guter Familie war und daher leider bei den Engländern etwas galt, und
Palmier, der im ganzen Hause längst berüchtigte und auch von seinen
Landsleuten gemiedene Sohn eines Genfer Weltreisenden und Millionärs,
der sich wohl niemals um seinen Sohn recht gekümmert hatte.
An diesen beiden Burschen schien allerdings Hopfen und Malz verloren zu
sein; aber gerade darum lockte es Kaspar ungemein, Einfluß auf sie zu
gewinnen. Zunächst gab er sich einmal fast jeden Tag, an dem er Dienst
hatte, mit ihnen persönlich ab.
Das schmeichelte dem Genfer, der bisher bei seinen Kameraden und
Lehrern so ziemlich für »unten durch« galt, und so gewährte er dem
neuen Lehrer, wie er sich prahlerisch einmal ausdrückte, »vorläufig
Schonzeit«. Bald hatte auch Bruder Krumbholtz ermittelt, daß Palmier
recht gut zeichnen konnte, und zwar durch eine nicht üble Karikatur auf
sich selbst, wie er als Mister Kobolz durch einen Fußtritt von Hopkins
zur zweiten Stube herausflog.
Kaspar sagte mit ruhiger Würde, wenn die Karikatur nicht ihn selbst,
sondern etwa einen seiner Kollegen betroffen hätte, so hätte er Palmier
strafen müssen; so könne er nur gestehen, daß sie ihm Spaß mache, so
daß er sie sich zum Andenken aufheben würde. Nur müsse er bemerken, daß
der Fuß von Hopkins völlig verzeichnet sei.
»Wieso?« fragte Palmier völlig verblüfft.
Bruder Krumbholtz skizzierte ihm sofort die richtige Haltung des Beins
und demonstrierte ihm an sich als Modell die beabsichtigte Haltung.
Palmier gab es schließlich zu und zeichnete einstweilen allerhand
andere Dinge, dann aber wieder eine Karikatur, diesmal von Bruder
Abraham, wie er bei Punkt sieben durch das Rohrgeflecht brach.
Kaspar Krumbholtz fand die neue Arbeit sehr viel besser als die
erste, steckte sie sich auch lächelnd ein, und verhängte zugleich mit
Seelenruhe die erste Platzstrafe über den Zeichner.
Alles lachte, und Palmier fühlte sich durchaus nicht so als Herr der
Situation, wie er es wohl erhofft hatte.
Nach ungewöhnlich kurzer Zeit hob Bruder Krumbholtz die Strafe auf und
fragte den Sträfling ruhig: Was er eigentlich daran für ein Vergnügen
fände, Bestrafungen zu erzwingen.
Kaltblütig antwortete Palmier: »Ich wollte nur sehen, ob Sie Wort
halten.«
»Das glaube ich dir nicht,« meinte Krumbholtz ebenso kühl, »sondern du
wolltest mich aus Laune mal wieder ärgern. Es ist dir nicht gelungen,
bist du nun befriedigt?«
»Es wird mir schon noch gelingen,« versetzte Palmier tückisch.
»Schwerlich,« gab Krumbholtz ruhig zurück, »denn sieh mal, wenn du
deine Streiche fortsetzt, dann strafe ich dich überhaupt nicht mehr,
lasse dich links liegen, bis du reif bist, um aus der Anstalt entfernt
zu werden.«
»Darauf werde ich es aber nicht ankommen lassen.«
»Schön, freut mich, Palmier. Wozu dann die viele Mühe? Willst du
deines Witzes Kräfte mit mir messen, bitte, so bin ich gern bereit,
und du weißt, daß ich Spaß verstehe. Willst du indes nur dein Mütchen
an mir kühlen, um vor den Kameraden wenigstens den letzten traurigen
Ruhm zu ernten, ein Hauptkerl in Bosheiten zu sein -- nun dann hast du
eben in mir auch den letzten Menschen im Hause verloren, der dir ganz
unbefangen ein starkes Interesse entgegenbringt.«
»Warum tun Sie das? Doch nur aus Ehrgeiz, um mich zu bändigen.«
»Durchaus nicht, sondern teils aus psychologischen, teils aus rein
menschlichen Gründen. Ich weiß, Palmier, daß du nur aus einer gewissen
Verzweiflung, aus einem ängstlichen Vereinsamungsgefühl heraus dein
Dasein mit dergleichen leeren, bisweilen schlechten Vergnügungen
erfüllst, um irgendwie Aufsehen zu erregen.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ich kann es nicht mathematisch beweisen, aber ich lese es aus den
letzten Beweggründen der meisten deiner sogenannten Streiche, lese es
aus deinem ganzen fahrigen, unsteten Wesen, deinem unsicheren Blick und
allerlei anderen Anzeichen, die ich dir nicht unnötig verraten möchte,
da ich dich weiter aufmerksam zu beobachten gedenke.«
»Das wünsche ich nicht,« fuhr nun Palmier unruhig auf, »lassen Sie mich
in Ruhe.«
»Gern, mein Lieber, also schließen wir gegenseitig Frieden, und suchen
wir gute Kameraden zu werden. Ich glaube, wir könnten uns mit der Zeit
doch noch einiges austragen.«
»Was soll ich Ihnen austragen? Sie verabscheuen mich ebenso im geheimen
wie alle die anderen.«
»Das bildest du dir eben ein, Palmier. Ich halte dich allerdings hier
auf der zweiten Stube nicht gerade für ein bequemes Element; immerhin
-- ich halte dich zugleich für einen klugen, scharf beobachtenden und
künstlerisch begabten Burschen, der mir an anderer Stelle freilich
lieber wäre, das sage ich ganz offen. Aber, mein Lieber, wenn du
Lehrer wärst, würdest du dich wahrscheinlich auch nicht nur für die
sogenannten Goldjungen interessieren, sondern vielleicht ebenfalls
finden, daß die sogenannten Lausbuben meist sehr viel interessanter
sind; man muß sie nur nicht tragisch nehmen. Also, +mon cher+ --
wollen wir uns vertragen? Zunächst mal auf vierzehn Tage zur Probe!
Ists dir dann zu langweilig, kannst du mir den Waffenstillstand ja
kündigen.«
Palmier ergriff die dargebotene Hand, und nach und nach bildete sich
aus der bisherigen Gegnerschaft wirklich eine Art von Freundschaft
heraus.
Sie war nicht ohne gelegentliche Störungen und mutete oft seltsam
grotesk an -- zum Beispiel in den scharfgeschliffenen Disputen -- aber
sie hielt nicht nur für Tramberg, sondern schließlich fürs Leben.
Kaspar Krumbholtz wurde mit der Zeit das für Palmier, was dessen Vater
ihm -- wohl aus Bequemlichkeit -- nicht hatte sein wollen.
* * * * *
Auch dem anderen schwarzen Schaf, Burton, suchte der neue Lehrer der
zweiten Stube beizukommen; aber bei dem Engländer galt es völlig anders
vorzugehen.
Burton war weder eine Intelligenz, noch eine im Grunde überfeine und
nur durch falsche Behandlung arg verhärtete Natur wie der Genfer
Bankierssohn; nein, er war ein derber Großstadtlümmel mit einem
ungeschlachten Witz und großer Frechheit.
Sein Erstes war es, danach zu trachten, mit einigen Helfern »Mr.
Kobolz« beim Fußball über den Haufen zu rennen, aber das glückte
nicht. Im Gegenteil, Kaspar Krumbholtz, der sich ebenso rasch die zwei
getreuen Schweden zu Hilfe gerufen hatte, brachte Burton und seine
Spießgesellen zu Fall; ja, Burton bekam von Olafsen einen Tritt ans
Schienbein, an den er lange mit wenig Vergnügen dachte.
Nun schwor er Rache und tat alles, um womöglich die ganze englische
Kolonie gegen »Mr. Kobolz« aufzuhetzen. Er streute aus, Kobolz hasse
die Engländer noch mehr als Herr Muffke; er freunde sich mit Franzosen
und Genfern, sogar mit dem verrufenen Palmier an; ja, er bilde sich
eine geheime Schutztruppe aus den Schweden, mit denen der sportfrohe
Kaspar allerdings gern Schneeschuh lief.
Zunächst fiel Burton mit seinen Verleumdungen bei den vornehmeren
Engländern ab, indessen -- +semper aliquid haeret+!
Man beobachtete »Mr. Kobolz« nun daraufhin, und man fand, daß er sich
allerdings mit Lagrange, Olafsen, Astrupp und leider auch Palmier
besonders viel abgebe. Dazu kam ein viel schlimmeres Vergehen gegen die
britische Hegemonie und das heilige Nationalgefühl der Söhne Albions.
Im Geschichtsunterricht der obersten Klasse hatte Bruder Krumbholtz
die Freiheitskriege zu behandeln und schließlich auch die Schlacht bei
Belle Alliance. Schon daß er sie nicht nach Waterloo benannte, war
reichlich verdächtig. Als er dann noch von Wellingtons Fehlern, von
seinem Entschluß und Befehl zum Rückzug sprach und schließlich gar
nachwies, daß nur ein verschwindend kleiner Teil richtiger Engländer in
der Schlacht mitgefochten habe, und daß jedenfalls die Palme des Sieges
nicht in erster Linie Wellingtons bekannter Hartnäckigkeit, sondern
Gneisenaus Feldherrntalent und Blüchers Energie und Charaktergröße
gebühre, da beschloß das englische Sonntagnachmittags-Meeting
einstimmig, »Mr. Kobolz« zu schneiden.
Nun begann Burtons Weizen zu blühen. Er inszenierte sofort einen rohen
Streich, band während des Abendsegens heimlich die Schlafrockschnüre
von Palmier und Olafsen zusammen, so daß beim Gutenachtsagen der
vom forteilenden Palmier plötzlich nach hinten gerissene Schwede
hinstürzte.
Bruder Krumbholtz rief die ganze Gesellschaft zusammen und sagte:
Er wolle keine große Untersuchung anstellen, er wolle nur darauf
aufmerksam machen, daß es taktlos sei, gerade eine religiöse Andacht zu
dummen Gassenbubenstreichen zu benutzen.
Burton ärgerte sich; er hatte natürlich auf ein ausführliches
Gesamtverhör gerechnet und sich schon auf ein handfestes Ausreden mit
der beliebten jesuitischen Wortklauberei, einem Sport vieler englischer
Knaben, gefreut.
Am übernächsten Abend ward der plumpe Streich an zwei anderen
unschuldigen Opfern wiederholt.
Diesmal fragte Bruder Krumbholtz nach dem Täter, freilich vergeblich.
Kurzerhand erklärte er nun den Betreffenden für einen Feigling, der
ihn eigentlich nichts anginge, da er es mit vielleicht übermütigen,
aber nur ehrenhaften und mutigen Jungen zu tun haben wolle. Im übrigen
habe er sehr begründeten Verdacht, daß der Täter einer Nation angehöre,
die sonst gerade ungemein empfindlich sei, wenn man ihren religiösen
Bräuchen, zum Beispiel in der Sonntagheiligung, irgendwie zu nahe
trete.
»Ich bitte mir,« schloß Bruder Krumbholtz, »dieselbe Rücksicht aus für
unsere religiösen Gewohnheiten und mache kein Hehl daraus, daß ich
bei einer abermaligen Störung des Abendsegens dem taktlosen Burschen,
wenn ich ihn ermittle, das geben werde, was ihm gebührt, nämlich eine
Ohrfeige.«
Nun war allerdings der Stolz Old Englands tief verletzt. Eine Ohrfeige
auf den oberen Stuben auch nur anzudrohen, war etwas Unerhörtes, und
vollends für einen Englishman! Empörend!
Ein Stubenmeeting tagte sofort heimlich und beschloß folgendes:
Hopkins, der Senior, also ein nahezu Unverletzlicher, solle beim
nächsten Abendsegen des Mr. Kobolz brummen oder grunzen. Dann wolle man
doch sehen, ob er zuschlagen würde.
Hopkins weigerte sich lange, fügte sich aber schließlich aus
Nationalgefühl und spielte auch wirklich die ihm aufgedrungene Rolle am
übernächsten Abend.
Bruder Krumbholtz rief ihn vor und sagte sehr ernst: »Hopkins, du
bist sonst ein anständiger Kerl, du hast dich wahrscheinlich nur als
Opfer mißbrauchen lassen. Ich werde dich weder strafen noch züchtigen.
Aber ich fordere nochmals den feigen Gesellen, der dahinter steckt,
auf, sich zu melden. Ich bin sogar bereit, dem mutlosen Burschen die
angedrohte Strafe zu schenken, er kann sich, nur mit meiner Verachtung
beladen, davonschleichen.«
Keiner meldete sich, und ohne den Knaben Gute Nacht zu sagen, schickte
Bruder Krumbholtz seine Zweiten zu Bett.
Er war selber verstimmt und auch erregt, denn er merkte gar wohl: es
handle sich nunmehr um die Behauptung seiner Autorität.
Wieder tagte das Stubenmeeting, und Burton meinte stolz: Nun sähe man
doch klar und deutlich, daß der »Prahlhans Kobolz« Angst habe. Jetzt
könne man ihn endlich schmählich blamieren und vielleicht ganz los
werden, den unbequemen Tugendbeutel.
Hopkins war anderer Meinung und riet dringend von weiteren Schritten
ab, er mache jedenfalls nicht mehr mit. Man wurde diesmal nicht einig
und brachte, da gerade Samstag war, die ganze Angelegenheit vor das
große Sonntagnachmittagmeeting der gesamten englischen Kolonie.
Auch hier war man geteilter Meinung. Die Häupter der Ersten fanden es
höchst unpassend von Burton, den Abendsegen für seine Streiche gewählt
zu haben; anderseits konnte man die angedrohte Ohrfeige auch nicht auf
sich sitzen lassen; endlich mußte Rache für Waterloo genommen werden.
Und so ward Burton beauftragt, selber die Sache siegreich auszutragen.
Er würde vielleicht ausgeschlossen werden auf Nr. 13 -- mehr könne ihm
nicht passieren. Zuschlagen werde Mr. Kobolz doch nicht.
Burton fügte sich knirschend, so ganz gemütlich war ihm der Handel
nicht. Dieser Kobolz war ein merkwürdiger Kerl, und ganz zu verachten
waren seine Kräfte auch nicht. Auf der Stube war wohl keiner ihm
gewachsen, höchstens Hurlington, ein riesiger, etwas plumper Waliser
mit wahren Bärentatzen, der beste Gawlkeeper der Anstalt. Wegen seiner
Dummheit konnte er nicht auf die erste Stube kommen, denn er saß noch
in der untersten Klasse und erfreute sich keiner großen Achtung, galt
aber für einen guten Kerl.
An ihn machte sich nun Burton heran und brachte ihn schließlich dazu,
beim übernächsten Abendsegen den Kampf zu wagen. Schlüge Kobolz -- so
orientierte Burton seinen Ersatzmann -- so solle er nur ruhig wieder
schlagen, denn mit Kobolz würde er, der baumstarke Hurlington, schon
fertig.
Der Waliser fühlte sich sehr geschmeichelt und brummte richtig während
des Abendsegens wie ein Bär.
Ruhig las Kaspar Krumbholtz seinen kurzen Psalm zu Ende, und schon
triumphierten Burton und seine Kumpane. Dann aber trat Kaspar im Nu vor
den überraschten Hurlington und schlug ihn zu Boden. Unbeholfen, nicht
unähnlich dem Tier, das er nachgeahmt hatte, erhob sich der Waliser vom
Boden und hielt die Fäuste geballt, wie zum Boxkampf entschlossen, vor
sich. Scharf und ebenso entschlossen sah ihm Kaspar Krumbholtz in die
Augen.
Zwei Sekunden standen sich beide unter atemraubender Spannung
gegenüber, dann neigte sich der Sohn der Waliser Berge achtungsvoll vor
seinem Erzieher und sagte kurz: »Oh, Mister Kromboltz, Sie haben Mut,
+I beg your pardon+.«
Dann schlich die zweite Stube die Treppe hinauf zum Schlafsaal und
legte sich mäuschenstill schlafen, während Kaspar Krumbholtz zu Bruder
Lohmann ging und ihm von der notwendig gewordenen Ohrfeige Meldung
erstattete, wie es die Hausordnung vorschrieb.
L³ lächelte, gratulierte dem mutigen Kollegen und sagte: »Bravo, diese
Ausnahme lasse ich gelten, ich denke, jetzt sind Sie dicke durch auf
2. Wie ich die Engländer kenne, ist die Sache nun erledigt. Ich will
daher den lieben Chef nicht erst unnötig durch Weitergabe der Meldung
aufregen. Er versteht dergleichen nicht richtig.«
Für die Engländer war die Sache freilich noch nicht ganz erledigt.
Auf dem nächsten Sonntagmeeting wurde Burton öffentlich für einen
Feigling erklärt und ließ sich daraufhin baldigst von seinem Vormund
abmelden.
Kaspar Krumbholtz hatte von nun an keine größeren Schwierigkeiten mehr
auf seiner 2. Stube -- dank der pädagogischen Ohrfeige.
Neuntes Kapitel
Abschiedsbriefe
Über Jahr und Tag war Kaspar Krumbholtz nun schon in der Tramberger
Anstalt, aber noch immer war er sich darüber nicht klar, ob er Lehrer
im Dienste der Brüder-Unität bleiben wolle oder nicht.
Erzieher war er nachgerade mit ehrlicher Begeisterung, aber als Lehrer
fühlte er sich nicht so ganz am richtigen Platze.
Die Tramberger Anstalt war in erster Linie Ausländer- und
Privatinstitut und nahm als solches in bezug auf staatliche Anerkennung
wie auf Lehrplan eine Ausnahmestellung ein. Erziehen konnte man dort
vorzüglich lernen, denn das Erziehungsmaterial war interessant und oft
schwierig. Aber ein angehender Berufslehrer, der an die Sicherstellung
seiner Zukunft zu denken hatte, kam in Tramberg nicht ganz auf seine
Kosten.
Das empfand Kaspar nach und nach immer deutlicher. Mit der Theologie
hatte er abgeschlossen, mit seiner unfertigen Vorbildung konnte
er wohl im schwäbischen Tramberg, nicht aber an den brüderischen
Hauptschulen, die unter preußischer Staatskontrolle standen, Dienste
tun.
Er sprach die Angelegenheit mit dem einsichtigen Bruder Lohmann
gründlich durch und schrieb dann auf dessen Rat an die Unitätbehörde.
Bruder Bauding schrieb umgehend zurück: die Sache wolle ausführlich
erörtert sein; augenblicklich nähme jedoch die Vorbereitung der Synode
seine Zeit völlig in Anspruch, auch stünden die großen Ferien vor der
Tür. Vielleicht ließe es sich ermöglichen, daß Kaspar dann persönlich
nach Herrnhut käme. Bis dahin solle er sich ernstlich prüfen, ob er
dauernd der Gemeine dienen wolle oder nicht; er wisse ja nunmehr, was
zu diesem Entschluß nötig sei.
Kaspar schüttelte ärgerlich den Kopf, denn das wußte er eben nicht, und
in wenigen Wochen würde er das ebensowenig wissen.
Er zeigte den Brief L³, und dieser meinte lächelnd: »Keine Angst,
lieber Kollege; Bauding ist kein Balzar, aber vor der Synode sind die
Herren da oben etwas vorsichtig. Die Lehr- und Bekenntnisfrage steht
wieder mal auf der Tagesordnung, und gegen uns jüngere Theologen ist
man nachgerade ziemlich aufgebracht in den Laienkreisen.«
»Ach was -- Theologie hin, Theologie her,« entgegnete Kaspar rasch,
»für mich ist das Entscheidende: Wollen die Unitäter mich glauben
lassen, was ich glauben ~muß~, oder verlangen sie von mir, daß
ich glauben soll, was sie glauben. Dann sind wir sofort geschiedene
Leute. Ich stehe freilich schon jetzt nicht mehr auf dem Standpunkt,
auf dem ich vor etwa zwei Jahren in Gotteshaag stand, und bin mir einer
leisen Fortentwickelung froh bewußt. Ich bin ruhiger geworden durch
befriedigende Arbeit und eine fast unmerkliche Spur von Gottes geheimem
Walten in meinem Leben. Ich will auch gern weiter warten und lauschen,
was er mich hier und da hören läßt. Aber den Vätern etwa vorlügen,
ich hätte ein gemeinmäßiges, persönliches Christentum pietistischer
Observanz -- dazu bin ich nicht der Mann, weder heute, noch in vierzehn
Tagen, noch in zehn Jahren.«
»Nur nicht so hitzig, junger Freund,« begütigte der Mitdirektor,
»wie ich die Leute kenne, wird dich keiner +verbotenus+ auf die
Augustana festlegen oder dergleichen Exerzitien üben. Aber für viel
schwieriger halte ich, die andere Frage zu beantworten betreffs deiner
Verwendbarkeit. Du müßtest entweder nach Gotteshaag zurück --«
»Niemals --«
»Oder sie müssen dir ein neues Stipendium bewilligen.«
»Danke, das will ich auch nicht mehr -- nur keine Fesseln mehr!«
»Dann mußt du eben den Mittelschullehrer bauen wie ich -- Gott seis
geklagt -- den Rektor.«
Kaspar lachte, denn der umfängliche L³ stöhnte bei diesen Worten
schwer auf.
Darauf fragte er, um von dem Bruder Lohmann vielleicht peinlichen
Gesprächsthema abzulenken: »Und wie wirds mit dem Dienen?«
»Zeit wirds!« antwortete L³ prompt, »das würde ich auf alle
Fälle schleunigst erledigen. Und dazu würde ich die übliche
Unterstützungssumme unbedenklich annehmen, vollends als Missionskind
und Waise.«
»Meinst du?« erwiderte Kaspar nachdenklich, »wenn es sich irgendwie
vermeiden läßt, vermeide ich weiter, abhängig zu werden.«
»Wird sich wohl nicht anders machen lassen, Lieber,« erklärte der
Mitdirektor ruhig, »na -- und wenn alle Stricke reißen --«
»Melde dich auf die Mission, wolltest du wohl sagen,« unterbrach ihn
Kaspar. »Nee, mein Lieber, auf diese +ultima ratio+ so vieler
ratloser Gemeinexistenzen verzichte ich. Ich will mir meinen Weg
schon bahnen, so oder so! Königseinjähriger oder zwei Jahre dienen,
meinetwegen -- ich halts aus. Dann vielleicht als Lehrer ins Ausland
und nachher mit eigenen Mitteln ein neues Studium beginnen! So sehe
ich den Weg, wenn ich der Unität nicht positiv genug bin. Und damit
+addio, caro mio+!«
Rasch ging Kaspar davon, und bewundernd, fast neidisch sah der gute L³
dem jungen Kollegen nach.
»Ja, ja --« brummte er lächelnd, »der hätte seinen Rektor wohl
schneller gebaut als ich alter Esel, +docendo discimus+.«
Tags darauf fuhr Kaspar Krumbholtz nach Stuttgart zur Untersuchung
durch einen Stabsarzt. Er wurde ohne weiteres für tauglich zum
Militärdienst befunden und teilte seine feste Absicht, demnächst die
Anstalt zu verlassen, dem davon wenig erbauten »Chef« mit.
Lehrerwechsel ist keinem Schuldirektor angenehm, dem Chef der
Tramberger Anstalt kostete jedoch ein solcher Vorgang stets viele
schlaflose Nächte; denn nur wenige Lehrer paßten in die komplizierten
Verhältnisse seines Instituts.
* * * * *
Zufälle spielen oft eine seltsame Rolle im Leben.
Kaum hatte Kaspar Krumbholtz seinem alten Jugendfreunde Hans Sebalt
mitgeteilt, er würde wahrscheinlich in Leipzig sein Jahr abdienen,
als der Postbote ihm einen Brief aus Magdeburg brachte, in dem ihm
Irmgard von Zweydorff mitteilte, sie habe es in Bremen nicht aushalten
können, habe auch in Hannover und Magdeburg nur vorübergehend Stellung
finden können und wolle es nun in Leipzig versuchen. Sie habe immer
darauf gewartet, ihrem Retter etwas Gutes melden zu können, aber bei
aller Energie war das bisher nicht erreichbar. Auch die geliehene Summe
zurückzuzahlen wäre ihr noch nicht möglich gewesen.
Anfangs wußte Kaspar gar nicht, wer diese Dame war. Endlich fiel ihm
das arme, schöne Londoner Magdalenchen ein -- ihren Namen hatte er
damals nicht ganz verstanden. Adlig war sie also auch noch, die Ärmste;
da drückt des Lebens Not doppelt schwer, wenn man von Privilegierten
abstammt und den Gedanken an verschwundene Herrlichkeit nicht zu bannen
vermag.
Kaspar hätte Irmgard von Zweydorff gern einige gute Worte geschrieben
und gemeldet: das mit dem Gelde -- das wäre ja erledigt; aber eine
Adresse war nicht angegeben. Wer weiß, vielleicht besser so!
Kaspar würde sicherlich sobald nicht in der Lage sein, ihr weiterhelfen
zu können, und dann -- ja dann -- sein Herz war einmal bei Ursemi,
ob mit Recht oder Unrecht war gleichgültig; ändern ließ sich an der
unumstößlichen Tatsache darum nicht das geringste.
An Reda dachte Kaspar fast täglich ein paarmal; namentlich in den
letzten Tagen, in denen es nach einem Briefe Frau Winklers mit ihrem
Gatten gar nicht gut ging.
Mehrfach bat Kaspar um weitere Nachricht über den lieben Kranken, aber
vergebens.
Da mußte es doch wohl besser gehen, sonst hätte man seinen Sorgen gewiß
Rechnung getragen, wenigstens Ursemi hätte es getan.
Unterdessen ging das kurze Sommerhalbjahr zu Ende, die Ferien kamen.
Diesmal sollte eigentlich auch Kaspar die große Reise mitmachen, aber
er bat zurücktreten zu dürfen, da er nach Herrnhut wolle, teils um
sich auf der Synode noch einmal selbst über den jetzigen Geist der
Brüdergemeine zu orientieren, teils um Rücksprache mit der Unität zu
nehmen.
Da kam plötzlich ein Telegramm: Vater Schlaganfall, bitte komme sofort.
Ursula Maria.
* * * * *
Mit schwerem Herzen ordnete Kaspar rasch seine wenigen Sachen,
telegraphierte zurück und reiste noch am selben Nachmittage ab.
Die Verbindung nach Schlesien war umständlich. Erst am übernächsten
Abend kam Kaspar in Reda an.
Am Bahnhof stand Philipp, der Kutscher, mit wankenden Knien. Unter
krampfartigem Schluchzen brachte er mühsam heraus: »Unsa gutta Harr is
ok nimmär!« Dann fuhr er schweigend und langsam den leise weinenden
Kaspar zur Winklerschen Villa.
Berthold empfing den »Herrn Kandidaten« mit Fassung und teilte ihm
auf seinem Zimmer das Schreckliche in guter Haltung und genauen
Einzelheiten mit. Abends zuvor hatte ein neuer Schlaganfall das Ende
plötzlich herbeigeführt, die Damen wären dabei gewesen und seien sehr
mitgenommen, aber sie würden den Herrn Kandidaten noch heute abend
empfangen.
Kaum war Berthold zur Tür hinaus, da stürzte Ursemi herein, umarmte
fassungslos ihren Jugendfreund und weinte still an seiner Schulter, und
Kaspar ließ ebenfalls seinen Tränen freien Lauf.
Trösten konnte er so wenig wie ein anderer Mensch, nur mitfühlen -- das
ist alles, was einer vom anderen erhoffen darf.
Und so weinten die beiden Freunde sich ruhig miteinander aus; dann ward
ihnen leichter, und nach und nach fanden sie auch Worte, stammelnd --
abgerissen, aber voll unendlichen Schmerzes und reiner Liebe.
Zusammen gingen sie nachher zu Ursemis Mutter, die weit gefaßter war
als die Tochter und in allerlei Sorgen für das Begräbnis, für die zu
erwartenden Leidtragenden, für die Fabrik undsoweiter sichtlich eine
Art von Trost oder wenigstens von Schmerzablenkung gefunden hatte.
Noch für den selben Abend ward der beste Freund des Dahingeschiedenen,
der Geheimrat Volpelius, der auch Testamentvollstrecker war, erwartet.
Kaspar erbot sich, ihn abzuholen. Ursemi wollte es sich jedoch nicht
nehmen lassen, ihren nunmehrigen Hauptberater selbst am Bahnhof zu
empfangen, und so fuhren die beiden hinaus.