Der Parnon verschwindet und taucht wieder auf. Die Gegend gewinnt,

nachdem wir die Paßhöhe überschritten haben, an Großartigkeit. Einige

der vielen steinigten Hochtäler, die man übersieht, zeigen Baumwuchs

inselartig in ihrer Tiefe. Es ist mir, so lange mein Auge durch diese

uferlosen, kochenden Wüsteneien schweift, als ob ich das traurig-nackte,

ausgetrocknete Griechenland mit einem Mantel grüner Nadelwälder bedecken

müßte, und meine Träumereien führen Armeen tätiger Menschen hierher,

die, vom sorglich gepflegten Saatkamp aus, in geduldiger Arbeit Arkadien

aufforsten. Mit tiefem Respekt gedenke ich der zähen Kraft und

Tüchtigkeit jener Männer und Frauen meiner engeren Heimat, auch derer

mit krummgezogenem Rücken, die den Forst ernähren, mehr wie sie der

Forst ernährt, und mit Staunen vergegenwärtige ich die Schöpferkraft,

die in der harten Faust der Arbeit liegt.

Wir halten Rast. Die Herberge ist an eine Krümmung der Bergstraße

gestellt. Unter uns liegt ein weites Tal, das der Taygetos mit einer

Kette von Schneegipfeln mächtig beherrscht. Der Himmel glüht in einer

fast weißen Glut. Hügelige Abhänge in der Nähe, von Olivenhainen

bestanden, erscheinen ausgebrannt.

Unsere Herberge hat etwas Japanisches. Das Schilfdach über der

schwankenden Veranda, auf der wir stehen, ist durch dünne Stangen

gestützt. Unten klingeln die müden Pferde mit ihren Halsglöckchen. Die

trinkfrohen Lehrer aus Sparta haben uns eingeholt und sitzen lärmend

unten im Gastzimmer. Wir werden in ein oberes Zimmer geführt, dessen

Dielen dünn wie Oblaten sind. Durch fingerbreite Fugen zwischen den

Brettern können wir zu den Lehrern hinabblicken. Der Kurier trägt ein

Frühstück auf. Indessen schwelgen die Augen und ruhen zugleich im jungen

Blättergrün eines Pappelbaums, der, vom heißen Winde bewegt, jenseits

der Straße schwankt und rauscht.

Nachdem wir gegessen haben, ruhen wir auf der Veranda aus. Bei jedem

Schritt, den wir etwa tun, schaukelt die ganze Herberge. Zwei Schwalben

sitzen nahe bei mir unter dem Schilfdach auf der Geländerstange. Überall

um uns ist lebhaftes Fliegengesumm.

Wir haben vor etwa einer Stunde das Kahni verlassen, wo uns die Lehrer

aus Sparta eingeholt hatten. Ihr Einspännerwägelchen stand, als wir

abfuhren, vor der Tür und wartete auf die indessen lustig zechenden

Gäste. Sonderbar, wie in diesem heißen, stillen und menschenleeren Lande

die brave Turnerfidelitas anmutete, die immer wieder in einem gewaltigen

Rundgesang gipfelte!

Die Straße beginnt sich stärker zu senken. Wir fahren weite Schlingen

und Bogen an tiefen Abstürzen hin, die aber jetzt den Blick in eine

immer reicher ausgestaltete Tiefe ziehen. Wir nähern uns der Gegend von

Sparta, dem schönen Tal des Eurotas an.

Es ist eine wundervolle Fahrt, durch immer reicher mit Wein,

Feigenbäumen und Orangenhainen bestandene Abhänge. Ziegen klettern zur

Linken über uns und zur Rechten unter uns. Lieblich gelegene

Ansiedelungen mit weißem Gemäuer mehren sich, bis wir endlich das flache

Aderngeflecht des Eurotas und zugleich die weite Talsohle überblicken

können.

Fast wie Vögel senken wir uns aus gewaltiger Höhe auf das moderne Sparta

herab, das, mit weißen Häusern, aus Olivenhainen, Orangengärten und

Laubbäumen, weiß heraufleuchtet. Es ist mir dabei, als beginne das

strenge und gleichsam erzene Wort Sparta, sich in eine entzückende,

ungeahnte südliche Vision aufzulösen. Eine augenblendende Vision von

Glanz und Duft.

Ich kann nicht glauben, daß irgendein Land an landschaftlichen Reizen

und in der Harmonie solcher Reize mit dem griechischen wetteifern

könnte. Es zeigt den überraschendsten Wechsel an Formen und überall eine

bestrickende Wohnlichkeit. Man begreift sogleich, daß auch dieses Tal

von Sparta eine festgeschlossene Heimat ist, mit der die Bewohner,

ähnlich wie mit einem Zimmer, einem Hause verwachsen mußten.

Ich möchte behaupten, daß der Reichtum der griechischen Seele zum Teil

eine Folge des eigenartigen Reichtums der griechischen Muttererde ist.

Wobei ich von dem landschaftlichen Sinn der Alten den allerhöchsten

Begriff habe. Natürlich nicht einem landschaftlichen Sinn in der Weise

moderner Malerei, sondern als einer Art Empfindsamkeit, die eine Seele

immer wieder zum unbewußten Reflex der Landschaft macht.

Zweifellos war die Phantasie im Geiste des Menschen die erste und lange

Zeit alleinige Herrscherin, aber das im Wechsel der Tages- und

Jahreszeiten feste Relief des Heimatsbodens blieb in einem gewissen

Sinne ihr Tummelplatz. Was an bewegten Gestalten von ihr mit diesem

Boden verbunden wurde, das hatte dieser Boden auch miterzeugt.

Das unbewußte Wirken des Geistes, im Kinde so wie im Greise, ist immer

wesentlich künstlerisch, und Bildnertrieb ist eine allgemein verbreitete

Eigenschaft, auch wo er sich nie dem äußeren Auge sichtbar kundgibt.

Auch der Naivste unter den Menschen wohnt in einer Welt, an deren

Entstehung er den hauptsächlichsten Anteil hat und die zu ergründen

ebenso reizvoll sein würde, als es die Bereisung irgendeines

unentdeckten Gebietes von Tibet ist. Unter diesen Naivsten aber ist

wiederum keiner, der nicht das Beste, was er geschaffen hat, mit Hilfe

des kleinen Stückchens Heimat geschaffen hätte, dahinein er geboren ist.

Ich befinde mich im Garten eines kleinen Privathauses zu Sparta. Vor

etwa einer Stunde sind wir hier angelangt. Ich habe mich beeilt, aus dem

dürftigen Zimmerchen, das man uns angewiesen hat, wieder ins Freie zu

gelangen. Es war eine sogenannte gute Stube, und es fehlte darin nicht

einmal das Makartbukett.

Irgendwie, ich weiß zunächst nicht wodurch, bin ich in diesem

Grasegarten an längst vergangene Tage erinnert. Eindrücke meines frühen

Jünglingsalters steigen auf. Ich vergesse minutenlang, daß die

verwilderte Rasenfläche unter meinen Füßen der Boden von Sparta ist.

Dann kommt es mir vor, als wandle ich in jenem kleinen Obstgarten, der

an das Gutshaus meines Onkels stieß, und etwas vom Tanze der nackten

Mädchen Spartas und erster Liebe ginge mir durch den Kopf.

Es ist aber wirklich ein Garten in Sparta und nicht das Gehöft meiner

guten Verwandten, wo ich jetzt bin. In der nahen Gartenzisterne quakt

ein spartanischer Frosch, ich schreite an einer spartanischen

Weißdornhecke hin und spartanische Sperlinge lärmen.

Auf der Konsole des Nußbaumspiegels, dessen sich das Quartier meiner

Gastfreunde rühmen kann, fand ich unter anderen Photographien auch ein

Bild, -- das Bild eines hübschen, ländlichen Mädchens! -- das mir

sogleich ins Auge fiel. Sie mag wohl längst gestorben sein oder ist etwa

vor dreißig Jahren jung gewesen, um jene Zeit, als auch das Mädchen, an

das ich mich jetzt erinnern muß, siebzehnjährig durch Garten, Hof und

Haus meiner schlesischen Anverwandten schritt.

Die Bergwand des Taygetos ist zum Greifen nahe. Die Sonne versinkt

soeben hinter die hohe Kammlinie und beinahe das ganze Tal des Eurotas

ist in Schatten gelegt. Die Landschaft ringsum ist zu dieser Stunde

zugleich heroisch und anheimelnd.

Plötzlich finde ich mich mit lebhaftem Griechisch angeredet. Ein Mann

hat mich zwischen Stachelbeer- und Johannisbeersträuchern entdeckt, ist

herzugetreten und setzt voraus, daß ich Griechisch verstehe. Kurze Zeit

bin ich hilflos gegen seine neuspartanische Zudringlichkeit, dann aber

wird im Giebel unseres Häuschens -- das übrigens, windschief, wie es

ist, von außen betrachtet unbewohnbar scheint -- ein Fenster geöffnet,

und das schöne Mädchen, die schöne Spartanerin, noch ganz so jung, wie

das Bild sie zeigte, lehnt sich heraus.

Der Mann von der Straße wird nun durch eine tiefe, sonore Frauenstimme

zurecht-, das heißt aus dem Garten gewiesen, und ich habe, mit

gebundener Zunge, Antlitz und Blick der hübschen Spartanerin über mir.

»Gott grüß euch schönes Jungfräulein

Wo bind ich mein Rößlein hin? --

Nimm du dein Rößlein beim Zügel, beim Zaum,

Binds an den Feigenbaum.«

Der irrationale Wunsch und Zwang, eine Stätte wie die des alten Sparta

zu sehen, erklärt sich zwar nicht durch den Namen Lykurg, aber doch ist

es vor allem der Genius dieses Namens, der Genius, dessen Wirken eine so

unvergleichliche Folge hatte, den man in dieser Landschaft sucht. Man

konnte nicht hoffen oder erwarten wollen, hier irgendein Jugendidyll,

auch nur in Erinnerung, sich erneuern zu sehen: dennoch nimmt mich,

statt jeder historischen Träumerei, eine solche Erinnerung jetzt in

Besitz.

Nicht zweimal schwimmst du durch die gleiche Welle, sagt Heraklit, und

es ist nicht dieselbe, die um mich und durch mich flutet, als jene

Frühlingswoge, durch die ich vor Jahren geschwommen bin: aber es ist

doch auch wieder etwas von ewiger Wiederkehr in ihr.

Ich sage mir, daß Lykurg wiederum nichts weiter, als ein großer Hirte,

ein großer Schäfer gewesen ist, der den Nachwuchs seines Volkes in

»Herde« teilte. Daß seine Gedanken in der Hauptsache sehr entschlossene

Züchtergedanken gewesen sind, wie sie aus den Erfahrungen eines

Hirtenlebens sich ergeben und zwar mit Notwendigkeit. Lykurg, der

trotzdem mit Delphi Verbindung hatte, war überwiegend ein Mann der

kalten Vernunft, gesteh ich mir, und wußte, wie keiner außer ihm, das

zeitliche Leben vom ewigen und ihre Zwecke rein zu sondern. Allein durch

alle diese Erwägungen vermag ich meine Seele nicht von dem spartanischen

Ebenbilde meiner ländlichen Jugendliebe abzuwenden.

Jungens, nicht anders wie Jungens sind, gucken über den Zaun, der hier

allerdings von dem krebsscherenartig, stachlig-grünen Gerank der Agave

gebildet ist. Sie sind neugierig, werfen Steine in blühende Obstbäume,

suchen etwas für ihre Tatkraft, stören mich. Der gleiche Fall veranlaßte

mich vor Jahren, an einem denkwürdigen Tage, aus begreiflichen Gründen

zu vergeblicher Heftigkeit, dagegen gelang es dem deutschen Urbilde der

Spartanerin, das damals neben mir durch den Grasegarten schritt, die

Knaben mit wenigen gütigen Worten zu bewegen, von ihren Störungen

abzulassen.

Nun ist das schöne Mädchen im Garten erschienen. Ich grüße sie und werde

dann magisch in die gleiche Richtung gezogen, die sie eingeschlagen hat,

und durch dasselbe Pförtchen im Heckenzaun, durch das sie verschwunden

ist.

Ich stehe auf einer kleinen begrasten Halbinsel hinter dem Garten, um

die der starke Bergbach eilig sein klares und rauschendes Wasser trägt.

Es kommt, eisfrisch, vom Taygetus. Kaum fünf Schritt von mir entfernt

haben Zigeuner ihr Zelt aufgeschlagen. Der Vater steht in guterhaltener

kretensischer Tracht, mit ruhiger Würde, pfeiferauchend, am Bachesrand.

Die Mutter, von zwei Kindern umspielt, hockt an der Erde und schnitzelt

Gemüse für die Abendsuppe zurecht, die allbereits über einem

bescheidenen Feuerchen brodelt. Zwischen den braunen, halbnackten

Kindern springt ein zähnefletschendes Äffchen umher: Dies alles,

besonders das kleine Äffchen, wird mit kindlicher Freude bewundert von

meiner Dorfschönen.

Ich sehe nun, sie ist kräftig gebaut und jünger, als ich nach dem Bilde,

nach der Erscheinung am Fenster und nach den Lauten ihrer Stimme

geurteilt hatte, wahrscheinlich nicht über fünfzehn Jahre alt. Sie

erinnert mich an den derben Schlag der Deutsch-Schweizerin. Die

Zigeunermutter hat, sobald sie meiner ansichtig wurde, ihrem singenden,

springenden Lausetöchterchen das Tamburin zugeworfen, womit es sich

augenblicklich klirrend vor mir im Tanze zu drehen beginnt. In der

Freude darüber trifft sich mein Blick mit dem der jungen Spartanerin.

Inzwischen ist alles um uns her mehr und mehr in abendliche Schatten

gesunken. Die Glocke einer nahen Kirche wird angeschlagen. Gebrüll von

Rindern dringt von den dämmrigen Weideflächen am Fuß des Taygetus. Das

ganze Gebirge ist nur noch eine einzige, ungeheure, blauschwarze

Schattenwand, die, scheinbar ganz nahe, den Bach zu meinen Füßen zu

speisen scheint, dessen Wasser blauschwarz und rauschend, wie flüssiger

Schatten heranwandelt.

Grillen zirpen. Ein märchenhaftes Leuchten ist in der Luft. Kalte und

warme Strömungen machen die Blätter der Pappeln und Weiden flüstern,

die, zu ernsten, ja feierlichen Gruppen gesellt, die Ränder des breiten

Baches begleiten.

Es ist ein Uhr nachts, aber in der Mondeshelle draußen herrscht trotzdem

dämonischer Lärm. Hühner und Hähne piepsen und krähen laut, Hunde

kläffen und heulen ununterbrochen. Mitunter klingt es wie Stimmen von

Kindern, die mit lautem Geschrei lustig und doch auch gespenstisch ihr

nächtliches Spiel treiben. In der Gartenzisterne quakt oder trillert

immer der gleiche Frosch.

Die alten Spartaner befolgten jahrhundertelang eine Züchtungsmoral. Es

hat den Anschein, als wenn die Moral des Lykurg in einem größeren Umfang

noch einmal aufleben wollte. Dann würde sein kühnes und vereinzeltes

Experiment, mit allen seinen bisherigen Folgen vielleicht nur der

bescheidene Anfang einer gewaltigen Umgestaltung des ganzen

Menschengeschlechtes sein.

Wenn etwas vorüber ist, so ist es am Ende für unsere Vorstellungskraft

gleichgültig, ob es gestern geschah, oder vor mehr als zweitausend

Jahren, besonders, wenn es menschlich voll begreifliche Dinge sind. Ob

also die spartanischen Mädchen gestern nackt auf der Wiese getanzt

haben, damit die Jünglinge ihre Zuchtwahl treffen konnten, oder vor

dreitausend Jahren, ist einerlei. Ich nehme an, es sei gestern gewesen.

Ich nehme an, daß man noch gestern hier die Willenskraft, den

persönlichen Mut, die Disziplin, Gewandtheit, Körperstärke und jedwede

Form der Abhärtung vor allem gepflegt und gewürdigt hat. Und daß

meinethalben die Epheben noch heute Nacht im Heiligtum des Phöbus,

draußen auf den dämmrigen Wiesen, wo ich sie nicht sehe, wie unsre

Zigeuner dem Monde, einen Hund opfern.

Ihr Gesetzgeber war Lykurg, ihr Ideal Herakles. Die Standbilder beider

Heroen standen auf beiden Brücken, die über den Wassergraben zum

Spielplatz bei den Platanen führten. Leider ging es auf eine sinnlose

Weise roh, mit Treten, Beißen und Augenausbohren, bei diesen

Ephebenkämpfen zu.

Immer noch herrscht im Mondschein draußen derselbe dämonische

Höllenlärm. Durch Ort, Stunde, Mondschein und Reiseermüdung aufgeregt,

bevölkert sich meine Phantasie mit einer Menge wechselnder

Vorstellungen, gleichsam einem altspartanischen Gespenster- und

Kirchhofspuk. Bald sehe ich zappelnde Säuglinge im Taygetus ausgesetzt,

bald löffle ich selbst bei der gemeinsamen öffentlichen Männermahlzeit

die greuliche, schwarze Suppe ein, bald bin ich gleichzeitig dort, wo

ein Ephebe zu Ehren der Artemis nackt im Tempel gegeißelt wird und sehe

auf dem entfernten Stadion Odysseus mit den ersten Freiern der

jungfräulichen Penelope wettlaufen.

Zaudern ist, wie es scheint, schon damals eine Schwäche des edlen Weibes

gewesen: ich führe auch die Mißwirtschaft der Freier, im Hause des

Gatten, auf sie zurück. Ikarios, der Vater Penelopes, wollte sie aus dem

Elternhause in Sparta nicht mit Odysseus ziehen lassen und folgte dem

Paare, als es nun doch nicht zurückzuhalten war, im Wagen nach. Dem

Odysseus aber, der das Herz seines Weibes noch auf der Reise schwankend

sah, ist, nach einem Bericht des Pausanias, die Geduld gerissen, und er

hat kurzer Hand seinem Weibe an einer gewissen Stelle des Weges zur Wahl

gestellt: entweder nun entschlossen mit ihm nach Ithaka, oder mit ihrem

Vater und einem Abschied für immer wieder nach Sparta heimzureisen.

Der Spuk der Nacht ist dem Lichte des Tages gewichen. Unten im Garten

grasen Ziegen und eine Kuh. Das Zigeunermädchen sucht nach irgend etwas

die Hecken ab. Man hört drei- oder viermal die Pauke der Zigeuner

anschlagen. Es ist kein Tropfen Tau gefallen in der Nacht. Ich schreite

trockenen Fußes durchs hohe Gras.

Der Zigeuner und seine Frau hocken auf Decken vor ihrem Zelt. Er hat den

roten Schal des Kretensers bereits um die Hüften und schmaucht

behaglich, indes die zerlumpte Gattin Knöpfe an seiner geöffneten Weste,

mit Zwirn und Nadel, sorgsam festmacht. Der Bergfluß rauscht um die

Lagerstatt.

Herr Allan I. B. Wace, Pembroke College, Cambridge, hat die

Freundlichkeit, uns im kleinen Museum von Sparta mit Erklärungen an die

Hand zu gehen. Er geleitet uns durch ausgedehnte Olivenhaine, trotz

brennender Sonnenglut, zur Ausgrabungsstätte am Eurotas. Zu hunderten,

ja zu tausenden werden hier in den Fundamenten eines Athenatempels

Figürchen nach Art unserer Bleisoldaten aufgefunden. Diese Figürchen,

von denen viele zutage lagen, so daß die spartanischen Kinder mit ihnen

spielten, verrieten das unterirdische Heiligtum.

Gegen Mittag besteigen wir Maultiere, nicht ohne Mühe, weil diese

spartanischen Mulis besonders tückisch sind. Die schöne Tochter unseres

Gastfreundes, die uns noch gestern abend, mit tremolierender Stimme

etwas zur Laute sang, lehnt im Fenster der kleinen Baracke, nicht sehr

weit über uns, und beobachtet die Vorbereitungen für unsere Abreise mit

kalter Bequemlichkeit. Das hübsche, naive Kind von gestern, dessen

Gegenwart mir die Erinnerung eines zarten Jugendidylls erneuern konnte,

ist nur noch eine träge, unempfindliche Südländerin.

Ich erinnere mich -- und schon ist dieses Gestern wieder Erinnerung! --

Wie mir die Kleine nochmals im Garten begegnete, mir ins Gesicht sah und

mich anlachte, mit einer offenen Lustigkeit, die keine Schranke mehr

übrig läßt. Nun aber blickt sie über mich fort, als ob sie mich nie

gesehen hätte, mit vollendeter Gleichgültigkeit.

Wir frühstücken gegen ein Uhr mittags im Hofe eines byzantinischen

Klosters -- einer Halbruine unter Ruinen! -- an den steilen Abhängen der

Ruinenstätte Mistra.

Der quadratische Hof ist an drei Seiten von Säulengängen umgeben. Sie

tragen eine zweite, offene Galerie. Die vierte Seite des Hofes ist nur

durch eine niedrige Mauer vom Abgrund getrennt und eröffnet einen

unvergleichlichen Blick in die Ferne und Tiefe des Eurotastales hinab.

Den kurzen Ritt von Sparta herauf haben wir unter brennender Sonne

zurückgelegt. Hier ist es kühl. Eine Zypresse, uralt, ragt jenseits der

niedrigen Mauer auf. Sie hat ihre Wurzeln hart am Rande der Tiefe

eingeschlagen. Ich suche den Lauf des Eurotas und erkenne ihn an seiner

Begleitung hoher und frischgrüner Pappeln. Ich verfolge ihn bis zu dem

Ort, wo das heutige Sparta liegt: mit seinen weißen Häusern in

Olivenwäldern, unter Laubbäumen halb versteckt.

Dieses mächtige, überaus glanzvolle südliche Tal, mit den fruchtreichen

Ebenen seiner Grundfläche, widerspricht dem strengen Begriff des

Spartanertums. Es ist vielmehr von einer großgearteten Lieblichkeit und

scheint zu sorglosem Lebensgenusse einzuladen.

Herr Adamantios Adamantiu, Ephor der Denkmäler des Mittelalters in

Mistra, stellt sich uns vor und hat die Freundlichkeit, seine Begleitung

durch die Ruinen anzutragen. Seine Mutter und er bewohnen einige kleine

Räume eben des selben ausgestorbenen Klosters, in dem wir jetzt sind.

Oben, auf einer der Galerien, hat sich ein lustiger Kreis gebildet. Es

sind die gleichen, lebenslustigen Pädagogen, denen wir bereits auf dem

Wege nach Sparta mehrmals begegnet sind. Sie befinden sich noch immer im

Enthusiasmus des Weins und singen unermüdlich griechische, italienische,

ja sogar deutsche Trinklieder.

Ich kann nicht sagen, daß dieser Studentenlärm nach deutschem Muster,

mir an dieser Stätte besonders willkommen ist, und doch muß ich lachen,

als einer der fröhlichen Zecher, ein älterer Herr, im weinselig-rauhen

Sologesang ausführlich darlegt, daß er weder Herzog, Kaiser noch Papst,

sondern, lieber als alles, Sultan sein möchte.

Der lebenslustige Sänger, spartanischer Gymnasialprofessor, spricht mich

unten im Hofe an. Er macht mir die Freude, zu erklären, ich sei ihm seit

lange kein Unbekannter, was mir begreiflicherweise hier, an dem

entlegenen Abhange des Taygetus, seltsam zu hören ist.

Die Herren Lehrer haben Abschied genommen und sich entfernt. Herr

Adamantios Adamantiu hat mittels eines altertümlichen Schlüssels ein

unscheinbares Pförtchen geöffnet und wir sind, durch einen Schritt, aus

dem hellen Säulengang in Dunkelheit und zugleich in ein liebliches

Märchen versetzt.

Der blumige Dämmer des kleinen geheiligten Raumes, in den wir getreten

sind, ist erfüllt von dem Summen vieler Bienen. Es scheint, die kleinen

heidnischen Priesterinnen verwalten seit lange in dieser verlassenen

Kirche Christi allein den Gottesdienst. Allmählich treten Gold und bunte

Farben der Mosaiken mehr und mehr aus der Dunkelheit. Die kleine Kanzel,

halbrund und graziös, erscheint, mit einer bemalten Hand verziert, die

eine zierliche, bunte Taube, das Symbol des heiligen Geistes, hält.

Dieses enge, byzantinische Gotteshaus ist zugleich im zartesten Sinne

bezaubernd und ehrwürdig. Man findet sich nach dem derben

Schmollistreiben der Herren Lehrer ganz unvermutet plötzlich in ein

unterirdisches Wunder der Schehrazade versetzt, gleichsam in eine

liebliche Gruft, eine blumige Kammer des Paradieses, abgeschieden von

dem rauhen Treiben irdischer Wirklichkeit.

Herr Adamantios Adamantiu, der Ephor, liebt die ihm anvertrauten Ruinen

mit Hingebung, und was mich betrifft, so empfinde ich schmerzlich in

diesem Augenblick, daß ich mich schon im nächsten von dem reinen

Vergnügen dieses Anblicks trennen muß. Reichtum und Fülle köstlichen

Schmucks wird hier vollkommener Ausdruck des Traulichsten, Ausdruck der

Einfalt und einer blumigen Religiosität. Das byzantinische Täubchen am

Rande der Kanzel verkörpert ebensowohl einen häuslichen, als den

heiligen Geist.

Es scheint, daß Herr Adamantios Adamantiu keinen heißeren Wunsch im

Herzen trägt, als dauernd diese Ruinen zu hüten: und ich bin überrascht,

im Laufe der Unterhaltung wahrzunehmen, wie sehr verwandt der Geist des

lauteren Mannes mit jenem ist, der dieses Kirchlein schuf und erfüllt.

Mit leuchtenden Augen erklärt er mir, daß ich, glücklicher als der große

Goethe, diese Stätten mit leiblichen Augen sehen kann, wo Faust und

Helena sich gefunden haben.

In dieses Heiligtum gehört keine Orgel noch Bachsche Fuge hinein,

sondern durchaus nur das Summen der Bienen, die von den zahllosen Blüten

der bunten Mosaiken Nektar für ihre Waben zu ernten scheinen.

Sparta und Helena scheinen einander auszuschließen. Was sollte ein

Gemeinwesen mit der Schönheit als Selbstzweck beginnen, wo man den Wert

eines Suppenkoches höher als den eines Harfenspielers einschätzte? Was

hätte Helena mit der spartanischen Strenge, Härte, Roheit, Nüchternheit

und Tugendboldigkeit etwa gemein?

Ein junger Spartaner rief, als man beim Gastmahl eine Lyra

herbeibrachte: Solche Tändeleien treiben sei nicht lakonisch. Wer möchte

nun, da Helena und die Leier Homers nicht zu trennen sind, behaupten

wollen, daß Sparta Helenen eine wirkliche Heimat sein konnte?

Herr Adamantios Adamantiu geleitet uns stundenlang auf mühsamen

Fußpfaden durch die fränkisch-byzantinisch-türkische Trümmerstadt, die

erst im Jahre 1834 durch Ibrahim Pascha zerstört worden ist. Das alte

Mistra war an die schwindelerregenden Felswände des Taygetus wie eine

Ansiedlung von Paradiesvogelnestern festgeklebt. Einzelne Kirchen werden

durch wenige Arbeiter unter Aufsicht des Herrn Ephoren sorgsam, Stein um

Stein, wieder hergestellt: Baudenkmäler von größter Zartheit und

Lieblichkeit, deren Zerstörung durch die Türken einen unendlich

beklagenswerten Verlust bedeutet.

Überall von den Innenwänden der Tempel spricht uns das Zierliche,

Köstliche, Höfische an, in dem sich der Farbenreichtum des Orients mit

dem zarten Kultus der Freude des deutschen Minnesanges durchdrungen zu

haben scheint. Die Reste herrlicher Mosaiken, soweit sie der Brand und

die Spieße der Türken übriggelassen haben, scheinen, auch wenn sie

heilige Gegenstände behandeln, nur immer die Themen: Ritterdienst,

Frauendienst, Gottesdienst durcheinanderzuflechten.

Mittels eines nassen Schwammes bringt der Herr Ephor, auf einer Leiter

stehend, eigenhändig die erblindeten Mosaiken zu einem flüchtigen

Leuchten im alten Glanz.

»Ein innerer Burghof, umgeben von reichen, phantastischen Gebäuden des

Mittelalters« ist der Schauplatz, in dem Helena sich gefangen fühlt,

bevor ihr Faust, im zweiten Teil des gleichgenannten Gedichts, in

ritterlicher Hoftracht des Mittelalters entgegentritt. Und mehr als

einmal umgibt mich hier das Urbild jener geheiligten Szenerie, darin

sich die Vermählung des unruhig suchenden deutschen Genius mit dem

weiblichen Idealbild griechischer Schönheit vollzog.

Griechischer Frühling · 第 9 / 10 段