Abermals stieg das liebe, ernste Bild Ursemis vor ihm auf. Er las

in Gedanken noch einmal ihren letzten guten, treuen und so herzlich

vertrauenden Brief. War er nicht doch ein Verräter?

Im Bann dieser nagenden Gedanken überhörte er den Gestellungsbefehl für

den nächsten Morgen.

* * * * *

Ein einladendes Bild häuslicher Behaglichkeit bot sich Kaspar, als er

von der Kaserne nach Hause kam.

Ein appetitlich gedeckter Tisch, die Servietten zierlich gefaltet, ein

paar Rosen in einer Vase mitten auf der Tafel, an jedem der beiden

Plätze ein Feldblumensträußchen! Und zur Seite stand Irmgard mit

einer schmucken, funkelnagelneuen Tändelschürze neben der dampfenden

Teemaschine und strahlte glückselig wie ein Kindchen am Weihnachtabend.

Kaspar nahm feierlich den Helm in die Hand, machte ein

vorschriftsmäßiges Kompliment, küßte der gnädigen Frau vom Hause

verbindlichst die Hand und sagte lustig näselnd: »Danke tausendmal,

meine Gnädigste, für die köstliche Einladung!«

Nicht minder lustig erwiderte Irmgard: »Nichts zu danken, lieber Herr

Leutnant, bitte, legen Sie das spitze Ding zur Seite und machen Sie

sichs bequem.«

Kaspar legte in der Tat rasch Helm, Handschuhe und das abgeschnallte

Koppel beiseite und bat lachend mit einem abermaligen Kompliment um

die Ehre, die Allergnädigste zu Tisch führen zu dürfen.

Nach einem tadellosen Hofknix nahm Irmgard huldvollst den dargebotnen

Arm, hob ihr armseliges Fähnchen ein wenig in die Höhe, als wäre es ein

schweres Brokatkleid, und trippelte, vergnüglich kichernd, neben Kaspar

zu Tisch.

Als ersten Gang gab es Hering in Gelee, eines der köstlichsten Gerichte

des Abendlandes, wenn -- es so teuer wäre wie Kaviar.

Dann folgten echte Leipziger Würstchen, die um kein Haar den berühmten

Wiener nachstehn, dazu ein wenig Salat.

Als dritter Gang folgte rosenzarter Eutritzscher Schinken, gekocht und

saftig wie der leckerste Prager Schinken Karlsbader Observanz.

Endlich Fromage de Gohlis und zu endlosem Knackvergnügen Rosinen und

Krachmandeln, in denen ein halb Dutzend Vielliebchen tückisch lauerten.

Kaspar und Irmgard schmausten behaglich und beinahe angetan wie zwei

Kinderchen bei ihrer ersten Tanteneinladung.

Jeder las dem andern aus den leuchtenden Augen: ich will lustig

und lieb zu dir sein heute abend; du sollst stets gern an diese

Henkersmahlzeit unserer Neigung denken. Und so ward nicht allzu viel

gesprochen an dem kleinen Tisch; aber eine wonnige, die ein wenig

aufgeregten Sinne süß umschmeichelnde und beruhigende Stimmung

schwebte durch den kleinen Raum.

Lange tafelte man -- scheinbar, als fürchte man sich vor dem Nachher.

Endlich hob die Frau vom Hause doch entschlossen die Tafel auf, räumte

als Hausmädchen den Tisch sorglich ab; der Lohndiener Kaspar bot dem

gleichnamigen Hausherrn mit Erlaubnis der Dame eine Zigarre an, und

nun setzten sich zwei plauderlustige Gäste in die zwei Sofaecken

und räsonnierten launig über das Essen -- ganz wie bei den oberen

Zehntausend!

Immer witziger und ausgelassener wurde die Stimmung, je näher die Angst

voreinander den beiden ans Herz schlich. Und doch schossen von Zeit zu

Zeit verräterische Blicke wie elektrische Funken warnend von Auge zu

Auge, so daß plötzlich die Stimmung umschlug.

Ein schwüles Schweigen trat ein; dann brach bei Irmgard der

Abschiedsschmerz leise klagend heraus.

Kaspar tröstete sie und meinte: »Warum sollen wir uns nach dem Manöver

nicht ebenso harmlos vergnügt wiedersehen?«

»Glauben Sie denn, daß wir harmlos sind,« fragte Irmgard dumpf, »ich

wenigstens bin es nicht; ich gestehe ehrlich, ich habe mein Weh bisher

nur übertäuben wollen.«

»Tun wirs beide weiter,« gab Kaspar rasch zurück, »Kopf hoch und

lachend Abschied genommen! Das ist Soldatenart.«

»Wers könnte! Sie könnens ja auch nicht. Sehn Sie, wenn ich jetzt so

mein Ohr lauschend an Ihr Herz lege, da höre ich ja ganz deutlich --

tiktik, tiktak -- wie es genau so rasch schlägt wie das meine.«

Kaspar zuckte unwillkürlich zusammen. Die gefährliche Brücke zwischen

hüben und drüben war geschlagen, und die gegnerischen Stürmer drangen

siegreich vor an die ersten Umfassungsmauern der Festung.

Bald schmiegte Irmgard ihr Köpfchen wie schutzsuchend an Kaspars

breite, schon rascher atmende Brust, und sie begann zu erzählen, so

lieblich vertraulich, als sei alles um sie her versunken, als säße sie

mit einem heißgeliebten Prinzen in einem verzauberten Märchenschloß.

Wie von ungefähr, als könne es gar nicht anders sein, fand sich auch

das trauliche Du.

»Liebster, Bester,« gestand Irmgard schließlich, »weißt du, daß ich

dich eigentlich ein wenig belogen habe? Erschrick nicht -- wozu -- ich

tat es damals -- vielleicht aus Scham, aus Furcht, was weiß ich? Wir

Frauenzimmer nehmens mit unsern Notlügen alle nicht so genau. Denk nur

-- ich bin kein Fräulein mehr, ich bin eine geschiedene Frau, aber

still -- eine armselige, glücklose -- mein Mann sitzt im Irrenhause.

Ich danke dir für diesen Händedruck, Lieber! Du weißt ja nicht, wie

schwer mein noch nicht langer Lebensweg schon war. Eine Waise bin

ich wirklich; aber keine Lehrerin, wenigstens keine richtige. So ein

bißchen Gouvernante war ich einmal, als mich mein Onkel und Vormund

aus seinem Hause vertrieb, weil ich ihm seine jungen Eleven rebellisch

machte. Ich war damals recht froh, daß ich fortkam; er hielt mich

wie ein Klosterfräulein, obwohl ich zuvor wie ein wilder Bub bei ihm

aufgewachsen war. Schade, daß ich keiner war, ich wär vielleicht

was Besseres geworden, als ich jetzt bin. Ich konnte gut reiten und

schwimmen. Hab drüben unter meinen Sächelchen noch ein zerknittertes

Diplom von der Behörde zur Belobigung, weil ich einen kleinen

Müllerbuben aus dem Fluß gerettet habe. Wär ich ein Mann gewesen,

hätte ich wohl die stolze Medaille am weißen Bande bekommen, denk mal,

was ich da als Einjähriger hätte für Staat machen können! Ists nicht

schade?«

Kaspar lachte still in sich hinein. Was war das für ein herziges

Geschöpf -- und seine Neigung wuchs in dem Maße, als seine Scheu wich.

Irmgard plauderte fort wie ein vor sich hin zwitscherndes Vögelchen:

»Onkel war ein Griesgram, ein Angstmeier und Tugendnarr; er traute

keinem hübschen Weibe über den Weg, und da ich nicht häßlicher wurde

mit der Zeit, tat er mich aus dem Hause, als wäre ich ihm gefährlich.

Mit der Gouvernante wars nicht weit her. Schuldumm war ich immer, und

Englisch habe ich dann wohl auch nur aus Not gelernt, eine Lehrerin

hätte es mir nie beigebracht. So wurde es wieder mit dem Praktischen

versucht, ich lernte Kochen in einem Restaurant. Da nahm mich das

Schicksal das erste Mal am Kragen und warf mich in die Ehe mit einem

armen Leutnant, der meinethalben den Abschied nahm und Gefängnisbeamter

wurde. Mir imponierte das gewaltig; aber schließlich hatte es mir doch

nur der Offizier und nicht der Subalternbeamte angetan. Wir waren

in Waldheim bei den geisteskranken Verbrechern. Es war ein schwerer

Dienst, mein armer Mann konnte den so schnell ausgezogenen Rock nicht

vergessen, die neue Uniform nicht vertragen; die Gefangenen waren ihm

entsetzlich. Mein Gott, wer weiß, was alles in der Seele des immer

Verschlossenen vor sich ging? Er ward plötzlich bitter und hart zu mir,

er schlug mich, mißhandelte mich schließlich, eines Tages schoß er nach

mir. Hier über der linken Brust -- du darfst schon fühlen, wenn ichs

dir zeigen will -- da, da saß die Kugel! man hat mir bei der Operation

den Busen zerfleischt -- mit dem +decolleté+ ists nichts mehr.

Meinen Mann brachte man in eine ähnliche Anstalt wie Waldheim. Er war

unheilbar -- ich erhielt meine Freiheit zurück -- leider, leider. Dem

Onkel war ich nun noch viel mehr zuwider geworden, er verschloß mir

sein Haus, enterbte mich später -- schade, gelt? -- sonst! O du Narr --

wär das so schlimm? Also gut -- ich verzehrte mein bißchen Geld, ward

noch einmal Gouvernante und ging nach London. Was dann folgte, kommt

nie über meine Lippen -- es war zu grauenhaft.«

Kaspar erbebte. Da plötzlich hob sich Irmgard leise empor, schlang ihre

Arme voll Sehnsucht um seinen Nacken, sah ihm flehenden Blicks tief in

die mit glitzernden Tränen gefüllten Augen und sagte leise: »Lieber,

willst du mich nun verachten?«

Stumm schüttelte Kaspar das Haupt und küßte das arme, vom Leben

gehetzte Weib mit heißem Mitleid und unwiderstehlicher Zuneigung,

während zwei schwere Tränen auf ihre glühenden Wangen niederrollten.

Lang hielten sie sich umfangen. Endlich löste Kaspar seine und ihre

Arme mit schonender Güte und sagte tonlos: »So laß uns scheiden und

habe Dank -- für alles, ich werde diese Stunden nie vergessen.«

Da flog ein leises, wehes Zucken über Irmgards schönes Gesicht; mit

aufflammender Empörung riß sie sich los und stürzte wortlos davon.

Kaspar schritt ihr hastig ein paar Schritte nach, griff sich an die

Stirn und rief betroffen: »Nicht so, Irmgard. Nicht böse sein, ich

wollte dir nicht weh tun!«

Aber schon war sie hinaus und in ihr Zimmer hinüber.

Kaspar war maßlos bestürzt. Was hatte er getan, was konnte sie so

erregt haben? -- Nein -- so konnte er sich nicht von dem lieben Mädchen

trennen -- das wäre eine Roheit, die er sich niemals verzeihen könnte!

Wollte er diese herrlichen Stunden, vielleicht die süßesten seines

bisherigen Lebens, in einen so schrillen Mißklang ausgellen lassen?

Nein -- also, er mußte noch einmal und anders Abschied nehmen von ihr

-- denn morgen in aller Frühe -- übrigens wann wurde denn gestellt?

Bah -- das ergab sich schon, nur zeitig aufstehn! -- Aber nun mußte er

Irmgard um Verzeihung bitten -- unbedingt -- sofort natürlich, ehe es

etwa schon zu spät ist.

Und so ging Kaspar hinüber und klopfte leise an.

Keine Antwort folgte, noch einmal -- wieder war nichts zu hören!

Endlich sagte Kaspar mit redlicher Betrübnis und vernehmlich:

»Irmgard, ich will nur um Verzeihung bitten, es war schlecht von mir.«

Da rief es leise, aber jubilierend wie Lerchengeschmetter: »Herein!«

Kaspar trat in das dunkle Zimmer. Eine weiße Gestalt umfing ihn mit

ungestümer Wonne, und dem reuigen Sünder ward vergeben in wortloser,

sich selbst vergessender Liebe.

* * * * *

Am andern Morgen kam Kaspar Krumbholtz zum erstenmal in seiner

Militärzeit zu spät zum Dienst.

Als er nach der Kaserne kam, waren sämtliche Kompagnien bereits

ausgerückt, und das Revier geschlossen. Kaspar stand ratlos in seiner

Ausgehuniform da und wußte nicht aus noch ein. Endlich erreichte ihn

eine von Knabe heimlich zugesandte Ordonnanz mit dem Befehl, er solle

mit der Bahn nach Leutzsch fahren, dort sei der Bagagewagen mit seinem

Dienstanzug.

Der Uniformwechsel war einigermaßen schwierig, aber er gelang, und

Kaspar kam auch nach allerhand Fährlichkeiten, darunter ein höchst

fatales Rencontre mit dem Major, glücklich zu seiner Kompagnie.

Was der alte Knabe an diesem Tage für ihn getan hatte, vergaß Kaspar

ihm nie, obwohl der Feldwebel es an handfestem Landserspott anfangs

nicht fehlen ließ und die vorgestern noch so totsichere Qualifikation

für rettungslos in den Rauchfang geschrieben erklärte.

Derbe Neckereien hagelte es von allen Seiten den ganzen Tag über, und

Kaspar trug sie stumm. War ihm doch, als müsse ihm jeder ansehen, daß

er nicht mehr derselbe sei wie gestern. Das Lügen hatte ihm auch sein

Sündenfall nicht gelehrt, und ein unendlich quälendes Schuldgefühl wich

lange nicht von ihm.

So ward das Manöver für den einjährig-freiwilligen Unteroffizier nicht

allzu fröhlich; aber seine Obliegenheiten erfüllte er mit solcher

Pflichttreue, daß ihm der Oberleutnant Buff mehrfach seine Freude

aussprach und bedauerte, daß er nicht Offizier bleiben wolle; das wäre

doch ein Erzieherberuf, wie ihn Kaspar sich nicht verantwortungsvoller

denken könne.

Kaspar schwieg auch dazu; er dankte nur innerlich dem Oberleutnant,

der oft wie ein älterer Kamerad zu ihm gesprochen hatte, für seine

Anteilnahme, aber schließlich sprach er sich aus: Schön ist dieser

Beruf, nur zu sehr vom Zufall abhängig. Seiner gewaltigen Verantwortung

entspricht höchst selten die nötige Freiheit der Persönlichkeit.

Dennoch zog Kaspar mit ehrlichem Bedauern nach seiner Rückkehr in die

Garnison den ihm liebgewordenen bunten Rock mit den blitzenden Tressen

aus und stürzte sich mit einem Eifer in seine Studien, als suche er

Vergessenheit.

Das Londoner Magdalenchen fand er nicht mehr vor; es war im Strudel des

Lebens spurlos untergetaucht.

Das letzte Zeichen war ein kleiner Zettel in seiner Kassette. Auf dem

stand: »Ich weiß, ich habe Dir geraubt, was ich selbst nicht mehr

besaß. Aber sei überzeugt, Du mein einzig und wahrhaft Geliebter, ich

hätte es Dir tausendfach geopfert, wenn ichs besessen hätte. Vergiß

mich, ich war Deiner nicht wert, Du sollst mich nie wiedersehn.

Irmgard.«

In trostlosem Weh schüttelte Kaspar das Haupt. Er hatte in einer

einsamen Manövernacht sich zu dem Entschluß durchgerungen, sein Unrecht

an Irmgard wieder gut zu machen -- es koste, was es wolle, und nun

hatte sie ihm jede Möglichkeit dazu absichtlich genommen. Mehr und mehr

schärfte sich in Kaspar das Scham- und Verantwortungsgefühl gegenüber

dem Weibe, und so bewahrte ihn diese erste Torheit vor weiterem

Leichtsinn.

Drittes Kapitel

Charlotte

Hans Sebalt hatte das Kneipenleben gründlich satt und saß jetzt fast

Abend für Abend über seiner Doktorarbeit. Um sich irgendeine Anregung

oder Zerstreuung zu gönnen, ging er gelegentlich ins Theater.

Das war kostspielig, aber Herr Geheimrat Volpelius hatte ihm längst

schon vom Kapital senden müssen und hatte es anstandslos mit wenigen

höflichen Worten getan.

Überdies stand für Sebalt die Promotion in Sicht, und bei den teuren

Experimenten war mit 100 Mark im Monat vollends nicht auszukommen, wenn

Sebalt nicht leben wollte wie der sparsame Musterknabe Kaspar, der

spazieren lief oder turnte anstatt zu kneipen, und öffentliche Vorträge

oder politische Versammlungen besuchte anstatt Konzerte und Theater.

Von seinem Jugendfreunde hörte Hans Sebalt immer wunderlichere Dinge:

jetzt war der selbstlose Biedermann gar mit seinen zwei armen

Zwillingsvettern aus Ingelbach zusammengezogen und hielt mit dem einen

Zwilling, der ein leidliches Gehalt als Buchhalter bezog, den andern,

der auf der Akademie studierte, mühsam über Wasser.

Das fidele Hungertriumvirat, das, ausgerechnet gegenüber dem

Hauptpolizeigebäude, seine Behausung gewählt hatte, nannte sich seitdem

übermütigerweise »+Collegium Mugonianum+« wohl nach der +Pinus

Mugo+, dem Knieholz.

Höchst töricht und unwissenschaftlich, dachte Sebalt, denn Mugo war,

-- aller Wahrscheinlichkeit nach -- ein italienischer Zuname; aber

die drei Krumbhöltzer hielten es sicher mit Goethes Proteus: »je

wunderlicher, desto respektabler«. Bei einem zufälligen, übrigens

vergeblichen Besuch fand Hans Sebalt sogar ein großes Schild an die Tür

gezweckt mit dem Biertitel »+Collegium Mugonianum+«. »Eigenartiges

Vergnügen!« brummte der Doctorandus und zog kopfschüttelnd wieder von

dannen.

* * * * *

Eines Sonntag nachmittags saß Hans Sebalt in der billigen

Theatervorstellung einer kleineren Vorstadtbühne. Er war lediglich des

Stücks wegen hingegangen, die Truppe war nicht berühmt.

Das Drama hieß »Frühlingssturm« und hatte einen Schulkameraden aus

Bethel zum Verfasser, der unlängst auch in Leipzig seinen Doktor

gemacht hatte. Sebalt hatte ihn nur einmal flüchtig gesehen; fand

den Dichter aber wenig interessant im Gegensatz zu seinem Stück, das

einigermaßen pikant zu werden schien.

Die ersten Akte hatten nicht viel davon ahnen lassen, waren auch nicht

gerade spannend, wennschon der Theologenkonflikt mit seinem Gegensatz

zwischen Alt und Jung Sebalt interessierte; nur die Hauptperson, ein

unleidlicher Backfisch, war zu dumm und sentimental geraten. Endlich

kam die heimliche Geliebte des jungen Zweiflers auf die Bühne -- da war

schon eher Mumm drin!

Und bitte! Wer spielte denn? Diese Stimme kannte er doch!

Hans Sebalt faßte sich an die Stirn und starrte nach der Bühne.

Teufel, dachte er -- narrte ihn was? War das nicht sie -- das infame

Frauenzimmer -- die schlanke Brünette, die ihn damals in Lindenau so

beleidigt, beim Juwelier so schnöde versetzt hatte?

Zettel her: Charlotte Schubert -- hm -- jedenfalls kein Bühnenname --

zu simpel -- eigentlich zu dumm für diese -- na -- aber sie kann etwas!

Donnerwetter, wie sie sich den schlappen Kerl von Liebhaber vornimmt

und nun den Alten, heidi -- das sitzt! Menschenskind -- das Abtrumpfen

hat sie los -- das ist ihre Natur -- so ähnlich gings ihm damals an

der Straßenecke. Und jetzt wieder diese wilde Verzweiflung -- Töne --

so echt -- prachtvoll!

Hans Sebalt erbat sich von einem Nachbarn das Glas -- und richtig, das

war das verteufelt schöne, fast eherne Sphinxgesicht mit der schwarzen

Haarkrone. Nun wollte er sie erobern, es mochte biegen oder brechen!

Von da an hatte Sebalt keine ruhige Minute mehr, auch die Doktorarbeit

trat zeitweise ganz in den Hintergrund. Vor allem wollte er diesmal so

klug zu Werke gehn, daß ihm eine abermalige Zurückweisung unmöglich

gemacht wurde.

Bald hatte Sebalt alles Nötige ausbaldowert: Sie wohnte allein,

ärmlich; Gage sehr mäßig; Rollen zweite Garnitur; trotz Talent und

guter Kritik Aussichten gleich Null. Es fehlte ein kluger Manager.

Aha, rechnete Hans, jetzt werden meine Chancen schon steigen; ich

werde den Theaterhabitué spielen -- schnobrig -- nobel -- kann mirs

ja schließlich leisten. Ich könnte ihr vielleicht helfen -- aber erst

warte, mein Püppchen! Erst wollen wir dich mal zahm kriegen! Du sollst

Hans Sebalt nicht umsonst bis zum äußersten gebracht haben.

* * * * *

Bei einer der nächsten Sonntagnachmittagaufführungen erhielt Charlotte

Schubert ein schönes Bukett mit einer Karte, auf der die rätselvollen

Worte standen: »Dank für den Tort in Lindenau! S.«

Acht Tage darauf kam ein prächtiger Lorbeerkranz, der ihr beim Publikum

sehr zustatten kam, mit den Worten: »Dank für die Schmach vorm

Juwelier! S.«

Unterdessen hatte Sebalt, der beobachtet hatte, daß die Schauspieler

nachher noch im Keller des Restaurants zusammensaßen, sich bereits dem

Direktor und einigen Acteurs vorstellen lassen und sich mit ein bißchen

dickaufgetragenem Lob lieb Kind gemacht.

An jenem Abend lobte er namentlich das Fräulein Schubert und ließ sich

ihr nach dem Lorbeerkranz im Kreise ihrer Kollegen vorstellen.

Fräulein Charlotte war sehr zuvorkommend und Sebalt ganz Grand

Seigneur.

Er hatte sich extra eine neue Weste und eine modische, dünne Goldkette

für seinen Triumphabend gekauft, hatte diese höchst schick von einer

Westentasche zur andern durch das zweitoberste Knopfloch gezogen und

merkte mit einiger Genugtuung, daß er von den armen Histrionen für

einen Mann mit respektablem Einkommen und noblen Passionen gehalten

wurde.

Gegen Mitternacht erfüllte sich sein sehnlichster Wunsch, Fräulein

Charlotte nach Hause begleiten zu dürfen. Sie hatte einen weiten Weg,

wenn sie nicht durchs düstere Rosental gehen wollte.

Mit neckischer Schalkhaftigkeit, die allerdings etwas Gemachtes und

auch etwas Gedemütigtes an sich hatte, meinte sie beim Fortgehen:

»Schade, daß ich Ihren schönen Lorbeerkranz nicht gleich mitnehmen

kann, aber ich lasse das kostbare Geschenk mir morgen früh holen.«

»Also wird es dem Lorbeerkranz besser ergehen,« spöttelte Sebalt, »wie

seinerzeit der Perlenbrosche.«

Die stolze Charlotte zuckte leise zusammen unter diesem Hieb. Wie

geduckt ging sie neben dem eleganten Kavalier und stammelte nur ein

wenig verwirrt:

»Verzeihen Sie, das war damals nicht recht von mir. Aber wenn Sie alles

wüßten -- ach wozu -- reden wir von was anderm. Wie hat Ihnen das Stück

gefallen?«

Mit wirklicher Sachkenntnis und ätzendem Sarkasmus äußerte sich der in

der neueren Literatur recht gut versierte Sebalt über das Stück, über

den Autor, sprach auch gescheit über die Rollen und ihre verschiedenen

Chancen; insonderheit unterzog er die Auffassungsmöglichkeiten der

Rolle Charlottens einer ganz geistreichen Untersuchung.

Charlotte sah ein paarmal ihren Begleiter, der beide Hände straff

in die Überziehertaschen geschoben hatte und etwas blasiert, doch

überzeugt vor sich hinsprach, verwundert von der Seite an.

Dann sagte sie lächelnd: »Wenn ich jetzt nicht solchen Respekt vor

Ihrer Weisheit hätte, möchte ich übermütig zitieren: ›Wie hast du dir

verändert‹ -- so aber will ich nur hübsch gesetzt bemerken: Wenn Sie

früher so gesprochen hätten und nicht so völlig anders, Herr Sebalt,

dann wären wir wohl eher und besser bekannt miteinander geworden.«

Sebalt sagte eisig: »Nur immer hübsch langsam mit die jungen Pferde,

meine Gnädigste! Wer langsam fährt, kommt auch nach Halle.«

Charlotte ärgerte sich sichtlich und schwieg.

Als Sebalt wie selbstverständlich ins Rosental einbog, zuckte sie einen

Moment zurück, folgte dann aber gehorsam wie eine gebändigte Löwin

ihrem Dompteur.

»Fürchten sich wohl, meine Gnädigste,« spottete der Begleiter, »der Weg

ist kürzer -- übrigens Ihnen ja auch einigermaßen bekannt, und unter

meiner Bedeckung passiert Ihnen nichts.«

»Jawohl,« gab Charlotte bitter zurück, »wer den Henker zum Gesellen

hat, braucht für den Strick nicht zu sorgen.«

»Soll das etwa heißen, daß Sie erwarten, von mir attakiert zu werden?

Nee, Verehrteste, da seien Sie totenruhig! Vor mir sind Sie seit der

Broschenaffäre sicher; nicht ein Haar von ihrem übrigens prächtigen

Schopf soll Ihnen gekrümmt werden.«

Charlotte ging schweigend neben dem jetzt ebenfalls hartnäckig

schweigenden Weggesellen durch das Dunkel des im Novembersturm

heulenden Waldes, das nur wenige flackernde Laternen hie und da mühsam

erhellten.

Sebalt reichte der unsicher Schreitenden nicht den Arm, sagte nur

einmal, als sie ein wenig strauchelte, ironisch: »Wollen doch nicht

Traviata spielen?«

Da blieb Charlotte empört stehen und rief Sebalt zu: »Was wollen Sie

eigentlich von mir, Sie werden mir nachgerade unheimlich!«

»Wie Sie mir vor Jahr und Tag! -- Was ich will -- nur meine Rache kalt

genießen, Sie ein wenig verachten, meine Gnädigste, weil ich Sie früher

zu viel verehrt habe.«

»Wenn Sie das wirklich getan hätten --«

»Bitte, habe ich Ihnen den zahlenmäßigen Beweis, den Sie so

geschmackvoll forderten, nicht +stante pede+ damals angetreten?

65 Mark die kleine Dummheit, eigentlich für nen Studenten ein bißchen

teures Angebinde, meinen Sie nicht, Gnädigste? Und dann noch für die

Katz! Schade!«

»Mein Gott ja, es war wirklich sehr unrecht von mir. Ich habe Sie ja

schon um Verzeihung gebeten, Herr Sebalt. Und glauben Sie mir, es

war auch nur ein verrückter Einfall, der mir plötzlich meiner gar zu

unwürdig vorkam, und da bin ich eben voll Schrecken davongelaufen. Also

kommen Sie, seien Sie gut, geben Sie mir jetzt Ihren Arm, und ich will

Ihnen alles offen gestehen.«

»Welche Ehre, meine Gnädigste,« hüstelte Sebalt preziös und reichte den

rechten Arm.

Kaspar Krumbholtz · 第 12 / 20 段