Da flog ihm Ursemis schroffe Frage wie ein scharfer Pfeil entgegen:

»Was steht zwischen dir und mir, Kaspar?«

»Nichts!« antwortete Kaspar verlegen und zuckte hilflos mit den

Achseln.

Aber Ursemi ließ nicht nach. Von neuem begann sie: »Du bist seit

dem Engadin ein anderer geworden. Ich nicht. Im Gegenteil! Was

damals zart in mir emporkeimte, hat feste Wurzeln geschlagen und ist

stetig gewachsen. Warum ist es bei dir anders, Kaspar? Hast du die

Pflanze etwa absichtlich mit Stumpf und Stil ausgerissen, ehe sie

dir allzu kräftig gedieh? Kaspar, ich bitte dich bei unsrer alten

Jugendfreundschaft, gib mir endlich volle Klarheit. Ich glaube, ich

habe ein Recht dazu.«

Zaudernd entgegnete Kaspar: »Du hast ein Recht, gewiß, Ursemi; aber

ich bitte dich dringend, verzichte darauf. Ich hänge noch heute mit

derselben Neigung an dir wie zu Sils Maria, Reda und Bethel. Das darfst

du mir schon glauben ohne große Beteuerungen. Nur das eine muß ich

betonen: Es ist mir bis auf diese Stunde niemals der verwegene Gedanke

gekommen, daß du mich jemals würdigen könntest, dir nicht nur der

treuste Freund zu sein, sondern vielleicht auch der liebste und einzige

Lebenskamerad. Ich habe dich wohl trotzdem geliebt, aber zu Unrecht,

nur weil ich meiner Empfindungen nicht Herr wurde.«

»Kaspar,« frohlockte Ursemi plötzlich dazwischen, »warum willst du

dir und mir nehmen, was uns zukommt? Bist du noch immer derselbe

Bescheidenheitsnarr? Fühlst du denn nicht, daß mich genau dasselbe zu

dir treibt, was dich zu mir riß?«

Kaspar sprang erregt auf. In seiner Seele raste ein Sturm wildesten

Wehs. Seine breite Brust atmete rascher, seine Züge wurden so finster

und trotzig, daß Ursemi erschrak.

Auch sie erhob sich jetzt und wollte auf den Geliebten zugehen, doch

wie abwehrend streckte dieser die Arme vor und sagte: »Laß mich erst

ausreden. Nun muß es eben heraus! Und doch, es wird mir so furchtbar

schwer, denn ich weiß, ich muß dir bitter weh tun, und gerade jetzt, wo

ich dir tausendmal lieber alles andere sagte als so Schmerzliches. Ich

will mich nicht entschuldigen, aber vielleicht hätte ich dich und mich

nicht so schmählich vergessen, wenn ich gewußt hätte, daß du mich doch

-- nein, es war auch so schlecht genug, denn ich liebte dich -- kurz

und gut -- ich bin deiner nicht wert! Du darfst mich nicht mehr lieben,

du mußt mich verachten als einen Unwürdigen.«

Jäh und wie scheu wandte er sich ab.

Mit einem verwirrten Kopfschütteln sank Ursemi leise in den Sessel

zurück und starrte zu Boden, während Kaspars harte Tritte, ruckweise

den Boden erschütternd, dumpf in dem dichten Wollhaar des großen

Smyrnateppichs verhallten.

Endlich fand Ursemi die Sprache wieder und sagte versonnen: »Noch sehe

ich nicht klar. Vorhin sagtest du, du hättest niemand lieber als mich,

und jetzt redest du so, daß ich annehmen muß, du hast mich über einer

anderen vergessen. Verzeih, Kaspar, daß ich mich damit nicht zufrieden

gebe. Es geht doch um meine ganze Zukunft, um mein Lebensglück!«

»Ursemi, Ursemi!« stieß Kaspar jetzt wie verzweifelt heraus, »was

schaff ich dir für Herzeleid! Mein Gott, mein Gott, wie soll ich das

verantworten vor mir und deinem heimgegangenen Vater.«

»Kaspar,« erwiderte Ursemi sanfter, als es sonst wohl ihre Art war, »er

war ein Mensch, er war mild im Verstehen und nachsichtig im Urteilen.

Ich will seine Tochter sein. Also sage mir vertrauensvoll, wie alles

steht. Vielleicht komme ich darüber hinweg.«

Schmerzlich schüttelte Kaspar das Haupt und sagte leise: »Nein --

darüber kann ein Weib so wenig weg wie ein Mann. Und wenn es anginge

-- und es geht ja im Leben oft genug an -- von meiner Ursemi wünschte

ichs nicht einmal. Was ich ihr nicht verzeihen würde, soll sie mir erst

recht nicht verzeihen. Du sollst nicht heruntersteigen zu einem Mann,

der -- kurz gesagt -- nicht mehr ist, wie Mann und Weib sein sollen,

wenn sie einen Bund fürs Leben schließen. Genügt dir das -- verlange

nicht mehr, Ursemi -- es wäre grausam.«

»Lieber,« sagte Ursemi nach einer langen Pause leise und mit

sichtlicher Bewegung, »ich glaube, ich könnte dir einen jugendlichen

Fehltritt so gut verzeihen wie Millionen andrer Frauen.«

»Aber ich verzeih ihn mir nicht,« antwortete Kaspar schroff, »denn er

war schwerer, als du ahnst, und ich könnte nicht mit dem steten Gefühl

einer schweren Schuld neben dir leben. Nein, nein!«

»Kaspar,« warf Ursemi ernst ein, »wir müssen uns alle viel verzeihn.

Wer weiß --«

»Nein, nein,« beteuerte Kaspar heftig, »es war unverzeihlich! Du weißt

ja nicht alles.«

»Hast du denn das Mädchen in Schande gebracht? Hast dus verraten?«

»Nein, das nicht.«

»Hast du es sehr geliebt, Kaspar?«

»Eben nicht! Und schon das ist schlimm. Das wäre sogar gemein, wenn

sie mich nicht geliebt hätte. Was sie tat, ist ihre Sache, und die

Frau war nicht schlecht. Aber ich, ich war schlecht, ich habe wirklich

unverzeihlich gehandelt, denn ich -- das ist das Schlimmste -- ich habe

mich vergangen gegen den heiligen Geist der Liebe: Ich habe mich von

meinen erregten Sinnen hinreißen lassen, obwohl mein Herz einer andern

gehörte, denn ich liebte dich -- dich allein und vergaß mich doch! Das

ist ein unauslöschlicher Frevel. Und solch ein Mann ist deiner nicht

würdig. Niemals! Und nun -- laß mich gehn, Ursemi, ich könnte den

Blick deiner Augen nicht länger ertragen. Ich bin ein Schwächling, ein

Elender, ein Undankbarer, und ein solcher darf nie an deiner Seite

stehn!«

»Das bist du alles nicht,« sagte Ursemi stark, »dazu kenne ich dich

viel zu gut, Kaspar. Du bist nur wieder der Übergewissenhafte, der ein

ganzes Leben lang es büßen will, daß er sich einen Augenblick vergessen

hat, wie das wohl bei jedem Menschen einmal vorkommen kann.«

»Was bist du gut, Ursemi,« stöhnte Kaspar zu Boden blickend, »ich

ertrage das nicht! Aber das darf mich nicht hindern, zu tun, was ich

tun muß. Ich muß die Folgen meines Frevels wenigstens auf mich nehmen.

Ich darf das liebste Wesen, das ich schnöde verraten habe, nie in meine

Arme schließen, ich könnte es niemals mit reinem Gewissen tun.«

»Und an mich denkst du wohl gar nicht?« fragte Ursemi in alter

Herbheit.

»Wie kannst du so fragen?« antwortete Kaspar in dumpfer Verzweiflung,

»ich denke ja nur an dich, ich denke an deinen Vater, und was ich ihm

schulde. Ich denke daran, daß ich dir ein treuer Freund und Berater

sein soll, und der, der möchte ich dir doch bleiben dürfen. Und soll

ich das, dann darf ich an mich und mein Wohl hierbei gar nicht denken,

ich darf um deinetwillen nie und nimmer dulden, daß du einen Mann

wählst wie mich, der sittlich und charakterlich tief unter dir steht,

den du wohl bemitleiden, aber nie achten könntest, wie ein gutes Weib

es soll. Ursemi, ich kenne dich doch auch, ich weiß, daß du ein stolzes

Mädchen bist und mit Fug und Recht! Du, gerade du brauchst einen nicht

minder Stolzen, einen Eroberer, dem du dich in Liebe und Bewunderung

fügen könntest, aber nie einen so armseligen Gesellen, den du dir aus

Barmherzigkeit aus dem Staube auflesen müßtest. Du brauchst einen

Herrn, nicht einen Sklaven, wenn du glücklich sein sollst.«

»Lieber Kaspar,« unterbrach ihn Ursemi scharf, »was ich brauche, weiß

ich wohl besser als du. Ich wünsche weder einen Herrn noch einen

Sklaven -- sondern einen guten Kameraden, selbstlos und treu -- seiner

Menschlichkeit sich bewußt wie du! Darum noch einmal -- und nun zum

letztenmal: willst du dereinst dieser Kamerad mir werden -- oder nicht!

Ich will mit Freuden warten, ich will dich achten und lieben, will

gern vergessen, was du glaubst gefehlt zu haben, ehe du mir gehörtest,

Kaspar -- willst du?«

Eine bange Pause trat ein.

In Kaspar arbeitete und kämpfte es schwer, endlich sagte er langsam

mit gebrochener Stimme: »Ursemi, liebste Schwester, ich darf nicht

tun, was du wünschest, wenn anders ich die Achtung vor mir selber

nicht verlieren soll. Ich bin in meinem Leben stets der inneren Stimme

gefolgt, die mich nie betrogen hat. Und diese Stimme sagte mir schon

früher: du wirst nie der rechte Mann sein können für eine Ursemi -- und

diese unbestechliche Stimme sagt mir vollends jetzt klar und deutlich:

Nein, Kaspar, du darfst es nicht tun, du tätest ein zweites Unrecht,

schlimmer denn das erste. Und ich will dieser Stimme folgen wie bisher,

will auch gedenken der letzten Worte, die dein Vater mir schrieb: sei

treu gegen dich und andere!«

»Aus Treue willst du untreu werden,« schrie Ursemi auf, »ich verstehe

dich nicht mehr, Kaspar.«

»Das ist das Bitterste!« antwortete Kaspar dumpf, »nun wirst du irre

werden an mir. Ursemi -- nur das nicht! Glaub meiner Redlichkeit!«

»Ich fluche ihr, Kaspar!« In wilder Verzweiflung stieß Ursemi die Worte

heraus und wandte sich heftig ab, ihrer Kammer zu.

Wie verstört schaute Kaspar ihr nach und wankte dann mühsam zum Zimmer

hinaus.

* * * * *

Für Kaspar Krumbholtz folgten Wochen und Monate tiefster Qual.

Seine oft erschütternden Briefe an Ursemi blieben ohne jede Antwort,

aber er trug diese Nichtachtung geduldig wie eine wohlverdiente

Strafe; ja nach und nach kam das Wohlgefühl des sühnenden Büßers über

ihn.

Daß er richtig gehandelt hatte, ward ihm von Tag zu Tage klarer, und

schließlich mußte es auch wohl Ursemi eingesehen haben. Denn nach Jahr

und Tag kam doch wieder ein langer, guter Brief von ihr, in dem sie

Kaspar um Verzeihung bat, daß sie ihm so gegrollt habe, aber sie habe

eben zu lange nicht darüber hinweg gekonnt. Vielleicht habe Kaspar

damals recht gehabt, denn sie wolle ihm als ihrem treuen Bruder zuerst

verraten, daß eine andere und leidenschaftlichere Liebe nun über sie

gekommen sei. Harry Brosyn habe ihrs angetan mit seiner unermüdlichen

Ausdauer und auch gerade mit seiner gebieterisch stolzen Art. Er wolle

ihren Bitten, dauernd zurückzukehren, nicht nachgeben, sondern bestünde

unerbittlich darauf, daß ihm seine zukünftige Frau auch in den wilden

Westen, den er übrigens sehr paradiesisch schildere, folge. Das habe

schwere Kämpfe gesetzt, vor allem mit Mutter. Doch gestern habe der

unbeugsame Harry endlich das Jawort erhalten.

In ehrlicher Freude und mit dem Gefühl einer inneren Erleichterung

schrieb Kaspar seine Antwort, dann suchte er Sebalt auf, der sich

unterdessen habilitiert hatte und Assistent bei seinem verehrten

Ordinarius geworden war.

Sebalt war, wie jetzt wieder oft, grimmiger Stimmung. Seine Mittel

gingen zu Ende, und mit seiner Geliebten harmonierte er auch nicht

mehr, seit sie eine große Dame und eine berühmte Künstlerin geworden

war.

Zu Kaspars froher Nachricht sagte Sebalt mit sarkastischem Lächeln:

»Bist ein glücklicher Kauz, Kaspar. Wo ein andrer die Miene des

betrübten Lohgerbers aufstecken würde, da kannst du noch strahlen

wie ein Schneekönig. Ich wünschte manchmal auch, ich könnte wie

du in Selbstlosigkeit schwelgen; aber ich habe das noch immer

nicht raus. Ich müßte der Frémont eigentlich gönnen, daß sie von

mir erlöst wird und die famose Stellung am Wiener Volkstheater

bekommen hat, trotzdem ärgere ich mich grün und blau darüber und bin

fuchsteufelswild. Übrigens -- weißt du, was mir eben einfällt? Ich

werde die Winkler-Stiftung zur Feier der gloriosen Verlobung anzapfen.

Wir haben doch noch so was wie ne Bildungsreise gut, nicht wahr? Na

-- meine Bildung genügt zwar für den Hausgebrauch; aber in der Laune

wäre ich gerade, um mich mit den Südseeinsulanern und ihren Viechern

anzubiedern. Mein Direx hat da unten ganz nette Studien angefangen, bis

ihm die Malaria übern Kopf kam. Ich werde mal sehen, ob ich mit meinem

am Kap der guten Hoffnung imprägnierten dicken Fell und einer soliden

Büchse Chinin nicht weiter komme als der Alte. Noch heute schreibe ich

dem guten Papa Volpelius und der noch besseren Mutter Winkler.«

»Hoffentlich vergißt du Ursemi und Harry nicht,« fügte Kaspar lachend

hinzu.

»Fällt mir nicht ein, alle sollen sie eine niedliche Epistel haben, und

zur Hochzeit fahre ich obendrein noch, wenn ich den Mammon kriege,«

schloß Sebalt launig und verabschiedete sich rasch von Kaspar.

Wenige Wochen darauf konnte +Dr.+ Sebalt in der Tat seine

Südseereise vorbereiten. Das Kuratorium hatte ihm zunächst für drei

Jahre ein ansehnliches Stipendium ausgesetzt. So wohnte er in höchst

aufgeräumter Stimmung der Brosyn-Winklerschen Hochzeit bei und

vertrat Kaspar, der gerade ins Examen mußte, mit »aller Würde und

Gewissenhaftigkeit seines alten Schelmen«, wie er ihm übermütig

schrieb.

Kaspars Examen glückte besser, als er es erwartet hatte.

Mit frohem Herzen gab er erst dem jüngsten Südseeforscher das Geleit

bis Hamburg und nahm dann einen ihn tief bewegenden Abschied in

Bremen von Ursemi und Harry, die ihn dringend einluden, sie bald in

Kalifornien zu besuchen.

Kaspar schüttelte wehmütig das Haupt und sagte: »Daraus wird

wohl nichts werden, ich trete im nächsten Monat an der Leipziger

Reformschule ein. Nun ists mit der Freiheit wohl endgültig vorbei,

aber ich hoffe, ihr kommt bald einmal wieder! Hoffentlich dann für

immer. Reda darf nicht verwaisen.«

Harry drohte lachend mit dem Finger und meinte: »Also du auch, Kaspar?

Ganz wie Vater und Mama Winkler! Na -- bis ich zur Retraite blase,

kommst du längst mal nach Frisco!«

Kaspar schwieg erst; als jedoch Ursemi beim letzten Händedruck leise

fragte: »Wenn ich dich riefe?« antwortete er fest: »Dann käme ich.«

Fünftes Kapitel

Die Moravenrunde

Kaspars Leben lief nun wieder in streng geregelten Bahnen. Der

Schuldienst machte seine Rechte unerbittlich geltend, und es galt, sich

in zwar nicht völlig neue, aber eigenartige Verhältnisse einzugewöhnen,

die auch einen besonderen Verkehr mit sich brachten.

Allzu anregend war der neue, ziemlich große Kollegenkreis nicht, auch

seine oft philiströs steifen Formen behagten Kaspar wenig, und mit

einer sehnsuchtsvollen Wehmut gedachte er jetzt öfter des kleinen

intimen Institutkreises von Tramberg und seiner fröhlichen, formloseren

Gesellen. Wenig genug hatte er von ihnen gehört.

L³, mit dem sich Kaspar bisweilen schrieb, hatte schließlich den

Rektor vortrefflich gebaut und leitete eine Gemeinschule im Westen

mit Liebe und gutem Bedacht; kam aber mit Bruder Balzar, seinem

Vorgesetzten, nicht recht zu Rande. Der trutzige Kratt und die wackeren

Mecklenburger waren ebenfalls Schulleiter geworden; der »Chef« war

noch rüstig im Amt, Hinzelmann und Wiesendahl wirkten irgendwo als

Gemeinhelfer, Schlegelmeyer war Divisionspfarrer, der Doppelkollege

vegetierte noch immer kümmerlich als Hilfslehrer an einem kleinen

Privatinstitut, und der gute Vater Schnäbele war den Heldentod des

Missionars gestorben.

Von dem Schicksal der übrigen hatte Kaspar nichts erfahren; seine

Fühlung mit der Brüdergemeine war gering. Sein alter, nun pensionierter

Onkel Andreas in Ingelbach, der sich mit Tante Renate an den Erfolgen

der braven Zwillinge freuen durfte, schrieb ihm nur dann und wann. Auch

besuchte Kaspar die beiden redlichen Alten nur selten, da sie ihm den

Austritt aus der Gemeine noch immer nicht ganz verziehen hatten.

Daß es in Leipzig auch eine ganze Reihe ehemaliger Moraven gab, wußte

Kaspar sehr wohl, aber sie aufzusuchen hatte er früher keine Lust und

dann keinen Mut gehabt.

Nicht einmal den Gruß des ehrwürdigen, unterdessen auch heimgegangenen

Ehrentraut Kämpfer an seinen Sohn Gottfried, der als angesehener

Journalist in Leipzig lebte und nächst Sebalt als der Entdecker des

großen Talents der jungen Frémont galt, hatte er seiner Zeit bestellt.

Kaspar hatte gar keine literarischen Neigungen, und eine gewisse Scheu

vor Leuten, die im öffentlichen Leben hervortreten wollten oder

mußten, wich auch nicht von ihm.

Er dachte sich diesen jungen Kämpfer als die in das äußerlich

Streitbare verzerrte Karikatur seines furchtlosen, großen Vaters,

und er wollte nicht eine Enttäuschung erleben, dazu war ihm der Name

Kämpfer zu lieb geworden.

Da lernte Kaspar eines Tages einen Buchhändler, namens Burkart kennen,

der auch aus der Brüdergemeine stammte und sich nun mit dem Verlegen

pädagogischer Bücher schlecht und recht durchs Leben schlug.

Burkart hatte kein leichtes Dasein. Das Geschäft ging flau, viel Kredit

hatte er nicht, Krankheit und Familiensorgen hörten nicht auf, und doch

glänzte auf dem Gesicht des stillen Mannes immer eine so sonnige und

milde Heiterkeit, als wäre er ein besonderer Liebling Gottes, der über

nichts zu klagen hätte.

Er klagte auch in der Tat nie, im Gegenteil, er suchte anderen

noch stets durch seinen unverwüstlichen Frohmut und herzlich

tröstenden Zuspruch zur Lebensfreude zu verhelfen und fand bei aller

Arbeitsüberlastung immer noch Zeit, sich für allerlei gemeinnützige

Zwecke, Sonntagsschule, Jünglingsvereine, Arbeitslosenfürsorge und

dergleichen herzugeben, ja auch finanziell Opfer zu bringen.

Dieser kleine, grundgütige, apostelhafte Mann, der Leute, die er

mochte, nie so leicht wieder seinem Wirkungskreis entschlüpfen ließ,

hielt auch Kaspar fest und setzte ihm so lange mit herzlichen Bitten

zu, bis dieser ihm versprach, eines Abends mit ihm die Tafelrunde der

alten Moraven aufzusuchen.

Nur ungern ging Kaspar mit Burkart, denn er fürchtete im geheimen eine

Enttäuschung. Aber das Gegenteil trat ein.

Die Moravenrunde war eine feine Sammlung seltener Charakterköpfe --

alles Männer, denen man es nach wenigen Minuten anmerkte, daß sie einen

besonderen Lebensweg hinter sich hatten, reich an verschwiegenem Leid

und schonungslosen Seelenkämpfen.

Da war vorerst Gottfried Kämpfer, der Journalist, der Vielverfehmte

und auch von Kaspar völlig Verkannte. Kein sogenannter witziger Kopf,

auch keine eigentlich scharfe Zunge, wie seine Feder es wohl vermuten

ließ; sondern ein Mann des stillen Humors, jenes echten, einzigen und

weltüberwindenden Humors, der auf des Lebens tiefster Tragik basiert

und seinem Träger die wahrhaft hellseherische Gabe verleiht, hinter die

wechselnden, gern täuschenden Erscheinungen des Lebens zu lugen und die

wahren Werte des Daseins rasch zu erkennen und an ihnen gerade da --

wo der klügste Kopf sie nicht vermutet -- seine behagliche Freude zu

finden.

Mit befriedigtem Lächeln reichte Gottfried Kämpfer Kaspar die Hand und

sagte scheinbar krautzig: »Na, Sie konnten auch mal eher kommen, Sie

waren doch längst reif für unsere Runde der Enterbten.«

»Warum enterbt?« fragte Kaspar erstaunt nach der Vorstellung.

»Weil man uns den Boden,« sagte der eine Nachbar Kämpfers, ein

Waisenhausvater, ernst, »den unsere Väter mit ihrem Herzblut gedüngt

haben, vorenthalten und uns in die Fremde gestoßen hat.«

»Tut nichts,« rief Kämpfers anderer Nachbar, ein stämmiger Jurist und

Parteisekretär der Nationalsozialen, »wir haben Neuland genug und zu

Pionieren sind die Besten gerade gut genug.«

»Ich meine auch,« fügte Gottfried Kämpfer listig mit den Augen

zwinkernd hinzu, »wir sind reich, uns gabs der Herr im Traum, jedem

ein schönes neues Lehen, dir deine Partei mit dem unerreichbaren

Ziel, den Arbeitern auch das solide schwarz und weiß in die roten

Seelen zu malen; dem Musikokatos und Organiste da drüben seine

Verehrergemeinde, der er, zwischen seine Gavotten hinein, vergeblich

klar zu komponieren sucht, daß die geistliche Musik doch die höchste

aller Kunstoffenbarungen ist; dann hier der grämliche Waisenpapa --

halt, ruhig geblieben, ich habe mal das Wort --, du Mann der neuen

Ethik, der du mit dem Mitleid allein die böse Welt kurieren willst;

dann der Buchhändler da mit den wegen ihres tiefen Gehalts so gänzlich

unabsetzbaren Büchern; weiter meine Wenigkeit, die tagtäglich gute

Saat auf Hoffnung auswirft und keine blasse Ahnung hat, wo und wann

das Zeug aufgehen wird. Denn die Esel, die an die Redaktion schreiben,

sind allemal die Gottbegnadeten, die da geistlich arm sind und doch

das Himmelreich schon auf Erden in Pacht haben. Und das dicke Ende

kommt nun endlich! Um das halbe Dutzend voll zu machen, tritt heute

abend auch das vielgesuchte Krumbholtzkasperl wie ein Maultier, das

lang im Nebel seinen Pfad gesucht, vorsichtig schnobernd, in unsern

ihm noch stark verdächtigen Kreis. Fahren wir also säuberlich mit dem

Knaben Absalom, liebe Brüder! Die Jugend hat ja die Zukunft, und dieser

geheimnisvolle Nachfahre des obersten der heiligen drei Könige hat

sicher das beste Stück von unsern erträumten Königreichen erwischt,

den steinigen Boden der Jugenderziehung mit den schönen Disteln, die

gewisse Tiere, die mit Unrecht für dumm gehalten werden, besonders

lieben. Heil dir also, mein wackerer Hans der Träumer, du sollst der

Kronprinz der Enterbten sein! Und wenn du das Geheimnis der neuen

nationalen Erziehung ganz erträumt haben wirst, dann setzen wir dir

dereinst die Krone auf dein dann wohl schlohweißes Haupt. Bis dahin

willkommen, du letzter der Enterbten, der du sollst der erste sein! Ich

trink dir zu.«

Die übrigen vier riefen laut »Bravo« zu der trefflichen Rede ihres

Wortführers und tranken Kaspar ebenfalls zu. Dieser dankte verlegen und

sagte versonnen:

»Wer weiß, ob wir nicht wirklich die geretteten Kleinode des

moravischen Königsschatzes unterm Mantel tragen?«

Dann ging es an ein langsam, doch sicher tropfendes Plaudern, das

Kaspar innerlich mehr austrug als manches Kolleg.

Von nun an fehlte er fast nie mehr in dem traulichen Kreise der

enterbten Moraven und suchte und fand hier stets Ersatz für die oft

trostlosen Stunden, in denen er mit seinen eigentlichen Kollegen

zusammensitzen, ihre auffallend gleichmäßigen Studentenerinnerungen,

Fachsimpeleien und allerlei trüben Schulklatsch anhören mußte. Er tat

es meist schweigend nach seiner Gewohnheit.

Mit der Zeit galt Kaspar Krumbholtz in der Kollegenschaft für einen

ausgemachten »Stumpfbold«; auch von seiner Lehrbefähigung wußte niemand

unter den Vorgesetzten oder Kollegen viel Rühmliches zu melden. Nur

seine Schüler hingen an ihm.

»Wohl ein Zufall,« sagten einige Kollegen -- »Er ist halt ein guter

Kerl« die anderen.

* * * * *

Still, aber im Innersten nicht recht befriedigt von seiner Lehrarbeit,

lebte Kaspar Krumbholtz seine Tage dahin.

Er fühlte immer klarer, daß er nicht in erster Linie Lehrer, sondern

Erzieher war. So sehr sich beides bei Leuten, die berufsmäßig an der

Jugend für die Zukunft des Volkes bauen wollen, vereinigen und ergänzen

soll, so wenig schien es Kaspar tatsächlich bei seiner Umgebung der

Fall zu sein.

Die gescheitesten Lehrer waren oft die talentlosesten Erzieher, und

wer hingegen Erziehungstalent besaß, war nicht immer -- wie er selber

zum Beispiel nicht -- ein kluger Lehrer, ein souveräner Meister

der verschiedenen Methoden, die je nach dem Stoff, je nach der

Individualität der Schüler gewechselt oder vermischt, nicht aber nach

dem allgemein herrschenden Schematismus anzuwenden waren.

Kaspar sah das alles mit scharfem Blick, dachte auch unaufhörlich über

all diese wichtigen Probleme nach, von deren Lösung -- seiner Meinung

nach -- ein gut Teil der zukünftigen nationalen Leistungen abhängen

würden; aber er fühlte sich nicht berufen, darüber zu sprechen oder

gar zu schreiben.

Er kannte nur die Sehnsucht nach der ihn und sein Gewissen

beruhigenden, befreienden Tat!

Aber wie sollte er wohl zu Taten kommen unter den obwaltenden

Verhältnissen?

Er glaubte sich auf Grunde ehrlichster Selbstprüfung vielleicht für

fähig halten zu dürfen, mitunter den richtigen Mann für die richtige

Stelle zu erkennen. Er hielt sich auch wohl für mutig genug, bei

völliger Freiheit und bei völlig unbeschränkten Mitteln, den stillen,

tastenden Versuch zu einer Neuorganisation zu wagen, freilich nicht

ohne die Ergebnisse und Geheimnisse alter moravischer Erziehungskunst

fruchtbar zu verwerten.

Doch woher sollte ihm, dem kleinen, nicht einmal an seiner Schule eine

Rolle spielenden Lehrer die Gelegenheit kommen, seine geheimsten Pläne

irgendwo in die Tat umzusetzen?

Kaspar Krumbholtz · 第 14 / 20 段