»Alles, was du willst,« sagte Sebalt nun gemütlich, »aber an dir

scheint die junge Dame -- ist dirs so recht?«

»Jawohl -- junge Dame -- sage lieber entzückende, reizende Dame --«

»Na, Niemeyerchen, du scheinst ja ordentlich Feuer gefangen zu haben.«

»Habe ich auch -- genau so wie du, mein Sohn Sebalt! Nur -- daß ich dir

einstweilen einige Nasenlängen zuvor gekommen bin. Trage es mit Würde,

mein Sohn!«

»Werde mich bemühen. Übrigens ihren Namen kannst du mir wohl verraten.«

»Könnte ich, da hast du recht. Werde aber den Deubel tun. Damit du

morgen im Adreßbuch nachsuchst, hinstürzt und mir wieder den Rang

abläufst. Nee, min Jung, so helle bin ich auch.«

Jetzt konnte Sebalt seinen Ingrimm doch nicht mehr verhehlen und brach

offen los: »Na, weißt du, sehr anständig finde ich das nicht. Du weißt,

ich interessiere mich für die Dame und -- eins, zwei, drei -- schnappst

du sie mir vor der Nase weg.«

Niemeyer lachte gemütlich und erwiderte: »Sebalt, mein Sohn, höre die

Weisheit des Brahmanen Niemeyer: Erstens, in Geld- und Weibersachen

hört unter den besten Freunden jeder Anstand auf. Zweitens, wenn du

dich für die nette Schwarze da wirklich interessierst, dann hast du das

so famos angedreht, daß mir zwar das Herz im Leibe lacht, aber deine

Dummheit eigentlich jeder Beschreibung spottet. Drittens frage die

Pythia, was ich dafür kann, daß dies entzückende Persönchen mich lieber

mag als dich? Und viertens bist du ein braver Sohn der Herrnhuterei und

weißt mit hübschen Mädchen, wie ich aus Erfahrung weiß, doch nichts

anzufangen. Darum danke deinem Schöpfer, Sebalde Nothanker, daß du

durch mich davor bewahrt bleibst, an diesem höchst gefährlichen Felsen

zu scheitern. Prosit!«

Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel und trank seinem Partner

zu, tatsächlich war ihm übel zumute.

Er brannte innerlich vor wilder Eifersucht gegen den humorigen Spötter

und war zugleich gewaltig ergrimmt über seine Dummheit.

Hatte er das schöne Mädchen nicht heute abend doppelt verloren?

Weinen hätte er mögen über dieses Mißgeschick, denn seit dieser Stunde

wußte er ganz genau, daß er die stolze Brünette liebte, liebte mit

aller Leidenschaft seiner erregten Sinne -- liebte bis zur Raserei!

Sollte er Niemeyer, der im Grunde ein guter Kerl war, nicht alles

ehrlich enthüllen? Sollte er nicht lieber klein beigeben und den Freund

bitten, nur diesmal zurückzustehen?

Nein -- betteln wollte er nicht -- dazu war er denn doch zu stolz.

Erobern wollte er sich das stolze Weib schon noch -- es koste, was es

wolle.

Wenn sie nur wieder herein käme! Dann war doch die Aussicht vorhanden,

daß er sie wenigstens durch Niemeyer noch kennen lernte.

Vielleicht grollte sie ihm nur, weil er sich nicht vorgestellt hatte --

vielleicht war sie zu besänftigen, vielleicht hatte sie es wirklich

nur darauf angelegt, ihm einen kleinen Denkzettel zu geben für seine

frühere Neugier -- vielleicht, vielleicht -- wenn sie nur käme!

Aber sie kam nicht wieder, und die köstliche Spur war wieder verloren,

anscheinend für immer.

Auch Niemeyer fand sie nicht im Adreßbuch. Wahrscheinlich hatte er den

Namen gar nicht richtig verstanden.

Der weise Brahmane wußte sich jedoch rasch zu trösten.

Achtes Kapitel

Die pädagogische Ohrfeige

Mit dem neuen Schuljahr, das nach den großen Ferien begann, hatten in

der Tramberger Anstalt allerlei Veränderungen stattgefunden.

Der behäbige und ein wenig schwerfällige »Papa Schnäbele« hatte in

den Ferien plötzlich den Mut gefunden, sich mit einer »arg luschtigen

Wüschtebergerin« zu verloben und machte nun ebenso plötzlich ernst mit

seinem alten Plan, auf die Mission zu gehen.

Die Kollegen und der »Chef« verloren den immer behaglichen und doch

zuverlässigen, überdies stets gefälligen Schwaben sehr ungern; nur Herr

Schlegelmeyer atmete erleichtert auf.

Besonders trauerte der Doppelkollege um seinen großmütigen

Zigarrenlieferanten, zu dem ihn ein gleichgeartetes Temperament

gezogen hatte, das wohl nicht ganz unabhängig war von der ähnlichen

Körperveranlagung.

Am meisten vermißte Kaspar den wackeren Schwaben; denn nun erst merkte

er deutlich, wie viel Mühe ihm die scheinbar so mühelose Autorität

Schnäbeles auf der 4. Stube erspart hatte.

Es waren eine ganze Anzahl neuer Knaben eingetreten, die besten wie

Ronald Hooper und zwei seiner Peers, Schaffhuser und der größte Teil

seiner Baseler Sippe rückten auf die 3. Stube vor, und ein neuer

Kollege trat ein.

Bruder Abraham war ein älterer Theologe, der mit seinem breiten,

blonden Vollbart sehr väterlich anmutete, fast noch mehr als der gute

»Papa Schnäbele«, aber er war es gar nicht. Im Gegenteil, Abraham war

ein leicht aufgeregter, schwieriger und empfindlicher Herr, der schon

an zwei anderen Anstalten sich nicht recht eingepaßt hatte.

Mit Rücksicht auf seine angegriffenen Nerven hatte sich die Behörde

schließlich bereit finden lassen, ihn nach dem gesunden Tramberg

zu berufen, obwohl der »Chef« wenig Lust zeigte, den als unbequem

verrufenen Lehrer einzustellen. Am liebsten hätte er Bruder Abraham

wenigstens ohne Aufsichtdienst gelassen, aber es ging durchaus nicht

an.

Es waren schon drei Supernumerare vorhanden: der Musiklehrer Herr

Vogel, der »als echter Piepmatz immer in den Wolken schwebte,« wie

Moritz ulkte; der Doppelkollege, der trotz des besten Willens ohne jede

Autorität blieb, und endlich der älteste Lehrer, Herr Hinzelmann,

der bereits Diakonus war, Pflegergehalt bezog und trotzdem noch oft

genug mit Aufsicht aushalf, da er bei allen Knaben, besonders bei den

Engländern, sehr beliebt war.

Also kam Bruder Abraham auf die 4. Stube, aber das Unglück kam mit ihm.

Schon am ersten Nachmittag hatte der neue Herr so viel zu monieren,

daß darüber das kleine Völkchen der Vierten ganz kopfscheu wurde. Die

ruhige Art des Honorable Sir Ronald Hooper war dem neuen Stubensenior,

einem Franzosen namens Henri Buriet, versagt. Vergeblich suchte er dem

Mann mit dem großen Teutonenbart mit vielen Worten und aufgeregten

Gesten klarzumachen, daß dies und das bei Herrn Schnäbele und Bruder

Krumbholtz immer so gewesen wäre und nicht anders.

Bruder Abraham erklärte mit Stentorstimme, das sei ihm ganz

gleichgültig. Er sei ein alter Lehrer und wisse allein, was sich

gehöre, und dies und das würde eben bei ihm so gemacht, und damit

basta!

Henri Buriet fügte sich schließlich, aber ein aristokratisches Baseler

Büble und ein kleiner, englischer Tory, die das goldene Zeitalter

Hooper-Schaffhuser nicht vergessen konnten, revoltierten mit passiver

Resistenz und wurden darob von Bruder Abraham, der sofort ein Exempel

statuieren wollte, schwer bestraft. Das half scheinbar für eine Stunde,

während die heimliche Mißstimmung wuchs.

Als der neue Herr einmal kurz hinausging, um seinen Hut für den

Spaziergang zu holen, entrollten Henri Buriet und die anderen Gallier

sofort das Banner der Revolution. Zwei Platzstrafen an einem Tage auf

ihrer Stube, wo sonst im ganzen Monat kaum zwei vorkamen, das sei

unerhört! Ob man nicht zum Direktor gehen solle?

Es ward schnell beschlossen und noch schneller ausgeführt, nur war der

»Chef« gerade nicht da.

Zum Bruder Lohmann wollte man nicht gehen, der war als ein sehr

gründlicher Herr bekannt und hielt es auch stets mit den Lehrern. So

ging man also zähneknirschend mit Bruder Abraham zum Fußballspiel.

Nach der Sitte seiner vorigen Anstalt bestimmte der neue Autokrat

kurzerhand selbst die Parteien, anstatt die Knaben wählen zu lassen.

Buriet und einige andere protestierten abermals lebhaft, es half ihnen

nichts; aber sie rächten sich beim Spiel.

Sobald die findigen Bürschlein heraus hatten, daß der neue Lehrer

schlecht spiele und kurzsichtig sei, tat man auf beiden Parteien ihm

einen Schabernack nach dem anderen an, bis die tückischen Pygmäen den

blondbärtigen Riesen glücklich zu Falle brachten, und nun lachten sie

ihn noch schallend aus.

Bruder Abraham ärgerte sich auch richtig darüber und verwies seinen

Untertanen mit entrüsteten Worten das ungezogene Gelächter. Als man

ihm daraufhin so sorgfältig aus dem Wege ging, daß er dreimal mühelos

gewinnen konnte, erklärte er die ganze Stube in »Stille« und ging

erbost mit seiner schweigenden Verschwörerbande im Walde spazieren.

Natürlich hatte Abraham keine Ahnung von den vielgewundenen Forstwegen,

und, den absichtlich falschen Auskünften Buriets trauend, verlief er

sich mit seiner Schar so gründlich, daß diese heimlich triumphierte.

Infolgedessen kam man zum Vesper um eine gute halbe Stunde zu spät,

so daß das aufwartende Schwabenmädle ganz gehörig schimpfte und Herr

Schlegelmeyer, der Reihenchef, mit Vergnügen seinen ersten Anlaß nahm,

dem neuen Kollegen großgünstig den Text zu lesen.

In der folgenden Arbeitzeit ging der Kleinkrieg zwischen Bruder Abraham

und seiner Stube lustig weiter.

Obwohl von den Brüdern Lohmann wie Krumbholtz eingehend über die

Besonderheiten der 4. Stube orientiert, setzte sich Bruder Abraham

dennoch über einige Gewohnheiten weg, verbot andere, -- kurz

und gut, Buriet zieh ihn schließlich des größten Vergehens, des

Majestätsverbrechens: nämlich gegen die geheiligten Hausregeln zu

verstoßen. Nun war der Verfassungskonflikt da.

Buriet drohte mit einer offiziellen Beschwerde und wagte, auf seinem

guten Rechte fußend, jetzt sogar, Bruder Lohmann als entscheidende

Instanz in Vorschlag zu bringen. Vergebens war jedoch alles, der neue

Selbstherrscher aller Vierten ließ sich nicht aus dem autokratischen

Konzept bringen, er verbot kurzerhand alles, auch den Weg zum »Chef«

oder zum Mitdirektor.

Da zischte Buriet, giftig wie eine getretene Viper, heraus: »+caporal

prussien!+« und erhielt erstens eine Ohrfeige und zweitens ebenfalls

die entehrende Platzstrafe. Heulend vor Wut gehorchte der gemaßregelte

Senior zwar, aber er schwur Rache.

Während des Abendessens holte er von der leeren Stube eine absichtlich

vergessene Serviette und schnitt heimlich das Rohrgeflecht des

Lehrerstuhles an.

Die Katastrophe trat auch ganz nach Wunsch ein. Bruder Abraham

hielt nach dem Essen eine ausführliche Ansprache, in der er nach 14

wohlgeordneten Punkten die 4. Stube einer gründlichen Reform an Haupt

und Gliedern unterziehen wollte.

Aber bei Punkt 7 -- als er sich gerade recht gebieterisch zurücklegte

-- brach das Rohrgeflecht knisternd durch, und ein jubelndes Hallo

begrub die stolze Reformrede.

Nun kam natürlich erst eine neue furchtbare Standpauke, dann eine

völlig ergebnislose Untersuchung; denn Buriet log, daß sich die Balken

bogen, und endlich erfolgte eine große Strafarbeitzeit, in der Bruder

Abraham diktierte, grimmig umherschreitend wie ein gereizter Tiger.

Um 8 Uhr hatten die Vierten ins Bett zu gehen; aber um 9 Uhr, als

schon die Ersten auf dem Schlafsaal erschienen, schrieben sie noch

unverdrossen, wenn auch meistens Unsinn, da die kleinen zum Teil neuen

Ausländer dem schwierigen und raschen Diktat weder mit dem Verstande

noch mit der Feder folgen konnten.

Da erschien wie ein zürnender Engel des Gerichts Herr Schlegelmeyer auf

dem Plan und erklärte lakonisch mit der Uhr in der Hand: die Vierten

hätten spätestens um einhalb neun Uhr auf dem Schlafsaal zu sein laut

Hausordnung.

Bruder Abraham erwiderte überlegen: das wisse er recht gut, es lägen

jedoch gerade heute besondere Verhältnisse vor, die auch eine besondere

Bestrafung nötig gemacht hätten.

Herr Schlegelmeyer sagte gelassen: »Strafen, die gegen die Hausordnung

verstoßen, darf es bei uns nicht geben. Ich bitte Schluß zu machen.«

Ärgerlich fuhr der neue Kollege los: »Das ist wohl meine Sache!« Aber

mit unnachahmlicher Würde entgegnete ihm der Hannoveraner: »Sie irren,

Herr Kollege. Die Wahrung der Hausordnung ist meine Sache, und ich

bitte nochmals ihr nachzukommen, oder ich muß mich sofort zum Herrn

Direktor bemühen.«

Nun lenkte Bruder Abraham ein. Mit Direktoren schien er schlechte

Erfahrungen gemacht zu haben, er war sich lieber selbst genug.

Mit Haltung erklärte er also knurrend: es wäre gut, er würde jetzt

schließen.

Mit einer stummen, aber tadellosen Verneigung, die jedem

Zeremonienmeister Ehre gemacht hätte, verabschiedete sich Schlegelmeyer

und schritt steif und langsam hinaus wie die personifizierte

Hausordnung selbst.

Es wurde jedoch beinahe zehn Uhr, bis Bruder Abraham mit seiner

renitenten Bubenschar auf dem Schlafsaal erscheinen konnte.

Denn während des Riesendiktats war von dem allzu eifrigen Pädagogen

allerlei menschlichen Bedürfnissen, die namentlich bei kleinen Kindern

eine wichtige Rolle spielen, nicht Rechnung getragen worden. Und

die jungen Revolutionäre benutzten auch diese günstige Gelegenheit

ausgiebig zu einer nunmehr recht aktiven Resistenz.

* * * * *

Mit Bruder Abraham hatten in der Folgezeit nicht nur Herr

Schlegelmeyer, sondern auch sein Spezialkollege Krumbholtz, der

Mitdirektor, Bruder Lohmann, und der »Chef« ihren weidlichen Ärger.

Die Vierten, die ihren neuen Herrn seit seiner mißglückten Programmrede

nur »Punkt Sieben« nannten, setzten ihren Kleinkrieg mit einigem Erfolg

und auch mit sichtlichem Vergnügen fort, im Geheimen unterstützt von

den anderen Stuben und vor allem von der französischen und englischen

Kolonie, die sich in diesem Falle sofort fanden wie Herodes und

Pilatus.

Schließlich wurde das ganze Haus ein bißchen rebellisch, besonders

die von jeher dazu neigende zweite Stube, auf der nach Herkommen alle

jene bedenklichen Elemente hausten, die, aus triftigen Gründen, der

Vertrauensvorrechte der ersten Stube, die stets vorbildlich wirken

sollte, nicht teilhaftig werden konnten.

Der Strafstand der zweiten und vierten Stube stieg zusehends, so daß

die Angelegenheit dem Direktor wichtig genug erschien, um auf einem der

halbmonatlichen Konferenzteeabende besprochen zu werden. Ehe es aber

dazu kam, passierte ein neuer Unglücksfall.

Seit einiger Zeit bestand eine gewisse Spannung zwischen dem in Schul-

und Aufsichtsachen nicht immer ganz korrekten »Chef« und dem überaus

vorschriftmäßigen Lehrer der ersten Stube, Herrn Kratt, der sich bei

aller Ruhe doch nur wenig bieten ließ.

Zweimal hatte der Direktor, auf irgendwelche Bitten besuchender

Verwandten hin, bestraften Knaben Urlaub erteilt, ohne -- wie es

üblich war -- sich vorher mit dem betreffenden Stubenlehrer, in diesem

Falle eben Herrn Kratt, ins Einvernehmen gesetzt zu haben. Jedesmal

entschuldigte sich der »Chef« nachträglich mit großer Eile, und Bruder

Lohmann, der sich mit Kratt besonders gut verstand, brachte die Sache

wieder ins Geleise.

Kratt erklärte jedoch kurz und bündig: noch einmal würde er sich eine

solche Schädigung seiner Autorität nicht gefallen lassen.

Und in der Tat, als Bruder Nitschke abermals über den Kopf Herrn

Kratts hin einem Knaben Urlaub bewilligte, kündigte Herr Kratt wegen

Verletzung seiner Standesehre, verzichtete kühl auf seinen Gehalt und

fuhr noch am selben Abend nach Hause, zum tiefsten Leidwesen Bruder

Lohmanns und der meisten Kollegen. Einige, wie Max und Moritz, waren

sogar so aufgebracht, daß sie ebenfalls kündigen wollten, freilich

+rite+ zum nächsten Quartal.

Bruder Lohmann, der gerade auf ein ruhiges Semester für seine

Rektorarbeiten gehofft hatte, geriet in die höchste Aufregung; denn

auch die Knaben wurden aufsässig, da der schneidige und doch stets

humorige Herr Kratt ungemein beliebt war. Vorerst sprang der brave

Hinzelmann wieder ein, nachdem Max und Moritz sich energisch geweigert

hatten, Kratts Stelle einzunehmen.

Dem nächsten Konferenzteeabend, auf dem die ganzen Aufsichtverhältnisse

neu geregelt werden sollten, sahen die Lehrer infolgedessen mit größter

Spannung, die beiden Direktoren mit einigem Bangen entgegen. Da auch

die Affäre Abraham behandelt werden mußte, wurde diesem taktvoll

die Schlafsaalwache übertragen, was freilich -- wie sich später

herausstellte, Anlaß zu einem solennen Schlafsaalulk gab, den nur die

Energie der Mutter Frutsch zu dämpfen vermochte. Daraufhin schlug der

ausgelassene Moritz später vor, sie zur Ehrenkollegin zu ernennen.

* * * * *

Unterdessen tagte die große Sitzung der Kollegenschaft im Zimmer

des »Chefs«, der an diesem Abend eine besonders gute Torte und

ganz ausgezeichnete Zigarren hingestellt hatte, was das grollende

Dioskurenpaar Max und Moritz von vornherein einigermaßen besänftigte.

Auch eine kluge, vornehme Rede des Direktors, der ruhig und offen

seine Ungeschicklichkeit im Falle Kratt zugab und sie sehr überzeugend

bedauerte, wirkte versöhnend.

Dann sprach L³ und beseitigte mit seiner milden, menschlichen

Auffassung der ganzen Vorkommnisse auch den letzten Groll, und so

konnte ruhig an die Beratung der Neubesetzung der Stuben herangetreten

werden.

Herr Schlegelmeyer beklagte sich zunächst bitter über den widerhaarigen

Bruder Abraham und bat, ihn womöglich aus seiner Reihe zu entfernen.

Bruder Lohmann meinte, es wäre jedenfalls angebracht, den neuen

Kollegen Abraham von der vierten Stube, wo er sich nahezu unmöglich

gemacht habe, fortzunehmen, und ihn am besten auf die dritte Stube,

die zurzeit leichteste und ruhigste, zu versetzen, etwa im Tausch mit

Bruder Behring. Dort wären ja die alten Triarier Schnäbeles mit Ronald

Hooper an der Spitze; die seien ungefährlich, wenn man ihnen nicht zu

viel dreinrede, und das werde er dem Kollegen nun mit aller Energie

nahelegen.

Als bei dem Worte »Energie« die bösen Buben anzüglich lächelten, da

sie dem gutmütigen L³ darin nicht allzuviel zutrauten, erklärte der

»Chef« plötzlich mit verblüffender Schärfe: »Nun, meine Herren, zur

Not bin ich auch noch da. Ich werde den schweren Schaden, den Bruder

Abraham auch hier anrichtet, sofort an die Behörde melden, wenn er

nicht einlenkt.«

Der boshafte Moritz schmunzelte abermals heimlich und dachte bei sich:

Ob der Direx den Fall Kratt wohl auch meldet?

Mitten aus diesen respektlosen Erwägungen riß Herrn Knortz jedoch

die äußerst verbindliche Anfrage des »Chefs«: ob er nicht die

gewiß verantwortungsreiche, aber auch ehrenvolle Stelle des ersten

Stubenlehrers einnehmen wolle, mit der überdies eine kleine

Gehaltzulage verbunden sein sollte.

Der böse Moritz, der jedoch ein sehr guter Rechner war, konnte nun

nicht nein sagen. Und damit war eine weitere Schwierigkeit beseitigt.

Alsbald kam die heikelste Frage zur Verhandlung, nämlich die der

Neubesetzung von 2 und 4, den beiden kritischen Stubengesellschaften.

Auf Nummer zwei ging von jeher kein Lehrer gern. Ehre war da nicht

zu holen. Auch Moritz, ein gewiß ruhiger und sicherlich energischer

Lehrer, hatte seine Mühe gehabt, zumal der Kollege Teuchert es an

konsequenter Unterstützung oft fehlen ließ. Der letztere schien selbst

das Gefühl zu haben, der Situation nicht ganz gewachsen zu sein,

vollends jetzt nach Abgang des von den Zweiten immerhin gefürchteten

Herrn Knortz, und so regte er schüchtern an, ob er nicht die 4. Stube

erhalten könne.

Ein freundliches Gelächter bedeutete ihm, daß man den Vorsichtigen

durchschaut habe, und so meinte er denn klug: er wolle schon bleiben,

wenn er nur wieder einen energischen Kollegen bekäme.

Da fragte der Chef Herrn Knortz abermals auffallend freundlich (er

schien doch wohl von dessen Kündigungsabsichten Wind bekommen zu

haben), wen er, als erster Sachverständiger, für den schwierigen Posten

seines Nachfolgers vorschlagen könne.

Mit größter Seelenruhe erwiderte Karl Knortz: seiner Meinung nach

könnten im Hause jetzt nur zwei Lehrer mit den Zweiten fertig werden,

und das wären Bruder Hinzelmann, der leider nicht mehr in Frage käme,

und Bruder Krumbholtz.

Kaspar lachte erschrocken auf, und ein leises: »Nee bitte« fuhr ihm

unwillkürlich heraus; dann fügte er lauter hinzu: »Ich wünschte sehr,

bei meinen Vierten bleiben zu dürfen. Es ist mir Ehrensache, nun nach

Bruder Abrahams Fortgang den alten soliden Status Schnäbele wieder

herzustellen. Ich denke mit Bruder Behring trefflich zu fahren.«

Dieser verneigte sich geschmeichelt, und alles lachte abermals.

Die Heiterkeit stieg noch, als weiterhin Herr Muffke wie Bruder

Behring die Übernahme der zweiten Stube mit Dank ablehnten, so daß L³

mit Humor Einspruch erhob und erklärte: »Na, so schlimm ist die Stube

doch auch nicht, daß wir sie hier ausbieten müssen wie sauer Bier!«

Der böse Moritz blies jedoch gewaltige Rauchwolken vor sich hin und

brummte grimmig: »Na, regiert will sie schon sein, die Rasselbande.«

Darauf erhob sich der »Chef« zu seiner ganzen Länge und fragte noch

einmal launig an: »Aber meine verehrten Herren, soll ich denn wie der

König im Taucher stöhnen: Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp? Lieber

Kollege Krumbholtz, Sie sind ja ein Mann, den schwere Aufgaben locken!

Sie sind -- was doch hier auch etwas, ja viel zu bedeuten hat --

zurzeit unser bester Turner und Fußballspieler! Also wollen Sie nicht

dem ehrenvollen Rufe unserer sachkundigen Stelle, des Herrn Knortz,

folgen und Nummer zwei übernehmen?«

Kaspar beugte sich ein wenig vor und sagte ruhig: »Wenn Not am Mann

ist, Herr Direktor, brauchen Sie mich nicht zu bitten. Ich gehe auf die

zweite Stube, bitte nur meinerseits für die erste Zeit um etwas längere

Zügel.«

»Hoho -- pardon,« fiel Moritz ein, »kürzere -- oder Kandare, wollen Sie

sagen.«

»Möglich -- später vielleicht -- doch, wer weiß?« erwiderte Kaspar

nachdenklich, wie ein Mann, der seinen Plan faßt, »erst will ichs

anders probieren.«

»Ich meine auch,« bestätigte L³ wohlwollend, »Bruder Krumbholtz

versucht es zuerst mal wie auf 4 mit Ruhe und Güte.«

»Ruhe und ob!« versetzte Moritz nochmals schroff, »aber Güte, nee!

Damit is bei die Jesellschaft nischt zu wollen. Lieber man feste eene

rinjepfeffert.«

Einige lachten, nur Herr Schlegelmeyer machte ein höchst indigniertes

Gesicht, ob über des neuen Stubenkollegen Sprache oder über seine

Erziehungsgrundsätze, war nicht zu ersehen.

Auch der »Chef« sagte, wesentlich kühler als vorher, zu dem allzu

temperamentvollen Mecklenburger: »Sie wissen, lieber Herr Kollege

Knortz, daß jedes Schlagen in unserem Hause strengstens zu vermeiden

ist. Erst jetzt habe ich wieder durch die Ohrfeige Bruder Abrahams die

allergrößten Unannehmlichkeiten gehabt. Um ein Haar hätte Monsieur

Buriet seinen Sohn deswegen fortgenommen. Also bitte, meine Herren,

vermeiden Sie alle doch dergleichen unpädagogische Gewaltmaßregeln.«

Mit der Übernahme der vierten Stube durch Bruder Behring und Herrn

Vogel, der plötzlich Lust und Mut zum Aufsichtdienst bekommen hatte,

endete die Konferenz zu allgemeiner Zufriedenheit.

Nur Herr Schlegelmeyer knurrte noch einige Tage, weil der »widerhaarige

Kollege Abraham« doch in seiner Reihe verblieben sei.

Der niederträchtige Moritz meinte gerade heraus: »Sein Sie doch

man lieber froh, Schlegelmeyer, daß Sie jemand zum Zwiebeln haben.

Schnäbele ist fort, und ohne ein bißchen gesunden Ärger ist Ihnen ja

doch nicht wohl.«

Schlegelmeyer schnitt daraufhin den Stubenkollegen für einige Tage, was

jedoch auf Karl Knortz nicht den geringsten Eindruck machte.

* * * * *

Mit großer Vorsicht ging Kaspar Krumbholtz daran, den allerdings

ziemlich unbotmäßigen Geist seiner neuen Stubengesellschaft zu bändigen

und zu wandeln.

Einige Knaben, so den recht tüchtigen englischen Senior Hopkins, den

verständigen Nordfranzosen Lagrange, die beiden treuherzigen Schweden

Olafsen und Astrupp, kannte er vom Geschichtsunterricht her als gute

Schüler und anständige Charaktere. An sie suchte er sich zu halten

und sich aus ihnen gleichsam die Kerntruppe für seine Heeresreform zu

bilden. Rasch gewann er sie auch, indem er ihrem Ehrgeiz neue Ziele

setzte.

Sodann studierte Kaspar Krumbholtz sehr eingehend das Strafbuch, das

allerdings beängstigend aussah, ja kaum noch vier oder fünf Knaben als

unbestraft erkennen ließ. Immerhin ergab sich, daß auf zwei Zöglinge

nahezu die Hälfte aller Strafen gekommen war.

Kaspar Krumbholtz · 第 6 / 20 段