dort nach althergebrachtem Schema waltenden und schaltenden Juristen
würden einen ideenreichen und tatenfrohen Schulmeister wohl auch mit
größerem Mißtrauen und tieferer Verachtung behandeln als eines der
sagenhaften Tiere des Mondes. Also darauf zu warten hieß der Quadratur
des Zirkels nachjagen.
Dennoch konnte und mochte sich Kaspar mit dem Verzicht auf seine
geheimen Pläne und Wünsche nicht recht zufrieden geben, trotz aller
offenbaren Aussichtslosigkeit.
Ein Wort Goethes, auf das er irgendwo gestoßen war, ließ ihn nicht
los: »Daß wir uns bilden ist die Hauptforderung; woher wir uns
bilden wäre gleichgültig, wenn wir uns nicht an falschen Mustern zu
~verbilden~ fürchten müßten.«
Galt das nicht auch jetzt wieder? Ja -- es war Gefahr im Verzuge --
trotz aller Reformschulen!
Aber wer sollte helfen? Er gewiß nicht. Und doch, warum nicht auch er?
Alles Neue und Große in der Welt war von stillen Einzelgängern
ersonnen, von rastlosen Schaffern gefördert, von rücksichtslosen
Herrschernaturen durchgesetzt worden. Er gehörte vielleicht
zu den ersten unscheinbarsten Gliedern einer solchen großen
Entwickelungskette, doch irgendwie handeln mußte auch er!
So zwang sich Kaspar Krumbholtz in heißen, unaufhörlichen Kämpfen einen
Niederschlag seines inneren Ringens ab, ward sich darüber nach und
nach selber zu seiner Freude klarer, ward sicherer und arbeitete immer
von neuem das ganze Organisationsstatut seiner neuen Erziehungs- und
Bildungsanstalt durch.
Sie sollte gewiß nicht die bestehende Schule ersetzen oder umwandeln,
sondern sie nur vorsichtig zu ergänzen suchen, sollte die schematisch
uniformierte heutige deutsche Schule wie vor alters um eine neue
Individualität bereichern, denn daran gebrach es.
Zunächst galt es einmal, ähnlich wie Wilhelm Winkler es geplant,
etwa für die drei obersten Gymnasialklassen, die den so wichtigen
Reifejahren der geistigen und körperlichen Pubertät gerecht zu
werden strebten, etwas zu schaffen, das als eine Art allgemeiner
Bildungsschule dienen konnte, wie es vor alten Zeiten etwa die
Artisten-, später die philosophischen Fakultäten gewesen waren.
Der Freiheit des erwachenden Individuums müßte sorgfältiger
Rechnung getragen werden als auf den Staatsgymnasien, den Reform-
und Oberrealschulen. Zugleich aber sollte eine gründliche
Orientierungsgelegenheit für alle ernsthaft Suchenden geboten werden,
ehe sie in den oft unbarmherzigen Zwang modernen, spezialistischen
Wissenschaftsbetriebes, der für viele Bildungshungrige eine Gefahr
bedeutete, gerieten.
Auch für die künftigen Diener und Leiter des praktischen Lebens, die
nicht eigentliche Hochschulen besuchen konnten oder mochten, könnte
eine solche Schule einen Teil der Universität ersetzen und doch mehr
geben, als die höchsten Klassen der Mittelschulen zu geben pflegten.
Freilich -- solch ein Werk zu gestalten war unendlich schwierig und
ohne praktische Experimente kaum möglich.
Kaspar konnte nur denken und tat es redlich. Mit Bangen und beinahe mit
schwachmütigen Tränen der Verzweiflung hatte Kaspar vor Jahr und Tag
sein stilles Werk begonnen, und mit immer steigender Schaffensfreude
war er unermüdlich daran tätig, bis ein neues, ihn bis auf den Grund
seiner Seele erschütterndes Erlebnis ihn unvermutet aus seiner Bahn
warf.
Sechstes Kapitel
Carina
Aus der Ferne kamen Kaspar allerlei gute Nachrichten.
Hans Sebalt schrieb befriedigt von seinen erfolgreichen Forschungen,
die ihn so ausfüllten, daß er mit der Absicht umging, sich aus den
Listen des Lehrkörpers der Leipziger Universität streichen zu lassen
und ganz in den Dienst der amerikanischen Union überzutreten, die
schon jetzt seine Forschungen mit Aufmerksamkeit verfolgte und generös
unterstützte.
Nur Volpelius wollte davon nichts wissen und bat +Dr.+ Sebalt,
zu bedenken, daß es Wilhelm Winklers Absicht gewesen wäre, mit seinen
Mitteln in erster Linie für deutschnationale Zwecke arbeiten zu lassen.
Sebalt schrieb trotzig zurück, die Wissenschaft sei international, und
er könne in Amerika der Kultur ebenso gut dienen wie in Deutschland.
Noch einmal legte Volpelius nach Rücksprache mit den sechs Kuratoren
Hans Sebalt nahe: er möge doch wenigstens in Aussicht nehmen, mit
seiner Forschungsarbeit und ihren Ergebnissen späterhin den Nachwuchs
deutscher Forscher erzieherisch oder belehrend zu fördern; man sei
auch gern bereit, dereinst nach Möglichkeit für eine ehrenvolle
Zurückberufung Sebalts Sorge zu tragen.
Sebalt antwortete ausweichend und verzichtete einstweilen dankend auf
weitere Zuschüsse von seiten der Stiftung, er bedürfe deren nicht mehr.
An Kaspar Krumbholtz kam bald darauf eine kleine Karte, auf der stand
lakonisch:
+Dr.+ John Sebalt, Mary Sherman. Married.
Viel konnte sich Kaspar dabei nicht denken, aber er gratulierte
herzlich, obwohl ihn die Art der Anzeige und der Untergang des
redlichen deutschen Vornamens Hans ärgerte.
Durch Frau Winkler, die mehr und mehr kränkelte, erfuhr Kaspar dann
nach Monaten, daß Sebalt die bildschöne Tochter eines amerikanischen
Zuckerkönigs auf Hawai geheiratet habe.
Öfter als Sebalt schrieb Ursemi, nicht ganz so befriedigt und gar nicht
mehr überlegen, doch treu und offen wie immer.
Es war deutlich in und zwischen den Zeilen zu lesen, daß Heimweh
nach den schlichten, schlesischen Waldbergen trotz all der
grandiosen Schönheiten des Yosemite-Tales und der vorsündflutlichen
Redwoodurwälder die Tochter Wilhelm Winklers verzehre.
Auch zwischen den Ehegatten Brosyn war wohl nicht alles so, wie Ursemi
es erhofft hatte.
Graf Harry war ein lieber, frischer und tapferer Gesell, auch
ritterlich und treu; doch ging er in seinen Geschäften und
Spekulationen so mit ganzer Seele auf, daß Ursemi mit ihren starken
Gemütsbedürfnissen nicht ganz auf ihre Rechnung kam.
Überdies fragte sie sich und auch Kaspar bisweilen, ob es eigentlich
großen Zweck habe im Leben, solche Riesenreichtümer aufeinander häufen
zu wollen, wie es der tollkühne Harry rücksichtslos anstrebte. Ursemi
war reich, der alte Brosyn einer der begütertsten oberschlesischen
Magnaten, Harry sein einziger Sohn, galt dabei schon jetzt, als einer
der Direktoren der kalifornischen Minenbank-Trust-Kompanie, nicht nur
in San Franzisko, sondern auch in Wallstreet als ein Mann von Gewicht.
Wozu das alles? Wem nutzte er damit? Immer wieder kehrte diese, Kaspar
schon unheimliche Frage in Ursemis Briefen wieder, auch nachdem sie
ihm glückselig mitgeteilt hatte, daß sie einem lieblichen Töchterchen,
Edith benannt, das Leben geschenkt habe.
Von nun an begannen übrigens öfters Erziehungsfragen in der
Korrespondenz der alten Jugendfreunde eine Rolle zu spielen.
Kaspar verriet schließlich seine Entwürfe für seine ideale
Bildungsschule, die er einmal ~sein~ Töchterchen »Utopia« nannte.
Darauf meinte Ursemi plötzlich wieder mit alter Laune: er solle die
»Utopia« mal hübsch dem Kuratorium der Winklerstiftung ausliefern
-- der Harry übrigens neulich eine halbe Million für Mädchenbildung
überwiesen habe -- und solle lieber erst mal zusehen, daß er zu einer
ordentlichen Frau und dann auch zu andern Töchtern käme. Es würde nun
Zeit.
Kaspar lachte still in sich hinein und dachte: Frauen mögen noch so
unglücklich sein, sie wollen immer neues Unglück anstiften.
Im übrigen folgte er wenigstens dem ersten Rat und schickte eines
Tages wirklich seine geliebte »Utopia« an den Geheimrat Volpelius,
der ihm freudig dankte und schrieb: er habe die wertvollen Anregungen
sofort dem Kuratorium zur Prüfung und zur Erwägung praktischer
Versuche überwiesen. Kaspar möge jedoch nicht vergessen, daß für einen
zeitgemäßen Organisator eine gründliche Orientierung über ähnliche
Versuche wünschenswert, ja unerläßlich sei.
Außerdem möge er Wilhelm Winklers Wunsch nicht vergessen. Das
Kuratorium würde es außerordentlich gern sehen, wenn Kaspar in
absehbarer Zeit eine Studienreise ins Ausland unternähme, etwa zum
Besuch ähnlicher Erziehungsanstalten in den auch darin mächtig
aufstrebenden Vereinigten Staaten von Nordamerika.
Als dieser lockende Antrag kam, war jedoch Kaspar nicht in der Lage,
ihn anzunehmen.
Die Liebe war von neuem in sein Leben getreten und hielt ihn fester in
Leipzig denn je.
* * * * *
Auf freundliches Zureden von Volpelius hatte Kaspar gelegentlich dessen
Freunde, ein liebes, altes Geheimratehepaar, namens Ewald, aufgesucht
und hatte in ihrem gastlichen Hause mit der Zeit einen ihm menschlich
wohltuenden und auch geistig überaus anregenden Verkehr gefunden.
Eigene Kinder hatten die alten Ewalds nicht, auch nie besessen; aber
vielleicht gerade darum liebten sie die Jugend zärtlich. Sie hatten
bald diesen Neffen, bald jene Nichte zu Gaste und gaben hie und da
kleine, intime Festlichkeiten, bei denen die jungen Leute zwanglos
verkehren konnten und auch mit ihren Fröhlichkeitsbedürfnissen auf ihre
Kosten kamen.
Bei Ewalds sah Kaspar öfters eine junge Dame, namens Carina Mutzer, von
Geheimrats kurz die kleine Mutzerin genannt, die in mannigfacher Weise
seine Aufmerksamkeit fesselte und seine Gedankenwelt beschäftigte, da
sie eine seltene Mischung von Vornehmheit und Einfachheit, von Frohsinn
und Ernst, von Klugheit und Bescheidenheit zu sein schien.
Der ehedem so begeisterte Turner und Fußballspieler Krumbholtz
konnte gelegentlich ein leidlich guter und ausdauernder Tänzer
sein, aber sonst war er noch immer nichts weniger als ein gewandter
Gesellschaftsmensch.
Dennoch gab sich die kleine Mutzerin gern mit ihm ab und unterhielt
sich lieber still mit ihm in einem lauschigen Winkel, anstatt sich von
anderen feiern zu lassen.
Kaspar wollte jedoch nicht, daß die tanzfröhliche junge Dame
seinetwegen um ihr Vergnügen käme, und so tanzte er mit ihr öfter, als
es sonst wohl seiner zurückhaltenden Art entsprach.
Da fügte es ein tückischer Zufall, daß er eines Abends mit der kleinen
Mutzerin im Tanzgedränge zu Falle kam und ihr zwar nicht wehtat, aber
ein kostbares Kleid zerriß.
Das Unglück kommt bekanntlich selten allein. Wenige Minuten hernach
hatte Kaspar noch das Mißgeschick, daß er, vielleicht im Eifer, das
Vergangene durch besondere Aufmerksamkeit wieder gut zu machen, seiner
Dame beim Anbieten eine Tasse Mokka über das eben mit Stecknadeln
notdürftig reparierte Kleid goß.
Kaspar war außer sich vor Zerknirschung und Empörung über seine
Ungeschicklichkeit, doch die kleine Mutzerin war durchaus nicht
ungehalten, im Gegenteil, sie schien so voller Vergnügen über die
niederträchtige Laune des Zufalls zu sein, daß Kaspar sich und ihr
gestehen mußte: das gehe sogar noch über des trefflichen Horatius
Weisheit »+aequam memento rebus in arduis servare mentem+«.
»Lassen Sie doch,« schalt Carina drollig, »den greulichen Horaz
mit seinem abgedroschenen Philistergleichmut aus dem Spiel. Der
Griechenepigone hatte nicht einen Funken Humor, und der ist besser als
alle +aequa mens+. Ja, staunen Sie nur, ich habe Horaz auch einmal
mit heißem Bemühn studiert, als ich mein Abiturium machen wollte.
Gemacht hab ichs nämlich nicht, damit Sie nicht noch einen Schrecken
bekommen und mich vollends für einen Blaustrumpf halten. Schlecht genug
tanze ich ja, denn ich war das Karnikel, das vorhin mit dem Plumpsen
angefangen hat.«
Kaspar bestritt das heftig.
Ein gutes und lustiges Wort gab das andere, und als der junge
Oberlehrer abends nach Hause ging, da konnte er sich nicht mehr
verhehlen, was ihm lang schon dämmerte, daß ihm Carina einen tiefen
Eindruck gemacht habe; zumal heute abend hatte sie es ihm angetan mit
ihrer Nachsicht und Güte, ihrem unverwüstlichen Frohsinn.
Und plötzlich brannte es lichterloh in seinem Herzen. Er konnte gar
nicht einschlafen, weil er sich immer wieder aufs neue aussprach:
Was ist diese kleine Mutzerin für ein natürliches, frisches und
seelensgutes Ding, und was hat sie für einen prächtigen Mutterwitz!
Und dann kam die zweite Kette von Gedanken, die darin auslief: Was
müßte es doch für ein unendliches Glück sein, ein solches Wesen sein
eigen nennen und mit ihm zusammen durchs Leben wandern zu dürfen!
Aber was für riesige Wolkenwände stiegen da sogleich am
Zukunftshorizont auf, was für bergehohe Widerstände türmten sich da
empor?
Er ein armer Lehrer mit 2800 Mark Gehalt und 1200 Mark Zinsen, nun --
das ging noch zur Not, wenn man sich einrichtete. Freilich verwöhnt war
das liebe Prinzeßchen sicherlich und sollte doch nicht Not leiden bei
ihm. Nein -- um Gottes willen -- unter keinen Umständen! Mit der Zeit
würde er schon im Gehalt steigen, aber -- all das andere!
So ein Schulmeisterlein, nicht einmal Doktor oder Reserveoffizier, und
sie, die Tochter eines richtigen preußischen Regierungspräsidenten --
gar nicht auszudenken, auch wenn die kluge Mama Ewald vielleicht ein
gutes Wort für ihn eingelegt hätte.
Und schließlich der bitterböse, der häßliche Punkt in seiner
Vergangenheit! So schlimm wie bei Ursemi, die er geliebt und verraten
hatte, stand es ja hier nicht; immerhin -- übel stand es doch auch;
denn bekennen mußte er das Carina unter allen Umständen. Sie mußte
wissen, woran sie war mit ihm; wenn es ums Glück der Ehe, um eine
Lebenskameradschaft ging, durften keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen
bestehen.
Aber wozu jetzt schon sorgen -- noch lag ja alles im weitesten Felde.
Wer sagte ihm denn, daß sich das Mädchen überhaupt für ihn
interessiere.
Drei, vier Mal hatten sie sich gesehen, heute abend ein bißchen lang
und schließlich auch wohl ein bißchen vertraut miteinander geredet,
sich sehr fest die Hände gedrückt beim Abschied -- das war alles!
Indessen -- es konnte ein Anfang sein, und seine Pflicht als Mann war
es sicherlich, beizeiten zu überlegen, ob er ein so kühnes Unternehmen
wirklich ernsthaft beginnen wolle, und ob er es innerlich und äußerlich
dazu habe, um es hinauszuführen. Sonst machte er sich und das liebe
Mädchen nur unglücklich.
Kaspar schwankte und schwankte, prüfte und prüfte.
Immer neue Bedenken stiegen auf. Würden sie denn überhaupt zusammen
passen, er, der schwerfällige, oft ein wenig plumpe Gesell, und sie,
das leichte, grazile Persönchen? Er, der stille, noch immer weltfremde
Pfadsucher, sie, die sieggewohnte Tochter des Salons, der doch wahrlich
ganz andere Partien offen standen als ein mäßig begabter Oberlehrer
ohne Chancen!
Und doch, das liebe Mädchen schien einen scharfen Sinn für das Echte
und Schlichte zu haben; es hatte ferner Geschmack, das war sicherlich
viel wert, denn ihm fehlte er bisweilen -- leider -- leider! Die kleine
Mutzerin hatte eine entzückende Leichtigkeit und einen feinen Sinn für
Humor -- wieder eine passende Ergänzung zu seinem schwerflüssigen
Wesen.
Ob sie wohl fromm war? Männer mögen so aufgeklärt sein, wie sie
wollen, aber skeptische Frauen -- warum schließlich nicht -- nur -- --
da kam er nicht drum herum mit seinen Bedenken -- zur Mutter seiner
zukünftigen Kinder mochte er eine solche nicht wählen. Zarte Kinder
müssen im linden Schatten mütterlich keuscher Vorsehung und Frömmigkeit
aufwachsen, nicht in der grellen Sonne unbarmherziger Aufklärung und
quälender Zweifel. Die bringt das Leben von selber früh genug an sie
heran; lang dauert das heilige Mysterium der Jugendtorheit so wie so
nicht mehr in unserer brutaleren Zeit.
Doch wohin schweiften seine Gedanken! Nächstens erzog er wohl schon
seine Enkel in Gedanken! Erziehungsnarr!
Und Kaspar legte sich auf die andere Seite und versuchte nun ernstlich
zu schlafen, obwohl draußen der Morgen schon graute.
Aber wieder begann der Tanz der Fragen.
Wie machte man das wohl alles, das Äußere?
Mußte man nicht den gestrengen Herrn Papa zuerst fragen? Der war fern
im Norden. Und der Herr Präsident würde ihm schön dienen, wenn er etwa
angezogen käme mit seinem bißchen Schulmeisterherrlichkeit.
Kaspar, sei nicht verrückt! Warum so hoch hinaus? Such dir eine kleine
Kollegin oder sonst ein Mädchen deiner kleinbürgerlichen Sphäre; aber
nicht die verwöhnte, elegante Tochter eines hohen Regierungsbeamten.
Wenn sie dich aber doch lieb haben könnte? Ja wenn -- dann Carina,
holdseliges Kind, dann holt dich mein tölpischer Arm, der dich gestern
fallen ließ, doch am Ende noch heraus aus all dem feudalen Flitter
und dem schnobrigen Plunder und trägt dich empor -- ja wohin? Kaspar,
sei ehrlich -- vielleicht in die dritte oder vierte Etage eines öden
Vorstadthauses.
So tanzte es auf und nieder in Kaspars Gehirn; aber er war zäh, er ging
einmal nicht ungebrannt vom Feuer, das war eben seine Art, und sich
selbst getreu zu bleiben war sein stolzestes Lebensziel, und -- er
liebte Carina, das blieb doch das Entscheidende.
Also -- er wollte es ruhig versuchen, sie zu erringen -- und damit
genug!
Nun schlief er beruhigt ein und so fest, daß er seine erste
Unterrichtsstunde verschlief und eine Nase vom Herrn Direktor bekam --
und das von Rechts wegen!
* * * * *
Schon am nächsten Abend ging Kaspar wieder zu Ewalds und immer öfter
und öfter, denn es galt eilen, da Carina bald wieder zu ihrem Vater --
eine Mutter hatte sie nicht mehr -- zurückkehren wollte.
Bald merkte Kaspar, daß auch in der kleinen Mutzerin ein Funke glimmte,
und nach und nach spürte er sogar die Wärme ihres Innern hie und da an
einem langen, festen Händedruck, an einem verstohlenen, tiefbohrenden,
ja verzehrenden Blick und an der stimmungsvollen Einsilbigkeit, die
immer öfter an die Stelle des erst so neckischen Geplauders oder
interessierten Gedankenaustausches trat.
Und eines stillen, einsamen Abends, als es den Abschied galt, waltete
jenes tiefe erwartungsbange Schweigen, das bei ernsten Menschen
gewichtigen inneren Entscheidungen voranzugehen pflegt.
Die Hände zitterten, als sie sich berührten, zwei Augenpaare schwammen
in Tränen verhaltenen Wehs, und statt des entschlossenen Losreißens
kam ein scheues, schmerzvoll zuckendes Festschmiegen, ein seliges sich
Haben und Halten, ein glücktrunkenes Tasten und Finden von Mund zu
Mund.
* * * * *
Kaum hatte das Glück gegrüßt mit zartem Kuß, da krochen auch die
Schwierigkeiten heran -- leise, gierig, tückisch wie die Vorboten einer
unbarmherzig steigenden Flut.
Kaspar flehte sofort: Carina möge noch einige Zeit schweigen, bis sie
alles miteinander durchdacht oder brieflich erörtert hätten; aber die
kleine Mutzerin wußte auch, was sie wollte, und fühlte sich in der
neuen Macht ihrer Liebe gewaltigen Mutes voll.
In ihrer jungen, übervollen Seele rauschte und stürmte jene
geheimnisvolle Macht des großen Glücksgefühls, jenes optimistischen
Größenwahns, der sich trotzig vermißt, Berge versetzen zu können, weil
ihm der erste kleine Zauber gelungen ist. Und so erfuhr noch selbigen
Abends die Tante Geheimrat, zu der Carina ein großes Vertrauen hatte,
das ihre kleine Welt so elementar erschütternde Ereignis.
Frau Elsbet Ewald war eine sehr kluge, taktvolle alte Frau, die das
unsagbare Glück der kleinen Mutzerin nicht stören mochte, schon weil
sie selbst ihre helle Freude daran hatte. Aber auch sie sah nicht
ohne düstere Sorgen in die Zukunft der beiden Liebenden, denen sie
von Herzen wohl wollte, und für deren Schicksal sie sich doch mit
verantwortlich fühlte, da sie ein ganz klein wenig Parze dabei gespielt
hatte.
Vor allem galt es nun, die Schwester des Präsidenten, ihre intime
Freundin, zu gewinnen, um dann vielleicht den Herrn Papa vor das fait
accompli stellen zu können.
Zunächst vermeldete die kluge Frau Elsbet die kleine Braut als
unbedenklich erkrankt, um wenigstens die Reise aufzuschieben. Dann
schrieb sie einen äußerst diplomatischen Brief an ihre Freundin, über
den Kaspar, wenn er ihn gelesen, tief errötet wäre, wahrscheinlich
sogar heftig protestiert hätte.
Unterdessen sonnte sich das liebe Pärchen in der Gnadensonne des
ersten Glückstraums, beichtete sich gegenseitig um die Wette all
seine Schlechtigkeiten und seine redlichsten Vorsätze, baute sich
sein trautes Zukunftsheim bis auf die letzten Möbelstücke und
Lieblingsbilder und begann mit einem funkelnagelneuen Idealismus und
viel gutem Willen die gegenseitige Erziehung.
Da fuhr wie aus blauem Himmel ein Blitz hernieder: Carina ward umgehend
von ihrem Vater nach Hause beordert, und »Herr Kaspar Krumbholtz,
Lehrer an der städtischen Reformschule zu Leipzig«, erhielt von einem
Präsidialschreiber einen kurzen, aber groben Verweis wegen »seines
ungehörigen Benehmens gegen ein unerfahrenes junges Mädchen von
vornehmer Familie«, gezeichnet Mutzer.
Kaspar stand, starr über diese Roheit, zitternd da; in hilfloser
Empörung schossen ihm Tränen in die brennenden Augen. Scham, Wut,
Stolz, beleidigtes Menschengefühl revoltierten in seinem Innern.
Erst gab ihm der Trotz ein, das Schreiben zurückzuschicken mit einem
»gelesen und genehmigt! Krumbholtz.«
Dann siegte die Vornehmheit in ihm, und so setzte er sich mit bebenden
Gliedern hin und schrieb, totenbleich vor krampfhaft erzwungener
Selbstbeherrschung, einen kurzen Brief an Carina, in dem er ihr das
Jawort zurückgab und sie bat, ihm das Weh, das er ihr angetan, und die
Beleidigung, die er ihrem Herrn Vater unbeabsichtigt zugefügt habe, zu
verzeihen. Das Schreiben des Herrn Präsidenten legte er als Begründung
für sein Zurückweichen bei.
Umgehend kam ein mit Tränenspuren übersäter, langer Brief Carinas des
Inhalts: sie könne und wolle nie und nimmer auf Kaspar verzichten und
wäre sogar bereit, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, ja, wenn es
nötig wäre, so würde sie mit ihm in die kleinste Dachwohnung ziehen
selbst auf die Gefahr der Enterbung hin; ihr Mütterliches könne sie
übrigens verlangen, da sie mündig sei. Vor allem aber solle Kaspar sie
nicht entgelten lassen, was ihr manchmal vom Dienst verärgerter, im
Grunde so grundguter Papa gesündigt habe, und er solle doch wenigstens
zu Geheimrats kommen, die ihn erwarteten. Vater Ewald sei nun auch
eingeweiht und wolle persönlich an Papa schreiben und ebenso an
Volpelius, der, bei der Regierung wohlbekannt, früher auch einmal der
Vorgesetzte Papas gewesen sei.
Kaspar atmete ein wenig auf, als er den Brief gelesen hatte, aber er
gab dem wartenden Dienstmann nur wenige Zeilen mit:
»Liebling!
Ich muß nun warten, bis Dein Herr Vater mir gestattet, Dich bei
Geheimrats aufzusuchen; auch Dir gegen seinen Willen zu schreiben
erlaubt mir mein Stolz nicht mehr. Stehlen will ich nicht.
Kaspar.«
Carina gab sich damit nicht zufrieden. Sie setzte die Dienstmänner der
Karl Tauchnitzbrücke gar weidlich in Bewegung; aber Kaspar war hart und
erklärte einem nach dem andern, wenn auch mit wundem Herzen: »Keine
Antwort!«
Qualvolle Tage vergingen. Noch hoffte Kaspar leise; doch es kam nur die
Nachricht: Carina sei nun entschlossen, selber ihre Sache bei Papa zu
führen, und bäte Kaspar bei der Treue, die sie sich doch gelobt und die
sie unter allen, auch den schwersten Umständen einander halten wollten,
ihr wenigstens auf dem Bahnhof, in Gegenwart der Tante Geheimrat,
Lebewohl zu sagen. Das sei nichts Unehrliches, das sei er ihr vielmehr
schuldig.
Kaspar ließ zurück melden: Er werde da sein.
Und so nahmen sie Abschied. Noch einmal beschwor Carina den Verlobten:
er möge ihr nur treu bleiben; sie werde nie, nie von ihm lassen.
»Und wenn Papa mich ins Gefängnis würfe, ich bräche aus oder wartete
auf dich, bis er nicht mehr lebte!« Das waren die letzten Worte,
die Kaspar von Carina hörte, sie hallten fast schaurig in seiner
pietätvollen Seele wieder.
Was mußte das für eine gewaltige Leidenschaft sein, die in diesem
kleinen tapferen Mädchen loderte, wenn sie selbst dem Tode des Vaters
so trotzig entgegen sah.
Und neues Vertrauen auf die Kraft solcher Liebe senkte sich in Kaspars
zerrissenes Gemüt; er faßte wieder Hoffnung.
Warten wollte er ja gern, so gern -- nur nicht verzichten müssen für
immer!
Kaspars Liebe ward stark in Geduld. Briefe über Briefe kamen von
Carina, nicht mehr ganz so zuversichtlich betreffs der väterlichen
Einwilligung, auch nicht mehr ganz so trotzig in bezug auf deren
Verzicht; aber noch immer voll der heißesten Leidenschaft, überströmend
von zärtlicher Neigung zu dem »einzig geliebten Herzensschatz«, der auf
ihre Treue »bauen könne wie auf Granitgrund«.