glaubt Ihnen ja doch keiner, daß Sie son Laff sind, wie Sie vorgeben.
Also nun hören Sie. Ich war schon in Monplaisir Schauspielelevin;
wir probten da im Saal immer nachmittags. Ich hatte seinerzeit große
Rosinen im Kopf, wie die meisten von uns am Anfang. Unter ner Duse tun
wirs nicht in unsern Erstlingsträumen. Ein wenig Erbteil hatte ich
damals noch, ein leidliches Äußere doch auch, sogar nach dem Urteil
eines gewissen Herrn, der mir immer nachmittags nachstieg. Na kurz
und gut, als ich in Lindenau das erste Mal öffentlich auftrat -- an
jenem Abend wollte ich nur die Akustik im gefüllten Saal prüfen -- da
hing mein Himmel voller Geigen. Dann aber kams anders. Ich spielte
und spielte, kein Hahn und kein Agent krähten nach mir, obwohl das
Publikum immer Beifall spendete und die Kritik stets wohlwollend war.
Ich ging in die Vollen, ich ließ mir Toiletten machen, ließ mir Buketts
spenden, lachen Sie nicht -- es ist mir bitter genug gewesen. Alles
war verlorne Liebesmüh; nur Verehrer, die waren hinter mir her wie
die Teufel hinter ner armen Seele. Damals ging mein Restchen Vermögen
zu Ende, und ich rang bitterlich mit mir, ob ich kapitulieren sollte,
wie so viele Größere vor mir auch in blutiger Not, nur um sich der
geliebten Kunst zu erhalten. In jener Seelennot, Herr Sebalt, stießen
Sie auf mich. Das war an dem bösen Abend vor dem Juwelierladen. Erst
flog mir durch den Kopf -- kapituliere! Dann kam plötzlich die Scham
vor mir selbst, und in bittrem Hohn -- ja mit Undank und Niedertracht
zahlte ich Ihnen für Ihre Neigung, für Ihr vielleicht ehrliches Opfer.
-- -- So, da haben Sie meine Beichte, ohne Schminke und ohne Scham!
Wollen Sie nun aufhören, mich zu peinigen und mir endlich Absolution
erteilen, ein- für allemal!«
Hans Sebalt war es eigen zumut. Er fühlte, er war mehr ergriffen von
dem schlichten Leidensbericht, als er sich gestehen mochte.
Und doch schwankte er, ob er nicht zu viel Trümpfe aus der Hand gäbe,
wenn er jetzt schon den ganz Versöhnten spielen würde.
So sagte er nur unwirsch und doch fast tonlos vor verhaltener Bewegung:
»Narrenhaus -- diese Welt -- man tanzt aneinander vorbei, wenn man sich
am nötigsten braucht.«
»Was meinen Sie damit,« fragte Charlotte beunruhigt.
»Bitte, beantworten Sie mir erst eine Frage, die ich mir sicher nicht
erlauben würde, wenn -- nun ja, ich will auch ehrlich sein -- wenn ich
Sie nicht ehedem so wahnsinnig geliebt hätte.«
»Ich weiß schon, was Sie fragen wollen. Erst eine Gegenfrage: Haben Sie
mal meine Mila im Frühlingssturm gesehen?«
»Ja, sie war das Erste und -- gestatten Sie -- das Beste von Ihnen!«
»Nun also! Und glauben Sie, daß eine Non Traviata, oder sagen wir doch
lieber richtiger eine, die ihrem Götzen von Beruf nicht alles -- auch
das letzte -- hingeopfert hätte, so spielen könnte?«
»Nein, ich dachte mirs,« antwortete Sebalt tief ergriffen.
»Und sehen Sie,« rief er dann schmerzlich, »hätten Sie mich damals
nicht brauchen können? Ich hätte keinen so hohen Preis gefordert, wie
vielleicht ein anderer -- ich -- ich liebte Sie redlich.«
»Und heute fordern Sie ihn auch, weil Sie mich nicht mehr lieben,
sondern nur, weil Sie sich noch in Ihrer Rache sonnen wollen.«
»Ich fordere nichts, aber auch gar nichts mehr!«
»So -- und warum nicht? Bin ich Ihnen selbst zur Rache zu schlecht?«
»Nein, Charlotte, dazu sind Sie mir nach Ihrem Geständnis noch immer
viel zu gut! Nur -- ich verlange heute nach beiden nicht mehr -- wie
damals! Ja -- damals schrie ich wohl nach Ihrer Liebe und dann -- dann
glühte ich vor Haß.«
»Und vergaßen mich am Ende -- trotz oder vielleicht wegen der teuren
Brosche?«
»Nein,« sagte Hans mit plötzlich erwachter Leidenschaft, »nun sollen
auch Sie alles wissen! Die Brosche -- die warf ich einer andern zu,
der ich mein Bestes verschenkt hatte -- warum -- weil sie Ihnen
ähnlich sah! -- So, nun habe ich gebeichtet und bitte um die gleiche
Sündenvergebung, liebe Beichtigerin.«
Charlotte sagte kein Wort. In tiefer Bewegung gingen die beiden bis zu
der unfernen kleinen Parterrewohnung der Schauspielerin.
Als diese ihre Haustür aufgeschlossen hatte und Hans sich verabschieden
wollte, sagte Charlotte leise: »Kommen Sie herein, Herr Sebalt, ich bin
Ihnen viel schuldig geworden und will meine Schulden bezahlen.«
Da umfaßte Hans Sebalt das schöne, ehedem so bitter gehaßte Weib in
wilder, glückseliger Liebe, und mit verzehrender Glut wurden seine
stürmischen Küsse erwidert.
Viertes Kapitel
Auseinander
Kaspar Krumbholtz drang tiefer und tiefer in den Geist der modernen
wissenschaftlichen Forschung ein und söhnte sich auch mit der ihm
ehemals so unsympathischen historisch-kritischen Methode aus.
Nach und nach merkte er eben, daß seine Abneigung nicht eigentlich in
der freilich oft alexandrinisch übertriebenen Buchstabentiftelei der
Philologen, auch nicht in der spezialistischen Kleinkram bisweilen
überschätzenden Einseitigkeit der Historiker ihren letzten Grund hatte,
sondern in dem Unwillen seines autoritätfrommen Gemüts, das gegen das
Experiment am ungeeigneten Objekt Verwahrung einlegte.
Dieselbe Methode, die ihn bei der Bibelforschung so oft innerlich
verletzt hatte, erschien ihm beim Nibelungenlied oder bei den Quellen
der Reformationsgeschichte durchaus anziehend, notwendig und fast
selbstverständlich.
Noch immer zog es jedoch Kaspar in die Weite; immer noch wuchs die
Zahl der Fächer, in denen, wenigstens einigermaßen orientiert zu sein,
ihm notwendig erschien.
Von der Philosophie kam er zu der Ästhetik und Pädagogik, die ihm,
dem Mann der Praxis, allerdings wenig Neues sagen konnte. Die
Nationalökonomie, seine erste Liebe, ließ ihn so wenig wieder los
wie das Interesse für Politik, und beide führten ihn eines Tages zur
Soziologie und zur Geographie. Von der Geschichte und deren wenig
interessanten Hilfswissenschaften drängte es ihn rasch weiter zur
Archäologie und zur Kunstgeschichte.
Er ging in die Museen und lernte in peripathetischen Übungen ganz neu
sehen und vergleichen.
Von der Germanistik trieb es ihn nach und nach zur modernen
Literaturgeschichte und aus den Kollegs unwillkürlich in die Theater
und die Leihbibliotheken.
Vieles in der neusten Literatur verstand er zunächst gar nicht, da
er von Haus aus kaum die Klassiker einigermaßen beherrschte; nur
Liliencron berauschte ihn wie junger Most. Erst über Hebbel, Keller,
Anzengruber, Raabe und die Ebner-Eschenbach fand er langsam den Weg zu
Tolstoi, Ibsen und Hauptmann, während Zola ihm nicht viel zu bieten
vermochte.
Der Dichterphilosoph Nietzsche verwirrte Kaspar anfangs gewaltig, um
ihn dann um so klarer zu machen. Aus seinem niedergeschlagenen Schüler
ward er nach und nach sein fröhlicher Gegner; aber er dankte ihm ein
Stahlbad.
Aus Zufall geriet Kaspar in eine sehr besuchte Vorlesung über
Psychiatrie, und sie fesselte ihn bald so sehr, daß er zwei Semester
hindurch in keiner Vorlesung dieses Fachs fehlte. Das trug ihm
für das Verständnis der modernen, teilweise recht pathologisch
durchsetzten Literatur viel aus, und auch für seine tiefgehenden
Erziehungsinteressen fand er hier wie in den lebensvollen,
anschauungsreichen Vorlesungen eines fast sokratischen Psychologen weit
mehr Nahrung und Anregungen als in denen der eigentlichen Pädagogik.
Je weiter jedoch die Kreise Kaspars wurden, um so schwieriger wollte
es ihm dünken, sich nach und nach zurückzukonzentrieren auf irgendein
praktisches Brotfachstudium. Was die Mehrzahl seiner Kommilitonen zu
früh und zu sehr tat, tat Kaspar zu spät. Manchmal wollte es ihm schier
unmöglich erscheinen, auf das herrliche Ausgreifen nach allen Seiten zu
verzichten.
Hans Sebalt war längst mit höchstem Lobe zum Doktor promoviert und
traf bereits neue Vorbereitungen für ein Werk, das ihm vielleicht als
Habilitationsschrift dienen konnte.
Der langsame Kaspar dagegen suchte und suchte und fand und fand so
vieles und so gewaltiges, daß ihm alles eigne Schaffen demgegenüber als
ein von vornherein aussichtsloses, mindestens wertloses Unterfangen
erscheinen wollte.
Wenn ihm jemals etwas gelingen könnte, so dachte und hoffte Kaspar
mitunter, dann wäre es nur die Reproduktion, die Projektion dieser
reichen Welt von neuen Anschauungen, Ergebnissen und Zielen auf die
Seelen anderer, am liebsten der heranwachsenden Generation, der ein
kundiger Führer in einer so überallhin vorwärtsdrängenden, wirbelnden
Zeit vielleicht fruchtlose Kämpfe und endlose Umwege ersparen könnte.
Aber einer der Professoren setzte Kaspar auseinander, daß nur die
Erfahrung an einigen eigenen Schöpfungen den vollen Respekt vor
den Leistungen anderer und Größerer zeitigen könne, und daß die
notgedrungene Konzentration, vielleicht auch unter dem bittersten
Verzicht, vom berauschenden Genuß des Empfangens zur schmerzvollen
Geburt der Tat führen müsse, wenn anders der Genuß -- auch in der
Wissenschaft -- seine sittliche Berechtigung haben solle.
Und so ließ sich Kaspar nach etlichen Semestern seine Examenarbeiten
geben, obwohl Ursemi ihm in ihren Briefen zusetzte, er solle erst
einmal wie Hans Sebalt den Doktortitel erwerben.
Kaspar lächelte wehmütig über diesen Wunsch.
Verriet er ihm doch leise, daß Ursemi noch immer nicht ganz begriffen
hatte, daß er ihr nie mehr, aber auch nie weniger sein wollte -- und
jetzt gar nicht mehr sein durfte -- als ein treuer Bruder.
* * * * *
In Reda hatte sich äußerlich nicht viel verändert seit dem Tode Wilhelm
Winklers.
Die Werke wurden von den erprobten Direktoren, Beamten und Arbeitern
im Sinne des Mannes weitergeführt, der ihnen durch eine hochherzige
Testamentbestimmung einen je nach dem Dienstalter steigenden,
schließlich sehr hohen Gewinnanteil gesichert hatte.
Der Hauptertrag stand der Winklerstiftung zu, die von einem erlauchten
Sechserkonsortium verwaltet, das halb aus bekannten Gelehrten und halb
aus unabhängigen Laien bestand, und vom Geheimrat Volpelius, einem
früheren Verwaltungsbeamten, geleitet wurde.
Ein kleiner Teil der Gelder wurde zu Stipendien für junge unbemittelte
Forscher oder zur Unterstützung für begabte Schriftsteller und sonstige
geistig oder künstlerisch aufstrebende Männer verwandt, die ihrem Volke
mit der Zeit zu Führern zu reifen versprachen.
Das Hauptziel der Winkler-Stiftung sollte jedoch die Gründung
einer großen nationalen Erziehungsanstalt sein, in der eine von
Staatsvorschriften und Traditionsdruck freie Jugend heranwachsen
konnte, für die charakterliche Erziehung zur Selbständigkeit und eine
individuelle, zeitgemäße und doch harmonische Bildung das oberste Ziel
sein sollten. Einzelbestimmungen fehlten vor der Hand, nur sollte
jegliches Examen völlig ausgeschlossen sein. Das zur Zeit leider noch
notwendige Übel der Einjährig-Freiwilligen Prüfung sollte darum -- wenn
irgend möglich -- hinter den Knaben liegen.
Im übrigen standen naturgemäß die Vorbereitungen für das große, ebenso
schwierige wie kostspielige Hauptwerk, für das einstweilen jedes
Jahr die Hälfte des Reingewinns zurückgelegt werden mußte, noch im
weiten Felde. Volpelius und seine sechs Berater arbeiteten jedoch mit
rastlosem Eifer.
* * * * *
Frau Winkler wohnte mit ihrer Tochter wie bisher den größten Teil des
Jahres in der behaglichen Redaer Villa inmitten ihres lieblichen Parks,
an den die ausgedehnten Waldbesitzungen der Damen sich anschlossen.
Ihre Güter wie die Forstverwaltung unterstanden einem bewährten
Generaldirektor, der mit der gern auch fürs Kleinste selbst sorgenden
Frau Winkler freilich weniger gut fuhr als ehedem mit ihrem
großzügigen Manne.
Es kam mitunter zu allerlei Mißverständnissen und heftigen
Auseinandersetzungen, bei denen Ursemi ihre früher so stille,
gutmütige, sonst so leicht befriedigte Mutter kaum wiederzuerkennen
vermochte. Dann griff sie als mündige Mit-, ja Hauptbesitzerin doch
gelegentlich ein und tat es mit der ganzen Ruhe und Überlegenheit ihres
verstorbenen Vaters.
Das lockere Verhältnis zur Mutter ward jedoch darüber nicht fester
und inniger; denn was sich die kleine runde Frau von ihrem Gemahl
anstandslos, ja dankbar hatte gefallen lassen, das wollte sie der
Tochter durchaus nicht zugestehen. So bildeten sich nach und nach
Verstimmungen, die Ursemi bedrückten und ihr gewisse Fragen, vor allem
die nach einer selbständigen Zukunft, nahelegten.
Daß es der reichen Erbin an Bewerbern aller Art nicht fehlte, war
selbstverständlich; aber unter all diesen Männern war eigentlich nur
einer, der Ursemi ein gewisses Interesse abnötigte und nicht zum
wenigsten durch seine vornehm kluge Zurückhaltung, und das war Harry
Brosyn.
Der junge Graf war noch immer und scheinbar mit großem Erfolg in
Westamerika tätig. Er kam dann und wann auf kürzeren Besuch zu seinem
Vater, den er jedoch noch immer reichlich kühl als »Firma Brosyn
senior« betrachtete. Zweimal sprach er flüchtig in Reda vor, schien
jedoch keine Lust zu haben, sich einen zweiten Korb zu holen.
Ursemis Herz hing in alter Anhänglichkeit, in einer vielleicht mehr
kameradschaftlich herkömmlichen als bewußt leidenschaftlichen Liebe
unverändert an ihrem getreuen Kaspar. Aber er machte ihr Sorge.
In seinen oft allzu peinlich gewissenhaften und darum etwas nüchternen
Berichtbriefen verriet er mehr und mehr, daß er in dem berauschend
gewaltigen Meer der Wissenschaft unterzutauchen Gefahr lief, freilich
nicht als zielbewußter Taucher, sondern als ermatteter, ins Treiben
geratener Schwimmer.
Ursemi las ihm gelegentlich die Leviten, hielt ihm -- zwar gegen ihre
innerste Überzeugung -- den erfolgreicheren Streber Sebalt vor, verriet
schließlich deutlich, daß sie stolz auf ihren Kaspar zu bleiben und
noch mehr zu werden wünsche -- es half wenig!
Kaspar wich erst aus, führte dann -- ganz gegen seine Gewohnheit --
seine Vorarbeiten zum Staatsexamen beruhigend ins Treffen; aber von
jeder tieferen Ahnung der geheimsten Sorgen und Wünsche Ursemis war
er weiter entfernt denn je. Nicht eine letzte, noch so leise Spur der
Engadiner Gefühlsaufwallung schien in seinem Innern vorhanden zu sein.
Sollte ein anderes Mädchen in den Kreis seiner Seele getreten sein?
Oder ging Kaspar vielleicht gar zu sehr in seiner behaglichen
Zwillingsvetterei auf? Freundschaft ging ihm von jeher über Liebe.
Hatte er sich irgendwie verloren?
Ursemi machte sich in ihrer völligen Einsamkeit immer unruhigere
Gedanken. Mit der Mutter konnte sie über dergleichen nicht reden.
Vollends seit Sebalt seinen Doktor gemacht, spöttelte, neckte und
stichelte Frau Winkler ihre Tochter öfter wegen ihres Verzugs, des
langsamen und faulen Kaspars.
Ursemi schwieg dazu; sie war unsicher, sie sah nicht mehr klar; sie
fühlte nur dumpf aus Kaspars oft recht unpersönlichen Briefen, daß doch
irgend etwas zwischen sie und den ihr unentbehrlichen Freund getreten
sein müsse. Und so beschloß sie, sobald wie möglich sich selbst zu
überzeugen, was aus Kaspar geworden sei.
Ein unauffälliger Anlaß zur Reise nach Leipzig fand sich zum Glück
bald, da Frau Winkler, die in letzter Zeit auch recht um sich selbst
und nicht mehr nur für andere zu sorgen pflegte und ein wenig
hypochondrisch geworden war, einen berühmten Spezialarzt in Leipzig zu
konsultieren wünschte.
So trafen denn die Winklerschen Damen eines Tages auf dem Dresdner
Bahnhof zu Leipzig ein, empfangen von +Dr.+ Sebalt und Kaspar
Krumbholtz.
* * * * *
Um Kaspar eine Freude zu machen, hatte Ursemi bei Geheimrat Volpelius
kurz zuvor ein Reisestipendium der Winkler-Stiftung für Kaspars armen
Vetter, der die Leipziger Akademie besuchte, ausgewirkt und teilte ihm
nun diese Nachricht mit.
Kaspar war glückselig und stürzte sofort davon und holte den
Zwillingsvetter herbei, den Ursemi nach seinem verlegen gestammelten
Dank sofort für einen echten Krumbholtz erklärte.
+Dr.+ Sebalt, jetzt wirklich eine weltmännisch elegante
Erscheinung, machte in erster Linie seiner Gönnerin, Frau Winkler, in
galantester Weise die Honneurs; während sich Ursemi von den weniger
eleganten Vettern Krumbholtz mit froher Laune die Sehenswürdigkeiten
Leipzigs zeigen ließ.
Auch Kollegs mußte sie bei Kaspars Lieblingsprofessoren hören und das
dafür besonders aufgeräumte und bescheiden geschmückte +Collegium
Mugonianum+ mit ihrem Besuche beehren. Hier überreichte ihr der
Vetter Akademiker sogar ein künstlerisch entworfenes Patent, das Ursemi
zum Ehrenmitgliede des »hochwohllöblichen +Collegium Mugonianum
vis-à-vis+ der königlichen Polizei« ernannte.
Dann mußte Ursemi auf dem kleinen, schäbigen, jetzt freilich mit einer
weißen Häkelarbeit der Wirtin schämig verzierten Sofa Platz nehmen
und ein Frühstück genehmigen, zu dem auch der andere Zwilling unter
dem Vorwand eines wichtigen Geschäftsganges sich einstellte, um dem
fürstlichen Besuch des hohen Kollegs seine Aufwartung zu machen.
In harmlos ausgelassener Fröhlichkeit feierte man das Ehrenmitglied und
den glücklichen Besitzer des Reisestipendiums, der nun -- als sei mit
einem Male der Knoten geplatzt -- von launiger Beredsamkeit überfloß
und drollig den kecksten Streich des Kollegs erzählte: wie einmal
die freundnachbarliche Polizei wegen ruhestörenden Lärms ihnen drei
Schutzleute herüber geschickt habe, die dann fröhlich mit pokuliert und
spektakelt hätten, und wie sie -- die drei Vettern -- tags darauf wegen
Lärms auf der Polizei sich bei der Polizei selber beschwert und dann
dort ebenfalls fidel einen guten Tropfen auf dem Wachlokal getrunken
hätten.
Auch die lustigen kleinen Mädelgeschichten des vergnüglichen Kollegs,
auf die Ursemi diplomatisch anspielte, wurden ohne Zaudern aufgetischt.
Mit köstlicher Laune berichtete der junge Kaufmann: wie das hohe
Kollegium mit seinen Damen, drei niedlichen Vorstadtkinderchen, zwei
blonden Schwestern und ihrer brünetten Cousine, Miß, Fröle und
Signorina genannt, des Sonntags gelegentlich einen Spaziergang oder
ein Tänzchen gemacht, wie man sich allerlei kleine, frugale Soupers
ausgerichtet, wie man den Mädchen zu Weihnachten neue Hütchen beschert,
wie ihnen der Akademiker kunstgerecht einige Kostüme entworfen hatte --
und was dergleichen kameradschaftliche Gefälligkeiten mehr waren.
Ursemi fühlte bald heraus: da handelte es sich keinesfalls um
tiefgehende Liebesaffären! Von Miß, Fröle oder Signorina war nichts zu
befürchten.
Bei Kaspar mußte jedenfalls etwas ganz anderes vorliegen, was tiefer
saß.
Und so forschte die kluge Tochter Wilhelm Winklers weiter in redlicher
Sorge um Kaspar, bis sie ihn eines Abends im Hotel Hauffe zu einer
Unterredung nötigte, während Sebalt mit seiner verehrten Gönnerin
im Stadttheater saß und ihr die vielen Feinheiten im Spiel seiner
Freundin, der jetzt dank seiner Bemühungen und ihres entfalteten
Talents so berühmten Charlotte Frémont, geistreich auseinandersetzte.
* * * * *
Ursemi hatte Kaspar das Kistchen Zigarren und den Aschenbecher
hingeschoben, dann setzte sie sich wie zum behaglichen Schwatz in
den geräumigen Ledersessel ihm gegenüber und begann im harmlosen
Plauderton, während sie mit dem übergeschlagenen Fuße leise wippte und
Kaspars blauen Rauchwolken nachschaute:
»Ich finde, es lebt sich wirklich famos in diesem grauen,
hochgiebeligen Buchhändlernest. Unternehmende Kaufleute, gescheite
Professoren, Musiker und Bildhauer, die was können, und kleine, nette
Mädels die Hülle und Fülle! Ich wäre hier auch ganz gern Student und
verstehe, daß du es möglichst lange bleiben willst.«
Aha, dachte Kaspar, dort willst du hinaus, und lächelte still in sich
hinein, als Ursemi möglichst unbefangen fortfuhr:
»Ich glaube, du erwartest nun von mir eine Wiederholung allerlei
redlicher Vorhaltungen aus meinen Briefen? Nee, mein alter Junge, da
schneidest du dich. Um dich ist mir jetzt weit weniger bange als --
um mich. Das wundert dich -- nun ja, es will auch recht verstanden
und vielleicht erklärt sein, und darum ist es mir lieb, mal so in
ungestörter Ruhe mit dir von Mund zu Mund etwas zu erörtern, was sich
schwer oder nur sehr gewunden schreiben läßt. Du weißt, daß ich leider
zu Mama nie in ein so inniges Verhältnis kommen konnte wie zu Vater.
Jetzt bin ich auf Mama weit mehr angewiesen als früher, und doch ist
unser Verhältnis kühler geworden als früher. Vater fehlt mir unendlich.
Und auch der liebe, vornehme Volpelius kann ihn mir nicht ersetzen.
Um so eher erwartete ich das mit der Zeit von dem andern Freunde, den
mir Vater vermacht hat. Aber -- ich kann mir nicht helfen -- auch der
beginnt zu versagen. Seine Briefe werden nüchterner, geschäftsmäßiger;
sie duften mitunter nach Pflicht, und dieser Duft ist mir peinlich, ja
oft beängstigend; er versetzt mir bisweilen den Atem wie der Moderduft
alter Scharteken oder vergilbter Friedhofskränze. Ja, schüttle nur
überlegen das trotzige Haupt, mir machst du nichts vor, und ich will
keine Unklarheiten, keine Halbheiten zwischen uns. Also schenk mir mal
ruhig reinen Wein ein, warum du nicht mehr der Alte bist. Du weißt, ich
bin kein zimperliches Frauenzimmer. Du brauchst weder mich noch, falls
es notwendig sein sollte, dich zu schonen.«
Kaspar rückte unruhig hin und her, als suche er nach einem passenden
Anfang, endlich sagte er stockend: »Ich weiß, Ursemi, ich bin nicht
viel wert und entspreche jedenfalls den Anforderungen, die du an einen
brüderlichen Freund stellen kannst, zurzeit gar nicht. Aber das hängt
mit meiner Entwickelung zusammen, die in diesen Jahren so gewaltsam
in neue Bahnen drängte, daß ich alle Kraft daran setzen mußte, mich
nicht ganz zu verlieren. In solchen kritischen Zeiten, Ursemi, ist
man nicht in der Lage, anderen etwas sein zu können, am wenigsten
einer Persönlichkeit wie dir, die viel sicherer in ihren Schuhen steht
als ich. Jetzt schüttelst du den Kopf und lächelst. Tus auch nicht,
Ursemi. Wir bleiben schon die Alten, hoffe ich, nur die Rollen des
Gebers und Nehmers wechseln manchmal. Wenn dir auch meine Briefe nichts
sein konnten, die deinen waren mir um so mehr. Das soll bei echter
Freundschaft keine Rolle spielen, wer dem andern mehr austrägt. Mein
Debet bei dir ist so wie so hoffnungslos. Vielleicht kann ich dir
später etwas mehr sein, doch erst laß mich wachsen, und das braucht
Zeit bei dieser Sorte Krumbholtz.«
»Lieber,« erwiderte Ursemi ernsthaft, »versteh mich nicht falsch! Ich
kenne meinen langsamen Kaspar und will ihm gern Zeit lassen, will
auch schweigend warten, bis das Beste in ihm reif geworden -- aber
ich muß genau wissen, woran ich mit ihm bin. Dieser Kaspar hatte von
jeher eine ganz vertrakte Neigung, sich für geringer zu halten, als
er ist, und jedenfalls für weniger, als er mir ist. Er liebte es, zu
Reda und Sils sich wohlerworbene Ansprüche, ja Rechte wegzugrübeln
und wegzudisputieren, die ich ihm mit Stolz und Freude einräumte als
dem Menschen, der mir innerlich näher steht als alle andern, selbst
meine Mutter. Auch jetzt scheint es mir -- wie schon die Briefe es
verrieten -- daß dieser Kaspar wähnt, er könne nur einmal für die
dritte oder vierte Stelle in meinem Herzen in Frage kommen, aber
niemals für die erste. Ruhig sitzengeblieben, alter Freund, und mich
nicht so erschrocken angeschaut! Jawohl, ich habe den Mut, die Dinge
beim rechten Namen zu nennen. Ich bin kein prüdes, kleines Mädel mehr,
sondern ein aufrechter, ausgewachsener Mensch, der auch sogenannte
heikle Dinge mit seinem besten Freund, seinem liebsten Wandergenossen
offen und tapfer besprechen will. Also klipp und klar: Warum schreibst
du nachgerade an mich, als sei ich deine Gouvernante und nicht mehr
deine beste Vertraute? Ist irgend jemand zwischen uns getreten? Ist
dir jemand lieber geworden als ich? Sage es mir ganz ehrlich, Kaspar.
Ich werde es dir nicht verargen und mich darein zu finden suchen. Nur
verbergen darfst du es mir nicht, das bist du mir schuldig.«
»Das weiß ich, Ursemi,« erwiderte Kaspar schlicht, »und wenn es an dem
wäre, was du vermutest, dann sagte ich es dir sicherlich am ersten. Es
gibt aber wirklich niemand, der mir näher stünde als du. Auf die kleine
Miß brauchst du nicht eifersüchtig zu sein. Und dennoch muß ich an dem
festhalten, was ich früher schon instinktiv empfunden und mir gar nicht
ergrübelt habe, nämlich an der Überzeugung, daß ich dir nie etwas
anderes sein will und darf als dein Freund und Bruder.«
»Warum nicht?« fragte Ursemi betroffen, »nur gerade heraus, wenns auch
weh tut.«
»Schon weil das dein Vater nie gewünscht hätte,« antwortete Kaspar ein
wenig unsicher.
»Woraus schließt du das, Kaspar? Kennst du Vater so schlecht, um nicht
zu wissen, daß er jedem Menschen seine Freiheit ließ, vorab doch wohl
seiner Tochter. Er ist niemals meiner Selbständigkeit zunahe getreten,
dazu war er viel zu klug und viel zu gut. Er wünschte nur, daß ich frei
meiner Neigung folgen solle, wenn dereinst eine Entscheidung an mich
herantritt. Ich fürchte jetzt, diese Entscheidung wird nicht an mich
herantreten, wenigstens nicht von der Seite, von der ich es im stillen
ersehnt und erhofft hätte.«
Ein dumpfes Schweigen folgte diesen leidenschaftlichen Worten.
Kaspar fühlte, er mußte darauf antworten, aber ihm graute, weil er dann
schließlich das Schlimmste enthüllen mußte, und das wollte er sich und
Ursemi ersparen.