nicht wieder.
* * * * *
Auch mit seinem Hauswirt geriet Kaspar nach und nach in ein
unerquickliches Verhältnis.
Erst kam es bei den politischen Disputen, die Herr Lüders immer und
immer wieder herbeiführte, zu einigen Offenheiten. Der Agitator schalt
mit Vorliebe auf seine beiden Fabrikherrn und nannte sie schamlose
Ausbeuter. Als Kaspar darauf nicht reagierte, da er die Herren
nicht kannte, ging Lüders rasch vom Besonderen zum Allgemeinen, zur
Verelendung der Massen, über und zieh seinen Mieter, der ihm jetzt
öfters auswich, schließlich der Feigheit. Nun diente ihm Kaspar, der
sich unterdessen mit dem Marxismus und seinen teilweise schon durch die
Entwickelung +ad absurdum+ geführten Theorien genügend vertraut
gemacht hatte, in aller Sachlichkeit.
Der Arbeiter fühlte wohl auch die Überlegenheit des nun gründlicher
orientierten Studenten und nahm sich klug die Auswüchse des
Militarismus vor. Kaspar leugnete diese durchaus nicht, aber meinte:
Auswüchse zeitige jedes System mit der Zeit; darum gelte es eben
stets, sie beizeiten zu beseitigen, und daran fehle es auch im
Falle des Militärwesens keineswegs. Er habe sich früher als Laie
die Durchstechereien und Mißhandlungen nach dem Zeitungslärm weit
verbreiteter gedacht; in Wahrheit stehe es nicht allzu schlimm damit,
und Lumpen kämen überall vor.
»Stimmt,« erklärte Herr Lüders diktatorisch, »aber unter den niederen
Klassen weit weniger als unter den höheren -- natürlich prozentual
berechnet.«
»Mag sein,« erwiderte Kaspar ruhig, »gegen solche allgemeine
Behauptungen läßt sich ja gar nichts einwenden und auch nichts
beweisen. Aber werden wir doch einmal konkret, Herr Lüders. Ich habe
da kürzlich eine kleine Erfahrung gemacht, die mir beinahe einige Tage
Kasten eingetragen hätte. Ich habe nämlich, um mir mal ein eignes
Urteil über Ihre politischen Ziele und ihre Art zu bilden, zwei
Ihrer Versammlungen besucht, natürlich in Zivil. Das erstemal kam es
zu keiner Resolution, da wegen allzu wüster Schimpfereien -- nein
wirklich -- es war geistlos und wüst -- die Versammlung polizeilich
aufgelöst wurde. Das zweitemal bekam ich Prügel, weil ich bei der
Resolution, der ich beim besten Willen nicht zustimmen konnte, sitzen
zu bleiben wagte. Dafür wurde ich von der Polizei aufgeschrieben und
wäre ohne meine Studentenkarte wohl auch zur Meldung gebracht worden.
Ist das Ihre vielgerühmte Freiheit der Meinung, Herr Lüders?«
»Ach was,« erwiderte der Agitator unverlegen, »im Kampf ist jedes
Mittel recht. Wenn erst der Sieg erfochten, der Zukunftstaat
-- dann --«
»Pardon! Daß der Zukunftstaat eine Utopie und nur ein agitatorisches
Lockmittel ist wie die famose Internationale, das haben Sie mir neulich
ja schon halb und halb zugegeben.«
»Meinetwegen, Herr Studente, aber unsere Weltanschauung wird doch
siegen ebenso wie unsere neue Wirtschaftsordnung.«
»Ihre Weltanschauung, Verehrter, ist ein abgestandner Materialismus,
dem die Welt und sicherlich Deutschland nie gehören wird. Und die
Wirtschaftsordnung entwickelt sich wie alles historisch Bedeutsame
nach gewissen Gesetzen, die trotz einzelner Schwankungen die Wucht und
Sicherheit der ewigen Naturgesetze haben. Also bange machen gilt nicht.
Wenn der deutsche Bourgeois sich erst seine Hasenangst vor ihrem
sogenannten großen Kladderadatsch abgewöhnt hat, dann werden auch Sie
nach und nach von der Ihnen parteitaktisch so bequemen Negative zur
Positive übergehen müssen, oder Sie werden das Vertrauen der Arbeiter
verlieren. Auch unsere Proletarier sind Deutsche und streben nicht
nur nach der Höhe, sondern dringen auch nach und nach prüfend in die
Tiefe. Gold suchen sie, nicht Talmi. Schon jetzt glaubt keiner mehr an
Ihren Zukunftstaat, auch der Dümmste nicht. Also nur ruhig Blut, Herr
Lüders! Ihrer Oberflächlichkeit und Unfruchtbarkeit werden Sie und Ihre
Kollegen erliegen, nicht den Bajonetten.«
Solche und ähnliche Dispute führten nicht zu gegenseitiger Überzeugung,
im Gegenteil; jedesmal stießen Meinung und Gegenmeinung heftiger
aufeinander. Aber Kaspar dienten auch sie zur Entwickelung und
Schärfung seines Verstandes, zur Vertiefung seines bis vor kurzem
noch schlummernden politischen Interesses, regten ihn unmittelbar zur
Lebensbeobachtung an und verfeinerten nach und nach sein soziales
Empfinden.
Zum Bruch mit Herrn Lüders führte jedoch ein völlig anderes Moment.
Mit tiefem Mitleid hatte Kaspar Krumbholtz die Leidensgeschichte der
kleinen, stillen Frau Lüders in all diesen Monaten verfolgt. Kaum
zwanzigjährig hatte das hübsche, doch sehr zarte Frauchen schon vier
Kinder, darunter zwei recht kränkliche, die deutlich die Spuren der
erschütterten mütterlichen Konstitution verrieten.
Am Krankenbett des einen Knaben schüttete das vielgeplagte Weib eines
Abends dem von ihr geschätzten Mieter unter bitterlichem Schluchzen
vertrauensvoll ihr Herz und ihre Sorgen aus, daß ihr Mann sie zugrunde
richten würde. Die Partei sei ihm ja ein und alles und die Familie
nichts mehr. Fast jeden Abend müsse er in der Kneipe sitzen, und käme
er bisweilen betrunken nach Hause, so müsse sie ihm zu Willen sein,
obwohl sie kein Kind mehr haben wolle und auch schwerlich könne, denn
sie sei von der letzten Niederkunft her noch nicht wieder gesund.
Kaspar Krumbholtz war eigen zumute. Die ungeschminkte und doch in
gewisser Weise rührende Aufrichtigkeit des armen Weibes verblüffte, ja
überwältigte ihn, und zugleich war sie ihm peinlich, ja widerwärtig.
Was gingen ihn, den Fremden, dergleichen Intimitäten des Ehelebens an.
Und doch, je mehr Kaspar darüber nachdachte, um so mehr wuchs die
Teilnahme für den leidenden, die Empörung gegen den schuldigen Teil.
Auch das war ein Stück typischen sozialen Elends, von dem er sich trotz
London nichts hatte träumen lassen.
Kaspar konnte jedoch nichts anderes tun als schweigen. Dem ihm von Tag
zu Tage widerwärtigeren Herrn Lüders auch nur ein Wort zu sagen, stand
ihm nicht zu, wäre ihm vielmehr höchst taktlos erschienen. Er sann nur
manchmal darüber nach, ob gerade dieser Mann etwa als Unternehmer seine
Arbeiter rücksichtsvoller behandelt haben würde als jetzt seine kleine,
leidende Frau. Es kam doch wohl nicht darauf an, was man war, sondern
wer und wie man es war.
Die arme Frau Lüders kam wirklich bald wieder in andere Umstände, wie
sie Kaspar eines Tages verzweifelt gestand, und unheimlich drohend
fügte sie hinzu: »Nun gibts ein Unglück.« Mit steigender Sorge
beobachtete Kaspar seitdem das arme Wesen, das sichtlich mit einem
schweren Entschluß kämpfte und doch wohl immer wieder zauderte ihrer
Kinder wegen, um die sie jetzt oft klagte. Kaspar kämpfte lange Zeit
mit sich; eines Abends endlich gewann er es über sich, Herrn Lüders
wenigstens zu sagen: Er möge auf seine Frau acht geben, sie sei so
aufgeregt, sie könne sich am Ende gar ein Leids antun.
Herr Lüders lachte nur überlegen und meinte jovial: »Hat nischt zu
sagen; s ist nur wieder was unterwegs, und da sind die Weibsleut
oftmals etwas meschugge. Das gibt sich aber bald.«
Und es gab sich auch, aber anders, als der weise Lüders dachte: Nach
einem vergeblichen Versuch, sich von dem Kinde zu befreien, ging die
zarte, stille Frau ins Wasser.
Hart war das Urteil der Welt über sie, am härtesten das ihres
Mannes. Nur Kaspar Krumbholtz trauerte dem armen, ratlos aus einem
unerträglichen Dasein davongestürzten Weibe mit einer Ergriffenheit
nach, die lange in seiner empfindlichen Seele nachzitterte.
Am Tage nach dem Begräbnis verließ er das Haus des Herrn Lüders,
der schon nach wenigen Wochen ein anderes Weib nahm -- um seiner
mutterlosen Kinder willen.
* * * * *
Die Schießübungen waren beendet. Die Felddienstübungen wurden von Tag
zu Tag länger, anstrengender und interessanter; das Manöver stand vor
der Tür.
An einem heißen Nachmittag kehrten die Einjährigen der Kompagnie von
einer Krokierübung heim, und einer der Herren schlug vor, in ein der
Kaserne benachbartes Kellnerinnen-Café zu gehen.
Kaspar ging mit; er war nie ein Spaßverderber, auch wenn er sich aus
der »Damenbedienung« wenig machte. Er trat als letzter in das Lokal ein
und bemerkte nur flüchtig, daß mit der einen Kellnerin im Hintergrunde
irgend etwas Aufregendes vor sich ging, dann verschwand die Wirtin mit
ihr.
Man scherzte mit den andern Kellnerinnen und spielte ein wenig Klavier;
plötzlich kam die Wirtin wieder herein und fragte Kaspar vertraulich:
»Sagen Sie mal, Herr Unteroffizier, haben Sie denn hier eine
Verwandte?«
»Ich -- nein,« antwortete der Gefragte lachend, »das wäre mir neu.«
»Nun ja,« meinte die Wirtin verlegen, »ich konnte mir das auch nicht
recht denken; aber vielleicht kennen Sie die Dame sonst irgendwoher?
Es ist nämlich meine Kellnerin, sie heißt Fränze -- ist noch nicht
lange hier -- ein hübsches Mädchen. Als Sie vorhin eintraten, sah sie
erst wie auf eine Geistererscheinung, bekam dann so eine Art Ohnmacht
-- so wie vor Schrecken -- na und nu sitzt sie da drin und heult wien
Schloßhund und erklärt: sie müsse spornstreichs weg. Sie wären ein
Verwandter -- na Gott, ich glaubs ja auch nicht -- also bitt schön,
wollen Sie nicht wenigstens mal mit ihr reden. Vielleicht beruhigt sie
sich dann.«
Kaspar ging kopfschüttelnd hinein mit den Worten: »Es ist am Ende nur
eine Verwechslung, wahrscheinlich sehe ich einem ihrer Lieben ähnlich.«
Noch immer heftig schluchzend saß das Mädchen, den Kopf auf den einen
Ellbogen niedergebeugt, an einem kleinen Tisch am Fenster des schmalen,
etwas düstren Gemachs.
Als Kaspar zu ihr trat, hob sie das liebliche Haupt schüchtern empor,
und er sah zu seiner höchsten Überraschung, daß es Irmgard von
Zweydorff war.
»O wie schäme ich mich vor Ihnen, Herr Krumbholtz,« klagte das
ehemalige Londoner Magdalenchen, »aber ich war so lange stellenlos,
war am Ende mit meinen Mitteln -- zürnen Sie nicht, ich war anständig,
glauben Sies mir.«
Kaspar drückte dem Mädchen freundlich die Hand, strich ihm beruhigend
mit der Linken über den runden vollen Arm und sagte launig und warm:
»Aber warum denn so erschrecken, liebes Fräulein? Ich bin doch kein
Inspektor der Inneren Mission. Warum sollen Sie sich als Kellnerin
nicht ebenso ehrlich und anständig Ihr Brot verdienen wie als
Verkäuferin oder als Lehrerin? Der Stand machts doch wirklich nicht.
Im übrigen freue ich mich rechtschaffen, Sie einmal wiederzusehen. Nun
können Sie mir doch gelegentlich erzählen, wies Ihnen ergangen ist.
Aber nun bitte nicht mehr weinen! Warum sich aufregen? Freun Sie sich
doch wie ich!«
Irmgard schüttelte trostlos das Haupt und sagte dumpf: »Ich habe nicht
gewußt, daß Sie hier sind; sonst wäre ich sicherlich nicht hierher
gegangen.«
Dann sprang sie auf, drängte sich wie hilfesuchend an Kaspar heran
und flehte: »Liebster, bester Herr Krumbholtz -- ich weiß ja, was für
ein vornehmer Mensch Sie sind -- helfen Sie mir hier fort, ich bitte
Sie flehentlich darum, und ich weiß auch, warum ich das tun muß.
Keine Stunde mag ich hier länger bleiben; oh, es ist so gemein hier,
und die andern Mädchen sind alle so schlecht zu mir, auch die Wirtin
ist ordinär, ich kann gar nicht alles so sagen. Bitte, bitte, lösen
Sie mich aus! Ich hab ja tägliche Kündigung, aber ich habe natürlich
Schulden bei der Wirtin, für Essen und Garderobe, ich bin nicht flott
genug beim Animieren, habe noch zuviel Anstands- und Ehrgefühl. Oh --
es ist schrecklich! Nur fort, fort von hier -- gehen Sie, bitte, suchen
Sie mir rasch eine Wohnung, wenigstens für ein paar Tage, bis ich eine
neue Stellung habe. Ich will ja so gern wieder arbeiten, anständig und
ehrlich arbeiten.«
Kaspar wußte nicht recht, was er von alledem denken sollte. Er war
fremd im Lokal, fremd in solchen Verhältnissen.
Für das Mädchen glaubte er, seit sie seinem Rate einmal gefolgt war,
eine gewisse Verantwortung tragen zu müssen, also versetzte er nach
kurzem Überlegen: »Auslösen will ich Sie gern, damit Sie nicht etwa
gegen Ihren Willen gehalten werden. Hier ist mein Portemonnaie, nehmen
Sie, was Sie brauchen. Auch eine Wohnung will ich suchen, packen Sie
unterdessen Ihre Sachen. Ich komme morgen vor und sage Ihnen Bescheid.«
»Morgen -- nein, nein,« wehrte Irmgard ab, »nicht zehn Minuten bleibe
ich hier, nachdem ich Sie gesehen. Ich habe nur meine paar Nachtsachen.
Ich mag auch die Schande vor den andern Mädchen nicht mehr erleben.
Und verzeihen Sie mir, daß ich Sie in der Not vor der Wirtin zu meinem
Verwandten gemacht habe. Es ist das gewiß keine Ehre --«
»O bitte,« scherzte Kaspar, obwohl ihm nichts weniger als behaglich
war. »Ihr Geschlecht ist sicher erlauchter als das meine. Aber was nun
werden soll, wenn Sie so stehenden Fußes hier mit mir davonlaufen, das
weiß ich wirklich nicht. Lassen Sie uns keine Torheiten begehen.«
»Sie schämen sich doch meiner,« klagte Irmgard, »ich merke es wohl --
nun ja, der angehende Offizier --«
»Pardon, der würde mich erst recht verpflichten, einer in Not geratenen
Dame zu helfen; aber die Hilfe muß Hand und Fuß haben, sonst ists
keine.«
»Nun gut, wenn Sie nur helfen wollen! Das ist die Hauptsache. Hier Ihr
Portemonnaie zurück -- ich nahm, was ich brauchte --, es ist noch viel
darin. Und nun bitte, setzen Sie sich ruhig wieder zu Ihren Herren
Kameraden hinein. Ich mache Toilette und Rechnung. Wo wohnen Sie?«
Kaspar nannte seine Wohnung.
»Gut,« erklärte Irmgard wieder zuversichtlicher, »jetzt ists sechs
durch, um sieben Uhr spätestens bin ich bei Ihnen. Dann beschließen
wir in aller Ruhe, was wir tun werden. Wenn Sie bis dahin sich noch
nach einer Wohnung umsehen können, wäre es mir lieb. Anspruchsvoll bin
ich natürlich nicht. Ich schlief bisher mit den drei andern Mädchen in
einer kleinen Dachkammer. Also -- tausend Dank, liebster, bester Herr
Krumbholtz, und auf Wiedersehen um sieben Uhr. Das vergeß ich Ihnen
nie. Dank, Dank!«
* * * * *
Kaspar litt es nicht lange bei seinen Kameraden, deren neugierigen
Fragen er ausweichen wollte. So ging er rasch auf die Wohnungssuche
in der ihm ja genügend vertrauten Umgegend. Aber er machte schlimme
Erfahrungen.
Die Wirtinnen, die gewiß alle gern an den schmucken Einjährigen selbst
oder an sonst einen Herrn vermietet hätten, wollten von einer Dame
nichts wissen, vollends wenn ein junger Mann in Uniform für sie Wohnung
begehrte.
Die einen erklärten mehr oder weniger verlegen: sie bedauerten
unendlich; die andern lächelten allzu verständnisvoll oder spöttelten
anzüglich; die dritten schlugen gar dem Anfragenden grob die Türe vor
der Nase zu oder riefen ihm entrüstet zu: sie seien anständige Frauen
und vermieteten nicht an liederliche Frauenzimmer.
Nun war guter Rat teuer; überdies war es fast sieben Uhr geworden, und
so eilte Kaspar nach Hause.
Seine eigne Wirtin war eine gutmütige ältere Witwe, die still und
aufmerksam ihre drei Mietherren, außer Kaspar noch einen Einjährigen
und einen Volksschullehrer, bediente. Kaspar hatte zu der Frau rasch
ein gewisses Vertrauen gefaßt, und so teilte er ihr seine Verlegenheit
und seine fruchtlosen Versuche, das Mädchen vorläufig unterzubringen,
mit.
Auch die Witwe schmunzelte ein wenig und meinte: Allzu sehr dürfe der
Herr sich darüber nicht wundern. Mietsviertel und Mietsviertel seien
eben verschieden. Aber, wenn die Dame sonst anständig sei, wie der Herr
meine, so könne sie ja einstweilen in dem gerade freistehenden Zimmer
des Herrn Lehrers, der zu den Ferien verreist sei, logieren.
Kaspar nahm das Anerbieten dankend an und atmete erleichtert auf.
Bald hernach stand Irmgard von Zweydorff mit einem bescheidenen
Handköfferchen errötend vor ihm und war außer sich vor Glück und
Dankbarkeit, daß sie das schöne Zimmer des abwesenden Lehrers haben
dürfe.
Die Wirtin sorgte rasch für ein bißchen Abendbrot, und mit gutem Humor
aßen und plauderten die beiden jungen, verwaisten Menschenkinder, die
das Leben so närrisch wieder zusammen geführt hatte. Dann erklärte
Kaspar, er habe noch Dienst und wünschte seiner neuen Nachbarin mit
galanter Verbeugung eine sorgenfreie und geruhsame Nacht.
In der Tat ging der Einjährige Unteroffizier auch in die Kaserne; aber
die dienstliche Begründung war eine Notlüge.
Einmal hatte Kaspar trotz aller frohen Laune doch deutlich gemerkt,
daß ihm das ungewohnte Beisammensein mit einem jungen Weibe, vollends
der holde Liebreiz und die hingebende Dankbarkeit seines Schützlings,
gewaltig das Blut erregten.
Anderseits kam fast jeden Abend sein Putzkamerad Pfister zu ihm, um ihm
den Dienst für den nächsten Tag zu melden, und ab und zu auch bei einer
Zigarre oder einem Glase Tee ein bißchen zu schwatzen.
Kaspar liebte den redlichen Pfister, der übrigens auch ein »Roter« war
und darum leider die Knöpfe nicht erhielt, obwohl er der ordentlichste
Soldat und der beste Schütze der Kompagnie war. Das wurmte Kaspar
oft, denn er fühlte es unwillkürlich heraus: solche Burschen wie
Pfister würden ihr Vaterland sicherlich nie verraten, wenn es in Not
geraten sollte. Pfister war wie Hunderttausende nur »rot« aus dem
elementaren Drang nach Verbesserung seiner Lage, aus einer gewissen
Hilflosigkeit oder Torheit und aus einem im Grunde höchst achtbaren
Solidaritätsgefühl.
Der gemütliche Vogtländer war übrigens keine Klatschbase, war auch
nichts weniger als prüde. Hatte er doch selbst einen Schatz daheim mit
zwei Kindern, für die er treulich sorgte.
Trotz alledem wäre es Kaspar peinlich gewesen, wenn der Putzer den
Damenbesuch bei ihm getroffen oder auch nur vermutet hätte.
So sagte Kaspar ihm im Revier; er werde die paar Tage bis zum
Manöverabmarsch sich selbst nach dem Dienst erkundigen, er müsse so wie
so jetzt öfter in die Kaserne kommen.
Dann meldete sich Unteroffizier Krumbholtz freiwillig für den nächsten
Abend zum Wachthabenden.
Kopfschüttelnd gab ihm der alte Knabe die Wache, meinte jedoch lachend:
»Streben Sie nicht so unheimlich, Krumbholtz. Die Qualifikation kriegen
Sie auch so, da lassen Sie den Hauptmann und mich nur sorgen.«
* * * * *
Irmgard von Zweydorff merkte sehr wohl, daß Kaspar Krumbholtz einem
längeren Beisammensein mit ihr absichtlich auswich.
Das erfüllte sie teils mit geheimer Genugtuung, denn sie sah, daß sie
dem noch immer Geliebten nicht gleichgültig war; teils fürchtete sie
jedoch, ihm zum Dank für seine Hilfe Verlegenheit zu bereiten. Und
so gab sie sich die ersten zwei Tage redlich Mühe, eine Stellung zu
finden; aber es war schlechte Zeit, und ihre Kellnerinnenstellung hatte
sie um jedes Zutraun gebracht.
Nach und nach sank Irmgards Mut; sie gestand Kaspar ihre
Niedergeschlagenheit und erklärte, sie wolle es lieber in einer andern
Stadt versuchen.
Kaspar redete ihr gut zu und meinte, wenn er jetzt ins Manöver ziehe,
solle sie nur ruhig in seiner Wohnung bleiben und weiter in aller Ruhe
suchen; mit der Zeit würde sie schon etwas finden.
»Sie sind so lieb,« erwiderte Irmgard, »und ich bin Ihnen doch nur eine
Last.«
Kaspar schüttelte schweigend den Kopf.
Dann fuhr Irmgard plötzlich mit erwachender Leidenschaftlichkeit fort:
»So reden Sie doch wenigstens! Gehen Sie mir doch nicht so scheu aus
dem Wege, als sei ich die Pest. Sagen Sie mir doch lieber gerade
heraus, wofür Sie mich halten, und es ist ja wahr, etwas Besseres bin
ich ja auch nicht. Wer einmal am Boden gelegen hat, geht nie wieder
ganz aufrecht.«
»Das wäre schlimm,« sagte nun Kaspar trotzig, »im Gegenteil! Wer
nicht einmal aus allen Himmeln gestürzt ist, wer nicht einmal völlig
verzweifelnd dem Nichts gegenübergestanden hat, der wird nie ein ganzer
Mensch.«
»Das klingt ja beinahe so, Herr Krumbholtz, als sprächen Sie aus
Erfahrung?«
»Gewiß, warum nicht, warum soll ichs verschweigen? Ich habe mich im
Staube gewälzt vor einem unbarmherzigen Schicksal und bin doch genesen
von jenem Verzweiflungsschmerz dank lieber Menschen und Gottes Führung.
Also verzweifeln auch Sie nicht, Fräulein! Denken Sie mal in zehn
Jahren an diesen Tag, und Sie werden lächeln und sich ruhig gestehen:
Es hat sich doch gelohnt, weiter zu leben! Das größte Geschenk, das uns
Gott gegeben hat, ist das Versagen dessen, was wir am meisten begehren
-- nämlich in die Zukunft zu schauen.«
»Sie sind ein seltsamer Mensch, Herr Krumbholtz, so ein Mittelding
zwischen Kavalier und Seelsorger! Eigentlich ist es doch schade, daß
ich Sie der Londoner Stadtmission aus den Klauen gerissen habe. Dafür
müßten Sie mir übrigens ein ganz klein wenig dankbar sein. Nicht?
Und Sie dürfen überzeugt sein, wenn ich Ihnen was Liebes antun könnte
-- o mein Gott, wie gern tät ichs! -- Wissen Sie, oft hab ich schon
geträumt, irgendein reicher Onkel, den ich nur leider nicht habe,
hätte mich zur Erbin eingesetzt; oder ein reicher Nabob hätte mich als
seine Frau gekauft und mich dann -- noch hübsch jung -- als trostlose
Witwe zurückgelassen. Hui -- dann wär ich mit all meinen Schätzen
spornstreichs nach Tramberg gefahren -- statt Ihnen brieflich zu
versichern, daß ich meine Schulden nicht bezahlen kann. Und nun mache
ich gar noch neue. Scheußlich -- nein wirklich, Sie sind wirklich mit
mir geschlagen, wie eine Klette hänge ich --«
Da legte Kaspar sanft die Hand auf den beweglichen kleinen Mund, um ihn
zu schließen. Aber glückselig küßte Irmgard die ihr liebe Hand, so daß
sie Kaspar eilend zurückzog.
»Schon wieder nicht recht? Sein Sie doch mal ein bißchen nett zu mir,«
schmollte nun das Londoner Magdalenchen mit unwiderstehlicher Grazie.
»Sie tun gerade, als wären Sie heimlich mit der reichsten Erbin von
Großbritannien und Irland verlobt. Na endlich lachen Sie wieder und
schütteln -- Gott sei Lob und Dank -- den Kopf. Also wozu dann so
traurig sein? Ich verdrehe Ihnen den Kopf schon nicht, das haben wir ja
in London gesehen. Und nun hören Sie mal, heute ist doch unser letzter
Abend. Um sieben Uhr haben Sie wieder solchen greulichen Appell; aber
dann flausen Sie nicht noch was dazu oder verkriechen sich wieder auf
Wache, sondern kommen Sie hübsch pünktlich zum Abendessen hierher
zu Ihrer kleinen Hausdame, die Ihnen einen appetitlichen Abendtisch
servieren wird und noch einmal mit Ihnen lustig sein will. Wer weiß,
wann und ob wir uns wiedersehen. Also nur einmal noch -- ja -- wollen
Sie?«
Kaspar machte sein gutmütigstes Gesicht, schlug fest in das dargebotene
Händchen ein und ging dann doch nachdenklich davon.
Er war ein Allzugewissenhafter, ein Narr. Warum sollte er dem armen
Hascherl, dem die redlichste Güte vom Gesicht strahlte, nicht
wenigstens etwas Liebes antun?
Um Ursemis willen? Hatte er sich nicht unter bitteren Qualen zu dem
inneren Verzicht auf die heißgeliebte Jugendfreundin durchgerungen? War
es da noch ein Unrecht gegen sie, wenn er mit einem andern weiblichen
Wesen, das ihm vielleicht nicht weniger gut war als er Ursemi,
wenigstens ein paar köstliche, stimmungsfrohe Stunden verlebte?
Aber allerlei anderes kam hinzu. War er sich und seiner Vergangenheit,
seiner Erziehung nicht auch etwas schuldig? Gewiß, doch -- ob gerade
diesen Verzicht?
Es war allerdings ein recht seltsamer Gegensatz: vor einem Jahre erst
hatte er von Herrnhut Abschied genommen und nun soupierte er mit einem
verführerisch schönen Weibe +tête-à-tête+! -- Toll war es --
grotesk! Und doch ein lockendes, vielleicht einzigartiges Stück Leben,
dem er nicht feige ausweichen wollte, auch wenn er sich nicht daran
verlieren wollte.
Und plötzlich lachte er trotzig, ja ausgelassen vor sich hin, als koste
er schon im voraus die lustigen, stimmungsreichen Stunden aus, und dann
überlief es ihn doch wieder kalt, als laure hinter diesem Genuß ein
tückisches Verhängnis.
In Gedanken versunken machte der sonst so taktfeste Unteroffizier
Krumbholtz heute abend sogar eine falsche Meldung, und sein besonderer
Gönner, Herr Vizefeldwebel Knauer, gab ihm mit Genugtuung einen Verweis
wegen seiner Zerstreutheit.
Was tats? dachte Kaspar leichtsinnig bei sich: Parole 49 -- »bloß die
paar Tage noch -- die halt mers aus!«