»So, so, Sie haben schon bezahlt,« begütigte Herr Breutel mit trauriger

Gebärde, »das tut mir recht leid, denn mir gesagt hat sie natürlich

wieder nichts, die Tücksche! Also dann verzeihen Sie nur untertänigst,

Herr Doktor, -- ja was ich nur sagen wollte -- meine Frau, ja -- ja

-- hm -- ach -- wenn Sie doch von nun an die Güte haben wollten, mir

die Miete zu geben -- ja, ich darf wohl bitten! Ich, ich möchte mich

da nicht so näher auslassen, Herr Doktor werden schon verstehen! Also

nicht wahr, zum nächsten Ersten bitte ich ganz ergebenst um den Betrag;

ich werde Ihnen darüber auch eine rechtmäßige Quittung ausstellen.

Womit ich mich Ihnen hochachtungsvoll empfehle. Nichts für ungut, Herr

Doktor, ich bitte die Störung gütigst zu entschuldigen -- angenehme

Ruhe, guten Bonjour, Herr Doktor, atjee wünsch ich, atjee!«

Kaum hatte sich der lange Käsehändler dienernd zur Tür hinausgewunden,

da klingelte es draußen heftig. Allerlei Scheltworte waren zu hören,

und wieder klopfte es bei Sebalt, der sich eben erst von neuem

hingestreckt hatte und grimmig »herein« rief.

Ein robuster, bärtiger Mann trat polternd herein, stellte sich,

breitbeinig hin- und herwuchtend, als Hauswirt und Kohlenhändler Wuppke

vor, und bat mit dem jungen Herrn betreffs der Miete Rücksprache nehmen

zu dürfen.

»Zum Donnerwetter,« fuhr nun Hans Sebalt los, »wieviel Leuten soll ich

denn hier meine Miete berappen, da hört sich doch alles auf!«

Herr Wuppke lächelte perfide und meinte dann wohlwollend: »Sie sind ja

wohl fremd und jung, und da fällt man eben leicht mal rein. Es sind

hier etwas mulmige Verhältnisse, in die Sie geraten sind. Der Kerl da,

der soeben bei Ihnen war, kommt gerade aus dem Kittchen. Er hat so

allerlei schöne Sachen auf dem Gewissen, von denen sich ein reeller

Geschäftsmann wie unsereins fern hält. Na und jetzt mit seiner Frau,

das ist ja auch nicht gerade kulant, aber schließlich -- was gehts mich

an --«

»Wenn Sies wissen,« unterbrach ihn Sebalt neugierig, »dann wäre ich

Ihnen verbunden für Aufklärung, damit ich endlich einmal genau weiß,

woran ich bin.«

»Schön, sollen Sie haben, junger Mann! Also, was der Breutel is,

sagt ich ja schon. Und seine Frau ist sonst gar nicht übel. Aber sie

paßten halt schlecht zusammen. Kommt so vor. Kinder gabs keine, aber

um so mehr Zank. Natürlich gab jeder dem andern die Schuld, bis der

blöde Emanuel dann eines Tages mal hinter den schwedischen Gardinen

verschwinden mußte. Da hat sich denn die resolute Breuteln rasch

entschlossen, den Gegenbeweis anzutreten mit nem schneidigen Vize

von drüben. Und richtig, als der Emanuel vom behördlichen Nachdenken

wiederkam, da war er der unschuldige Vater von zwei noch unschuldigeren

Göhren. Ach du lieber Gott! Der hat nicht schlecht gejammert! Fluchen

kann er ja nicht, das schleimige Schalaster; aber scheiden will er sich

auch nicht lassen, und ich glaube, die arme Frau kommt nicht los.«

»Sind ja nette Verhältnisse,« knurrte Sebalt, »in die ich da

hineingeraten bin; aber schließlich, was hat das mit Ihrer

Mietforderung zu tun?«

»Das kommt nun noch,« erklärte Wuppke höhnisch, »also der Kerl bezahlt

mir keine Miete, und da habe ich ihm gekündigt, hab ihn auch stantupeh

verklagt, und hier junger Mann (er holte einen Schein aus seiner Tasche

hervor) -- hier sehn Sie die gerichtliche Erlaubnis, daß ich auch die

Aftermieter ranziehen darf, falls ich sie den Breutels nicht überhaupt

verbiete, wozu ich nämlich auch das Recht hätte.«

Da öffnete sich plötzlich stürmisch die Tür, und die Wirtin Sebalts,

die stattliche Frau Breutel, rauschte herein, hochrot vor Zorn, wie

eine gereizte Pute.

»Um Verzeihung, Herr Doktor,« mischte sie sich sofort ein, »es tut

mir unendlich leid, daß Sie gleich solche Schererei haben. Sie haben

mir die Miete ordnungsgemäß bezahlt, und da sorgen Sie sich gar

nicht. Ich bringe schon alles in Ordnung. Das ist mein notwendiger

und selbstverdienter Unterhalt als Frau, den mir niemand abstreiten

kann, weder der erbärmliche Kerl von unten aus dem Butterladen, der

sich -- Gott seis geklagt -- noch immer als mein Mann ausgeben darf,

noch dieser Herr da, der uns zum nächsten Januar exmittieren lassen

und klagen darf, so viel er will, aber hier in meiner Wohnung vor

der Hand gar nichts zu suchen hat. Also ich bitte, Herr Wuppke, Sie

verlassen mal augenblicklich diese meine Wohnung, oder ich hole nicht

nur die Polizei, sondern ich ziehe auch mein gestriges Angebot zurück,

Ihnen wenigstens für diese meine Wohnung -- der Butterladen geht mich

ja nichts an -- die Miete zu zahlen. Also bitte, wirds nun bald, Herr

Wuppke? Sie haben hier nichts zu suchen!«

»Oho,« antwortete der Kohlenhändler brummig, »ich kann diesen Herrn

hier besuchen, das steht mir durchaus frei.«

»Ich danke aber gütigst für Ihren Besuch,« fiel nun Hans Sebalt

schlagfertig ein, »ich bin jedenfalls kraft meiner Zahlung hier in

diesem Zimmer Hausherr und bitte Sie dringend, mich nicht weiter

zu belästigen! Klagen Sie meinetwegen, gegen wen Sie wollen; aber

respektieren Sie gefälligst mein Hausrecht in meinen vier Pfählen! So

-- ich habe die Ehre, Herr Wuppke.«

Damit wandte sich Hans Sebalt mit der Grandezza eines Spaniers ab und

ließ den verblüfften Kohlenhändler stehen, der nun wirklich murrend

seiner Wege ging, während Frau Breutel ihm triumphierend nachsah.

Nachdem Sebalt, einigermaßen belustigt, sich seine ausgegangene

Herrnhuterzigarre abermals angezündet hatte, sprach ihm seine Wirtin

mit großer Beredsamkeit ihre Hochachtung, ja Bewunderung aus. Der Herr

Doktor, meinte Sie schließlich, solle sich nur nicht sorgen und etwa

darum ausziehen; sie werde ihm von nun an schon Ruhe schaffen, auch vor

dem Butterhändler da unten, der eigentlich gar nichts mehr bei ihr hier

zu suchen hätte, wenn die Gerichte ein Einsehen hätten. Über sie solle

der Herr Doktor jedenfalls nicht zu klagen haben, sie sei eine saubere

Frau.

Hans Sebalt erklärte ihr kurz: er wäre noch lange nicht Doktor; mit dem

Ausziehen, das würde er sich noch überlegen.

Nachdem Frau Breutel mit devoter Freundlichkeit und einer gewissen

Koketterie sich verabschiedet hatte, trat Hans Sebalt befriedigt

lächelnd an sein Aussichtfenster und dachte bei sich: Schade, daß ich

heute früh bei Quästur und Polizei nicht auch so habe abschneiden

können. Aber warte nur, die Polizei kriegen wir schon, und die Quästur

am Ende auch noch. Jetzt schreibe ich nach Berthelsburg, und dann

gehe ich zum englischen Konsul. Und das mit dem famosen Breutelschen

Ehepaar, das kann ganz interessant werden. Wer sich wohl solche

Verhältnisse zu Gotteshaag hätte träumen lassen! Ja -- die Großstadt --

das ist freilich eine andere Welt.

Hans Sebalt war ausgezeichneter Laune.

* * * * *

Die hohe königlich sächsische Polizeibehörde zog wirklich den Kürzeren

in der Sache Sebalt, und das noch höhere königlich sächsische

Kultusministerium hatte schließlich auch ein Einsehen. Johannes Karl

Rudolf Sebalt aus Witewater im Kapland ward +rite+ immatrikuliert

als +studiosus philosophiae+.

Als er nun glücklich am ersehnten Ziele war, kam ein frohes, stolzes

Gefühl über ihn, und er beschloß, den großen Tag mit einer kleinen

Abendunternehmung zu feiern.

Längst schon hatten allerlei Bier- und Weinlokale, zumal die mit

Kellnerinnenbedienung, den frauenunkundigen jungen Herrnhuter gereizt;

aber solange Hans mit der Polizei auf gespanntem Fuße stand, hatte er

sich nicht allzu viel aus seinem Bau getraut. Jetzt, zumal im Besitz

einer Studentenkarte, stand ihm die Welt von neuem offen, und auch

die Geheimnisse der Großstadt, die er vor allem in Kneipen vermutete,

durfte er nunmehr wohl ohne Bedenken zu ergründen suchen.

So stieg er denn gegen Abend mit keckem Mute in den ersten besten

Bierkeller der Altstadt hinab.

Der dumpfe, langgestreckte, aber blendend erleuchtete Raum war sehr

voll; die vielbeschäftigte Kellnerin stellte rasch das bestellte Glas

Bier hin und nahm sonst auch nicht die geringste Notiz von dem am

heutigen Tage richtig immatrikulierten Studiosus der Philosophie.

Das behagte Herrn Sebalt wenig, auch sonst war so gar nichts Besonderes

zu entdecken. Viel Lärm, viel Rauch und schlechte Luft; kein Mensch

kümmerte sich um ihn. Sebalt trank aus, zahlte und stieg ein wenig

enttäuscht wieder zur Straße hinauf.

Sollte er es einmal mit einem Café versuchen? Es gab da allerlei

Lokale dieser Art mit romantischen Namen. Also hinein und einen Kaffee

bestellt.

Aber o weh -- hier bedienten Kellner. Es war gar nichts los!

In einem zweiten warteten zwar wohlfrisierte Mädchen auf, aber sie

setzten Herrn Sebalt nur freundlich das Backwerk vor die Nase und

gingen eilends ihrer Wege, obwohl er ihnen einen freundlichen Blick und

schließlich im Vorübergehen einige verbindliche Worte spendete.

Ärgerlich verließ er auch dieses Café und ging erwartungsvoll in

eine Bierstube, in der eine zigeunerhaft kostümierte Damenkapelle

konzertierte. Hier wurde Hans Sebalt ein wenig mehr Geld los, da nach

jedem Stück eine recht niedliche Zigeunerin einsammeln kam; aber

anzubändeln gelang ihm auch hier nicht, und gerade dazu hatte er heute

in seiner Siegesstimmung Lust.

Wieder entfloh er der aussichtlosen Zigeunerhöhle und überlegte hin und

her, ob er es nicht nunmehr mit einer Weinstube versuchen sollte.

Das konnte freilich ein teurer Spaß werden; aber noch war er gut bei

Kasse, und der Tag wollte einmal gefeiert sein! Später konnte er ja

um so mehr sparen; ein ehemaliger Gotteshaager Student, der an 16 Mark

Taschengeld monatlich gewöhnt war, konnte trotz der Kosten für Logis

und Unterhalt mit 100 Mark ganz schön auskommen. Also vorwärts hinein

in die lockende Weinstube mit der bunten Laterne!

Und richtig -- hier war es ziemlich leer. Verlockende Lauben und

Nischen mit diskreter Beleuchtung waren vorhanden. Schon stürzte

auch eine vollbusige Hebe eilends auf den Ankömmling zu, nahm ihm

freundlichst den Hut ab und fragte mit verführerischem Lächeln: »Nun,

Blondchen, was trinken wir? Schampus gefällig?«

Hans Sebalts Herz begann ein wenig zu klopfen; auf Champagner war

er nicht vorbereitet. Rasch jedoch fand er seine wohleinstudierte

weltmännische Sicherheit wieder und sagte überlegen: »Bringen Sie mir

eine Mosel.«

»Sehr wohl, mein Herr!« antwortete die Kellnerin schon etwas kühler,

»befehlen der Herr eine Flasche Bernkastler Doktor oder Graacher

Himmelreich?«

Jetzt wurde Hans Sebalt wieder ein wenig verlegen, setzte sich aber

einstweilen zur Fassung gemächlich in eine der düstersten Nischen und

bat möglichst blasiert um die Weinkarte.

»Weinkarte führen wir keine,« erwiderte resolut das stattliche

Frauenzimmer, »unsere Gäste wissen schon, was für Weine wir haben.

Den Bernkastler Doktor kann ich dem Herrn sehr empfehlen, aber das

Himmelreich ist auch sehr schön.«

»Haben Sie keine anderen Sorten?«

Ein Weinkenner war Sebalt nicht. In diesem Augenblick fiel ihm jedoch

ein, daß er ja einmal beim Abiturientenschmaus in Bethel mit Kaspar

zusammen eine Flasche Moselblümchen getrunken hatte, und so fragte er

so großartig wie nur möglich nach dieser Marke.

Die Kellnerin erwiderte verächtlich: »Solches Planschzeug führen wir

hier nicht. Aber wenn der Herr nicht viel ausgeben will, so kann er ja

auch ein Glas Portwein haben.«

»Richtig,« fiel Hans Sebalt, wieder ganz Weltmann, ein, »jawohl,

bringen Sie mir ein Glas Portwein, mein schönes Fräulein, vielleicht

trinken Sie auch eins mit?«

»Aber gern!« flötete nun wieder gnädiger die Hebe und besorgte rasch

den Auftrag, während sich Hans Sebalt innerlich zu diesem billigen

Ausweg beglückwünschte.

Der Wein kam, man stieß an und begann zu schwatzen.

Die Kellnerin nannte sich auf seine Anfrage Kathi, und Sebalt gab

sich als Otto aus. Eben wollte er weiteres erfragen, da bat Kathi um

Erlaubnis, sich ein zweites Glas holen zu dürfen.

»Aber bitte,« sagte Sebalt galant und war nicht wenig erstaunt, als

seine Gesellschafterin gleich mit zwei Gläsern zurückkehrte in der

Annahme, der Herr Doktor werde doch unterdessen auch ausgetrunken

haben.

»Zum Wohl, Herr Doktor, aufs Spezielle +sine sine+!« rief Kathi

übermütig lachend. Man stieß abermals an.

Dann tätschelte die rundliche Hebe ihren Partner zärtlich, guckte ihm

verführerisch lachend in die Augen und fragte ihn mundspitzend, ob sie

ihrem süßen Ottchen nicht noch ein Glas mitbringen könnte, sie dürfe

sich ja gewiß auch wieder eins holen.

Hans Sebalt ward es nun doch ein wenig ungemütlich zumute; er dachte an

seinen Geldbeutel, an die Väter in Berthelsburg, und schwankte. Aber

gerade jetzt schien es doch interessant und vielleicht gar pikant zu

werden -- ach was -- er wollte die Welt sehen und auch mal das Weib

studieren -- die zwei Glas würden sich schon wieder heraussparen

lassen.

Also Hans Sebalt nickte höchst huldvoll Gewährung, und Kathi flog

davon, um bald darauf mit neugefüllten Gläsern, einem Kaviarbrötchen

und drei Zigaretten wiederzukommen.

»Gelt, du erlaubst mir, Blondchen,« entschuldigte sie ihre

Proviantzufuhr, »daß ich dazwischen eine Kleinigkeit esse, und

dann muß ich immer ein paar Züge tun. Darf ich dir nicht auch einen

Weinhappen bringen, deine Zigarre geht ja gerade zu Ende.«

Hans Sebalt schmunzelte. Die Sache ging recht rasch -- schon beim du --

also nur weiter! Der Weinhappen ward bewilligt, und eine gute Havannah

brachte Kathi dem süßen Blondchen selbstverständlich mit und rauchte

sie ihm sogar mit vollendeter Grazie an.

Dann setzte sie sich recht nahe zu ihm heran, legte wie von ungefähr

den Arm um Sebalt, so daß dieser ihres stattlichen Busens üppige Fülle

zu spüren bekam, und sagte mit dem verklärtesten Augenaufschlag: »Weißt

du, was ich jetzt möcht, Dickerchen?«

»Vielleicht einen Kuß,« erwiderte Sebalt scheinbar kühl und keck,

obwohl ihm die völlig ungewohnte Nähe eines anmutigen Frauenkörpers

anfing die Sinne aufzuregen.

»Ha -- warum nit,« meinte Kathi herausfordernd lachend, »aber an

Schampus dazu darfst mir dann schon spendieren. Weißt, Schatzerl, wir

nehmen an Halben -- für uns zwa langts schon. Gelt -- ich darf?«

Und ehe Hans Sebalt noch ein Wort entgegnen konnte, war die flinke

Kathi auf und davon und kehrte bald mit einer kleinen Flasche

Champagner zurück, aus der sie zwei hohe Spitzgläser voll eingoß.

Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel.

Mit studentischer Eleganz trank Kathi Brüderschaft mit ihm und gab ihm

einen schallenden Kuß. Es war der erste, den Hans Sebalt von einem ihm

fremden jungen Weibe bekam; aber er hat sich seiner nie gern erinnert,

denn was darauf folgte, war einigermaßen schmerzlich.

Als die listige Kathi ihren Angriff auf Blondchens Herz und Geldbeutel

gar zu energisch fortsetzen wollte, erwachte Sebalts gesunder

Menschenverstand doch rasch. Er bat trotz aller Gegenvorstellungen

Kathis um die Rechnung und wollte schier in den Boden sinken vor

Schrecken, als ihm die neue Bruderliebe mit aller Grazie, die ihr zu

Gebote stand, 21 Mark und 20 Pfennige zusammen rechnete.

Hans Sebalt erbleichte. Das waren einundzwanzig Mittagessen -- für

einen Kuß! Und mit dem Bezahlen hatte das auch Schwierigkeiten. Ein

Zwanzigmarkstück hatte er zwar eingesteckt, aber das Kleingeld mußte er

noch aus allen Taschen zusammensuchen, ja schließlich gar die letzten

Briefmarken drauflegen.

In dieser etwas kläglichen Situation ging der Weltmann in Hans Sebalt

vorübergehend unter.

Als nämlich Kathi mit der grausamen Ruhe einer Königin, die einen

Tribut unterworfener Fürsten abnimmt, auch noch um ein Trinkgeld bat,

ward Sebalt grob.

Darauf meinte Kathi schnippisch: »Wenn du halt ka Gölld hast, Kloaner,

darfst net in a Weinstub sponsieren gehn,« und ließ den Grobian stehen.

Mit nicht völlig gewahrter Haltung und ohne Gruß verließ der junge

Herrnhuter die Weinstube.

Sein heißer Drang nach Weltgenuß und Weibessüße war zunächst gehörig

abgekühlt. Der Weg zu Fuß nach Gohlis tat ein übriges.

* * * * *

In den nächsten Wochen gab es kaum einen fleißigeren Studenten in

Leipzig als Hans Sebalt.

Trotz des schönsten Wetters besuchte er Kolleg um Kolleg mit der

Pünktlichkeit eines Gotteshaager Seminaristen, holte sich ganze

Stöße von Büchern aus der stattlichen Universitätbibliothek, las und

exzerpierte bis spät in die Nacht und fing wirklich nach und nach an,

festen Fuß auf dem Boden seines neuen Studiums zu fassen.

Auch an Sparsamkeit fehlte es nunmehr nicht; der Abend bei Kathi wurde

richtig dadurch wieder wettgemacht, daß Hans Sebalt eine Zeitlang nur

alle zwei Tage ordentlich zu Mittag aß. Damit es aber seine Wirtin,

die ihren Doktor übrigens mit peinlichster Sorgfalt bediente, nicht

merkte, ging er um die Mittagzeit regelmäßig ein wenig ins Rosental

spazieren, wo der Frühling gerade alle seine Minen springen ließ.

Auch hübsche Mädchen gab es im Rosental die Hülle und Fülle. Besonders

eine schlanke Brünette mit einem stolzen, elastischen Gang fiel Hans

Sebalt auf, da sie meist um die gleiche Zeit -- so etwa gegen drei Uhr

-- scheinbar ohne große Eile, der Stadt zuwanderte. Von Zeit zu Zeit

gelang es dem Studenten wohl, einen erstaunten, wenn auch nicht gerade

sehr freundlichen Blick des Mädchens bei der fast täglichen Begegnung

zu erhaschen, und bald war es Sebalt, als fehle ihm etwas, wenn er

einige Tage hindurch, wie es mitunter durch die Kollegs nötig wurde,

den Anblick der Brünetten entbehren mußte.

Schließlich wurden Neugier und Interesse in dem Studenten übermächtig,

und so beschloß er eines schönen Nachmittags zu ermitteln, wohin die

Geheimnisvolle ging.

Ganz einfach war diese Ermittelung nicht, denn das Mädchen hatte

scheinbar Sebalts Absicht gemerkt und suchte ihn durch gelegentliches

Verschwinden in irgendeinen Laden, in einen der tückischen

Durchgangshöfe, oder in ein großes Haus zu täuschen.

Je schwieriger jedoch die Nachforschung wurde, um so vergnüglichere

Aufregung bereitete sie Hans, bis er eines Tages als ziemlich sicher

annehmen konnte, daß die interessante Unbekannte in irgendwelchen,

ihm noch dunklen Beziehungen zu einem großen Tanzrestaurant namens

Monplaisir stehen mußte, in dem Sonntags und zweimal wöchentlich

öffentliche Tanzbelustigungen abgehalten wurden.

Nun war guter Rat teuer, denn tanzen konnte der sonst so vielgewandte

Hans Sebalt nicht. Er hatte es wohl einmal heimlich mit Kaspar zu

Gotteshaag versucht, aber nur der gymnastisch geübtere Freund war des

tückischen Walzerschritts einigermaßen Herr geworden.

Jetzt erwachte die Lust und der Ehrgeiz Sebalts von neuem.

Zunächst besuchte der junge Herrnhuter, dessen Finanzen

sich im nächsten und vollends im übernächsten Monat von der

Weinstubenniederlage trotz der hohen Kolleghonorarausgaben wieder

einigermaßen erholt hatten, mehrfach als Zuschauer das Tanzlokal, in

dem er aber trotz aller Mühe die stolze Brünette weder im Saal noch am

Büffet ausfindig machen konnte. Auch im Rosental traf er sie nicht mehr

zu seinem Leidwesen, konnte aber feststellen, daß sie trotzdem auch

weiterhin in Monplaisir zu tun hatte.

Das Interesse Hans Sebalts wuchs weiter mit den Schwierigkeiten, sich

der Geheimnisvollen zu nähern. Schließlich geriet der sonst so kühle

Hans in eine innere Unruhe, daß er sich immer dringender die ihm etwas

ehrenrührige Frage vorlegen mußte, ob er nicht auf dem besten Wege

wäre, sich bis über die Ohren zu verlieben.

So kam Hans Sebalt immer öfter zu den Tanzabenden nach Monplaisir,

fand immer mehr Gefallen an dem bunten, mitunter recht ausgelassenen

Treiben, bis ihn eines Tages ein Kommilitone aus dem Kolleg begrüßte

und ihn ganz harmlos fragte, warum er denn nie tanze.

Hans Sebalt ward ungewöhnlich verlegen. Er mochte weder gleich

verraten, daß er Herrnhuter wäre, noch eingestehen, daß er gar nicht

tanzen könne, also antwortete er ausweichend: er wolle sich das erst

ein bißchen ansehen, im Winter würde er schon gern einmal tanzen, jetzt

im Sommer sei es doch ein wenig warm.

Der Student sah ihn mit lustigem Blinzeln an und sagte dann lachend:

»Sie Schlauberger, ich glaube, Sie können ebensowenig tanzen wie ich?«

Nun mußte der kluge Sebalt wohl oder übel Farbe bekennen. Die

Kommilitonen stellten sich lustig als Leidensgefährten vor, und nach

einem gemütlichen Schwatz beschlossen beide, im nächsten Semester

zusammen Tanzstunden zu nehmen.

Spät trennte man sich, sah sich vor Schluß des Semesters noch öfter und

ward bald gut Freund.

Niemeyer, so hieß der neue Bekannte, besuchte Sebalt mehrfach auf

seiner Bude, die er als höchst schlemmerhaft bezeichnete, und teilte

ihm unter anderem auch das Resultat seiner Erkundigungen über die

Tanzstunde mit. Die Sache könne ungefähr sechzig bis achtzig Mark

kosten.

Hans Sebalt erschrak. So viel Geld würde er wohl schwerlich auftreiben

können; überdies standen die kostspieligen Ferien vor der Tür, und

er wußte nicht recht wohin. Sich elf Wochen zu den Eltern ins alte

Gnadenzeller Pilgerhaus zu setzen, konnte er schwerlich über sich

gewinnen.

Da fielen ihm zur rechten Zeit die Redaer Gastfreunde ein, und rasch

entschlossen schrieb er ein nettes Briefchen an seine alte Gönnerin,

die gute Mama Winkler. Wenn die ihn einlud, war die Tanzstunde möglich.

Und ein Mann von Welt mußte doch unbedingt tanzen können!

Viertes Kapitel

Der Gottsucher

Der »Chef«, Bruder Nitschke, hatte wirklich recht behalten: es ließ

sich leben in Tramberg, zumal im Sommer, als das bunte Kurtreiben

begann.

Auch in der Anstalt ging Kaspar Krumbholtz »das Leben gar lieblich

ein«, immer freudiger tat er seinen Dienst.

Die Kollegen waren kameradschaftlich und gefällig. Mit den Herren

seiner Reihe, Kratt, Muffke und Knortz, entwickelte sich sogar ein

humorig freundschaftlicher Verkehr in und außer dem Hause.

Der so gern grimmig dreinschauende Hesse war ein urbehaglicher

Kneipkumpan, der bei einem »Viertele« Markgräfler die allerlustigsten

Studentengeschichten aus Marburg und Gießen erzählen konnte, die durch

einen soliden Oberförsterzuschnitt erst recht wirkungsvoll wurden.

Die beiden Mecklenburger waren einem guten Trunke auch nicht

abgeneigt; aber beide, armer Leute Kind und noch zu keinem Abschluß

ihrer Studien gelangt, sparten sie womöglich jeden Pfennig für die

Zukunft, entschädigten sich dafür in Wald und Wiese reichlich mit

Sammeln von allerlei Insekten, Gewürm und Geziefer, auch im Angeln und

Krebsegreifen waren beide treffliche Meister.

So kam es wohl vor, daß oben auf der Lehrerstube von den kochgewandten

Obotriten noch spät abends ein feldmarschmäßiges Krebsessen zubereitet

wurde. Fehlte es einmal an Spiritus, dann wurden kurzer Hand einige

Schlangen oder Kröten aus dem Naturalienkabinett auf Ebbe gesetzt.

Max und Moritz schreckten vor keiner Schwierigkeit zurück. Ja,

sie stiegen sogar eines Abends, als die sonst stets aufmerksame

Hausschlüsselbewahrerin, Mutter Frutsch, aus Versehen doch einmal vor

Mitternacht zu Bett gegangen war, forsch und frech durch ein schnell

zertrümmertes Fenster der unteren Lehrerstube ein und ließen dann

kaltblütig auf Hausrechnung eine neue Scheibe einziehen.

Der Mitdirektor erfuhr es freilich und hielt seinen beiden »bösen

Buben« am nächsten Teeabend eine sehr humoristische Standpauke, während

der »Chef«, der von dem Unfug schließlich auch auf allerhand Umwegen

Kenntnis erhalten hatte, kein Wort darüber verlor, den Missetätern

aber zu ihrem Ärger die Rechnung zur gütigen Begleichung zugehen ließ.

Mit seinem Stubenkollegen Schnäbele stand Kaspar Krumbholtz ganz

ausgezeichnet, auch mit Schlegelmeyer kam er leidlich aus, zumal er ja

wenig mit ihm zu tun hatte.

Auf der vierten Stube ging alles im gewohnten Geleise; Kaspar war

viel zu klug und zu sehr von der bewährten Weisheit »Papa Schnäbeles«

überzeugt, als daß er irgendwelche Änderungen hervorgerufen hätte.

Ronald und seine englischen Peers lobten sogar Mister Kobolz, der

fast nie zu strafen nötig hatte, da er vom ersten Tage an den Knaben

durch Ruhe und Konsequenz imponierte, aber auch durch Vertrauen und

kameradschaftliche Anteilnahme ihr Herz gewann.

Im ganzen hielt er nach seiner Art gern zurück nach dem alten

Grundsatz: Ein Herrscher, der zu oft eingreift, schwächt seine Wirkung.

Und die etwas aristokratische Selbstverwaltung der kleinen

Stubenrepublik funktionierte unter des Menschenkenners Ronald Führung

wirklich nicht übel.

Kaspar Krumbholtz · 第 2 / 20 段