Während man durch den herrlichen, mondscheinschummrigen Park fuhr,

erzählte Ursemi von den letzten Tagen und Stunden des Vaters.

Immer wieder habe er von Kaspar gesprochen, noch zuletzt auf seine

Ankunft gehofft, und eines der letzten Worte an sie wäre gewesen:

»Brauchst du nen Alten, Kind, geh zu Volpelius; brauchst du nen Jungen,

rufe Kaspar! Das sind die treusten, auf die kannst du immer bauen.«

Leise drückte Kaspar Ursemi die Hand, als wollte er ihr danken anstelle

des Mannes, dem er nicht mehr danken konnte.

Dann sagte er fest: »Das soll er nicht umsonst gesagt haben. Wo ich

auch bin, Ursemi -- ich komme, wenn du mich rufst, und will dir

treulich zur Seite stehn wie ein guter Bruder.«

Kaspar wußte, was er sagte, und es durchschauerte ihn leise bei diesem

ehrlich gemeinten, völligen Verzicht auf jedes Begehren; aber er

glaubte nur so das Vertrauen jenes Toten sich verdienen zu können, des

Mannes, der an ihm allzeit gehandelt hatte wie der beste und treuste

Vater.

* * * * *

Das Begräbnis mit seinen vielen drückenden Äußerlichkeiten, mit den

üblichen quälenden, verletzenden Unwahrheiten und seinen hergebrachten

Roheiten gegen die Hinterbliebenen war vorüber.

Zahllose Leidtragende waren erschienen, darunter auch die beiden Grafen

Brosyn, die beiden Brettwitze und von Darichs die ganze Familie.

Hans Sebalt war ebenfalls eingetroffen. Er war Mama Winkler ein rechter

Trost und bei den vielen Anordnungen, die ein so gewaltiges Begräbnis

verlangte, in der Tat eine brauchbare Hilfe.

Was Hans der Mutter, war die treue Dente der Tochter. Die tapfere,

tatfreudige Vorsteherin half der gebrochenen Ursemi rasch wieder ins

Leben hinein.

Die Leiche war vorläufig in der verlassenen Herrschaftsgruft der

Dorfkirche beigesetzt worden, später sollte laut Testament ein

schlichtes Grabhaus inmitten der schönsten Parkbäume für die

Winklersche Familie gebaut werden. Es war dem Verblichenen ein lieber

Gedanke, in seinem Walde der Auferstehung entgegen zu schlummern.

Am Tage nach der Beisetzung fand man den alten Toni verendet mit

blutiggekratzten Pfoten vor der Kirchtür, neben ihm laut heulend die

unglückliche Cleo, die zwei Tote beklagte, sich aber schließlich

trösten ließ und noch etliche Jahre ihr Dasein fristete.

Einige Tage nach der feierlichen Testamenteröffnung bat Geheimrat

Volpelius Kaspar und Hans zu sich und teilte ihnen mit, daß der

Verewigte ihnen eine Summe von 10000 Talern in 4 prozentigen Papieren

vermacht habe und außerdem ihre Stipendienverpflichtungen gegenüber

der Unität von ihm als Testamentvollstrecker abzulösen seien. Außerdem

läge je ein Brief an die Herren beim Testament, den er ihnen hiermit

aushändige. Nach mündlichen Verabredungen mit ihm sei es der Wunsch

des Toten gewesen, die Herren sollten ihr kleines Kapital nicht

vor der Zeit anreißen, sondern zusehen, daß sie, wie im Falle des

Stipendiums, mit 100 Mark im Monat auskämen und so einstweilen ihre

Studien beendeten. Er wäre gern bereit, die Verwaltung des Kapitals

ihnen zu besorgen. Für später, nach Vollendung des Studiums, hätte

Herr Winkler gewünscht, daß die Herren eine größere Bildungsreise

unternähmen, dazu würde ihnen seinerzeit die von ihm und sechs

Kuratoren nunmehr zu organisierende Winklerstiftung, der die Fabriken

und ihr Ertrag testamentarisch überwiesen seien, etwaige besondere

Mittel gern gewähren. Alles Nähere über diese Stiftung, die hoffentlich

dereinst auch ihre Dienste in Anspruch nehmen dürfe, würde ihnen nach

Absolvierung ihrer Studien mitgeteilt werden.

Mit Staunen und tiefer Bewegung hatten Kaspar und Hans den Ausführungen

des ehrwürdigen Volpelius zugehört, dann ergriffen sie dankerfüllt

seine Hand und gelobten, das Vermächtnis des geliebten väterlichen

Freundes nach seinen Wünschen zu gebrauchen und baten den alten Herrn

sofort, ihnen nur monatlich die 100 Mark Zinsen zugehen zu lassen. Dann

schritten die Freunde in den sonnenhellen Park hinaus.

Kaspar fand keine Worte vor Bewegung und Trauer. Hätte er dem lieben,

herrlichen Manne doch noch einmal in die grauen, treuen Augen blicken

können.

Was hatte er ihm zu danken -- alles -- alles, was lieb und licht in

seinem Leben gewesen war und sein würde. Was wäre ohne ihn aus dem

schwerblütigen, verbitterten Zögling von Gnadenzell geworden? Kaspar

wagte es nicht auszudenken und schritt allein dem Walde zu.

Hinauf, hinauf in die Berge mußte er jetzt -- in den blauen Wald des

lieben Dahingegangenen, der so viel in seinem fruchtbringenden Leben

geschaffen und nun auch noch dafür gesorgt hatte, daß seine Schöpfungen

weiterschufen.

Das war ein Wirken, war ein Dasein, das sich lohnte, das segenspendend

war und blieb, vielleicht für Generationen hinaus.

* * * * *

Hans Sebalt hatte sich rasch von Kaspar getrennt und neugierig nach dem

Briefe gegriffen, den er vorhin sorglich in die Brusttasche gesteckt

hatte. Im Gehen durchflog er ihn.

Plötzlich stand er still, und sein Gesicht verfinsterte sich.

Was stand da? Herr Winkler traue ihm leider nicht recht zu, daß er, auf

eigene Füße gestellt, sein Kapital auch erhalten könne. Was, er, der

sparsame Hans Sebalt? Darum bitte er ihn noch einmal dringend, nie ein

Papier zu verkaufen, ohne vorher Herrn Volpelius darum zu fragen. Das

Geld festzulegen, wäre vielleicht klüger, aber nicht erzieherischer

gewesen. Jeder solle für sich selber im Leben stehen, nur die Hilfe

anderer nicht ganz verschmähen, am wenigsten den Rat erfahrener

Freunde.

Hans Sebalt lächelte ein wenig überlegen. Er würde die Befürchtungen

des redlichen Toten schon glänzend widerlegen. Gerade jetzt, in voller

Freiheit, würde er der Welt zeigen, was er leisten und wie er sich

selbst regieren könne.

Aber keinem wollte er es sagen, daß er ein Krösus geworden. Auch die

Familie durfte es nicht erfahren, höchstens die Eltern. Vor allem --

die Unitäter müßten schweigen, ha -- die würden Augen machen, er ein

freier Mann -- nun hatte Bethel freilich das Nachsehen -- jetzt stand

ihm die Welt offen, ihm, dem Besitzer von 30000 Mark.

Beinahe hätte Hans Sebalt Hurra gerufen, aber noch zu rechter Zeit fiel

ihm ein, daß da drüben ein Trauerhaus stand, und daß man ihn hätte

hören können.

So ging er leise trällernd ins Dorf hinab und grüßte die ihn grüßenden

Arbeiter und Häuslerkinder gönnerhaft verbindlich wieder -- ganz wie es

sich für einen Mann von zehntausend Talern gebührte.

* * * * *

Währenddessen schritt Kaspar langsam bergan und dachte über seine

Zukunft nach. An seinem Vorhaben mit Herrnhut sollte das Vermächtnis

nicht das geringste ändern. Ja, wenn die Brüdergemeine ihn wollte, wie

er nun einmal war und dachte -- dann sollte sie ihn jetzt erst recht

haben.

Jetzt, als ein wahrhaft Freier, jetzt konnte er ihr mit seinen Diensten

etwas von dem zurückzahlen, was er doch schließlich der Gemeine,

wenigstens ihren besten Vertretern, wie einem Hansen, Bartel und

Bauding, schuldete. Hatte man ihn nicht treu und redlich erzogen, ihn

nicht leidlich gut, jedenfalls gerecht behandelt und sich seiner stets,

wenn auch nicht immer warm, aber vornehm, angenommen, ihn nie etwas

unbedingt Notwendiges entbehren lassen, höchstens ein wenig Liebe?

Nein, jetzt wollte Kaspar auch zeigen, daß er sich nicht lumpen ließe,

wenn anders man ihn brauchen konnte.

Und 100 Mark monatlich! Du lieber Gott, er und 100 Mark! Davon konnte

er gewiß noch sparen, auch in einer großen, teuren Stadt wie etwa

Leipzig. Vielleicht konnte er nun dem armen Magdalenchen ein wenig

helfen -- er wollte doch nach ihr forschen.

Herrlich, daß er jetzt einmal auch andern etwas schenken konnte. O

wie süß war doch das Geben, wie bitter das ewige Nehmen! Er wußte es

zur Genüge, und er wollte nun ein fröhlicher Geber werden, den Gott

liebhaben sollte, wie er ihn.

»Ja -- Gott -- Ewiger -- Gütiger, der Du irgendwo über mir waltest!

Liebe -- unendliche, die Du Dich meiner angenommen und mich so tief

beschämt hast! Gott, großer Gewaltiger, laß Dir mein wirres Stammeln,

mein dankbar überquellendes Herz gefallen, führe mich weiter,

Unergründlicher über den Welten! Laß auch mich Frucht bringen im Leben

wie er -- Dein Diener. Laß mirs gelingen -- ich vertraue Dir blind --

und will Dein unwürdiger Knecht bleiben -- solange ich atme. Amen!«

Das war das erste Gebet, das Kaspar Krumbholtz von den Lippen flutete,

seit jener furchtbaren Kampfesnacht auf dem »Berge« zu Gotteshaag.

In lang nachzitternder Bewegung schritt der junge Lehrer immer

weiter und weiter, bis er endlich mit leisem Schauer in den blauen

Lieblingswald des toten Freundes trat.

Andächtig setzte er sich auf die Bank, auf der Herr Winkler so oft

und gern gesessen und hinabgeschaut hatte auf seiner Väter Werk, die

Fabriken, und auf seiner Hände Werk, den Park.

Die Sonne neigte sich mählich da draußen in der weiten, städte- und

dörferreichen Ebene zu Tal; ihre schrägen Strahlen spielten noch

liebevoll mit einigen hohen Fabrikschloten und dem höchsten Hause von

Reda, der Winklerschen Villa.

Nun lag der Mann, der so oft hier neben ihm gesessen und stets wie ein

liebreicher Vater zu ihm gesprochen hatte -- starr und kalt da unten

in der dumpfen Gruft. Aber nur sein Leib war dahin, sein Geist lebte

und waltete weiter und unsichtbar über dem Dorfe, über der Fabrik, über

Park und Wald, auch über ihm.

Kaspar glaubte es zu fühlen, und unwillkürlich griff er jetzt

erschrocken nach der Seitentasche, in die er vorhin wie geistesabwesend

den kostbaren Brief hatte gleiten lassen.

Gott sei Dank, er war noch da, und mit stiller Wehmut entfaltete ihn

Kaspar und las unter heißen Tränen die vertrauten gleichmäßigen Züge

der von ihm so heiß verehrten Hand:

Mein lieber Junge!

Du weißt nicht, welche Herzensfreude Du mir allzeit warst, und wie ich

an Dir gehangen habe. Das sollst Du ganz erst erfahren, wenn ich nicht

mehr bin. Ich habe mir zeitlebens heiß einen Sohn gewünscht, er war

mir versagt. Da sandte Gott Dich mir zur Zeit meines tiefsten Wehs,

Dich, den Sohn meines liebsten Lehrers. Ich durfte für Dich sorgen

wie ein rechter Vater, und Du hast mirs mit treuer Liebe vergolten,

Dank Dir, mein Junge! Nun halte die Treue auch weiter meinem Kinde,

es komme, was wolle. Ich habe in Deinem Leben nie Vorsehung spielen

wollen, das tut nie gut, und ich bitte Dich: handle ebenso an meiner

Ursemi. Aber bleibe ihr der ruhige, zurückhaltende Freund, der ich

Dir sein wollte. Freilich -- nun habe ich doch ein wenig in Dein Leben

eingegriffen durch mein Vermächtnis. Verzeih es mir, lieber Junge,

aber ich mußte Dir die Sicherheit zu Deiner ruhigen Entwickelung

aufzwingen um Deiner selbst willen und um meines Kindes wie meiner

Stiftung willen, die für die Zukunft vielleicht beide einen freien,

wissenschaftlich durchgebildeten und welterfahrenen Freund brauchen.

Deiner Entscheidung betreffs des Unitätdienstes vorgreifen zu wollen

liegt mir fern. Tu wie bisher, was Du vor Deinem Gewissen verantworten

kannst und wozu es Dich innerlich treibt. Das, mein lieber Junge, ist

die Hauptsache im Leben, dann bleibt man sich selbst getreu. Und nun

küsse ich Dich noch einmal im Geiste mit väterlicher Liebe und bitte

Dich, bleib wie bisher aufrecht und redlich gegen Dich und andere,

dann wird in Ruh und Ehren schlafen

Dein lieber Vater

Wilhelm Winkler.

Nur mit äußerster Mühe hatte Kaspar zu Ende lesen können, denn die

Buchstaben tanzten gleichsam vor seinen von Tränen überströmenden

Augen.

Dann brach er, in namenlosem Schmerz zuckend, zusammen -- und die Sonne

sank.

Zehntes Kapitel

Die Synode

Kaspar Krumbholtz war gerade zur rechten Zeit nach Herrnhut gekommen.

Die liebliche lausitzische Landstadt prangte nicht nur im üppigsten

Blütenschmuck ihrer altmodisch anmutigen Gärten und ihrer seit

über hundert Jahren steifgestutzten Lindenalleen, sondern auch als

Brüdermetropole erstrahlte die alte Stadt Christian Davids, des

tapferen mährischen Ansiedlers, im Glanze großer Tage und wichtiger

Beratungen.

Im stattlichen, doch stimmungsvoll intimen Chorsaal des alten

Witwenhauses tagte die Provinzialsynode der Deutschen Brüder-Unität,

und in hartem, heißem Strauß stießen diesmal die Geister aufeinander;

denn es handelte sich um die Lehrfrage, die seit Jahren die Gemüter von

jung und alt in fast allen Gemeinen bewegte und tief beunruhigte.

Im Mittelpunkt der aufregenden Verhandlungen standen: ein drohender

Antrag der Gemeine Altenworth und ihres Gemeinhelfers Lengwitz auf

Aufhebung des theologischen Seminars zu Gotteshaag; ein anderer kaum

minder gewichtiger Antrag von 27 hochangesehenen Brüdern, Theologen wie

Laien, auf ein Mißtrauensvotum gegen die Dozenten; und schließlich lag

ein dritter vermittelnder Vorschlag vor: die brüderischen Studenten

von nun an wenigstens für 3 oder 4 Semester an eine Landesuniversität,

womöglich zu positiven Theologieprofessoren, zu senden.

Schnell hatte sich Kaspar, der im Brüderhaus Unterkunft gefunden hatte,

orientiert und ging mit einigen Betheler Bekannten möglichst frühzeitig

zum Sitzungssaal, denn der Andrang war gewaltig. Einen Sitzplatz zu

finden hielt schon jetzt schwer.

Dicht gedrängt saß bereits um die Stühle der Synodalen eine vor

Spannung ungeduldig wispernde Menge; namentlich viele ältere Schwestern

mit allerlei Handarbeiten und einem Überdrang landläufiger Weisheit.

Allgemein erwartete man für heute die Entscheidung, und es war gar

nicht unmöglich, daß der Guillotinenantrag Lengwitz auf das Seminar

herabsausen würde.

Die Stimmung gegen das Seminar und seine Lehrer war jedenfalls

mächtig erregt, zumal einer dieser Brüder kurz zuvor eine Broschüre

veröffentlicht hatte, die völlig auf dem Boden der philologisch

historischen Bibelkritik stand und nicht nur Gemeinmitglieder, sondern

auch sehr viele Freunde der Herrnhuter verwirrt und verletzt hatte.

Kaspar wußte von alledem nicht viel. Er hatte in letzter Zeit andere

Dinge im Kopf; immerhin fühlte er instinktiv, daß auch über sein

inneres Verhältnis zur Gemeine, über die Möglichkeit seines Verbleibens

im Unitätdienst heute eine Entscheidung herannahte.

Es drängte ihn auch danach, da er endlich klar wissen wollte, woran er

mit seiner Zukunft sei.

Und doch bebte der Herrnhuter in ihm.

* * * * *

Die Synodalen erschienen, meist schweigend und ernst, voran der

ehrwürdige Vorsitzende, Bischof Kröger.

Mit dem üblichen kurzen Gottesdienst begann die Sitzung, und nicht

ohne Ergriffenheit nahmen viele von der nachdenksamen Losung des Tages

Notiz, die Paulus den Korinthern schrieb: »Ich wollte, ihr möchtet

ein wenig Torheit von mir ertragen, doch ertraget mich auch, denn ich

eifere um euch mit Gottes Eifer.«

Einige der Schwestern stießen sich heimlich an und zischelten sich

leise zu: da sei doch deutlich Gottes Finger zu spüren. Aber die einen

betonten die Torheit, die anderen das Ertragen und wieder andere das

Eifern.

Es folgte die Verlesung zweier brüderlicher Schreiben aus der

englischen und amerikanischen Provinz, beide des Wunsches voll -- man

möge mit Vorsicht und brüderlicher Liebe zu Rate gehen -- und mit der

Versicherung treulichster Fürbitte vor Gott.

Zur Eröffnung der Verhandlungen wurden die drei schon gedruckten

Anträge nochmals vom Schriftführer, Bruder Röder, verlesen und die

Brüder gebeten, sich der Liebe zu befleißigen auch bei etwaiger

tiefgehender Verschiedenheit der Anschauungen. Darauf erhielt der

Gemeinhelfer der Altenworther das Wort.

»Liebe Brüder,« begann Bruder Lengwitz mit sichtlicher Befangenheit,

»ich bin mir der historischen Bedeutung dieses für unser Kirchlein

vielleicht entscheidenden Augenblicks ebenso bewußt, wie meiner

Verantwortung. Die allgemeinen Gesichtspunkte für diesen ganzen, uns

so tief erschütternden Lehrstreit haben wir in zahllosen Debatten

längst gewonnen und allerseits zur Genüge vertreten. Heute gilt es, die

verschiedenen Ergebnisse gegeneinander abzuwägen und zu handeln! Die

Kluft, die zwischen dem Gros unserer Gemeingeschwister und den Brüdern

aus den letzten Jahrgängen unseres theologischen Seminars klafft, ist

nicht von heute. Schon auf den beiden vorhergehenden Synoden hat sie

uns schwere Sorgen gemacht und uns eingehend beschäftigt. Wir haben,

namentlich solange Bruder Hansens Autorität uns eine gewisse Gewähr

bot, zu besonderen Schritten gegen das Seminar uns nicht entschließen

können, sondern uns der leider trügerischen Hoffnung hingegeben,

die Entwickelung des Seminars werde von selber in positivere Bahnen

einlenken. Statt dessen ist es schlimmer geworden, viel schlimmer

sogar, als es auch die Pessimisten unter uns befürchtet haben. Von

einem dozierenden Bruder, der mit Titel und Amtsbezeichnung, also

mit voller Verantwortung zeichnete, ist eine Schrift veröffentlicht

worden, die auch dem unverbesserlichsten Optimisten die Augen darüber

öffnen muß, wohin wir eigentlich treiben: nämlich auf die Ausschaltung

der Grundbegriffe unserer Heilslehre durch unsere jungen Diener am

Wort. Man zweifelt nicht nur an diesem oder jenem im Worte Gottes, wie

früher, ja wohl zu allen Zeiten einzelne Lehrer, sondern man schaltet

keck die Hauptsachen aus. Man leugnet die Zuverlässigkeit ganzer

Evangelien und Apostelbriefe, man bezweifelt die Gottessohnschaft

Christi, seine Auferstehung und Himmelfahrt und rüttelt damit an den

Grundfesten unseres Glaubens. Wir wollen keine Ketzerrichter sein,

Geliebte im Herrn, und wollen auch diesen Forschern ihre Redlichkeit

gern zubilligen; aber wir wollen uns ebenso ehrlich fragen: Hat es für

unsere kleine Kirche noch Zweck, ein solches Institut zu unterhalten,

dessen Dozenten und Zöglinge für die heiligsten Überzeugungen der

Gesamtgemeine kein Verständnis mehr haben, vielmehr in schroffsten

Gegensatz zu ihrem Glauben treten, ihren Mitgliedern im besten Falle

mit gewundenen Erklärungen, oft genug gar mit unverhüllten Zweifeln die

frohe Gewißheit ihrer Heilswahrheiten und damit den inneren Frieden,

ja die beste Hoffnung im Leben wie im Sterben rauben? Auf Grund langer

gründlicher Selbstprüfung, auf Grund eingehender Rücksprache mit meiner

Gemeine, mit vielen andern Geschwistern, Laien wie Klerikern, antworte

ich fest und ruhig: Nein! Reißen wir das Glied, das uns ärgert, aus,

ehe denn der ganze Leib verderbe, setzen wir nicht aus brüderlicher

Langmut und Schwachheit gegen diese wenigen, sicherlich ehrlich

ringenden, aber irrenden Brüder die Zukunft von Tausenden, die Zukunft

unserer Gesamtgemeine aufs Spiel! Wir sind langmütig und nachsichtig

genug gewesen, wir haben mehrfach gebeten und gewarnt. Nun ~gilt es

zu handeln~, ehe es zu spät ist, und darum bitte ich die Brüder, für

die ~Aufhebung des Seminars~ in Gotteshaag zu stimmen und bis auf

weiteres unsere jungen Theologen auf die Universitäten zu schicken zu

möglichst positiv gerichteten Professoren.«

Die meisten Synodalen saßen unbeweglich da. Einige schüttelten die

Köpfe. Nur in der Menge der zuhörenden Geschwister, zumal auf der

Schwesterseite, merkte man vielfach, freilich vornehm verhaltene

Zustimmung.

Dann erteilte Bruder Kröger dem derzeitigen Direktor des Seminars,

Bruder Krageneck, das Wort.

Bleich vor innerer Erregung, aber völlig beherrscht in Form und

Gebärde, sprach der hagere, von der schweren Last unendlicher Arbeit

und unaufhörlicher Sorgen schier erdrückte Mann: »Liebe Brüder, wenn

es euer Wille ist, unser Seminar aufzuheben, dann würde ich -- ihr

werdet es mir ohne besondere Versicherung glauben -- nicht gerade der

leidende Teil sein. Aber ich stehe auf meinem Posten, solange es die

Pflicht gebietet. Nur ist es eine unsagbare Qual, in solcher Zeit,

unter solchen Umständen, ein so verantwortungsvolles Werk zu leiten,

wenn das Vertrauen fehlt! Das kann nicht so weitergehen. Und darum rede

ich nicht gegen den Antrag Lengwitz, denn lieber ein Ende mit Schrecken

als ein Schrecken ohne Ende. Auch zu dem Antrag 2 werde ich nicht

mehr sprechen, nur nach seiner eventuellen Annahme handeln, das heißt

sofort zurücktreten. Dafür wende ich mich nun um so schärfer gegen den

3. Antrag, der darauf hinausläuft, die Studienzeit in Gotteshaag zu

verkürzen zugunsten einiger Universitätsemester unserer studierenden

Brüder. Liebe Freunde, sollen wir etwas Ganzes und leidlich Rundes

in Gotteshaag erzielen, brauchen wir mindestens die bisherige Zeit.

Schickt unsere Seminaristen später auf die Universität, aber nicht

zwischenhinein. Im übrigen werden die positiven Professoren wenig

helfen. Das ist eine Laienansicht. Der Student, der ohne ernstliche

Nachprüfung auf die +verba magistri+ schwört, ist nicht der

rechte. Ein jeder muß sich selbst mit den Dingen auseinandersetzen.

Und dazu die Hörer anzuregen -- danach strebt jeder gewissenhafte

Lehrer, und das sind wir -- hoffe ich -- alle, auch der Bruder, den

man um seiner Schrift, die ich nicht für glücklich, aber auch nicht

für unwissenschaftlich halte, angegriffen und versetzt hat. Wir sind

Männer der Wissenschaft, so gut wie jeder auswärtige Dozent, das

heißt wir geben, was wir auf Grunde redlichster Forschung zurzeit

für das Wahrscheinlichste halten müssen. Auch wir stehen, wie jeder

Erdgeborene, im Bann der historischen Entwickelung. Wir sind irrende

Menschen, so gut wie ihr; aber wir ringen auch nach der Wahrheit,

rücksichtslos, wie es unsere Pflicht ist. Denn eine Wissenschaft

mit einem von vornherein festgelegten Endzweck -- und wäre es der

erhabenste -- wäre keine Wissenschaft. Und ich meine, wir haben nach

bestem Vermögen Wissenschaft zu treiben, Forschungsmethode, aber

~nicht einen Glauben zu lehren~! Den muß sich jeder selbst

erkämpfen, für den hat auch jeder selbst einzustehen, und keiner

hat ihm dreinzureden. Die innersten Überzeugungen und Anschauungen

wechseln jedoch bei jedem lebendigen Menschen mit den Phasen seiner

Entwickelung, genau so wie die Anschauungen der Generationen eines

Volkes. Nicht jeder, der als junger Student zweifelt, wird beim Zweifel

verbleiben, oder gar zum bequemen Skeptiker werden. Im Gegenteil, wer

beizeiten kämpfen gelernt hat, wird weiterringen, solang er atmet,

und wird auch ~erringen~. Und nur dazu wie zum unablässigen und

furchtlosen Prüfen haben wir unsere studierenden Brüder zu erziehen.

Könnt ihr, liebe Brüder, solche suchende Diener am Wort nicht mehr

vertragen und fordert statt dessen zuverlässige, genau geaichte

Dogmatisten -- dann ist es allerdings an der Zeit, euch zu fragen, ob

es sich lohnt, für eine innerlich schon erstarrende Gemeine noch weiter

innerlich lebendige Führer heranzubilden.«

Die Wogen der Erregung gingen hoch im Kreise der Synodalen wie der

zuhörenden Geschwister, die schier atemlos den scharfbetonten Worten

des Redners gelauscht hatten.

Außer Kaspar Krumbholtz war jedoch kaum einer im ganzen Saale, dem

der eindringliche Warner voll aus der Seele gesprochen hatte; aber

wohl jeder fühlte nach dieser leidenschaftlosen und gerade darum

leidenschafterregenden Rede den ganzen furchtbaren Ernst der Lage.

Nach einigen bangen Minuten des Zischelns und Tuschelns erhob sich ein

graubärtiger Laienbruder, namens Wechler, seines Zeichens Kaufmann, und

sprach mit einer von verhaltener Rührung zitternden Stimme:

Kaspar Krumbholtz · 第 8 / 20 段