ich bin und was ich war. Aber bitte, erschrecken Sie nicht, Herr
Kollege. Ja, ja, machen Sie nur große Augen. Ich bin auch eine Lehrerin
gewesen da drüben in meiner guten soliden Hansestadt Bremen. Ich habe
auch nichts pexiert, damit Sie nicht etwa zu früh erschrecken. Ich bin
Waise und mußte mich durchschlagen. Um perfekt Englisch zu lernen für
ein höheres Examen, nahm ich Urlaub und kam so hierher. Ich fand aber
wie Tausende und Abertausende von deutschen Mädchen trotz allen Suchens
keine Stellung. Mein Geld verschwand, mein Schmuck, meine Garderobe
ebenfalls; ich hungerte, verhungerte fast und sank schließlich wider
meinen Willen. Doch -- wozu Ihnen das ausführlich erzählen -- also
kurz und klar: ich ward von dem guten, alten Moses, der Ihnen jetzt
Whitchapel gezeigt hat, auch eines Tages aufgelesen und kam da drüben
in eines dieser herrlichen Magdalenenasyle.«
Die Erzählerin schwieg.
Eine schwüle Stille folgte, endlich brach Kaspar erschüttert das
peinliche Schweigen: »Warum beichten Sie mir Fremdem das alles?«
»Warum?« antwortete Irmgard dumpf, »weil ich mich einmal aussprechen
muß, und weil Sie, Herr Krumbholtz, bisher der erste sind, den ich
in meiner neuen Umgebung kennen gelernt oder richtiger nur gesehen
habe, der sich wohl aus rein menschlichen und nicht aus sogenannten
christlichen Beweggründen für unsere Verhältnisse interessiert hat.«
»Wer sagt Ihnen das? Man braucht nicht gleich mit diesen
methodistischen Wölfen zu heulen --«
»Ja, das ist der richtige Ausdruck --«
»So meine ich das gar nicht! Ich denke nur, man kann schließlich ein
Christ sein auch ohne solche Übertreibungen wie heute abend.«
»Hier kann man es nicht, lieber Herr! Das ist ja gerade der Star,
den ich Ihnen stechen möchte: Sie wissen ja gar nicht, was für eine
Heuchelei bei dieser ganzen inneren Mission -- hier wie bei anderen
Gesellschaften --, am wenigsten vielleicht noch bei der derben
Heilsarmee, im Schwange ist. Der herrliche äußere Schein ist alles!«
»Ja -- aber warum sind Sie dann hier, mein Fräulein?«
»Weil ich lieber für freie Station schreibe, rechne und heuchle, als
hungere.«
»Sie tun mir aufrichtig leid, Fräulein. Ich bin zwar auch nicht reich,
aber wenn ich Ihnen mit meinem Bißchen --«
Das Mädchen sprang heftig auf und wehrte ab: »Nein, dazu bin ich
wahrhaftig nicht hier, so gern ich in die Heimat zurück möchte. Sie
sind ein vornehmer Mensch, Herr Krumbholtz, das habe ich instinktiv
empfunden, als ich Sie beobachtete. Ich glaube beinahe, Sie täten es
umsonst --«
»Umsonst, aber natürlich -- oder wie soll ich das verstehen, Fräulein?«
»Glauben Sie wirklich daran,« unterbrach ihn Irmgard bitter, »daß auch
nur eine von diesen Hunderten von Magdalenen da drüben durch diese
Mission wieder zu einem anständigen Mädchen gemacht werden kann? Aber
das wollen diese frommen Leute auch gar nicht. Warum helfen Sie uns
nicht, solange es sich lohnt? Wie verzweifelt habe ich und andere
-- das weiß Gott -- gerade auch hier um eine Brotstelle gefleht --
vergebens! Man will eben nur Gefallene aufrichten, und das gerade ist
Sysiphusarbeit.«
Kaspar sah sein Gegenüber mit großen Augen tief erschrocken an, dann
sagte er leise: »Lassen Sie mich nicht schlecht von Ihnen denken.«
Schüchtern reichte das tief errötete Mädchen Kaspar die Hand und sagte
ebenso leise: »Haben Sie Dank für dieses gute Wort und bitten Sie Ihren
Gott, daß er Sie bewahre vor der Not, in der man nach dem schmutzigsten
Strohhalm greift, um sich retten zu können. Sie haben eben zu hoch
von mir gedacht und ich zu tief von Ihnen, Herr Krumbholtz. Ich hatte
gehofft, in Ihnen einen heimlichen Gegner dieser scheinheiligen
Christensippe gefunden zu haben, vielleicht einen trotzig kecken
Verächter, der ihnen hohnlachend ein Schnippchen schlagen würde. Ich
habe statt dessen einen Mann gefunden, dem ich früher hätte begegnen
sollen, um -- vor dem schlimmsten bewahrt zu bleiben.«
Kaspar Krumbholtz schlug vor dem heißen Blick des Mädchens verwirrt
die Augen zu Boden und erwiderte langsam: »Wer sich selbst so offen
und so schwer anklagt, der kann vielleicht einmal schwach, aber nicht
schlecht sein. Im übrigen, mein liebes Fräulein, wer von uns darf einen
Stein erheben?«
Da durchbebte ein konvulsivisches Zucken plötzlich den schlanken
Leib der jungen Bremerin, und wie hilfesuchend griff sie nach der
unwillkürlich vorgestreckten Hand des betroffenen Kaspars, beugte sich
darüber und stieß unter heftigstem Schluchzen heraus:
»Wie gut Sie sind -- lassen Sie mich ausweinen -- nur einmal -- einmal!
Ich habe seit langer Zeit, ja, wohl noch nie einen Menschen gehabt, der
so zu mir gesprochen hat. O könnt ichs Ihnen danken! Aber ein Weib wie
ich -- taugt nicht einmal dazu mehr -- vorbei -- alles vorbei!«
Tröstend fuhr Kaspar mit linder Hand über den blonden Scheitel der
Weinenden, während seine Gedanken wie erschreckte Vögel aufgeregt hin-
und herflatterten.
Der weibunkundige junge Herrnhuter fühlte sich in dieser
überraschenden, ihn völlig verwirrenden Situation hilflos. Ein tiefes
Mitleid durchbebte ihn und doch auch ein leises Gefühl des Mißtrauens,
das ihm zwar schnöde und feige vorkommen wollte, das er jedoch nicht
ganz überwinden konnte.
Hatte dieses Mädchen ihm nicht angedeutet, daß er ihr um jeden Preis
als Rettungsanker willkommen sein würde? Aber hatte er darum nicht
vollends die ritterliche Pflicht, ihr ohne jeden Hintergedanken zu
helfen, es koste, was es wolle?
Hastig überschlug Kaspar seine zu Ende gehenden Mittel. Würde es
reichen zu einem Billett nach Bremen? Er selbst hatte ja seine
Rückfahrkarte. Jedenfalls wollte er geben, was er hatte, und so sagte
er zögernd, fast schamhaft: »Liebes Fräulein, ich glaube, ich kann drei
Pfund entbehren. Würde das reichen, um Ihnen zur Rückkehr nach Bremen
zu verhelfen?«
»Nein, nein,« stöhnte Irmgard kopfschüttelnd, »das sollen Sie nicht! So
weit -- und doch --« Sie schwieg eine Weile, dann fuhr sie schüchtern
fort: »Wenn Sie mich mitnehmen wollen -- ich folge Ihnen, wohin Sie
wollen, aber so -- nein -- nein, nicht so!«
Kaspar errötete und geriet in neue Verwirrung.
Was wollte das ihm völlig unbekannte Mädchen gerade von ihm? Es
konnte doch nur ein toller Einfall des Augenblicks bei der völlig
Verzweifelten sein. Ruhig Blut -- um Gottes willen, was sollte daraus
werden. Die Anstalt Tramberg, die ganze Brüdergemeine stand Kaspar mit
einem Male vor den inneren Augen.
Seine schlummernde Energie erwachte jäh, und so hob er den Kopf
des Mädchens mit der Rechten schonend empor und sagte mit jener
Überlegenheit des älteren Kameraden, mit der er bisweilen einem seiner
störrischen Knaben den Kopf zurecht setzte: »Kindchen, nun wollen wir
doch mal ruhig miteinander reden. Sie dürfen keine Dummheiten machen
und ich, als der verantwortliche Mann, erst recht nicht. Sie sind arm
und ich auch. Wir können keine Vergnügungsreisen machen. Ich muß in
meinen Beruf zurück und Sie auch.«
»Das geht ja doch nie wieder,« unterbrach das Mädchen Kaspar traurig,
»wer stellt so eine wieder an? Und dann -- wenn doch einmal alles
zutage kommt -- nein, nie, nie! -- Lieber in Whitchapel vor die Hunde
gehen!«
»Also Sie weisen jede Hilfe ab?«
»Jede Unterstützung, ja! Mir hilft nicht Geld, mir hilft nur ein
Mensch, zu dem ich emporblicken, an dem ich einen Halt haben könnte,
ein Mann wie Sie!«
Und wieder schaute das Mädchen ihn heiß mit flehenden Augen an.
Kaspar schwieg. Das Blut stieg ihm siedend zu Haupte und pochte
hämmernd gegen seine Schläfen. Endlich sagte er mühsam:
»Wenn Sie mich vorhin unterschätzt haben, jetzt überschätzen Sie mich.
Sie kennen mich nicht. Ich bin selbst noch ein Schwankender, ein
Werdender, ein Unfertiger. Ich kann vielleicht Kinder leiten, aber
keinem Weibe einen Halt bieten. Auch bin ich ein armer, abhängiger
Mensch -- wirklich nichts weiter.«
Da trat Irmgard plötzlich dicht an Kaspar heran, flüsterte leise mit
bebender Stimme: »Sie sind der redlichste Mensch, der je in mein Leben
getreten ist. Retten Sie mich! Sie können es, aber kein anderer!«
Und dann warf sich das junge Weib mit auflodernder Leidenschaft an
Kaspars Brust, umfing das Haupt des Widerstrebenden mit beiden Armen,
preßte ihre glühenden Lippen stürmisch auf seine Wangen und suchte
seinen Mund.
Mit freundlicher, aber fester Hand löste Kaspar die zarten Arme von
seinen Schultern und sagte mit entschlossenem Ernst:
»Nicht so, liebes Fräulein! Wollen Sie denn durchaus, daß ich auch
noch den Kopf verlieren soll? Einer von uns muß wirklich den Verstand
behalten, wenn wir nicht beide ins Unglück geraten sollen. Es sieht roh
und grausam aus, wenn ich Ihre Neigung so undankbar lohne; aber ich
hoffe, Sie werden es mir doch einmal danken. Nein, bitte nicht weinen,
Fräulein. Ich meine es gut, und wenn ich Ihnen wirklich auch nur das
Geringste gelte, so zeigen Sie es mir dadurch, daß Sie meinem Rate
folgen. Kehren Sie nach Deutschland zurück, bitte, wollen Sie es tun?«
Die Schluchzende gab keine Antwort. Kaspar ging liebreich auf sie zu,
legte seinen Arm wie tröstend auf die zuckenden Schultern des Mädchens
und sagte weich:
»Wenn ich Sie herzlich bitte, liebes Fräulein Irmgard -- wollen Sie es
nicht mir zuliebe tun?«
Da hob die Bremerin schüchtern den Blick zu Kaspar empor und antwortete
leise: »Küssen Sie mich -- nur einmal -- nur ein einziges Mal! Und ich
will gehorchen.«
Und Kaspar Krumbholtz küßte das junge schöne Weib.
Es war der erste Kuß in seinem liebeleeren Dasein, und er war sich
der Heiligkeit des Augenblicks voll bewußt und hat sich dieses Kusses
auch später nur mit süßer Sehnsucht erinnert. Er glaubte einem holden
Geschöpf nur so zeigen zu können, daß er es achtete, und daß es ihm
wert genug war, alles für seine Rettung zu tun.
Wie ein Kindchen, das seinen Willen erhalten hatte, ließ sich Irmgard
nun ganz still und gefügig das Geld für die Heimreise aufdrängen,
versprach ernsthaft, diese so bald wie irgend möglich anzutreten, um
sich eine neue Stellung zu suchen.
Gleich einem treuen älteren Bruder schied Kaspar Krumbholtz von dem
noch immer still vor sich hin weinenden Mädchen und reiste am nächsten
Morgen mit dem ersten Expreßzuge nach Tramberg zurück.
Sechstes Kapitel
Feriengäste
Nachdem Kaspar seinem Direktor Bericht erstattet und Rechnung gelegt
hatte, übergab ihm dieser mit seinem vergnüglichsten Lächeln einen
Brief nebst einem Scheck und sagte, indem er sich listig die Hände
rieb: »Ich vermute, hier wird jemand seine Weltreisen fortsetzen!«
Erstaunt sah Kaspar, der noch nie einen Scheck gesehen hatte, erst das
lange Papier an, auf dem 500 Mark zweimal geschrieben stand, öffnete
sodann den Brief, in dem Herr Winkler ihn bat, so bald wie möglich über
Tyrol oder über den Fluelapaß nach Sils Maria ins Engadin zu kommen, wo
er mit Frau, Tochter und Freund Sebalt die Ferien und das schöne Wetter
genieße.
Kaspar machte das bekannte Gesicht, was der Mensch meistens macht,
wenn ihm etwas völlig unerwartet kommt. Darauf bat er um weiteren
Urlaub, den ihm Bruder Nitschke viel zu gern bewilligte, da er in den
Ferien froh war, wenn sein großes Haus möglichst leer war. Außer den
unentbehrlichen Handwerkern sah er da niemand gern.
Mit dankbarem Händedruck quittierte Kaspar über eine Summe, wie er sie
noch nie, auch nicht in den Karpathen, sein eigen genannt, ja nicht
einmal im kühnsten Traume erhofft hatte, und setzte sich eilends oben
auf der Lehrerstube vor das große Reichskursbuch des Hauses.
Nach schwierigen Überlegungen und abermaliger Rücksprache mit dem
freundlichen Direktor entschied sich Kaspar für die Schweizerroute und
gab telegraphisch Herrn Winkler Bescheid.
Der Marsch über den herrlichen Fluela lockte den jungen Lehrer
gewaltig, und die folgende Nacht tat er kaum ein Auge zu vor Aufregung.
Von Davos aus begann Kaspar am übernächsten Tage die Wanderung über den
Paß.
Wieder erschloß sich seiner Seele eine neue Welt eigenartiger strenger
Schönheit, die ihn mit gleicher Wucht und Größe gefangen nahm und still
erschauern ließ, wie vordem die wilden, trotzigen Karpathen.
Freilich, das berauschende Gefühl unermeßlicher Einsamkeit überkam
Kaspar auf der ziemlich belebten Fremdenstraße nicht so wie in dem
ungarischen Waldgebirge, das ihm auch in Fauna und Flora einen
unberührteren, reicheren Eindruck gemacht hatte.
Nur die ersten Alpenrosen versetzten den jungen Lehrer in helles
Entzücken, und wie ein Pfingstochse reichlich damit geschmückt,
überschritt er jauchzend die Paßhöhe, unbekümmert um das Gelächter
blasierter Bergfexe und ihn spöttisch lorgnettierender Dämchen.
* * * * *
Kurz vor Zernez, dem alten Ladinernest, stieß Kaspar unvermutet auf
Hans Sebalt, der ihm auf gut Glück von Sankt Moritz entgegengefahren
war und nun wie ein Wegelagerer in einer kleinen Schänke die
Fluelastraße abgespäht hatte. Mit lautem Hallo fiel er über den
alpenrosengeschmückten Freund her, und man umarmte sich stürmisch immer
wieder mit ausgelassenster Freude.
Im nahen Zernez bezog man in einem altertümlichen Gasthofe
Nachtquartier, bestellte sich ein reichliches Mahl und einen guten
Veltliner, und dann gings an ein großes Erzählen bis tief in die Nacht.
Die ersten Fragen Kaspars galten Ursemi und ihren Eltern.
Hans Sebalt berichtete ausführlich, nur ein wenig spöttisch, vom lieben
stillen Reda, wo alles so ziemlich beim alten sei.
Der weise Berthold regiere das Haus noch immer so lautlos wie ein
Geheimrat hinter seinem Minister; die runde Mine sei noch ein bißchen
runder geworden; nur die hübsche Kathrine habe kürzlich geheiratet,
aber die Nachfolgerin sei auch ein ganz appetitliches Mamsellchen.
Die Doggen seien ein bißchen klapperig geworden, besonders der Toni
würde wohl nächstens in die ewigen Jagdgründe eingehen, während die
Cleo, zäh wie ein altes Frauenzimmer, noch gut bei Appetit und Stimme
sei. Bei ihrer Herrschaft wäre es ganz ähnlich. Der stattliche Herr
Winkler habe leider weit mehr eingelegt als seine kleine Frau, der das
Sorgen -- namentlich jetzt um den künftigen Schwiegersohn -- noch immer
ausgezeichnet bekomme.
An Aspiranten scheine es übrigens nicht zu fehlen, wenigstens sei
all die Tage über in Reda beständig Besuch im Hause gewesen, und
schließlich sei man wohl darum nach Sils Maria ausgerückt.
Als Kaspar geradezu fragte, ob denn unter den Herren einer gewesen sei,
der Ursemis einigermaßen würdig wäre, da lachte Hans Sebalt schallend
heraus und meinte:
»Würdig? Köstlich! Du bist doch immer noch der Alte! Gewissenhaft wie
ein Vormund. Menschenskind, wenn ich du wäre, wüßte ich längst, was
ich täte. Du hast einen Stein im Brett bei unserer allergnädigsten
Schlotprinzeß -- doch wem sage ich das? Also die Bewerber! Allzu
ernsthaft nimmt sie wohl keinen, und der Herr Papa auch nicht. Es
ist wie in den alten Märchen. Jeder fremde Prinz zeigt sich von
seiner besten Seite; aber keiner findet Gnade beim König und seiner
Tochter. Da ist der famose Leibkürassier, der Brettwitz, tadellose
Erscheinung, vorzügliche Formen, und reiten kann er wie der Deubel.
Aber von der ersten Silbe seines erlauchten Namens trägt er mehr
draußen vorm Kopf als gut ist, und von der zweiten drin zu wenig.
Chancen so ziemlich gleich Null, um so größer natürlich sein Bemühen.
Dann war unter anderen ein junger Darich da, du weißt von den Belower
Kammgarnkönigen ein Sprößling. Auch kein übler Kerl, immer tipp topp,
spielte Tennis -- blödsinnig sagte Brettwitz. Nur im ganzen mehr Yankee
als Deutscher, und du weißt, das verträgt der Alte schon gar nicht,
während unsere gute Mama Winkler von dem tüchtigen jungen Mann, der
doch so gut ins Geschäft passe, ganz hingerissen war. Ursemi endlich
behandelte ihn mit dem ganzen Übermut einer Dollarlady, scheinbar
höchst kameradschaftlich, tatsächlich wie einen Liftboy. Du, die hat
überhaupt in England einen ganz verfluchten Tick bekommen, der kann
einem jungen Mannsbild bisweilen wirklich auf die Nerven gehn. Ich war
ja leider nie ihr Fall -- jetzt aber werde ich, wenn sie bei Laune ist,
von ihr gelegentlich in einer Weise verknackt, als nähme sie mich
überhaupt nicht mehr ernsthaft. Also im Vertrauen, alter Junge, sei
auf der Hut vor der Dogaressa, wie unsere putzige Dente sie nannte,
die übrigens auch noch im Segen zu Bethel ihres Amtes waltet und aus
dem alten wurmstichigen Schwesternhause Überschüsse auf Überschüsse
herauswirtschaften soll zur großen Freude der Finanzabteilung, die
Stipendien schaffen muß -- wie Figura zeigt -- also -- Prosit!«
»Prosit! aber nimm mirs nicht übel, Hans!« sagte Kaspar, fast ein
bißchen boshaft lächelnd, »ich glaube, du hast dich mindestens ebenso
verändert wie unsere Ursemi, auf die ich ja schon sehr gespannt bin. Im
übrigen wandeln wir uns wohl alle -- Gott sei Dank! Also freuen wir uns
lieber, daß wir uns mal wieder haben dürfen, anstatt uns über einander
zu wundern.«
»Also sprach der weise Schulmeister Seneca!« fiel Hans Sebalt mit
großer Gebärde ein, »ja, du hast so recht! Ich merke schon, du
bist schon ein ganz solider, zügelzahmer Schulfuchs da unten im
Wüschteberger Ländle geworden, und ich fange an, in dem lieben,
saufseligen Sumpfnest Leipzig ein windiger, weltfroher Sünder und
Zöllner zu werden und sitze, wo die Spötter sitzen. Aber schön ists
doch, mein Junge, sich so richtig mal den Wind der großen Welt um die
Nase wehen zu lassen, ihren tausend und abertausend Gefahren trotzig
die Stirn zu bieten und sich selber unverzagt den Weg zu suchen,
ohne von Bruder Hinz und Kunz bepapelt und geleithammelt zu werden.
Du braves Kasperle, du hast ja keine Ahnung, was für eine herrliche,
sauvergnügte Welt es noch da draußen gibt -- weit, weit hinter eurem
Gemeindezaun und der Schwäbischen Alp. Ja, mein Lieber, davon läßt du
dir in deinem großen Anstaltskäfig wohl nichts träumen? He, was meinst
du, wenn du auch mal herauskämst? Ich wollte dir das längst schon
schreiben, kam aber nicht dazu. Mußt du nicht bald dein Jahr abbrummen?
Dann komm nach Leipzig, alter Junge, komm zu mir! Wir hausen zusammen
-- das kann eine urgemütliche Kumpanei werden. Und dann -- dann will
ich dir mal die große Seestadt Leipzig zeigen -- Junge, Junge -- da
sollen dir die guten Schwabenaugen übergehn und dein Schulverstand
stille stehn.«
»Hm,« brummte Kaspar behaglich, »das wäre zu überlegen. Aber vorher
habe ich noch allerlei zu erledigen, auch muß ich mir über gewisse
Dinge erst einigermaßen klar werden.«
»Das mußt du ja immer,« neckte Hans, »ich glaube, du bist dir mit
achtzig Jahren noch nicht klar über dich selbst. Aber Schwamm drüber,
jedes Tierchen nach seinem Pläsierchen. Wie gefällt dirs sonst in
Tramberg? Ganz so gott- und weltverlassen wie die Arche Gotteshaag ists
doch wohl nicht -- oder? -- Ihr dürft wohl nicht viel raus aus eurem
Bau?«
»Manchmal doch,« meinte Kaspar seelenruhig, »so bis nach London kommt
man schon einmal.«
»Nach London? Mach keine faulen Witze. Du meinst eure Jungens -- na ja
-- die haben jetzt Ferien.«
»O nein, ich selber komme geradenwegs von London zurück,« erklärte
Kaspar lachend.
Nun war die Reihe erstaunter Fragen an Hans Sebalt, und er fuhr damit
rasch heraus: »Menschenskind -- du in London -- allein in der großen
Weltstadt -- und ohne Aufsicht, Jungchen, Jungchen, wenn das man kein
Unglück gegeben hat. Wie lange warst du denn da, und was hast du da
gemacht?«
»Na, wieder allerlei,« erwiderte Kaspar mit gutem Humor, »was du nicht
verstehen wirst. Ich habe die Werke der inneren Mission studiert.«
Hans Sebalt brach in ein Höllengelächter aus und brüllte vor Vergnügen:
»Innere Mission -- dazu fährt der Kerl nach London -- ausgerechnet
nach London, der großen Sündenbabel! Sag mal, bist du denn schon so
verrückt, daß du etwa Speckapostel werden willst?«
»Ob ich das je wollte, weiß ich nicht. Jetzt aber weiß ich ganz genau,
daß ich es nicht mehr will. Das ist auch etwas.«
»Na und mit der Theologie?«
»Mit der habe ich mich in Straßburg noch einmal auseinandergesetzt und
ihr nun endgültig Valet gesagt.«
»In Straßburg warst du auch? Na, höre mal -- wann warst du denn da
eigentlich in Tramberg?«
»Von Ostern bis Ende Juni, abgerechnet die drei Tage der
Schwarzwaldreise.«
»Schlemmer, den herrlichen Schwarzwald hast du auch noch so nebenbei
besichtigt? Höre, Kaspar, braucht ihr nicht in Tramberg nächstens
auch Oberlehrer? Ich wäre gern bereit, als Auslandreisender bei euch
einzutreten.«
»Gut, ich wills unserm Chef sagen, der ist so wie so stets in
Lehrernöten. Wie wärs, wenn du mich ablöstest, wenn ich dienen muß?«
Und wieder lachten beide, daß die Wände der kleinen Schenkstube
fröhlich widerhallten.
Dann mußte Hans Sebalt von Leipzig erzählen, und er tat es nunmehr ohne
die Ruhmredigkeit der ersten halben Stunde. Von den Kollegs, von den
Kneipen, von seiner Wirtin und Herrn Niemeyer sprach er allerlei; nur
von der stolzen Brünetten erwähnte er ebensowenig ein Wort wie Kaspar
von seinem Londoner Magdalenchen. Spät gingen die Freunde zur Ruhe,
und früh standen sie auf, um dann, fröhlich singend und schwatzend wie
ehedem zu Gotteshaag, miteinander das herrliche Inntal hinaufzuwandern
gen Sils Maria.
* * * * *
Als die beiden Freunde nach zwei Tagen staubbedeckt und braungebrannt
am Ziele anlangten, empfing sie Frau Winkler allein, aber mit einer
Herzlichkeit, als wolle sie für die Abwesenheit von Mann und Tochter
Entschädigung bieten.
Sorglich nahm sie sich ihrer zwei Pflegesöhne an, als wären es
noch die kleinen Tertianer von Bethel. Kaspars Sachen, die er klug
vorausgeschickt hatte, hingen schon, alle wohlgebügelt, im Schranke
seines herrlich gelegenen Zimmers, von dessen Balkon aus man die ganze
Riesengruppe der Piz Bernina überschauen konnte. Rasch zog sich Kaspar
um und trat dann in den herrlichen Abend hinaus.
Da sah er vom gegenüberliegenden Berghang einen stattlichen, nur
etwas vornübergebeugten Mann und ein tannenschlankes Mädchen langsam
herunterschreiten. Mit einem Blick hatte er die Redaer Freunde erkannt
und stürmte -- wie er war -- ohne Hut hinab und ihnen entgegen.
An einer Straßenbiegung lauerte er ihnen auf und überraschte Vater und
Tochter vollkommen. Am liebsten wäre er beiden um den Hals gefallen,
aber unwillkürlich dachte er an Sebalts Worte, und so dämpfte er den
Überschwang seiner Gefühle. Immerhin ging es laut genug her.
Herrn Winkler freilich leuchtete die stille Genugtuung über den
stattlichen Pflegesohn nur aus den gütigen Augen; aber Ursemi
machte kein Hehl aus ihrer hellen Freude wie aus ihrem Erstaunen,
ihren ehemaligen Rekonvaleszenten Kaspar so kraftvoll und frisch
wiederzusehen. Mit glückseligem Stolz wirbelte sie übermütig den
hochgewachsenen Freund ein paarmal im Kreise herum und sagte
befriedigt, fast stolz:
»Sieh mal einer an, was fürn Berserker aus dem Suppenkasperle vom
Luisenstift geworden ist! Jetzt kann man sich doch wieder mit dir sehen
lassen.«
»Danke für das Kompliment,« erwiderte Kaspar, lustig sich verneigend,
»ich könnte ja nun eine Retourkutsche vorfahren lassen, aber wozu! Du
weißt, ich war mit dir immer zufrieden. Ich bin nicht so anspruchsvoll
bei meinen Freunden.«
»Vater,« sagte Ursemi resolut, »was macht man nun mit dem Kerl,
verdrischt man ihn, oder gibt man ihm einen Kuß?«
»Das halte du, wie du willst,« meinte Herr Winkler trocken, »Pack
schlägt sich, Pack verträgt sich.«
»Hör mal, Vater, du untertaxierst uns nachgerade.«
»Um so besser, dann habe ich Hoffnung, euch nächstens mal in neuen
Rollen zu sehen. Einstweilen spielt ihr noch die alten von Bethel, aber
sie sind nicht so langweilig wie die mit Mister Darich und Genossen.
Also nur zu, die +repetitio delectat+ als +variatio+.«
»Liebster Papa, willst du nicht deutsch reden?«
»Warum, du redest doch auch so viel englisch. Ich muß dir doch zeigen,
daß ich noch etwas mehr kann als du -- sonst geht der Rest des
väterlichen Respekts auch noch in die Wicken.«
»Ist er nicht greulich?« wandte sich Ursemi wie hilfesuchend zu Kaspar,
»so ödet mich dieser früher so zärtliche Vater jetzt beständig an, seit
ich mir mit einem jungen +american boy+ den Ulk gemacht habe, ein
bißchen +Gibson girl+ zu spielen.«
»Ja, Hans hat mir schon davon erzählt,« sagte Kaspar harmlos.
»So,« fuhr Ursemi herrisch auf, »hat er wieder den süffisanten Schnabel
nicht halten können, der allweise Hans? Werds ihm schon anstreichen.
Was hat er denn noch über mich geklatscht?«
»Geklatscht?« sagte Kaspar ruhig, »dann müßte ich ja jetzt auch
klatschen, wenn ich dir verriete, was er mir auf meine Fragen
geantwortet hat. Nee, Ursemi, nun halt ich erst recht dicht.«
Und wieder lachte Herr Winkler behaglich vor sich hin und meinte:
»Kindsköpfe seid ihr doch! Kaum drei Minuten seid ihr beisammen, da
kriegt ihr euch am Kragen. Das kann ja gut werden.«
»Na, als ob ich schuld wäre --«