Gesundheit ist, stellt uns auf einer der Galerien des Klosterhofes
seiner würdigen Mutter vor. Diese beiden lieben Menschen und Gastfreunde
wollen uns, wie es scheint, nicht mehr fortlassen. Die Mutter bietet
meiner Reisegefährtin für die Nacht ihr eigenes Lager an, ihr Sohn
dagegen das seine mir.
Von seinem Zimmerchen aus überblickt man die ganze Weite und Tiefe des
Eurotastales, bis zu den weißen Gipfeln des Parnon, die hineinleuchten:
das Zimmer selber aber ist klein, und enthält nichts weiter als ein
kleines Regal für Bücher, Tisch, Stuhl und Feldbettstelle, dazu im
Winkel ein ewiges Lämpchen unter einem griechisch-katholischen
Gnadenbild. Natürlich, daß in einem verlassenen Kloster die Fenster
undicht, die Wände schlecht verputzt -- und daß in den rohen
Bretterdielen klaffende Fugen sind.
Ganz Sohnesliebe, ganz Vaterlandsliebe und ganz von seinem besonderen
Beruf erfüllt: der Pflege jener vaterländischen Altertümer! bringt Herr
Adamantios Adamantiu in weltentsagender Tätigkeit seine jungen Jahre zu
und beklagt es, daß manche seiner Mitbürger so leicht die mütterliche
Scholle aufgeben mögen, die ihrer Kinder so sehr bedarf.
Der hingebungsvolle Geist dieses jungen Griechen erweckt in meiner Seele
wärmste Bewunderung und ich rechne die Begegnung mit ihm zu den
schönsten Ereignissen meiner bisherigen Reise durch Griechenland. Wie er
unverdrossen und mit reinster Geduld Werkstück um Werkstück aus dem
Schutt der Verwüstung zu sammeln sucht, um in mühsamen Jahren hier und
da etwas Weniges liebevoll wieder herzustellen, von der ganzen, beinahe
in einem Augenblicke vernichteten, unersetzlichen Herrlichkeit, das legt
von einem Idealismus ohnegleichen Zeugnis ab.
Wir nehmen Abschied von unsern Wirten, um noch vor Einbruch der Nacht
den Ritt bis Tripi zu tun: Tripi am Eingang jener mächtigen Schlucht,
die sich in die Tiefe des Taygetus fortsetzt, den wir übersteigen
wollen.
Unsere Maultiere fangen wie Ziegen oder Gemsen zu klettern an: bald geht
es fast lotrecht in die Höhe, bald ebenso lotrecht wieder hinab, so daß
ich mitunter die Überzeugung habe, unsere Tiere hätten den eigensinnigen
Vorsatz gefaßt, um jeden Preis auf dem Kopfe zu stehen. Wenn man, mit
den Blicken vorauseilend, als Unerfahrener die drohenden Schwierigkeiten
des Weges im Geiste zu überwinden sucht, so glaubt man mitunter verzagen
zu sollen, denn es eröffnet sich scheinbar nur selten für ein
Weiterkommen die Möglichkeit.
Aber das Maultier nimmt mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit jedes
Hindernis: über Böschungen rutschen wir an steinige Bäche hinunter und
jenseits des Wassers klettern wir wieder empor. In einem Bachbett
steigen wir lange Zeit von einem kantigen Block zum andern bergan und
zwar bereits von der Dunkelheit überrascht, bis wir das Wasser am
Ausgang der Langada in dem steilen Tale von Tripi rauschen hören. Über
eine Geröllhalde geht es alsdann in gefährlicher Eile hinab, bis wir,
die Lichter von Tripi vor Augen, auf einer breiten, gesicherten Straße
geborgen sind.
Gegen vier Uhr des Morgens wecken mich die Nachtigallen von Tripi. Ich
glaube, daß alle Singvögel der ganzen Welt den Aufgang der Sonne mit
einem kurzen Konzert begrüßen. Zweifellos ist dies Gottesdienst.
Unser Haus ist in schwindelerregender Höhe über der Talwand erbaut. Wir
haben in einem Raume übernachtet, der drei Wände von Glas ohne Vorhänge
hat. Büsche reichen bis zu den Fenstern. Mächtige Wipfel alter Laubbäume
sind unter uns und bekleiden die steilen Wände der Schlucht.
Während das einsame Licht zunimmt, schlagen die Nachtigallen lauter aus
dem Abgrund herauf. Nach einiger Zeit beginnen alle Hähne des Dorfes
einen lauten Sturm, der die Nachtigallen sofort verstummen macht.
Auf einem Felsen, scheinbar unzugänglich, inmitten der Schlucht,
erscheint die Kirche von Tripi im Morgenlicht. Die Pfade von Tripi, die
ganze Anlage dieses Ortes sind ebenso malerisch wie halsbrecherisch.
Die Maultiere klettern schwindelerregende Pfade. Sie halten sich
meistens am Rande der Abgründe. Die Langada beginnt großartig, aber kahl
und baumlos. Die Gesteinmassen des Bachbettes, auf dem Grunde der
gewaltigen Schlucht, liegen bleich, verwaschen und trocken da. Das Tal
ist tot. Kein Vogellaut, kein Wasserrauschen!
Indem wir ein wenig höher gelangen, zeigt sich geringe Vegetation.
Einige Vögel beginnen zu piepsen. Nach einiger Zeit fällt uns der Ruf
eines Kuckucks ins Ohr.
Weiter oben erschließt sich ein Tal, auf dessen Sohle lebendiges Wasser
rauscht. Wir steigen in dieses Tal, das eigentlich eine Schlucht ist,
hinunter. Die Abhänge sind von Ziegenherden belebt. Eng in die Felswände
eingeschlossen, schallen die Herdenglocken laut.
Bis hierher war es, trotz der Frühe, ziemlich heiß. Nun werden wir von
erquickenden Winden begrüßt. Erfrischt von der gleichen Strömung der
Luft, winken die grünen Wedel der Steineichen von den Felsspitzen.
Plötzlich haben wir nickende Büsche überall. Efeuranken klettern wohl
hundert Meter und höher die Steinwand hinauf.
Immer wasserreicher erscheinen die Höhen, in die wir aufdringen.
Mehrmals werden reißende Bäche überquert. Eine erste, gewaltige Kiefer
grüßt vom Abhange. Anemonen, blendend rote, zeigen sich. Kleine Trupps
zarter Alpenveilchen. Aus Seitenschachten stürzen klare Wasser über den
Weg und ergießen sich in das Sammelbett des größeren Baches.
Wir halten die erste Rast, etwa 2300 Meter hoch im Taygetus, unter einem
blühenden Kirschbaum vor der Herberge, genannt zur kleinen
Himmelsmutter. Der Bergstrom rauscht. Kirschblüten fallen auf uns
herunter. Wir haben herrliche Abhänge gegenüber, die mit starken
Aleppokiefern bewaldet sind.
Es ist köstlich hier, entzückend der Blick durch die tiefgesenkten
Blütenzweige in die ebenso wilde als wonnige Bergwelt hinein.
Man fühlt hier oben das unbestrittene Reich der göttlichen Jägerin
Artemis, die in Lakonien vielfach verehrt wurde. Hier ist für ein
freies, seliges Jägerleben noch heut der eigentlich arkadische
Tummelplatz. Hier oben fanden auch Opfer statt. Und zwar jene selben
Sonnenopfer, die bei den alten Germanen üblich gewesen sind und bei
denen die Spartiaten, nicht anders wie unsere Vorfahren, Pferde
schlachteten.
Wir haben den Hochpaß überstiegen und nach einem ermüdenden Ritt, meist
steil bergab, das Dörfchen Lada erreicht. Ein Bergstrom hat die steinige
Straße der Ortschaft mit seinen stürzenden Wellen überschwemmt und
niemand denkt daran, ihn in sein Bett zurückzuleiten. Mit Ausnahme eines
kleinen Bezirks um die Ansiedelungen Ladas, ist das weite Tal eine
einzige Steinwüste.
Träge, fast unwillig, öffnet auf das Klopfen unseres Führers eine derbe,
blonde, noch nicht zwanzigjährige Bäuerin die Tür zur Herberge. Ein
Ferkel wühlt zwischen Tisch und Bank, in einem finsteren, kellerartigen
Raum, dessen Hintergrund ein Lager mit gewaltigen Fässern ausfüllt. In
einer hölzernen Schlachtermulde auf dem Tische schläft ein neugeborenes
Kind.
Die Jachten der Königin von England und des Königs von Griechenland
liegen im Hafen zur Abfahrt bereit. Eben hat sich die »Galata« des
Norddeutschen Lloyd in Bewegung gesetzt, die uns nach Konstantinopel
führen soll. Die Häuser des Pyräus stehen im weißen Licht.
Athen ist das Licht, das Auge, das Herz, das Haupt, die atmende Brust,
die Blüte von Griechenland: heute des neuen, wie einst des alten! Ich
empfand das lebhaft, trotz aller großen Landschaftseindrücke meiner
peloponnesischen Fahrt, als ich nach ununterbrochener Reise von Kalamata
wieder hier anlangte. Athen ist durch seine Lage geschaffen, und
Griechenland ohne Athen wäre niemals geworden, was es war und was es uns
ist. Der freie, attische Götterflug hat den freien attischen Geistesflug
hervorgerufen.
Indem wir, Abschied nehmend, die Küste zur Linken, hingleiten, vorüber
an dem kleinen Hafen Munichia, vorbei an den Siedelungen von
Neu-Pharleron, steigt noch einmal das ganze attische Wunder vor uns auf.
Dieser Hymettos, dieser Pentele, dieser Lykabettos, dieser Fels der
Akropolis sind keine Zufälligkeit. Alles dieses trägt den Adel seiner
Bestimmung im Angesicht.
Wir trinken gierig den Hauch des herrlichen Götterlandes, solange er
noch herüberdringt und saugen uns mit den Blicken in seine silberne
Anmut fest, bis alles unseren Augen entschwindet.
Ende
[Illustration: Kopf des Wagenlenkers aus Delphi
(Originalaufnahme)]
Druck von _W. Drugulin_, Leipzig.
Anmerkungen zur Transkription
Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere
Änderungen, teilweise unter Verwendung anderer Ausgaben sind hier
aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 11]:
... wird. Er ist ausgezeichneter Schwimmer ...
... wird. Er ist ein ausgezeichneter Schwimmer ...
[S. 33]:
... Es ist schwer, etwas so Abstoßendes ...
... Es ist schwer, sich etwas so Abstoßendes ...
[S. 168]:
... Ehre -- man spielte für Götter und vor ...
... Ehre darstellte -- man spielte für Götter und vor ...
[S. 204]:
... sein, ähnelt sich in Form, Dichte und Kräuselung ...
... sein, ähnelt in Form, Dichte und Kräuselung ...
[S. 221]:
... den Tälern räche, fortan nicht mehr den ...
... den Tätern räche, fortan nicht mehr den ...
End of Project Gutenberg's Griechischer Frühling, by Gerhart Hauptmann