der dir gewachsen ist.«
»So -- Schadenfreude. Übrigens -- abwarten! Mit Kaspar bin ich noch
immer famos ausgekommen.«
»Stimmt, aber fertig geworden doch wohl nicht so ganz,« meinte Herr
Winkler schmunzelnd.
»O bitte,« wandte nun Kaspar ein, »ich erkenne Ursemis völlige
Oberhoheit ohne jeden Streit an.«
»Eben darum, lieber Junge,« sagte der Fabrikherr gelassen, »sie liebt
keine Pyrrhussiege.«
»Vater, nochmals, bitte, nicht so gelehrt,« fiel nun Ursemi wieder
schmollend ein, »du weißt doch, daß ich Geschichte mit Vorliebe
geschwänzt habe -- Gott, die selige, greuliche Gouvernante. Weißt du,
Kaspar, daß die alte Schachtel -- Pardon, das liebe, lederne Geschöpf
noch geheiratet hat?«
»Nein,« antwortete Kaspar, »das ist allerdings erstaunlich.«
»Ja,« fuhr Ursemi fort, »einen Witwer mit zwei erwachsenen Kindern
-- ungefährlich, aber immerhin doch ein richtig gehender Mann. Und
unsereins kriegt keinen, beim besten Willen keinen, obwohl sich Mama
die größte Mühe gibt. Nächstens meldet mich Schwester Dente für die
Mission an, aber ich will nur nach Grönland, und da ist die Mission
gerade eingegangen.«
Kaspar lachte hellauf, während Vater Winkler ironisch meinte: »Labrador
ist ja noch im Gange, dort ist es ebenso kalt. Meinen Segen und die
nötige Ausstattung in Seehundsfellen und Lebertran bin ich anstandslos
bereit zu bewilligen.«
»So ist er nun, der Vater! Erst nennt er uns Kindsköpfe, und dann macht
er selber die faulsten Witze.«
»Ja -- mit den Wölfen muß man heulen,« erwiderte lakonisch der
Fabrikherr.
Da packte ihn seine Tochter ausgelassen um den Hals, gab ihm einen
herzhaften Kuß und rief schelmisch: »Nee, Väterchen, so bald wirst du
dein Ursekindchen nicht los, und als Ramschware lassen wir uns nicht
verkaufen.«
Glückselig wehrte Vater Winkler seinen großen Wildfang ab und sagte mit
geheuchelter Würde: »Kinder, jetzt benehmt euch! Wir kommen ins Dorf,
und unser Renommee ist so wie so nur mäßig. Jeden Tag liebkost sie
mich nämlich hier zwei- bis dreimal auf offner Straße. In Reda dagegen
spielt sie die kühle +Lady patroness+. Umgekehrt wäre es mir
eigentlich lieber.«
In der Tat schritt man nun gemessener dem Hotel zu.
Bei der Ankunft flüsterte Ursemi ihrem Freunde leise zu: »Er macht
mir Sorge, der gute Vater, er muß recht lange hierbleiben, daß er mir
wieder frisch wird.«
* * * * *
In ungetrübtem Frohsinn glitten die schönen Ferientage nur allzu rasch
dahin.
Wagenfahrten und Fußwanderungen wechselten miteinander ab; allerlei
Bekanntschaften wurden gemacht, darunter die eines näheren Landsmannes,
eines Grafen Harry Brosyn, dessen Vater dem Fabrikherrn als ein
oberschlesischer Kohlenmagnat flüchtig bekannt geworden war.
Der junge Brosyn wollte jedoch nicht nur als Sohn seines Vaters
gewertet werden, sondern erklärte vergnüglich: er habe den Ehrgeiz
als selbständige Nummer zu figurieren, denn er lebe schon längst in
Gütertrennung mit seinem alten Herrn. Zwar betrachte Brosyn senior das
einstweilen als einen der mancherlei Sparren seines +filius+, aber
mit der Zeit werde er, der +filius+, dem Herrn Papa den nötigen
Respekt vor der Firma Brosyn junior schon noch abringen.
Wie sich herausstellte, hatte der Graf Harry Brosyn trotz seiner
27 Jahre schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Erst
Kavallerieoffizier, dann Gesandtschaftattaché in Argentinien, hatte
er sich auch zweimal an wissenschaftlichen Expeditionen beteiligt und
dazwischen einige Semester in Freiberg und Berkeley Bergbau studiert.
Jetzt war er bei einer großen Minenunternehmung in Kalifornien
beteiligt und hielt sich nur vorübergehend, erst in Pontresina, nun in
Sils auf, um einen letzten Rest von Malaria wegzukurieren.
Harry war ein unterhaltsamer, witziger Gesell, ein immer fröhlicher,
guter Kamerad ohne jede Feierlichkeit und frei von Adelstolz. An der
schlichten Redaer Gesellschaft schien er jedenfalls weit mehr Gefallen
zu finden als an den feudalen Kurgästen Pontresinas, die ihm zu
seinem Ärger gelegentlich nach Sils Maria »nachstiegen«, wie er sich
burschikos auszudrücken beliebte.
Mit Ursemi stand Graf Harry ähnlich wie Kaspar auf einem keck
kameradschaftlichen Neckfuß und ließ sich von den gelegentlichen
Launen der jungen Gnädigen, wie er sie gern nannte, wenig imponieren.
Trotzdem trug er seine Zuneigung mit der Zeit immer offner zur Schau.
Mama Winkler hatte nichts gegen den Grafen einzuwenden, nur daß er so
weit weg wohnte, war ihr ungemütlich. Herr Winkler hatte sogar seine
stille Freude an der ungebrochenen Kraft und dem Lebenstrotz dieser
willensstarken Persönlichkeit, wenngleich ihm die kaufmännischen
und bergbaulichen Riesenpläne des jungen Selfmademan ein wenig
abenteuerlich vorkommen wollten. Aber er dachte bei sich: dergleichen
Burschen müssen reichliche Ellbogenfreiheit haben.
Mit Sebalt vermochte der junge Graf am wenigsten Seide zu
spinnen, obwohl ihm der Leipziger Studiosus unverkennbare Achtung
entgegenbrachte.
Dagegen schien Harry für Kaspar nach und nach eine redliche Neigung zu
empfinden; nur der Lehrerberuf imponierte ihm durchaus nicht, und immer
wieder redete er Kaspar zu: er solle seinen Bakel an die Wand hängen
und mit ihm hinüber nach Kalifornien kommen als sein Privatsekretär,
er wolle ihn schon managen. Umsatteln müsse Kaspar doch einmal, so gut
wie er selber -- er kenne die Sorte Menschen, die das nötig hätten, zu
genau. Und je eher, um so besser.
Kaspar lachte, aber gestand sich heimlich, daß der lustige Minengraf
vielleicht nicht so ganz unrecht hatte mit dem Umsatteln; nur war es
für ihn noch nicht an der Zeit. Erst mußte er wissen, woran er mit der
Brüdergemeine war.
* * * * *
Auch Herr Winkler sprach einmal mit Kaspar darüber, als dieser
ihn fragte, ob er ihm nicht den größten Teil des gesandten Geldes
zurückerstatten dürfe. Die Kosten der Reise hin und zurück würden kaum
120 Mark betragen.
Der Fabrikherr lächelte mild und sagte: »Drückt dich das Geschenk schon
wieder, stolzer Kaspar? Behalte die paar Moneten nur ruhig! Du wirst
sie schon brauchen, eher vielleicht, als du denkst. Mich anzuborgen
würdest du ja auch in der größten Not nicht über dich gewinnen, und
noch hast du einen weiten Weg vor dir, lieber Junge. Wie wirds denn mit
deinem Dienstjahr?«
»Ich weiß es noch nicht. Bleibe ich im Gemeindienst, so bekomme
ich die uns dafür ausgesetzte Unterstützung; sonst gedenke ich
Königsfreiwilliger zu werden. Zur Not diene ich zwei Jahre, ich habe
nichts zu versäumen.«
»Weißt du das so genau, Kaspar? Wer weiß, was deines Lebens Ziel
und eigentlicher Inhalt sein soll? Jetzt bist du erst bei den
Vorbereitungen, also verliere nicht unnötig Zeit. Später könnte es
dich bitter gereuen. Im übrigen freue ich mich, daß du so gern deine
Arbeit in Tramberg tust, und daß du den Straßburger und Londoner
Ausflug machen durftest. Paß auf, er wird dir mehr austragen, als du
ahnst. Du siehst mich verwundert an. Ja, Lieber, man muß alt sein, um
die volle Wirkung starker Jugendeindrücke ganz ermessen zu können.
Es wäre darum wirklich nicht das Dümmste, wenn du den Vorschlag des
jungen Grafen mal in ruhige Erwägung zögest. Nein, bitte, lache nicht!
Ich meine es ganz im Ernst und habe selbst schon mit Brosyn darüber
gesprochen. Und du weißt, du kannst jederzeit, wenn dir daran liegt,
durch mich deine Verpflichtungen der Unität gegenüber lösen. Tramberg
ist ganz gut für dich, das zeigt dein frischeres, gefestigteres Wesen,
Kaspar. Aber es kann für Menschen -- oder ich will nun richtiger sagen,
für Männer deiner Art -- nur eine Durchgangsstation sein.«
Kaspar schwieg eine Weile nach seiner Gewohnheit. Hatte er über Brosyns
Worte seinerzeit gelacht, so gaben ihm nun Herrn Winklers Anregungen um
so mehr zu denken.
Der Fabrikherr merkte es und setzte schonend hinzu: »Na -- nur ruhig
Blut, es soll weiter nichts als ein kleiner, väterlicher Wink sein,
damit du nicht Gefahr läufst, dich einzuspinnen, wie das die Herrnhuter
lieben. Ein rechter Kerl muß sich auch mal den Sturm des großen
Weltozeans um die Nase wehen lassen, sonst erfriert sie ihm schließlich
beim ersten scharfen Mailüfterl des Lebens. Nach Paris zu reisen nützt
einem Deutschen von heute nichts mehr, und London nur wenig! Die Welt
ist kleiner und enger geworden. Sieh dir diesen Harry an, der treibts
freilich gleich ein bißchen toll -- aber es schadet nichts. Wenn er
nicht von der Rahe stürzt, fährt er einmal mit eigner Jacht stolz zu
den Gruben seines Vaters zurück. Denn zurückkommen wird auch er einmal,
wenn er in die Jahre des tiefen Heimwehs gerät. Ich dachte mit 25
Jahren in Baltimore auch ernstlich daran nie wiederzukehren und träume
noch jetzt manchmal heimlich unter meinen Redaer Blaufichten von den
Redwoods der Rocky Mountains. Sehnsucht oder Heimweh fehlt hüben und
drüben nicht, sie wechseln nur die Richtung, je nach den Jahren.«
* * * * *
Die richtige Antwort auf die ihn tief aufregenden Fragen des
Fabrikherrn konnte Kaspar nicht so rasch finden, aber nach einigen
Tagen sagte er Herrn Winkler in aller Entschiedenheit: Er wolle
vorerst den ihm liebgewordenen Beruf zu Tramberg ruhig weiter ausüben.
Noch fehle ihm innerlich jedes Recht, der Brüdergemeine und der ihm
liebgewordenen Anstalt den Rücken zu kehren.
Herr Winkler nickte nur gleichmütig zu diesem Bescheid, im geheimen
aber triumphierte er doch: »Er ist ein Charakter, der Junge! Ich
brauche mich nicht zu sorgen, den wirft nichts so leicht aus seiner
Bahn. Für den ist Tiefe mehr als Weite.«
Unterdessen bereitete sich ein neuer Sturm vor, der Kaspars Seele
schwerer erschüttern sollte als die Anregungen Brosyns und Vater
Winklers.
Unbefangen wie in alter Zeit hatte Kaspar mit Ursemi all die Tage
über verkehrt, obwohl die taufrische Anmut der nun vollerblühten
Jugendgespielin stärker als je zuvor auf seine durch das Londoner
Abenteuer plötzlich geweckten Sinne wirkte.
Die leichtsinnige Andeutung Hans Sebalts in Zernez hatte Kaspar nicht
weiter ernsthaft genommen; aber die Folgezeit bestätigte ihm rasch,
daß Ursemi ihm redlich zugetan war, wenn auch wohl -- wie Kaspar sich
einredete -- mit schwesterlicher Zuneigung.
Als er jedoch mit dem seit Leipzig wirklich oft unleidlichen Hans
Sebalt noch einmal auf dies heikle Kapitel zu sprechen kam, erklärte
ihm dieser am Ende eines für Kaspar wenig glücklichen Disputs:
Geschwisterliche Zuneigung zwischen jungen Menschenkindern, die nicht
leibhaftige Geschwister sind, wäre ebensolcher Unsinn wie jede
Freundschaft zwischen etwa gleichaltrigen Menschen verschiedenen
Geschlechts.
Kaspar ließ sich nicht irre machen bis zu dem Tage, an dem er zum
ersten Male wahrzunehmen glaubte, daß Ursemi dem jungen Grafen Harry
ebensowenig gleichgültig war wie ihm selber.
Von da an belauerte Kaspar argwöhnisch jede Regung seiner Seele, und
von Tag zu Tage ward es ihm klarer, daß in ihrem Grunde ein dumpfes
Angstgefühl um Ursemi, ja -- es war eine Schmach -- auch etwas wie
Eifersucht gegen den Grafen sich leise zu regen begann.
Nunmehr war es um Kaspars Unbefangenheit geschehen. Er wurde stiller
und einsamkeitsbedürftiger. Er begann nach seiner alten Weise zu
grübeln, mit sich abzurechnen und schließlich ernstlich mit sich zu
ringen.
Er sollte sich rechtschaffen freuen -- so suchte er sich immer wieder
mühsam einzureden -- daß ein so gescheiter, willenskräftiger und
vornehmer Mensch wie Harry Brosyn auf dem besten Wege war, die Liebe
und die Hand Ursemis zu erringen. Dieser Graf war doch wahrhaftig eine
ganz andere geistige wie charakterliche Potenz als die Sorte Brettwitz
oder Darich. Und ein Mann wie Harry war nicht nur Ursemis unbändiger
Art gewachsen, sondern auch am ehesten imstande, mit Tatkraft und
Weitblick dermaleinst die gewaltigen Winklerschen Werke fortzuführen
und den mächtigen Grundbesitz zu verwalten und zu erhalten. Das war ein
doppeltes, ein seltenes Glück für die Eltern Winkler.
Und all demgegenüber war es doch rein lächerlich, wie er, der armselige
Stipendiat, der kleine Privatlehrer mit 25 Mark Monatsgehalt und freier
Station, überhaupt nur auf den schier wahnsinnigen Gedanken kommen
könnte, seine Augen begehrend zu dieser Millionärstochter zu erheben.
Unrecht, ja Frevel wars!
Mit Vernunftgründen ließen sich jedoch auf Kaspars Gedankenwalstatt
noch so viele siegreiche Gefechte führen; dennoch erhob das
aufrührerische Gesindel seiner elementaren Empfindungen immer wieder
tückisch und erfolgreich die Fahne des Aufruhrs gegen den gebietenden
Verstand.
Die Tatsache ließ sich nicht leugnen, daß in Kaspar eine
leidenschaftliche Neigung für Ursemi immer stärker emporflammte, so
daß er selber sich zuletzt gestehen mußte, dergleichen Gefühle für
brüderliche Liebe zu erklären, wäre nichts anderes mehr als eine
gemeine und lächerliche Notlüge.
Da faßte Kaspar den Entschluß abzureisen, noch ehe er sich verraten.
Das war nur leichter gedacht als getan.
* * * * *
Man wußte im Redaer Freundeskreise sehr genau, wann Kaspars Ferien
zu Ende gingen, und seine Ausflüchte -- er habe noch in Tramberg zu
arbeiten -- glaubte ihm keiner.
Kaspar hatte wirklich kein Talent zum Lügen. Man sah ihm, wie Hans
Sebalt spöttelte, jede Schwindelei gleich an der erbleichenden
Nasenspitze an.
Kaspar war rechtschaffen in Verlegenheit um eine Ausflucht. Da fiel
ihm zum Glück ein, daß es ja in Tramberg eine Ferienaufsicht gäbe.
In erster Reihe kamen da freilich die Herren in Frage, die auf
Generalunkosten die große Schweizerreise mitgemacht hatten; aber Kaspar
brauchte sich ja nur um eine Vertretung bitten zu lassen.
Und so schrieb er schleunigst an Martin Muffke. Umgehend kam folgende
lapidare Antwort zurück:
»Lieber Holzkollege! Sie sind zwar ein Pflichtprotz und ein total
verrücktes Huhn, aber meine Ferienaufsicht möge Ihnen wohltun.
+Habeatis+ vom 19. bis 22. September, Max. Postskriptum: Meine
können Sie auch kriegen! Moritz.«
Nun hatte Kaspar seinen triftigen Grund und traf auch sobald wie
möglich Anstalten zur Abreise.
Die alten Winklers bedauerten seinen Entschluß; Sebalt witzelte
niederträchtig etwas von ministeriellen Gesundheitsrücksichten;
Graf Harry schlug Kaspar kurzer Hand vor, wegen dieser verdammten
Ferienaufsicht seinen Abschied einzureichen. Nur Ursemi sprach kein
Wort.
Als sie aber bald darauf einmal mit Kaspar allein im stillen Garten des
Hotels saß, sagte sie ihm plötzlich auf den Kopf zu: Er sei ein feiger
Ausreißer.
Kaspar erschrak. Sollte er sich doch verraten haben?
Mit mühsamer Fassung erwiderte er: »Laß es gut sein, Ursemi. Ich muß
wirklich heim.«
»Ich kenne ja deinen Dickkopf zur Genüge,« meinte Ursemi herb, ja ein
wenig scharf, »aber wenn du glaubst, mich täuschen zu können, dann
irrst du dich.«
»Täuschen, wieso?« fragte Kaspar unsicher.
»Daß deine Arbeiten und Ferienaufsicht Flausen sind, wissen wir alle.
Und wenn du es nicht zugeben willst, dann will ich dir nur sagen, daß
mir Hans -- was freilich perfide war -- den famosen Uriasbrief auf
deinem Schreibtisch gezeigt hat, den du dir da von deinen Spießgesellen
Max und Moritz hast schreiben lassen.«
Nun lachte Kaspar, allein so ganz geheuer war ihm nicht; denn Ursemi,
die sonst viel zu gern mitlachte, blieb völlig ernst und fuhr leise
fort: »Weißt du noch, Kaspar, was du mir voriges Jahr in Reda gesagt
hast, als ich Chancy erwähnte?«
Kaspar erbleichte ein wenig, antwortete jedoch ruhig: »Gewiß, und ich
dächte, ich hätte dir doch in diesen Tagen zur Genüge gezeigt, daß ich
dich einem ehrenhaften Manne gönne.«
»Sehr gütig -- lieber Junge,« unterbrach ihn Ursemi spöttisch, »aber
das meine ich nicht. Sondern ein gewisser jemand vermaß sich voriges
Jahr hoch und heilig: nie eifersüchtig sein zu wollen. Und jetzt reißt
er aus, weil ers doch geworden ist und sich dessen schämt.«
»Liebe Ursemi,« sagte Kaspar nach einer peinlichen Pause langsam, »was
hast du wohl davon, wenn du mich hier demütigst und quälst? Ich darf
dir über das, was mich im Tiefsten bewegt, doch keine Auskunft geben.
Du weißt so gut wie ich, daß auch der willenskräftigste Mensch nicht
immer seiner letzten Gefühle völlig Herr zu werden vermag. Jeder von
uns hat ein verschleiertes Tempelbild im Herzen, das er vielleicht
selbst nicht zu enthüllen wagt.«
»Wenn du orakeln willst, lieber Kaspar, dann bitte suche dir jemand
anderen aus. Warum hast du denn nicht den Mut, mir klipp und klar zu
gestehen, daß du auf Harry eifersüchtig bist?«
»Weil das Unsinn wäre,« fuhr es nun Kaspar heftig heraus, »weil ich
nicht eine Spur von Recht dazu hätte. Ich hätte höchstens allen Anlaß,
mich zu freuen, daß ein so tüchtiger, prächtiger und dir ebenbürtiger
Bursche wie Harry sich für dich interessiert.«
»So? Woher weißt du denn das?«
»Ich glaube, das sieht ein Blinder.«
»Im Gegenteil, nur ein überscharf Sehender, ich weiß nichts davon.«
»Dann bitte ich um Verzeihung, Ursemi. Ich bin ein Narr, so oder so.«
Nun wurde die scharfe Ursemi plötzlich wieder die alte.
Mit siegesfrohem Lachen trat sie auf Kaspar zu, klopfte ihm vertraulich
auf die Schulter und sagte launig: »Na, siehst du wohl, nun bekommst
du als armer Narr und Sünder auch Absolution dafür, daß du dir in
Gedanken schon ausklamüsert hast, ich ginge nächstens mit Graf Harry
Gold graben. Habe durchaus keine Lust dazu. Und noch eins, mein
Lieber! Das Recht, auf jeden, der dir deine Pflegeschwester fortholen
will, greulich eifersüchtig zu sein, das Recht räume ich dir hiermit
ausdrücklich ein, da du es dir nicht zu nehmen wagst, und es am
Ende doch nicht lassen kannst. Aber dafür wahre ich mir auch mein
Recht, es dir ganz gewaltig übel zu nehmen, wenn du bei jedem bißchen
Herzbeklemmung gleich ausrücken willst. Wurscht wider Wurscht --
wie es unter guten Kameraden üblich ist. Und nun brav nebeneinander
ausgehalten -- wies auch kommt. Hier Hand drauf und nicht gemuckst!«
Aufatmend schlug Kaspar ein. Es war ihm, als fiele ihm ein Stein vom
Herzen. Dann ging er eilends auf sein Zimmer hinauf und schrieb Max und
Moritz einen sehr verklausulierten Absagebrief.
In ungetrübter Stimmung gingen die Ferien zu Ende. Kaspar genoß die
letzten Tage mit einem so bewußten Glücksgefühl wie nicht einmal die
ersten Tage. Ursemi goß gleichsam Öl in seine Herzenswunden.
Dann fuhr er mit froher Arbeitsehnsucht nach Tramberg. Bis Innsbruck
begleitete ihn Hans Sebalt.
Kurz zuvor hatte sich Harry Brosyn verabschiedet. Hans behauptete steif
und fest: der junge Graf habe sich einen Korb geholt.
Kaspar zuckte mit den Achseln und meinte nur: »Schade, wenns wahr ist.«
Da lachte Hans Sebalt wieder spöttisch in sich hinein und dachte
überlegen bei sich: Ich sollte an seiner Stelle stehn, ich wäre nicht
so dumm.
Der Abschied der beiden Missionskinder war nicht ganz so herzlich wie
ihre erste Begrüßung.
Siebentes Kapitel
Die Tänzer
Dank der Freigebigkeit Herrn Winklers war es Hans Sebalt möglich,
den kostspieligen Tanzunterricht zu bezahlen, und so war sein Erstes
in Leipzig, Herrn Niemeyer aufzusuchen und mit ihm das Nähere zu
verabreden.
Besonderes Vergnügen konnten die beiden Studenten der Sache freilich
nicht abgewinnen. Anfangs sahen die mit Spannung erwarteten Lektionen
Freiübungsturnstunden verzweifelt ähnlich, und auch, als die Dämchen
erschienen, ward es nicht weiter aufregend, zumal die betreffenden
Mamas den Abenden beiwohnten und die Töchter zumeist nur gut dressierte
Gänschen waren, mit denen eine Unterhaltung sich kaum lohnte.
Der Schlußball kostete einen Frack, zwei Paar Handschuhe, ein Bukett
und einiges Geld; von wirklichem Vergnügen war nicht die Rede, um so
mehr als Niemeyer und Sebalt sich gestehen mußten, daß sie noch immer
nicht richtig und flott tanzen konnten.
Ein alter Restaurantpächter, der an ihrem Tische saß, bemerkte das
auch, meinte aber lachend: tanzen lernten die Wenigsten in einer
solchen Tanzstunde. Die Mädels könntens vorher, und die Herren lerntens
meist erst nachher auf den Vorstadtbällen. Er schlüge ihnen darum vor,
demnächst einmal zu ihm nach Lindenau herauszukommen, da würden sies im
Fluge lernen.
Niemeyer und Sebalt ließen sich das nicht zweimal sagen und wurden bald
Stammgäste im fröhlichen Lindenau.
In der Tat lernten sie, dank einiger energischer und
unternehmungslustiger Dämchen, das Tanzen nun rasch und ärgerten sich
nachträglich noch über das viele Geld, das sie im Tanzkursus ausgegeben
hatten.
* * * * *
In Lindenau sah Hans Sebalt eines Sonntagnachmittags zu seiner
freudigsten Überraschung in einer Ecke des Saales endlich die stolze
Brünette aus dem Rosental wieder, deren Spur er -- trotz aller
Nachforschungen in Monplaisir und anderswo -- völlig verloren hatte.
Schnell entschlossen ging Hans auf die so lange schon heimlich Verehrte
zu und bat sie um einen Tanz.
Trotz seiner tadellosen Verbeugung sagte die große Unbekannte nur sehr
stolz und wie gelangweilt: »Ich danke, ich tanze nicht.«
Und Hans machte eine zweite, weniger tadellose Verbeugung und ging mit
pumpelrotem Kopf an seinen Platz zurück.
Er war außer sich vor Aufregung und verletzter Eitelkeit. Er schämte
sich vor all den Hunderten von Menschen, als habe jeder einzelne seiner
Abweisung persönlich beigewohnt.
Am liebsten wäre er spornstreichs davongelaufen, aber er wollte sich
vor Niemeyer nichts vergeben. Im Gegenteil dachte er rasch: nur nichts
merken lassen, nur ihr zeigen, daß du dir nicht imponieren läßt.
So tanzte er drauf los, so flott und sicher wie noch nie vorher, und
jedesmal, wenn er an der heiklen Ecke vorüberwirbelte, sah er so
triumphierend wie nur irgend möglich nach der schönen Brünetten, auf
deren stolzen Mienen er jedoch zu seinem geheimen Ärger nicht den
geringsten Eindruck wahrnehmen konnte.
Wie eine Sphinx saß sie unbeweglich da und sah gleichgültig, ja fast
melancholisch dem rauschenden Treiben zu.
Hans Sebalt tanzte mit einigen hübschen und liebenswürdigen Mädchen,
aber seine Gedanken waren unwiderruflich bei der Brünetten.
Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er ihr beikommen konnte;
scheinbar hatte sie keine Bekannten im Saale.
Hans Sebalt gab seinem Herzen einen Stoß und zog Niemeyer teilweise
in sein Geheimnis, das heißt, er schimpfte ganz gehörig über die
eingebildete Person, die sich da vorn hinsetze und nicht tanzen wolle
und doch wahrscheinlich auch nichts besseres sei als die anderen Mädels
alle.
Schließlich setzte Sebalt dem Kommilitonen zu, ~er~ solle doch
einmal sein Heil versuchen.
Niemeyer war ein forscher Kerl, lachte, ging hin, stellte sich höflich
vor und -- zu Sebalts maßlosem Erstaunen und Ärger -- tanzte die stolze
Brünette sofort mit ihm.
Und wie tanzte sie! Wie eine Göttin schien sie Hans Sebalt, dem Neid
und Eifersucht an der Seele nagten, dahinzuschweben.
Ruhig und sicher führte sie den noch ein wenig unsicheren Niemeyer
durch das Gewühl wie eine geborene Ballkönigin. Und als sie an Hans
Sebalts Platz vorüberglitt, da schien ihm, als husche ein spöttisches
Lächeln über ihre edel gleichmäßigen Züge. Kurz darauf hielt sie
an ihrem Platze vor der Zeit inne, verneigte sich huldvoll gegen
den dankend dienernden und vor Stolz glühenden Niemeyer, nahm ihre
Handschuhe und ging langsam und hoheitsvoll hinaus -- an Hans vorbei,
würdigte ihn aber keines Blickes.
Strahlend kam Niemeyer zu dem bestürzten Sebalt zurück.
»Donnerwetter, die kann tanzen,« prahlte er, »so was Graziöses ist mir
noch gar nicht vorgekommen! Du, das ist was Feines! Die hat sich bloß
hierher mal verlaufen. Aber nobel wars -- danke dir tüchtig, daß du mir
zu dem Genuß verholfen hast.«
Hans Sebalt schäumte innerlich vor Wut; aber er sagte großspurig: »Pah
-- das dumme Frauenzimmer will mich ja nur ärgern. Darum allein hat sie
mit dir getanzt.«
»Sebalt -- mein Sohn --« fuhr nun Niemeyer beleidigt auf, »willst du
das dumme Frauenzimmer sofort revozieren oder --«
»Meinetwegen,« lenkte Sebalt klug ein, »also sag mir mal lieber, wie
heißt der Besen?«
»Besen -- neue Beleidigung -- revoziere oder --«