaspar -- wenn ich heute eine

Entscheidung treffen muß, und mein Vater fordert sie -- dann muß ich

mein Wort zurücknehmen und dir Lebewohl sagen. Denke nicht zu hart von

mir, Kaspar, verlier nicht den Glauben an unser Geschlecht, weil eine

davon deiner nicht wert war. Vergiß mich, aber verachte mich nicht!

Küsse mich noch einmal zum Abschied -- es lindert meine Qual -- Komm,

hab Mitleid mit mir --«

»Carina!« schrie Kaspar leise auf, »das soll das Ende sein -- also leb

wohl!«

Hart stieß Kaspar Krumbholtz die dargebotene Hand zurück, verbeugte

sich kaum merklich und verließ eilends das Zimmer, in dem Carina

schluchzend auf ihres Vaters Schreibstuhl niedersank.

Mit einem tonlosen »Sie haben gesiegt, Herr Präsident!« grüßte Kaspar

den stumm sich verneigenden Herrn Mutzer und ging trotzig davon.

* * * * *

Je wilder der Sturm gewesen war, der zunächst in Kaspars Seele gewütet

hatte, um so tiefer war nun die Niedergeschlagenheit, die sich seiner

bemächtigte.

Verbitterung, Pessimismus, Menschenverachtung, Mutlosigkeit, ja

Verzweiflung an sich und seiner Zukunft -- alles kam mit einem Male

über ihn und nagte an seiner Seele, deren Widerstandskraft eine

Zeitlang wie gebrochen erschien. Nicht einmal zu hassen vermochte er

mehr, nur Mitleid regte sich bisweilen. Was hatte Carina viel anders

getan als er bei Ursemi? Sie hatte dem inneren Muß gehorcht wie er.

Gleichgültigkeit kam über Kaspar. Die Arbeit an seinen Schülern, die

ihm sonst über alles ging, wollte ihm nicht mehr viel bedeuten, wollte

ihm auch nicht mehr recht glücken, da Lust und Liebe fehlten.

Tagtäglich nannte sich Kaspar einen haltlosen, erbärmlichen

Schwächling, verhöhnte sich und lachte sich aus, rief den lieben, alten

Trotz zu seiner Unterstützung herbei und sprach sich immer wieder aus:

Warum sich so werfen lassen? Ist sies denn wert? Zeige wenigstens dem

hochmütigen Präsidenten erst recht, was du kannst! Doch immer wieder

kam die Antwort aus seinem Innern: Wozu das alles? Für wen mühst du

dich ab? Laß alles gehen, wie es geht!

Die alte Spannkraft der Seele schien völlig geschwunden zu sein.

Sogar der stille, zuversichtliche Glaube an die allwaltende Liebe

Gottes und das nach und nach wieder sicher gewordene Vertrauen in seine

unergründlich weise Führung wankten von neuem bedenklich in Kaspar

Krumbholtz. Er wußte, daß es unendlich kleinlich und töricht war, seine

Anschauung über Gott, Welt und Menschenbestimmung abhängig zu machen

von trüben persönlichen Erfahrungen und sicherlich vorübergehenden

Eindrücken, und dennoch konnte er sich zurzeit auf einen höheren

Standpunkt nicht erheben.

Es gab einmal keine absolute Gotteserkenntnis für uns jammervoll

beschränkte Menschen; es gab wohl nur ein Spiegelbild des Höchsten in

unseren Seelen, und dessen Deutlichkeit und Färbung mußten mit unsern

Stimmungen wechseln.

Und doch -- wozu gab es das Leid, wenn es nicht den Boden des Herzens

pflügend aufreißen sollte, um ihn von neuem und immer fruchtbarer

zu machen für den Samen des Unvergänglichen? Wozu gab es den doch

unausrottbaren Drang zum Erkennen, zum Schaffen und Wagen, zum

Fortschreiten und zur Freude an jedem Gelingen in unserer Brust, wenn

er nach bitteren Enttäuschungen nicht um so kräftiger hervorbrach wie

die Triebkraft eines gekappten Strauchs, der nach Überwindung der

schweren Saftstockung aus vermehrtem Wurzelvermögen zu wirtschaften

vermag.

Sollte nicht gerade diese letzte, schwerste Erfahrung ihn loslösen

von dem zu billigen Genuß eines Durchschnittlebens, um ihn für

seinen eigentlichen, vielleicht ungewöhnlichen Daseinszweck um so

unabhängiger, um so geschickter zu machen?

Und Kaspar sann und sann unaufhörlich und konnte sich lang nicht

zurechtsinnen.

Erst nach einem stillen unablässigen Versenken in die ruhige

Selbstverständlichkeit und zugleich Unergründlichkeit der großen Natur

und ihrer Gesetze, erst im wohltuenden Frieden einer fast ungetrübten

Einsamkeit begannen Kaspars tiefe Wunden nach und nach sich zu

schließen und zu vernarben.

Die Lust zum Gestalten erwachte plötzlich wieder, bald auch die

Freude an der Entwicklung der ihm anvertrauten Jugend. Und ein neues

Verantwortungsgefühl war dann die erste Spur eines verfeinerten Selbst-

und Pflichtbewußtseins, das in seinem scheinbar so verödeten Innern

langsam erstand.

Und nun merkte Kaspar deutlich und immer deutlicher, daß die schwere

Niederlage ihn seltsam verwandelt hatte.

Er blickte tiefer und verständnisvoller in Seelen und Zusammenhänge.

Vor allem betrachtete er seine Kollegen mit anderen Augen, er sah sie

und ihre Menschlichkeiten in milderem Lichte, und doch sehnte er sich

aus ihrem Kreise fort.

Er dürstete nach neuen Anregungen, aber er fand sie nicht. Sein

bisheriges Leben dünkte ihm schal und oberflächlich, er glaubte

geträumt, aber nicht mit vollem Bewußtsein gelebt zu haben.

Neue, tiefere Bedürfnisse waren in ihm wachgeworden und verlangten nach

Befriedigung.

Nur an der Tafelrunde der Moraven fand er noch immer jenes stille

Behagen, das eine harmonische Gesellschaft gleichgestimmter Seelen

erzeugt. Gottfried Kämpfer fiel Kaspars Veränderung freilich auf; er

neckte ihn wohl erst, nannte ihn »einen Peter Schlemihl, der keinen

Schatten werfen könne, da er selbst nur Schatten sei«. Dann aber

schaute er tiefer und wußte nicht nur scharf zu sehen und zu treffen,

er wußte auch wacker zu trösten.

Kämpfer nahm den Freund nach einer guten Sitzung nachts mit auf einen

schönen Mondscheinspaziergang, ließ sich Kaspars Herzeleid beichten

und erzählte ihm von seinem großen Weh: Wie er vor Jahren sein schönes

junges Weib und ein zartes Kindchen bald nacheinander hergeben mußte;

wie er darüber seinen Gott abermals verlor in dem rasenden Sturm seiner

bittersten Verzweiflung und dann vergeblich Betäubung suchte auf weiten

Reisen, ja zuletzt eine mitleidige Kugel auf dem Kriegsschauplatz

Südafrikas.

»Aber sie schossen in Wahrheit längst nicht so gut,« schloß Gottfried

Kämpfer seinen düsteren Bericht, »wie in den Zeitungen, diese dreimal

vermaledeiten Buren! Sie haben mich nur um meinen letzten Funken

idealer Selbsttäuschung gebracht, diese Hallunken! Sie hatten mich

angelogen wie das Leben. Und so dachte ich schließlich: lüge du auch,

die Wahrheit macht sich nun einmal so sehr schlecht bezahlt auf dieser

Welt; es gibt niemand freiwillig einen Dreier dafür. Und so ließ

ich den bösen Buren ihren großen Heldenruhm ungeschmälert, gab aber

gerechterweise den lieben englischen Tommies auch ihr Teil und dem

guten deutschen Publikum erst recht! So log ich mich langsam ins Leben

zurück und kam schließlich wieder glücklich bei meiner Zeitung und

in meinem alten Traumparadies an und pflegte den wunden Helden, mein

törichtes Herz, mit Ach und Krach wieder leidlich gesund. Auch den so

schnöde von mir zertrümmerten Herrgott log und leimte ich mir nach und

nach wieder zusammen; er sieht ja noch ein bißchen geflickt aus, aber

er hält doch und sitzt ganz stattlich wieder auf seinem Throne, als

habe sich nichts verändert. Es hatte sich auch gar nichts verändert,

weder die Welt, noch der Herrgott -- nur mir war die Brille ein bißchen

blind geworden. Das gab sich aber, als es nicht mehr so kalt war um

mich her. So, mein lieber Prinz mit der heimlichen Krone und dem allzu

heißen Herzen unterm Mantel, hm, die Moral von der Geschicht -- ein

bißchen Kälte schadet nicht.«

Kaspar lächelte gerührt und sagte bewundernd: »Ja, wer deinen Humor

hätte, Kämpfer!«

Gottfried Kämpfer erwiderte schmunzelnd: »Warts nur ab, lieber

Junge, vielleicht wächst dir diese seltne Rebe auch noch. Sie liebt,

damit dus weißt, vulkanischen Boden wie die Lacrima Christi, je mehr

Herrlichkeiten unter der dunklen Lava liegen, um so üppiger sprießt

sie, um so feiner wird ihre Blume!«

Siebentes Kapitel

Silvester

Nach reiflicher Überlegung hatte sich Kaspar Krumbholtz entschlossen,

den Antrag des Kuratoriums nunmehr doch anzunehmen, zumal auch Ursemi

ihm keine Ruhe ließ und ihn immer dringender bat, sie doch einmal zu

besuchen.

Kaspar Krumbholtz · 第 16 / 20 段