Herr Adamantios Adamantiu, der etwa dreißig Jahre alt und von zarter

Gesundheit ist, stellt uns auf einer der Galerien des Klosterhofes

seiner würdigen Mutter vor. Diese beiden lieben Menschen und Gastfreunde

wollen uns, wie es scheint, nicht mehr fortlassen. Die Mutter bietet

meiner Reisegefährtin für die Nacht ihr eigenes Lager an, ihr Sohn

dagegen das seine mir.

Von seinem Zimmerchen aus überblickt man die ganze Weite und Tiefe des

Eurotastales, bis zu den weißen Gipfeln des Parnon, die hineinleuchten:

das Zimmer selber aber ist klein, und enthält nichts weiter als ein

kleines Regal für Bücher, Tisch, Stuhl und Feldbettstelle, dazu im

Winkel ein ewiges Lämpchen unter einem griechisch-katholischen

Gnadenbild. Natürlich, daß in einem verlassenen Kloster die Fenster

undicht, die Wände schlecht verputzt -- und daß in den rohen

Bretterdielen klaffende Fugen sind.

Ganz Sohnesliebe, ganz Vaterlandsliebe und ganz von seinem besonderen

Beruf erfüllt: der Pflege jener vaterländischen Altertümer! bringt Herr

Adamantios Adamantiu in weltentsagender Tätigkeit seine jungen Jahre zu

und beklagt es, daß manche seiner Mitbürger so leicht die mütterliche

Scholle aufgeben mögen, die ihrer Kinder so sehr bedarf.

Der hingebungsvolle Geist dieses jungen Griechen erweckt in meiner Seele

wärmste Bewunderung und ich rechne die Begegnung mit ihm zu den

schönsten Ereignissen meiner bisherigen Reise durch Griechenland. Wie er

unverdrossen und mit reinster Geduld Werkstück um Werkstück aus dem

Schutt der Verwüstung zu sammeln sucht, um in mühsamen Jahren hier und

da etwas Weniges liebevoll wieder herzustellen, von der ganzen, beinahe

in einem Augenblicke vernichteten, unersetzlichen Herrlichkeit, das legt

von einem Idealismus ohnegleichen Zeugnis ab.

Wir nehmen Abschied von unsern Wirten, um noch vor Einbruch der Nacht

den Ritt bis Tripi zu tun: Tripi am Eingang jener mächtigen Schlucht,

die sich in die Tiefe des Taygetus fortsetzt, den wir übersteigen

wollen.

Unsere Maultiere fangen wie Ziegen oder Gemsen zu klettern an: bald geht

es fast lotrecht in die Höhe, bald ebenso lotrecht wieder hinab, so daß

ich mitunter die Überzeugung habe, unsere Tiere hätten den eigensinnigen

Vorsatz gefaßt, um jeden Preis auf dem Kopfe zu stehen. Wenn man, mit

den Blicken vorauseilend, als Unerfahrener die drohenden Schwierigkeiten

des Weges im Geiste zu überwinden sucht, so glaubt man mitunter verzagen

zu sollen, denn es eröffnet sich scheinbar nur selten für ein

Weiterkommen die Möglichkeit.

Aber das Maultier nimmt mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit jedes

Hindernis: über Böschungen rutschen wir an steinige Bäche hinunter und

jenseits des Wassers klettern wir wieder empor. In einem Bachbett

steigen wir lange Zeit von einem kantigen Block zum andern bergan und

zwar bereits von der Dunkelheit überrascht, bis wir das Wasser am

Ausgang der Langada in dem steilen Tale von Tripi rauschen hören. Über

eine Geröllhalde geht es alsdann in gefährlicher Eile hinab, bis wir,

die Lichter von Tripi vor Augen, auf einer breiten, gesicherten Straße

geborgen sind.

Gegen vier Uhr des Morgens wecken mich die Nachtigallen von Tripi. Ich

glaube, daß alle Singvögel der ganzen Welt den Aufgang der Sonne mit

einem kurzen Konzert begrüßen. Zweifellos ist dies Gottesdienst.

Unser Haus ist in schwindelerregender Höhe über der Talwand erbaut. Wir

haben in einem Raume übernachtet, der drei Wände von Glas ohne Vorhänge

hat. Büsche reichen bis zu den Fenstern. Mächtige Wipfel alter Laubbäume

sind unter uns und bekleiden die steilen Wände der Schlucht.

Während das einsame Licht zunimmt, schlagen die Nachtigallen lauter aus

dem Abgrund herauf. Nach einiger Zeit beginnen alle Hähne des Dorfes

einen lauten Sturm, der die Nachtigallen sofort verstummen macht.

Auf einem Felsen, scheinbar unzugänglich, inmitten der Schlucht,

erscheint die Kirche von Tripi im Morgenlicht. Die Pfade von Tripi, die

ganze Anlage dieses Ortes sind ebenso malerisch wie halsbrecherisch.

Die Maultiere klettern schwindelerregende Pfade. Sie halten sich

meistens am Rande der Abgründe. Die Langada beginnt großartig, aber kahl

und baumlos. Die Gesteinmassen des Bachbettes, auf dem Grunde der

gewaltigen Schlucht, liegen bleich, verwaschen und trocken da. Das Tal

ist tot. Kein Vogellaut, kein Wasserrauschen!

Indem wir ein wenig höher gelangen, zeigt sich geringe Vegetation.

Einige Vögel beginnen zu piepsen. Nach einiger Zeit fällt uns der Ruf

eines Kuckucks ins Ohr.

Weiter oben erschließt sich ein Tal, auf dessen Sohle lebendiges Wasser

rauscht. Wir steigen in dieses Tal, das eigentlich eine Schlucht ist,

hinunter. Die Abhänge sind von Ziegenherden belebt. Eng in die Felswände

eingeschlossen, schallen die Herdenglocken laut.

Bis hierher war es, trotz der Frühe, ziemlich heiß. Nun werden wir von

erquickenden Winden begrüßt. Erfrischt von der gleichen Strömung der

Luft, winken die grünen Wedel der Steineichen von den Felsspitzen.

Plötzlich haben wir nickende Büsche überall. Efeuranken klettern wohl

hundert Meter und höher die Steinwand hinauf.

Immer wasserreicher erscheinen die Höhen, in die wir aufdringen.

Mehrmals werden reißende Bäche überquert. Eine erste, gewaltige Kiefer

grüßt vom Abhange. Anemonen, blendend rote, zeigen sich. Kleine Trupps

zarter Alpenveilchen. Aus Seitenschachten stürzen klare Wasser über den

Weg und ergießen sich in das Sammelbett des größeren Baches.

Wir halten die erste Rast, etwa 2300 Meter hoch im Taygetus, unter einem

blühenden Kirschbaum vor der Herberge, genannt zur kleinen

Himmelsmutter. Der Bergstrom rauscht. Kirschblüten fallen auf uns

herunter. Wir haben herrliche Abhänge gegenüber, die mit starken

Aleppokiefern bewaldet sind.

Es ist köstlich hier, entzückend der Blick durch die tiefgesenkten

Blütenzweige in die ebenso wilde als wonnige Bergwelt hinein.

Man fühlt hier oben das unbestrittene Reich der göttlichen Jägerin

Artemis, die in Lakonien vielfach verehrt wurde. Hier ist für ein

freies, seliges Jägerleben noch heut der eigentlich arkadische

Tummelplatz. Hier oben fanden auch Opfer statt. Und zwar jene selben

Sonnenopfer, die bei den alten Germanen üblich gewesen sind und bei

denen die Spartiaten, nicht anders wie unsere Vorfahren, Pferde

schlachteten.

Wir haben den Hochpaß überstiegen und nach einem ermüdenden Ritt, meist

steil bergab, das Dörfchen Lada erreicht. Ein Bergstrom hat die steinige

Straße der Ortschaft mit seinen stürzenden Wellen überschwemmt und

niemand denkt daran, ihn in sein Bett zurückzuleiten. Mit Ausnahme eines

kleinen Bezirks um die Ansiedelungen Ladas, ist das weite Tal eine

einzige Steinwüste.

Träge, fast unwillig, öffnet auf das Klopfen unseres Führers eine derbe,

blonde, noch nicht zwanzigjährige Bäuerin die Tür zur Herberge. Ein

Ferkel wühlt zwischen Tisch und Bank, in einem finsteren, kellerartigen

Raum, dessen Hintergrund ein Lager mit gewaltigen Fässern ausfüllt. In

einer hölzernen Schlachtermulde auf dem Tische schläft ein neugeborenes

Kind.

Die Jachten der Königin von England und des Königs von Griechenland

liegen im Hafen zur Abfahrt bereit. Eben hat sich die »Galata« des

Norddeutschen Lloyd in Bewegung gesetzt, die uns nach Konstantinopel

führen soll. Die Häuser des Pyräus stehen im weißen Licht.

Athen ist das Licht, das Auge, das Herz, das Haupt, die atmende Brust,

die Blüte von Griechenland: heute des neuen, wie einst des alten! Ich

empfand das lebhaft, trotz aller großen Landschaftseindrücke meiner

peloponnesischen Fahrt, als ich nach ununterbrochener Reise von Kalamata

wieder hier anlangte. Athen ist durch seine Lage geschaffen, und

Griechenland ohne Athen wäre niemals geworden, was es war und was es uns

ist. Der freie, attische Götterflug hat den freien attischen Geistesflug

hervorgerufen.

Indem wir, Abschied nehmend, die Küste zur Linken, hingleiten, vorüber

an dem kleinen Hafen Munichia, vorbei an den Siedelungen von

Neu-Pharleron, steigt noch einmal das ganze attische Wunder vor uns auf.

Dieser Hymettos, dieser Pentele, dieser Lykabettos, dieser Fels der

Akropolis sind keine Zufälligkeit. Alles dieses trägt den Adel seiner

Bestimmung im Angesicht.

Wir trinken gierig den Hauch des herrlichen Götterlandes, solange er

noch herüberdringt und saugen uns mit den Blicken in seine silberne

Anmut fest, bis alles unseren Augen entschwindet.

Ende

[Illustration: Kopf des Wagenlenkers aus Delphi

(Originalaufnahme)]

Druck von _W. Drugulin_, Leipzig.

Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.

Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere

Änderungen, teilweise unter Verwendung anderer Ausgaben sind hier

aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 11]:

... wird. Er ist ausgezeichneter Schwimmer ...

... wird. Er ist ein ausgezeichneter Schwimmer ...

[S. 33]:

... Es ist schwer, etwas so Abstoßendes ...

... Es ist schwer, sich etwas so Abstoßendes ...

[S. 168]:

... Ehre -- man spielte für Götter und vor ...

... Ehre darstellte -- man spielte für Götter und vor ...

[S. 204]:

... sein, ähnelt sich in Form, Dichte und Kräuselung ...

... sein, ähnelt in Form, Dichte und Kräuselung ...

[S. 221]:

... den Tälern räche, fortan nicht mehr den ...

... den Tätern räche, fortan nicht mehr den ...

End of Project Gutenberg's Griechischer Frühling, by Gerhart Hauptmann

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