Das zeigte sich am erfreulichsten auf der üblichen dreitägigen

Frühlingswanderung in den Schwarzwald, die trotz gesteigerter

Verantwortung für die Lehrer ein herzerfrischender Genuß ward.

Kurz und gut, Kaspar Krumbholtz hätte alle Ursache gehabt, mit seiner

kleinen Welt zufrieden zu sein, wenn er mit sich und seinem Gott im

Reinen gewesen wäre.

* * * * *

Auch im angestrengtesten Schul- und Aufsichtdienst wollten die Fragen

nicht ganz verstummen: Was soll aus dir werden? Bist du nicht ein

Halber, weder ein ganzer Theologe noch ein richtiger Schulmeister? Und

was bedeutet dir Gott?

Mit seinen weltfröhlichen Reihenkollegen konnte sich Kaspar Krumbholtz

darüber nicht aussprechen.

Gerade Max und Moritz, die doch in einer ähnlichen Lage waren wie er,

schienen sich am wenigsten über ihre ungewisse Zukunft die Köpfe zu

zerbrechen.

Als Kaspar sich einmal scherzhaft erkundigte, wofür sie denn eigentlich

sparten, meinte Moritz resolut: »Op unse olen Dagen.«

Und Max fügte launig hinzu: »Dat kann der Schlemmer wohl sagen, ik

spar nich weiter als auf Leberwurst zum Kommißbrot für Seiner Majestät

allerschneidigsten Königsfreiwilligen.«

Muffke war Waise wie Krumbholtz, der nun plötzlich daran erinnert

wurde, daß er wahrscheinlich auch bald zu dienen hatte. Damit legten

sich neue Sorgen auf sein so wie so schon bedrücktes Gemüt.

Eines Abends besuchte Kaspar Bruder Lohmann, zu dem er ein unbegrenztes

Vertrauen hatte, und schüttete ihm offen sein Herz aus.

Dem seelensguten Mitdirektor ging seines jüngsten Kollegen Kummer

recht nahe. Er verstand das alles sehr gut, da ihm selber allerlei

Zukunftsorgen schwer auf der Seele lasteten.

Trotz seines lebendigen Glaubens wollte er nämlich nicht Prediger

werden, da er Ritschlianer und auch kein Redner war. Zum Rektorexamen,

das er für einen leitenden Posten im Schulfach brauchte, mochte sich

der ein wenig unentschlossene, ja ängstliche L³ ebenfalls nicht

melden, obwohl er längst und überreichlich dazu vorbereitet war. Dann

und wann kam ihm der Gedanke, auf die Mission zu gehen, aber auch zu

diesem Entschluß konnte sich Bruder Lohmann nicht aufraffen.

Wie viele gutmütige Menschen, die sich selbst nicht recht zu helfen

wissen, war der Mitdirektor jedoch leidlich energisch, sobald es sich

um andere handelte. Und so tröstete er Bruder Krumbholtz nicht nur und

riet ihm, sich nochmals theologisch gründlich zu orientieren, sondern

er tat auch Schritte bei dem jederzeit entgegenkommenden »Chef«, um

dem jungen Kollegen Orientierungsgelegenheit zu verschaffen.

Unterdessen waren die großen Ferien herangekommen, die in Tramberg den

ganzen Juli und August hindurch währten, da die meisten Schüler weit

nach der Heimat hatten und sich für kurze Zeit eine teure Reise nicht

lohnte.

Außerdem nahmen viele der Ausländer in den ersten acht Ferientagen,

während deren das Anstalthaus gründlich gereinigt und ausgebessert

ward, an einer größeren Fußreise teil, die sie mit den Schönheiten der

Schweiz oder Oberitaliens bekannt machte. An dieser Wanderung nahmen

die fünf ältesten Aufsichtlehrer unentgeltlich teil, darunter dies

Jahr zum ersten Male Max und Moritz, die sich schon wie Kinder freuten

und Vorbereitungen trafen, als hätten sie eine naturwissenschaftliche

Forschungs- und Sammelreise im Auftrage einer gelehrten Akademie

mitzumachen.

Kaspar Krumbholtz als jüngster Lehrer konnte zu der Freunde und seinem

Leidwesen nicht mit von der Partie sein, obwohl Herr Schnäbele, der die

Reisen schon mehrfach mitgemacht hatte, zu seinen Gunsten zurücktreten

wollte. Bruder Teuchert erhob jedoch Anspruch und nach der lebendigen

Haustradition, genannt L³, mit Fug und Recht.

Kaspar machte sich schweigend mit dem Gedanken vertraut, die langen

Ferien in Tramberg zuzubringen, und nahm sich vor, nun nach Goethe

auch Shakespeare von neuem vorzunehmen und überdies gründlich englisch

zu lernen; das konnte für alle Fälle gut sein. Nebenher wollte er

die herrliche Umgebung Trambergs genießen, vielleicht den Hegau

durchwandern bis zum Bodensee hinunter.

Viel kosten durfte es freilich nicht, denn trotz Badewachen und

allerlei Privatstunden war der Reiseüberschuß schon bedenklich

zusammengeschmolzen, da ein unbedingt notwendiger Anzug hatte

angeschafft werden müssen. Man konnte in dem eleganten Kurort nicht

so herumlaufen wie in Gotteshaag, das sah erstlich der »Chef« nicht

gern, und auch einige Bürger, denen ihr Geschäft und somit das äußere

Renommee der Brüdergemeine über das Reich Gottes gingen, hatten sich

kürzlich an einem der sogenannten Bierabende über dergleichen wichtige

Toilettenfragen aufgehalten. Immerhin sollte Kaspar der neue Anzug bald

sehr zu statten kommen.

Er ward nämlich eines Tages zum Chef gerufen, und dieser machte ihm

zu seiner größten Überraschung folgenden Vorschlag: Kaspar solle

zunächst einen französischen Knaben bis nach Straßburg begleiten, um

den ein wenig unsicheren Kantonisten dort in den Pariser Schnellzug zu

spedieren. Zehn Tage darauf solle Kaspar in Appenweier die englischen

Zöglinge, die zuvor noch die große Reise mitmachen wollten, in Empfang

nehmen und nach London begleiten.

»Ich habe,« schloß der »Chef« vergnügt lächelnd und sich die

Hände reibend, als freue er sich an Kaspars unverhohlener Freude

rechtschaffen mit, »von Bruder Lohmann gehört, Sie haben das Bedürfnis,

sich über allerlei Fragen der Theologie wie der inneren Mission ein

wenig zu orientieren. Wie wäre es denn, wenn Sie in Straßburg die zehn

Tage benutzten, allerlei Kollegs zu hören und sich vielleicht in London

die gewaltigen Leistungen der Stadtmission ansähen? Ich will Ihnen

gern die dazu nötigen Empfehlungsbriefe mitgeben. Nur hoffe ich, daß

es Ihnen nicht gar zu gut in Straßburg oder London gefällt, denn ich

möchte einen so tüchtigen und zuverlässigen Erzieher wie Sie nicht so

bald verlieren.«

In stummer Bewegung dankte Kaspar Krumbholtz seinem »Chef«, und fünf

Tage später trat er seine Reise an.

* * * * *

Mit ehrlich suchender Seele zog Kaspar Krumbholtz zu Straßburg von

einem Gottesgelehrten zum anderen, um zu prüfen, ob der alte schlimme

Eindruck von Gotteshaag sich nicht aus seiner Seele löschen oder sich

wenigstens mildern ließe.

Wieder saß er, wie nun öfters schon in den letzten Tagen, wartend auf

dem Klappsessel eines eleganten großen Universitäthörsaales, den er

unwillkürlich mit dem armseligen Sälchen Gotteshaags verglich. Das war

wohl ein gewaltiger Unterschied.

Aber was Kaspar bis jetzt hier gehört hatte, dünkte ihn um nichts

besser als das, was dort die Dozenten gelehrt; im Gegenteil, hier

fehlte nur zu oft bei Professoren wie bei Studenten die redliche

Andacht.

Nun wollte Kaspar noch die Letzten, die Berühmtesten hören.

Schon vor sieben Minuten hatte es geklingelt. Endlich kam eiligen

Schrittes der kleine, weißhaarige Gelehrte hereingetrippelt, der als

einer der größten Exegeten des Neuen Testamentes galt. Wie oft hatte

nicht Bruder Bartel diesen Töpelmann als höchste Autorität zitiert.

Also so sah er aus -- ein kluges, starkgerötetes Fuchsgesicht, fast wie

ein Silen -- jedenfalls ganz anders, als ihn Kaspar sich vorgestellt

hatte.

Mit zwinkernden Augen maß der Alte erst lächelnd sein Auditorium,

beugte sich dann tief über seine feingekritzelten Kollegzettel, suchte

lange und schließlich ärgerlich nach dem richtigen Blatt und begann

endlich mit stark nasalen Tönen wie vor sich hin zu reden und zwar

über das Gesetz des Geistes.

Er tiftelte viel an dem Worte Pneuma herum. »Pneumatikos, das heißt ein

im Geiste befindlicher, vom Geiste getriebener«, haftete nach langem

Hin- und Herdeuteln in Kaspars Gedächtnis.

Dann kam der Prozeß des Hagiasmos. Der wurde dem Gotteshaager

Exseminaristen trotz seiner Bartelschen Vorbildung überhaupt nicht

klar.

Weiter ward mit spitzfindiger Dialektik das Problem der menschlichen

Freiheit erörtert und schließlich nicht ohne deutliche, höchst

selbstgefällige Ironie über die Prädestination als den konsequenten

Abschluß der Paulinischen Heilslehre gehandelt, wobei einige von

Töpelmann abweichende hermeneutische Kollegen als ganz subjektive

und törichte Tröpfe hingestellt, während andere, dem Vortragenden

zustimmende Kollegen als höchst einsichtige und wertvolle Forscher

gelobt wurden.

Da klingelte es abermals, und triumphierend lächelnd stieg das kluge,

boshafte Männchen unter dem gewohnheitmäßigen Beifallgetrampel seiner

zum Teil recht gelangweilten Hörer vom Katheder herab und trabte

eiligst hinaus.

Nachdenklich, aber durchaus unbefriedigt, folgte ihm Kaspar und bog

eine Tür weiter zum Hörsaal des bekannten Alttestamentlers Schütte ein.

Als er sich nach einigen Minuten hinsetzte, las er unter den vielen

in den Tisch eingeschnittenen Zirkeln, Fratzen und Mädchennamen auch

eine Inschrift: Bestes Mittel gegen Schlaflosigkeit: alttestamentliche

Exegese. Das klang wenig verlockend.

Aber Kaspar ließ sich nicht abschrecken und hatte es nicht zu bereuen.

Der Vertreter des Fachs, ein stattlicher, noch ziemlich junger Herr,

war jedenfalls nichts weniger als langweilig; er sprach klar und

eindringlich und machte einen durchaus würdigen, ja sympathischen

Eindruck.

Es handelte sich um die Legende vom Turmbau zu Babel, die völlig der

Quelle J. angehörte. Bawel war nicht als Verwirrung zu erklären,

sondern mußte Tor Gottes heißen, ebenso wie Schem hier nicht Denkmal,

sondern wie II. Sam. 8, 13 mit Ruhm zu übersetzen sei. Und nun folgte

ein ungemein interessanter Exkurs über die Sagen vom Neid der Götter

und dem Gigantensturm, zu denen auch diese alte semitische Sage gehöre.

Mit Spannung hatte Kaspar bis zum Ende gelauscht; aber die unbequeme

Frage -- wozu das alles für einen Menschen, der Gott verkündigen soll

-- ward er auch hier nicht los. Was hatten all diese alten Sagen und

Geschichten, was die späteren vielfach so durchtriebenen Geschicht- und

Autoritätfälschungen der jüdischen Priesterautoren für einen Bildungs-,

Kultur- und Religiositätwert für unsereinen, vollends wenn der ganze

Bezug auf das neue Testament in Wegfall kam?

Noch einmal setzte sich Kaspar Krumbholtz zu Füßen eines großen

Theologen, des berühmten Reimarus, der über das wichtige, so viel

umstrittene Johannisevangelium las.

Eine ungemein zahlreiche Zuhörerschaft wartete fröhlich lärmend auf

den scheinbar beliebten Lehrer, der pünktlich unter lautem Beifall mit

selbstsicherem Lächeln das Katheder betrat.

Mit mächtiger und zugleich gezierter Stimme begrüßte der eitle Mann

verbindlich seine Zuhörer und sprach in einer merkwürdigen Mischung von

würdevoller Salbung und salopp-burschikoser Ironie von dem angeblichen

Johannes, der natürlich mit dem Lieblingsschüler des Herrn gar nichts

zu tun habe, sondern nur irgendein viel, viel späterer Schriftsteller

sei, der hier gleichsam frei über die Synoptiker phantasiert habe.

»Fabulieren kann dieser vierte Evangelist famos,« hieß es unter anderm,

»so bei der Geschichte von Malchus, dessen Name natürlich ganz beliebig

ist. Übrigens vergißt der Verfasser das Ohr wieder anheilen zu lassen.

Und doch besitzt der Mann einen ganz gehörigen Rationalismus, ja

nicht nur zwei Seelen, wie der Dichter sagt, wohnen ach in seiner

Brust, sondern ziemlich viele. Den Hohenpriester setzt er auch nur

so hin, um ihn wie die Perle im Golde leuchten zu lassen. Dann aber

unterschlägt er uns die große Schilderung vom Verhör, und -- noch übler

-- es passiert ihm sogar ein fataler Schreibfehler bei der mehrmaligen

Petrusleugnerei. Wahrscheinlich war der Schreiber -- es braucht

ja nicht unbedingt der Verfasser zu sein -- inzwischen einmal zum

Mittagessen oder sonst wohin gegangen. Darum braucht man schließlich

der Gedankenlosigkeit des Schreibers das ganze Evangelium nicht gleich

zu opfern« undsoweiter.

Nachdem der große Reimarus dann noch geistreich witzelnd die

Johanneische Schreibweise mit der des Gespensterhoffmanns im Kater Murr

verglichen hatte, schloß er mit einer zierlichen Verneigung unter dem

dröhnenden Beifall seiner augenscheinlich höchlichst ergötzten Zuhörer.

Tief verstimmt, ja im Innersten empört, verließ Kaspar das stattliche

Universitätgebäude, schritt langsam durch die engen Gassen der Altstadt

zum Münster und stieg hinauf in den Turm.

Lange stand der junge Herrnhuter hier oben und schaute still bewegt

hinaus in das weite, herrliche Land. Nach und nach löste sich der

bittere Unmut in Kaspars Seele.

Die Schönheit der teppichbunten Landschaft mit ihrem breiten, silbernen

Rheinband da unten, die Kühnheit des himmelanstrebenden Meisterbaus

neben und über ihm versagten ihre befreiende, innerlich lösende und

klärende Wirkung bei Kaspar so wenig wie vor hundertundzwanzig Jahren

bei dem jungen Goethe.

Was sollte ihm, dem Gottsucher, jener kleinliche Formelkram der

selbstgefälligen, fündleinstolzen Alexandriner da unten?

War das alles im Grunde nicht noch viel unfruchtbarer und

hoffnungsloser als die bescheidene Weisheit der zagen, vorsichtig

tastenden Gotteshaager Theologen?

Konnte diese am Buchstaben hängende und zerrende, mit ihrer im Grunde

nur negativen Methode sich spreizende Wissenschaft ihm auch nur im

geringsten vorwärts helfen in dem Kampf um jene tiefste Wahrheit,

die allein das Geheimnis, die Bedeutung seines Daseins und seiner

Bestimmung ihm enthüllen konnte?

Ob er diese Wahrheit jemals finden würde, er zweifelte ehrlich daran.

Aber hatte er darum ein inneres Recht, diesem schwersten und doch

wichtigsten Kampfe jedes denkenden Menschen feige auszuweichen? Nein!

Nur auf das mühselige und sicherlich aussichtslose Ringen im Dienst

einer ihn quälenden und jetzt genau so wie früher ihn unsagbar

verletzenden Wissenschaft wollte er von heute an endgültig verzichten.

Nicht Gott zu erwissen galt es ihm fürderhin -- nein, ihn zu erfühlen,

ihn zu erleben wollte er von nun an trachten.

Es gab sicherlich vielerlei Arten, Gott mit der Seele zu suchen und zu

erfassen. Eine würde mit der Zeit auch ihm offenbar werden.

Wie machtvoll, kühn und unvergänglich erhaben hatte der Schöpfer dieser

herrlichen Formen da vor ihm in seiner Kunst nach dem Herrn der Welten

aus dem Irdischen emporgetastet.

Wie trotzig und erschütternd zugleich hatte der titanische Faustdichter

mit der einzigartigen poetischen Verkörperung menschlicher Sehnsucht,

Leidenschaft, Verzweiflung und mannhafter Tatenfreude sich seinen Gott

erstrebt?

Was den Großen nach harter Selbstüberwindung und Selbstbehauptung in

ihrer Kunst, das war ihm, dem Kleinen, vielleicht nach ähnlichen Krisen

in seinem Beruf auch dereinst vergönnt.

Von hier oben war der seinerzeit -- wie er jetzt -- am Wissen

verzweifelnde berühmteste Straßburger Student frohen Mutes

hinabgetaucht ins Leben!

Er wollte ein gleiches tun und die theologischen Schiffe hinter sich

verbrennen.

Und Kaspar Krumbholtz grüßte den Vater Rhein mit trotzigem Jauchzen

und schritt die vielen Treppen leichteren Herzens hinab, als er sie

unlängst hinaufgestiegen war.

Tags darauf nahm er seine englischen Schüler am Bahnhof zu Appenweier

in Empfang und fuhr in rechter Ferienstimmung mit ihnen nach London.

Fünftes Kapitel

Das Londoner Magdalenchen

Die Londoner Tage verbrachte Kaspar Krumbholtz wie in einem Rausch.

Eine solche Unmenge neuer Eindrücke wirbelte im Fluge an ihm vorüber,

daß er kaum zur Selbstbesinnung, geschweige denn zu einer ruhigen,

inneren Verarbeitung des Geschauten und Erlebten kam.

Die Eltern einiger englischer Knaben ließen es sich nicht nehmen, den

Lehrer ihrer Söhne gastfreundlich in ihrem Hause willkommen zu heißen

und ihm trotz der stillen Saison die Hauptsehenswürdigkeiten der

Riesenstadt zu zeigen.

Der junge Herrnhuter, der überhaupt noch keine Weltstadt gesehen hatte,

ward vor den zahllosen Monumenten, Kirchen, Staats- und Privatpalästen,

vor den Tausenden von herrlichen Kunstschätzen in den Museen und

Galerien immer stiller, ja ängstlicher, und hatte zuletzt nur noch

den einen Gedanken: Was für eine unendliche Fülle von Schönheit und

Reichtum birgt doch die große Welt, von der du bisher keine blasse

Ahnung hattest!

Erst draußen in Gottes freier Natur, in den weiten, schattigen

Stadtparks, in den stillen, weltverlorenen Gärten alter Grandensitze,

wie in Richmond und Kews garden, kam Kaspar ein wenig zur Sammlung und

zum bewußten Nachgenießen des Geschauten.

Nach und nach lösten sich Kaspars Beziehungen zu den Tramberger

Schülern und ihren Eltern, die nun meist auf ihre zum Teil paradiesisch

gelegenen Landsitze verreisten und vergeblich den jungen deutschen

Lehrer zum Mitkommen aufgefordert hatten. Ein-, zweimal hatte sich

Kaspar einen solchen Edelsitz wenigstens angesehen; aber er spürte

bei aller Gastlichkeit doch mitunter einen leisen Hauch geheimer

Verachtung, die man in diesen Kreisen der englischen gentry einem armen

Präzeptor gegenüber ebenso hegt, wie etwa in gewissen Kreisen der

deutschen Geburts- oder Geldaristokratie. Und Kaspar, der an seinem

jetzigen Berufe mit um so größerem Stolz und um so innigerer Neigung

hing, je mehr er sich bewußt war, daß er das Beste dabei umsonst tat,

wollte sich nicht unnötig mit dem ersten besten Dienstboten auf die

gleiche Stufe gestellt wissen.

Außerdem hatte er durchaus das Bedürfnis, noch einige Tage ganz allein

und ohne Rücksicht auf loberpichte Eingeborene sich in das bunte

Treiben der an imposanten wie düsteren Bildern und insonderheit an

schonungslosen Kontrasten überreichen Riesenstadt zu versenken.

Auch in das soziale Leben der ärmeren Volksschichten wollte Kaspar gern

einige Blicke tun, um so am ehesten ein Verständnis der praktischen

Arbeit am Reiche Gottes zu gewinnen. So besuchte er zum Beispiel an

den Sonntagen in den Parks die gewaltigen öffentlichen Versammlungen

der verschiedensten Interessentengruppen, der Bäcker und Kellner,

der Sozialisten und Anarchisten, der wütendsten Gottleugner und der

übertriebensten Gottverehrer, wies eben kam.

Mit Staunen und Genugtuung nahm er die überlegene Gelassenheit wahr,

mit der die Londoner Behörden und Polizei all diese Leute gewähren

ließen, solange sie nur redeten oder demonstrierten. In dem wogenden

Tohu-Wabohu dieser ewig gärenden Menschheitmetropole sich irgendwie

zur Geltung zu bringen, hielt allerdings schwer, und da mußte man

den danach Strebenden schon allerlei sensationelle Reklamesucht und

Aufdringlichkeit zugute halten.

Am meisten stieß den religiös keuschen Herrnhuter das

marktschreierische Gebaren der Heilsarmee ab; aber mit der Zeit,

vollends nach Orientierung durch die Leiter der Londoner Stadtmission,

ward Kaspar auch bei ihrer Beurteilung anderer Meinung. Mit der

zunehmenden Einsicht in die unendlich schwierigen Verhältnisse der

Londoner Mission wuchs die Achtung vor diesen sich oft so seltsam

gebärdenden Pionieren der Rettungs- und Evangelisationsarbeit.

Immer tiefer und tiefer drang Kaspar in die furchtbaren Geheimnisse

des sozialen Elends bei den untersten Gesellschaftschichten der

Londoner Bevölkerung; immer stärker imponierte ihm die weitverzweigte

Organisation dieser verschiedenen, äußerst geschickt jedem

besonderen Arbeitgebiet angepaßten Werke, in denen Hunderte von

aufopferungsvollen, selbstlosen Männern und Frauen an vielen Tausenden

ihrer armen Mitmenschen arbeiteten.

Unwillkürlich tauchte in Kaspar die Frage auf: Könntest du nicht

vielleicht hier einen vollgültigen Ersatz finden für den aufgegebenen

Beruf der Gottesverkündigung? Hierbei brauchte er nicht, wie bei

der Lehrerlaufbahn, ein neues, ihm wahrscheinlich unerschwingliches

Studium anzustreben. Gott dienen in der Arbeit an seinen ärmsten und

unglücklichsten Geschöpfen -- das wäre schon das Leben wert, stände

vielleicht auch höher in den Augen des Höchsten als die Erziehung und

der Unterricht der Jugend.

Immer wieder sann Kaspar darüber nach, während er tagsüber von

Shalter zu Shalter, von Home zu Home, von Asyl zu Asyl zog, während

der aufregenden Nächte, in denen er vorsichtig mit einem alten, in

Whitchapel wohlvertrauten Judenmissionar, namens Moses, durch die

Höhlen des Lasters schlich, an hunderten berauschter, verrohter, ja

vertierter Mitmenschen vorüber, in denen nur noch matte Lebensinstinkte

und die niedersten Triebe flackerten.

Aber je mehr Kaspar mit den Leitern der Rettungsanstalten und dem

Missionspersonal verkehrte, um so klarer ward es ihm, daß er zu

dieser Art Menschen nicht passen würde, und daß auch in ihnen jener

eigentümlich methodistische Hochmut lebte, der nur den Bekehrten

als gleichwertig und brauchbar anerkennt. Den kannte Kaspar aus der

Brüdergemeine gerade zur Genüge und verabscheute ihn.

Man verargte es Kaspar, wenn er in seinem Hotel der Inneren Mission

nicht pünktlich zu den Morgensegen und Sonntaggottesdiensten erschien,

und wenn er kam, mutete man ihm zu, irgendwelche Stellen aus der Bibel

vorzulesen oder auszulegen; ja, öffentlich beten und Zeugnis ablegen

sollte er. Als Kaspar sich standhaft weigerte das zu tun, bekam er

nicht nur allerlei Taktloses über die scheinbar in Weltlichkeit

erstarrte Brüdergemeine zu hören, sondern er mußte es auch eines

Abends vor allen Angestellten und Dienstboten mit anhören, daß einer

dieser Apostel in einem öffentlichen Kniegebet den Herrn Jesus unter

Tränen bat: unsern lieben, noch nicht zu rechter Buße und Gnade

durchgedrungenen Bruder Krumbholtz der schnöden Gleichgültigkeit zu

entreißen, ihn aufzurütteln und zu erwecken zu seinem ewigen Heile.

Sichtlich verletzt erhob sich Kaspar und zog sich auf sein Zimmer

zurück. Mit dieser ungestümen Art, sich Gott zu erzwingen, hatte er in

Gotteshaag abgeschlossen; er wollte sich nicht von neuem in Unruhe und

Verzweiflung hineinhetzen lassen.

Er beschloß daher so bald wie möglich abzureisen.

* * * * *

Da klopfte es noch zu später Stunde leise an seine Tür, und ein

auffallend liebliches Mädchen huschte vorsichtig und etwas verlegen

herein. Kaspar hatte die junge Dame schon einige Male im Kontor unten

gesehen und nahm an, sie wolle irgendetwas Geschäftliches mit ihm

erledigen.

Auf seine englische Anfrage erwiderte sie ihm jedoch im besten Deutsch:

sie sei aus Bremen und hätte nur das Bedürfnis, sich heimlich einem

Landsmann anzuvertrauen.

Kaspar nannte seinen Namen und stellte sich der Dame, bei deren

Namensnennung er nur den Vornamen, Irmgard, verstand, zur Verfügung,

falls er ihr irgendwie dienlich sein könne.

Die hübsche Bremerin lächelte, setzte sich und begann erst scheu, dann

immer zutraulicher zu erzählen:

»Verzeihen Sie, ich habe Sie schon all die Tage über beobachtet,

Herr Krumbholtz. Ich habe mich auch ein wenig um Sie gesorgt, denn

ich merkte sehr wohl, daß man überall Netze auswarf, um auch Sie zu

bekehren und womöglich für dieses Missionswerk einzufangen.«

Kaspar schüttelte den Kopf und sagte: »Ich glaube, mein Fräulein, da

irren Sie sich doch. Ich bin auch zurzeit gar nicht mein eigner Herr,

und ich denke, heute abend --«

»Ja, sehn Sie, das hat mir ja so gut an Ihnen gefallen, daß Sie den Mut

hatten, aufzustehen und diese professionellen Seelenfischer einfach

stehen zu lassen. Nur darum habe ich es auch gewagt, hier so heimlich

zu Ihnen zu kommen.«

»Schön, und was haben Sie mir anzuvertrauen?«

Kaspar Krumbholtz · 第 3 / 20 段