»Geliebte im Herrn! Es zerreißt mir das Herz, wenn ich solche Worte

hören muß wie die letzten von Bruder Krageneck. Sind wir denn darum

als erstarrt oder wenigstens als nach und nach erstarrende Christen

zu bezeichnen, weil wir um unsere Glaubenszuversicht bangen und für

die unserer Kinder fürchten? Ich bin ein alter Mann, und weiß, daß in

meiner Jugend kein solches Suchen in der Schrift unter uns war, wie

jetzt, seit wir fürchten, daß man uns verwirren will. Vielleicht sind

wir lebendiger als damals. Ich bin ferner ein ungelehrter Mann, wie es

eben über 99 Prozent unserer Gemeine sind; aber ich empfinde es als

eine furchtbare Gefahr für unsere Kirche, wenn Männer, die Christi

Gottheit und Auferstehung öffentlich leugnen, unsere jungen Prediger

lehren und auf ihr Amt vorbereiten. Ich frage mit Beben: Sind unsere

Theologen um Gottes und unsertwillen da, oder Gott, Christus und wir,

seine Gemeine, um ihretwillen! Alle Achtung vor der Wissenschaft,

aber ich lasse mir auch von ihr und ihren besten Vertretern nicht

wegdisputieren oder meinetwegen beweisen, daß Christus nicht für mich

gelitten hat und auferstanden ist. Nein, darauf will ich leben und

sterben und hoffentlich auch meine Kinder. Man kann ein grundgelehrter

Mann und doch nicht geschickt zum Reiche Gottes sein. Ich hege gewiß

auch Achtung vor den jungen ringenden Gottesstreitern und ihren

pflichtgetreuen Lehrern; aber sie mögen in die Stille gehen, wenns

ihnen zweiflerisch zumute ist. Doch an der Spitze unserer Gemeinen,

unserer Schulen und Behörden wollen wir Leute sehen, die mit uns eins

sind im felsenfesten Glauben, nicht gerade an jedes Wort der Schrift

-- das hat schon ein Luther und Zinzendorf nicht verlangt -- aber an

die Hauptsachen, den persönlichen Gott, seinen eingebornen Sohn und

seinen uns allein erlösenden Opfertod und seine Auferstehung. Ich bitte

daher die Brüder, den ~Geist des Seminars zu erneuern~, vielleicht

einige positivere Lehrer zu suchen, zum mindesten aber den studierenden

Brüdern Gelegenheit zu geben, anderwärts Professoren zu hören, die

weniger radikal sind als einige Gotteshaager Dozenten. Sollte es an den

nötigen Mitteln dafür fehlen, so sind meine Freunde und ich bereit,

dazu größere Summen nicht nur im Etat zu bewilligen, sondern auch

persönlich zu spenden.«

Unsicher tastend setzte sich der alte Mann.

Hätte er um sich geschaut, hätte er viel warme Anerkennung in den

Mienen seiner Zuhörer lesen können; Beifall zu äußern war nicht Brauch

an dieser gottgeweihten Stätte und vollends nicht bei so ernsten

Beratungen.

Nun stand der gefürchtete Unitätdirektor Balzar auf, von ihm erwartete

man das entscheidende Wort, und mit äußerster Spannung hingen aller

Augen an seinen Lippen, als er sprach:

»Liebe Brüder! Was mein lieber Vorredner im Namen Tausender gesagt

hat, war mir und den Brüdern der Behörde, in deren Namen ich rede, aus

der Seele gesprochen! Eine weitgehende Beunruhigung der Gemüter ist

nicht zu leugnen. Wo die Schuld liegt, ist im einzelnen hier nicht zu

untersuchen, es ist an anderer Stelle geschehen. Nur so viel sei offen

bekannt: Es sind Fehler begangen worden, schwere Fehler sogar, von

seiten der Dozenten und ihrer Schüler, wie von seiten der vorgesetzten

Behörde, insonderheit auch von mir. Ich hätte früher und energischer

ein- und durchgreifen sollen. Aber so sehr ich bereit bin, für meine

Unterlassungssünden zu büßen, so wenig glaube ich, daß damit zurzeit

etwas gebessert wird. Ich glaube ferner nicht, daß es schon an der

Zeit ist, das Kind mit dem Bade auszuschütten, und das Seminar, das

uns über ein Jahrhundert zum Segen war, kurzerhand aufzuheben. Noch

sind nicht alle Mittel erschöpft, es zu bessern, und wenn mich die

Synode an der verantwortungsvollen Stelle belassen will, an die sie

mich vor 10 Jahren gesetzt hat, dann will ichs in aller Schwachheit

noch einmal versuchen, ~den Geist des Seminars zu reformieren~,

vorausgesetzt, daß man mir das Wort unserer heutigen Losung vom Eifer

Gottes zubilligt wie Paulus. Ich habe schon jetzt den Bruder, der mir

menschlich und verwandtschaftlich so nahe und leider im Glauben so

fern steht, an eine andere Stelle gesetzt. Und ich werde weiter dafür

sorgen, daß geeignetere, das heißt ihrer gewaltigen Verantwortung für

ihre Schüler sich klarer bewußte Lehrer in das theologische Seminar

eintreten. Umgraben wir also den lieben, alten Baum noch einmal,

begießen und pflegen wir ihn noch einige Jahre mit Gebet und Flehen,

und warten wir vorerst in Geduld, ob er nicht doch noch bessere Früchte

trägt als bisher. Wir wollen gern dafür Sorge tragen, daß einige der

fähigeren Studenten und Kandidaten auswärtige Universitäten besuchen,

und danken Bruder Wechler und seinen Freunden aufs herzlichste, wenn

sie durch persönliche Geldopfer den knappen Mitteln unseres Etats

nachhelfen wollen. Gott lohne ihnen ihre hilfsbereite Bruderliebe. Und

so bitte ich noch einmal um Zutrauen zu uns, der Behörde, und somit um

Ablehnung aller dreier Anträge, die ja mehr oder weniger den Bestand

des Seminars in Frage stellen.«

Der Redner hatte durch eine ihm sonst nicht eigene Milde seine

Zuhörer sichtlich überrascht und schon damit halb gewonnen; indessen

manchem behagte weder die Halbheit der Entscheidung noch die stark

autokratische Form der weiteren Regelung.

Das sprach sofort aus den wenigen Worten, die der Fabrikdirektor

Leifert, wieder ein sehr angesehener Laienbruder, sprach:

»Gegen Bruder Balzars Vorschlag habe ich zweierlei Bedenken: erstens

fürchte ich, daß er, wie die Dinge liegen, zurzeit nicht drei Brüder

finden wird, die nach seiner und unserer Meinung positiv und zugleich

wissenschaftlich bedeutend genug sein dürften, um würdig an der Stelle

solcher Gelehrten zu stehen, wie es Hansen war, wie es Krageneck und

sein eigener Schwager sind. Die Dozenten sind doch nicht für uns da,

sondern für die Studenten und müssen vor allem diesen imponieren

können, und dazu gehört heutzutage -- auch in der theologischen

Wissenschaft -- nicht wenig. Zweitens muß ich ganz offen gestehen, daß

ich glaube, Bruder Balzar überschätzt seinen gewiß wohltätigen Einfluß

auf das Seminar denn doch ein wenig. Ich, als langjähriger Vorgesetzter

von so vielen Beamten und Arbeitern, weiß zur Not auch, wie weit

persönlicher Einfluß geht. Es ist nicht bedeutend. Darum nein! ~Kein

Fortwursteln~, man verzeihe den harten, aber klaren Ausdruck. Ich

bitte die Synode, die ja über der Behörde steht, sie wolle beschließen:

~das Seminar einstweilen zu suspendieren~ und unsere Studenten

zunächst mal ruhig, am besten gleich mit einem oder zwei jungen

Dozenten, nach Halle oder Greifswald zu schicken. Das heißt reiner

Tisch gemacht, und wir sehen in wenigen Jahren, ob die Schuld an unserm

Seminar und seinen Leitern, oder was doch auch sehr wohl möglich ist,

am Zug unserer Zeit lag.«

Eine lange Pause folgte den energisch hervorgestoßenen Worten des

Fabrikdirektors, und fast schien es, als sollte zur Abstimmung

geschritten werden.

Da erhob sich die ragende Gestalt des ehemaligen Unitätdirektors

Kämpfer, der sich seit dem ihn schwer betrübenden Austritt seiner

beiden Söhne und dem Tode seiner Brüder ganz ins Privatleben

zurückgezogen hatte, nur auf das Drängen seiner alten Gemeine

Herrenfeld, die noch immer an ihm hing, die Wahl zur Synode schließlich

angenommen hatte.

Früher einer der bekanntesten und schlagfertigsten Synodenredner, der

glänzende Führer der Konservativen, hatte der rüstige Greis mit dem

schönen wallenden Patriarchenbart auf der jetzigen Synode noch nicht

ein Wort geredet.

Um so größer war darum das Erstaunen, das selbst bei diesem würdigen

Publikum nun nicht mehr ganz geräuschlos war.

Mit leiser Stimme begann Ehrentraut Kämpfer, fast zag und unsicher,

doch nach und nach kam die alte Wucht über ihn, als er merkte, daß man

ihm rings mit wahrhaft totenstiller Andacht lauschte:

»Liebe Brüder und Schwestern! Ich habe eigentlich nur zu der Synode zu

reden. Ich weiß das, aber ich muß -- ehe ich für immer schweige -- doch

noch einmal zu der ~ganzen~ lieben Gemeine reden, zu der ich vor

fünf Jahrzehnten unter schweren Opfern gekommen bin und der mein Herz

gehört und gehören wird bis zu seinem letzten Schlag, auch wenn ich es

erleben müßte, was Gott der Herr verhüte, daß es mit ihr zu Ende geht.

An der Schwierigkeit des Dienernachwuchses ist die alte Brüderkirche

zugrunde gegangen trotz Comenius! An derselben Schwierigkeit scheint

-- es besteht die Gefahr jedenfalls -- auch die erneuerte Brüderkirche

scheitern zu sollen, trotz eines Hansen und anderer hervorragender

Persönlichkeiten. Woran liegt das? Das ist die ernste schwere Frage,

die wir uns einmal vorlegen wollen, ehe wir an die zweite der etwaigen

Aufhebung des Seminars entscheidend herantreten.

Meine lieben Geschwister! Ich bin noch einer der wenigen Alten, die

von draußen hereinkamen, bin vielleicht darum nicht so gemeinmäßig

vorsichtig, aber auch nicht ganz so befangen in traditionellen

Anschauungen. Weil ich das, was ich mir schwer errungen habe, schätze,

brauche ich es nicht zu überschätzen; denn ich weiß noch sehr wohl,

wie es ist, wenn man es ~nicht~ hat. Und so muß ich sagen:

~Wenn die Brüdergemeine nicht bleiben kann, was sie war~, das

heißt ein kleines aber selbständiges und besonders lebendiges Organ

im großen Organismus der evangelischen Kirche, dann ~möchte ich

lieber, daß sie nicht mehr sei, als daß sie ein Scheinwesen führe~.

Eine orthodoxe Theologie ist wahrlich nichts Besonderes, so wenig wie

heutzutage eine liberale. Aber meine Lieben, ~eine kleine, eng und

brüderlich miteinander verbundene Gemeinschaft mit ihren ehrwürdigen

Kultuseigenheiten und ihren bewährten Erziehungsweisen, fest gegründet

auf ihre besonderen sozialen Fundamente, die durch ihre historische

Entwickelung nach und nach bedingt wurden, vor allem verankert in dem

Felsengrunde eines durch und durch persönlich-religiösen Lebens gerade

ohne starke Betonung des Dogmas und des einzelnen Bekenntnisses --

das ist etwas Großes, etwas Seltenes~! Und das -- meine Lieben --

war die Brüdergemeine zu der Zeit, als ich sie suchte, das blieb sie

noch Jahrzehnte hindurch, nachdem ich sie gefunden. Ich will gewiß

nicht die alte gute Zeit loben, wie das ja alte Leute gern tun, um

sich ein wenig herauszustreichen oder den üblichen Pessimismus des

Alters zu bemänteln. Im Gegenteil, ich will hier wie Bruder Wechler

ohne Scheu bekennen: der Durchschnitt war früher weit weniger religiös

interessiert als jetzt, denn Kampf zeitigt Interesse und schafft

neues Leben. Aber Träger des neuen Lebens ist allzeit die Jugend, und

sie stellt darum auch naturgemäß in erster Linie Kämpfer. Auch der

Brüdergemeine wurden solche Streiter zuteil und damit die Möglichkeit

zur Verjüngung. Was aber tut sie oder will sie jetzt wenigstens tun?

Sie will sie hinausjagen vor ihre Tore, sie will Ruhe und Frieden haben

wie ein altes, kinderscheues Ehepaar, das gemächlich seine Pension

verzehrt und mit dem Leben eigentlich abgeschlossen hat.

Liebe Geschwister! Es ist eine bitter ernste Stunde, in der wir hier

stehen. Die Brüdergemeine hat in den letzten Jahren Stück für Stück von

ihrem besten, zum Teil schon unentbehrlichen Inventar veräußert; sie

lebt längst schon von ihrem Kapital und nicht mehr wie ein geordneter

Pensionär von ihren Zinsen. Sie will jetzt ihr Bestes von sich stoßen,

ihre paar Kinder, und warum? Weil sie ihr auf die Nerven gehn oder

weil sie mit ihnen nicht fertig wird. Viel Kinder hat unsere alternde

Gemeine nicht mehr. Seht die leeren Brüderhäuser und dagegen die mit

Fremden überfüllten Schulen aller Art, von der Fortbildungsschule bis

zur Missionsschule. Da bedarf es zum mindesten reicher, bedeutender

Lehrkräfte -- und daran gebricht es schon allerorten. Und die noch da

sind, dünken euch nicht gut -- warum? Weil sie ~vollblütige Kinder

ihrer Zeit~ sind und nichts anderes. Das ist ihr ganzes Verbrechen.

Liebste Geschwister! Denkt doch an das Wort des Herrn: An ihren

Früchten sollt ihr sie erkennen -- und nun Hand aufs Herz! Ist auch

nur einer von denen, die euch so bedenklich in der Lehre erscheinen,

schlechter als ihr in eurer Jugend wart? Sind diese Zweifler und

Grübler nicht tapfere, überzeugungstreue Helden, gehalten gegen die

meisten von euch bequemen Gewohnheitchristen? Glüht in dieser so viel

bekritelten Jugend nicht ein religiöses Feuer, mit dem unser bißchen

Leuchten von vor fünfzig Jahren gar nicht zu vergleichen ist? Warum

nicht -- weil damals weder Sturm noch Regen niederging, weil seine

Überzeugung zu behaupten damals gar kein besonderes Kunststück war.

Meine heißgeliebten Geschwister! Ich komme zum Schluß. In unseres

Vaters Hause sind viele Wohnungen. Sorgt ihr dafür, daß ihr in

sie eingehen könnt, aber wundert euch auch nicht, wenn sie euch

dereinst verschlossen bleiben trotz aller Rechtgläubigkeit, weil

ihr unbrüderlich wart gegen eure Brüder, weil ihr die Pflichten der

Eltern vergessen habt gegenüber den besten Kindern, die Gott euch gab,

Kindern, in denen der Geist einer neuen Zeit rücksichtlos zum Lichte

ringt. Fürchtet ihr euch, weil ihr bequem oder gar feige geworden

seid und nicht mitkämpfen wollt in diesen Zeiten religiösen Kampfes?

Ich hoffe -- noch wißt ihr, was es heißt: kämpfe den guten Kampf des

Glaubens! Sonst laßt es euch sagen, tagtäglich aufs neue sagen von

diesen jungen Streitern, die fast darüber zugrunde gehen und doch nicht

verzweifeln! ~Solche Persönlichkeiten, solche Charaktere sind uns

not, notwendiger als alles Eifern um die Lehre!~ Wollt ihrs nicht

hören von ihnen, gut -- dann schließt nicht nur das Seminar, dann löst

auch die Brüdergemeine auf und tretet zurück in die Landeskirche. Dann

ist eure Zeit erfüllt! Aber den neuen Geist in alte Schläuche füllen,

das dürft ihr nicht, das gibt ein Unglück. Wenn die Jungen nach ihrer

ehrlichen Überzeugung links gehen ~müssen~, werdet ihr sie nicht

nach rechts hinüberzwingen können, keiner vermag es, auch der starke

Bruder Balzar nicht, zu dem ich -- so leid es mir tut -- weniger

Vertrauen habe als zu den Seminarlehrern. Und darum bitte ich euch

inständig, liebe Synodalen: lehnt jede innere wie äußere Beeinflussung

des Seminars rundweg ab, sondern überlaßt die jungen Theologen ruhig

ihrem Gewissen, die Entwickelung unserer Gemeine Gott und das Urteil

der Geschichte.«

Langsam setzte sich Ehrentraut Kämpfer, beugte sein Haupt und schloß es

in beide Hände wie zum stillen Gebet.

Lautloses Schweigen füllte den weiten Raum, keiner wagte zu zischeln

oder sich nach anderen umzudrehen; nur hier und da schien es, als ob

ein Schluchzen niedergekämpft werden müsse.

Kaspar Krumbholtz wäre am liebsten aufgesprungen und hätte dem alten

herrlichen Manne die Hände geküßt vor unnennbarem Dankesgefühl.

Nie seit Bruder Hansens Tode hatte ein Mann der Brüdergemeine ihm

so das Herz genommen, ihm so aus der Seele gesprochen wie dieser

ehrwürdige Patriarch.

Mit diesem Manne wollte auch er stehen oder fallen. Stimmte man seinem

Wunsche nicht rückhaltlos zu, dann war auch sein eignes Schicksal

entschieden. Dann ging auch er den Weg, den die Söhne Kämpfers gegangen

waren, hinaus aus der Brüdergemeine, die ihren höchsten und vornehmsten

Zweck, ein Sauerteigtropfen der evangelischen Kirche zu sein, nicht

mehr erfüllen wollte oder konnte.

Und so erwartete keiner gespannter den Ausgang der nunmehr folgenden

Abstimmung als Kaspar Krumbholtz.

Der Antrag Lengwitz wurde mit großer, die beiden anderen Anträge mit

knapper Majorität abgelehnt.

Dann sprang aber Bruder Balzar hastig auf und erklärte knapp und

hart: er empfinde mit der Mehrzahl seiner Kollegen die unbedingte

Notwendigkeit, in dem von ihm vorher angedeuteten Sinne reformierend

an das Seminar heranzutreten, schon um den 99 Prozent der

beunruhigten Gemeingeschwister eine Genugtuung und eine Hoffnung auf

Änderung zu gewähren. Er stelle daher, nachdem die drei schärferen

Anträge gefallen, diesen milderen Antrag und mit ihm zugleich die

Kabinettsfrage.

Eine kurze Besprechungspause wurde vom Vorsitzenden angeordnet, dann

ging die Abstimmung vor sich. Mit überwältigender Mehrheit ward der

Antrag Balzar angenommen.

Da ging Bruder Kämpfer hinaus, und Kaspar Krumbholtz folgte ihm.

* * * * *

Am nächsten Tage suchte Kaspar Krumbholtz seinen höchsten Vorgesetzten,

Bruder Bauding, auf.

Herzlich wie immer begrüßte ihn der Unitätdirektor, aber aus seinen

Mienen sprach nicht mehr der gewohnte Frohsinn, die ruhige Sicherheit

und Zuversicht des bewährten Steuermanns. Eine müde Resignation lag

über seinen ein wenig abgespannten Zügen.

Mit milder, warmer Freundlichkeit sprach er Kaspar sein Beileid aus

zu dem Heimgang seines väterlichen Freundes Winkler und erwähnte, daß

Herr Geheimrat Volpelius der Unität kürzlich die Stipendienregelung

angekündigt hätte.

Dann schloß er lächelnd: »Dein Freund Sebalt hat uns bereits vorher

den Stuhl vor die Türe gesetzt, und ich fürchte, du hast ähnliche

Absichten, lieber Bruder.«

Um Kaspars Mundwinkel zuckte es wehmütig. Leicht ward es ihm wahrlich

nicht, seinen allerdings schon gestern gefaßten Entschluß dem verehrten

Manne mitzuteilen.

Daß seine Beweggründe vermutlich anderer Art waren als die Hans

Sebalts, das brauchte er Bruder Bauding nicht auseinanderzusetzen,

Sebalt hatte für sich selbst einzustehen.

Aber warum er, Kaspar, gehen wollte, ja gehen mußte, das sollte Bruder

Bauding, der es stets gut und treu mit ihm gemeint hatte, doch wissen,

und so sagte Kaspar langsam, fast feierlich:

»Herr Unitätdirektor, ich möchte nicht, daß Sie mich mißverstehen

oder ungerecht beurteilen. Ich kam vorgestern hierher mit der leisen

Hoffnung und dem geheimen Wunsche, in der Gemeine wie im Unitätdienst

verbleiben zu können, weil ich an die Zukunft der Brüdergemeine

glaubte und auf weitere Nachsicht mit meiner religiösen Schwachheit

rechnete. Seit gestern, seit ich weiß, daß der Geist Bruder Balzars

auch weiter hier herrschen soll, ist das anders geworden, und ich habe

den Entschluß gefaßt, von nun an mir mein Leben selber zu zimmern und

in völliger Freiheit um meine Weltanschauung zu ringen. Gott suchen und

ihm dienen kann ich wohl auch da draußen, vielleicht sogar ungestörter.

Ich habe sein Walten in mir schon wieder leise verspürt, aber ich weiß

auch, daß ich schwerlich je wieder die gemeinmäßige Gottesauffassung

teilen werde, jedenfalls nicht die im Unitätdienst erwünschte der

Person Christi. Darum will ich lieber beizeiten hinausgehen, und es

ist eine Stimme in mir, die mir sagt, daß ich recht daran tue. Daran

lasse ich mir genügen und bitte Sie, mir nicht zu zürnen. Was ich

meinen Erziehern aus der Brüdergemeine schulde, dessen werde ich mir

immer bewußt bleiben, und auch Ihnen danke ich herzlichst für all Ihr

redliches Interesse für mich armes Missionskind.«

Lang und väterlich sah Bruder Bauding den jungen Lehrer an, der fest

und ruhig gesprochen hatte und doch voll verhaltener Bewegung.

Dann legte er ihm liebevoll die Hand auf die Schulter und sagte leise:

»Ich habe dich verstanden, mein lieber Bruder, und ich muß dir mit

bitterstem Schmerze gestehen: ich billige deinen mir so wehtuenden

Entschluß seit gestern auch. Wer weiß, ich ginge am Ende auch, wenn

ichs noch könnte. Aber was ein junger Leichtmatrose darf, das darf

ein Kapitän nicht, er hat auf seinem Schiff zu bleiben, auch wenn er

weiß, daß der Untergang schwerlich zu vermeiden ist. Noch kann Gott

Wunder tun! Hoffen wirs, aber rechnen wir nicht darauf, sondern tun

wir unsere Pflicht, ohne mit der Wimper zu zucken. Und darf ich dir,

lieber junger Freund, noch ein Wort mit hinausgeben in dein ferneres

Leben? Ich denke ja. Du hast dich eben noch einmal Missionskind

genannt, tu es gelegentlich auch fernerhin vor deinem Gewissen, wenn

auch vielleicht von nun an in anderer tieferer Bedeutung. Du bist und

bleibst ein Missionskind auch außerhalb unserer Gemeine, die dich

erzogen hat. Bleib ihrem Geist, ihrem Besten, das doch unvergänglich

ist wie alles Göttliche, getreu und vergiß nie, daß auch du, ja gerade

du eine Mission hast. Was Gott der Allmächtige über das Geschick

unserer kleinen Kirche beschlossen hat, wissen wir nicht; aber wir

wissen, daß nichts umsonst ist in der Welt, auch das Niedergehen und

Vergehen nicht. Wer weiß, ob nicht gerade in all den vielen, die wir

erzogen haben und hoffentlich noch lange erziehen werden, unsere beste

Hoffnung, unser eigentlicher Daseinszweck beschlossen liegt? Es ist

vielleicht an der Zeit, daß wir die Waffen, die wir bisher tapfer, doch

nach und nach mit ermattenden Armen geführt haben, weitergeben sollen

an die, die von uns hinausgehen, um dort in unserm alten Sinn, doch mit

andern Formen und neuem Geiste zu kämpfen. Die Schüler sind die Flügel

des Lehrers, sagte der alte Neander. Fliegen wir mit diesen Fittichen

auf zu neuen Zielen. Das walte der Allmächtige auch durch dich, mein

junger Freund, das könnte deine Mission sein! Und damit Gottes Segen

über dich und deine weitere Arbeit, zieh hin in Frieden!«

Stumm und beide tief ergriffen reichten sich die Brüder die Hand zum

Abschied.

* * * * *

Dann schritt Kaspar Krumbholtz langsam und nachdenklich hinauf zum

stillen Hutberg, um Abschied zu nehmen von seinem letzten Schatz in

der Gemeine, dem Grab seiner Mutter.

Was er da empfunden, vermag keines Menschen Feder niederzuschreiben;

es gibt Dinge, die unaussprechlich sind oder wenigstens durch jeden

Niederschlag in Worte ihr Bestes, ihren keuschen Duft, verlieren.

Daß Kaspar an seiner Mutter Grab weinen und beten durfte, war ihm eine

Erleichterung und ein Trost ohnegleichen.

Er schied mit unnennbarem Schmerz, doch mit reinem Gewissen von

dem schlichten, flachen Hügel, unter dem die letzte Neißerin ihren

Ewigkeitsschlaf schlief.

Nachdem sich Kaspar Krumbholtz endlich losgerissen hatte, stieg er noch

einmal mit wundem Herzen auf den kleinen Altan, der den runden Gipfel

des Hutberges krönte.

Es war eine stolze Aussicht, die sich ihm da bot.

Ringsum reckten blaue Waldberge, drohend in keckem Trotz, die mächtigen

Häupter wie eine Postenkette unüberwindlicher Hüter dieses stillen,

gesegneten Paradieses, in dem üppig wogende Felder und stattliche

rotdachige Dörfer sich wohlig, ja behäbig streckten.

Dicht vor ihm zu Füßen des Hutbergs lag das liebliche Herrnhut.

Die grauen, sonnenbeschienenen Schieferdächer glitzerten aus dem

Lindengrün empor wie funkelnde Diamanten aus einem herrlichen

Smaragdschmuck. Gleich einer braven Henne über ihren Küchlein wachte

die gewaltig ragende Kirche mit ihrem schweren braunroten Dach, das

ein kupfergrünes Türmchen knopfartig zierte, über den kleinen, alten

Barockhäusern.

Noch konnte man denken, es sei das alte Herrnhut Zinzendorfs und

Spangenbergs. Nur vom Nachbardorf und vom Bahnhof her rückten allerlei

viereckig grobschlächtige Mietskasernen respektlos und aufdringlich wie

Parvenüs an die ehrwürdige Aristokratenmatrone Herrnhut heran.

Wie lange würde es wohl noch dauern, fragte sich Kaspar unwillkürlich,

bis auch im Äußeren der letzte Rest der vornehm bescheidenen Eigenart

untergegangen war im Meer der barbarischen Alltäglichkeit?

Absetzen -- ehe die letzte Neige schal auf der Zunge nachschmeckt --

aufhören, ehe der letzte Eindruck häßlich sein muß -- scheiden in

Schönheit und nicht mit dem Anblick der verzerrten Züge des furchtbaren

Todeskampfes.

So dachte Kaspar wehmütig ernst, und so maß er noch einmal

liebevoll mit verzehrenden Blicken das harmonische Bild der trauten

Friedensstätte, die einer seiner Vorfahren mit dem schlichten

Zimmermann Christian David gegründet hatte, prägte dies Bild tief

und unauslöschlich in seine Seele und schritt traumverloren den Berg

seitwärts hinunter zum Bahnhof.

Da kam ihm ein hochgewachsener und doch gramgebeugter Greis entgegen.

Es war der Mann, der Kaspar gestern noch einmal die ganze Schönheit,

Redlichkeit und Größe moravischen Wesens offenbart hatte, Ehrentraut

Kämpfer.

Sollte er diesem Mann, der ihm so viel gegeben, der ihm über das

Schwerste hinweggeholfen, nicht dankbar die Hände drücken?

Er wagte es und sprach zu dem überraschten Greise, wies ihm ums Herz

war.

Wie verwirrt starrte ihn anfangs der alte Mann an, dann drückte er ihm

innig die Hand und sagte leise:

»Wieder einer von den Jungen! Es wird Zeit, daß wir Alten uns schlafen

legen. Nach Leipzig gehst du? Viel Glück, und grüß mir meinen Sohn, den

Gottfried. Ich laß ihm sagen, er habe recht gehandelt wie du. Baut da

draußen neu, was hier in Trümmer fällt. Leb wohl!«

Zweites Buch

Gärender Most

Erstes Kapitel

Im Rock des Königs

Kaspar Krumbholtz · 第 9 / 20 段