Schäferhund. Und nachdem wir einen Blick auf den schmerzvoll grinsenden
Löwen von Cheronea geworfen, ist der parnassische Hirtentraum zu Ende
geträumt. Doch nein, an der kleinen Haltestelle der Eisenbahn, die wir
erreicht haben, und die von einem Sumpfe voll quakender Frösche umgeben
ist, finden wir ein gefesseltes schwarzes Lamm. Es hat, mit dem Rücken
nach unten, am Sattel eines Maultieres hängend, eine Reise von zehn
Stunden, durch die Hochtäler des Parnaß, von Delphi her, im Sonnenbrande
zurückgelegt. Es trägt den Ausdruck hoffnungsloser Fügung im Angesicht.
Sein Eigentümer ist jener Kaufmann, den wir überholten, und dessen
Maultier ein Knabe trieb. Er wird um sein Osterlamm beneidet und
Bahnbeamte treten hinzu, fühlen es ab nach Preis und Gewicht und
Fettgehalt. Schließlich legt man das arme, unsäglich leidende, schwarze
parnassische Lamm, mit zusammengebundenen Füßen dicht an die Geleise,
damit es leicht zu verladen ist. Ich sehe noch, wie es an seinen Fesseln
reißt und verzweifelt emporzuspringen versucht, als die Maschine
herandonnert und gewaltig an ihm vorüberdröhnt.
Wir haben Athen verlassen, um über Korinth, Mykene, Argos und andere
klassische Plätze schließlich nach Sparta zu gelangen. Am Nachmittag ist
Korinth erreicht, nach längerer Bahnfahrt, die uns nun schon bekannte
Bilder wiederum vor die Augen geführt hat, darunter flüchtige und doch
warme Eindrücke von Eleusis, Megara, dem schönen Isthmus und der
Eginetischen Bucht.
Ein Wagen führt uns unweit vom Rande des Golfes, dem Fuße von
Akrokorinth entgegen, einer drohenden Felsmasse, die von den Resten
roher Befestigungen verunziert ist.
Über den Golf herüber weht eine frische, fast nordische Luft, aus der
Gegend des Helikon, dessen leuchtender Gipfel schemenhaft sichtbar
bleibt. Der Wagen rollt auf schlechten Feldwegen zwischen grünen Saaten
dahin.
Der korinthische Knabe hatte für Körper und Geist einen weiten,
unsäglich mannigfaltigen Tummelplatz. Den furchtbarsten Burgfelsen über
sich, schwamm er im Lärm und Getriebe einer Hafenstadt, die im weiten
Kreise von grünen oder nackten Hügeln umgeben war. Überall erlangte sein
Blick die geheiligten Höhen der Götter- und Hirtenwelt, die wiederum bis
in das Herz der Stadt hineinreichte. Für Wanderungen oder Fahrten taten
sich Peloponnes und Isthmus auf und auf diesem herrlichen Erdenfleck
genoß er die gleichsam geborgene Schönheit eines südlichen Alpensees und
auch die grenzenlose Wonne des freieren Meeres.
Wir besteigen Pferde, und diese erkletterten nun mühsam den Felsen von
Akrokorinth, der mehr und mehr, je weiter wir an ihm hinaufkriechen, wie
eine verdammte Stätte erscheint: ein düsteres Tor durch einen Ring von
Befestigungsmauern, führt in ein ödes Felsenbereich.
Wir sind -- die Pferde haben wir vor dem ersten Tore zurückgelassen! --
einer zweiten Ringmauer gegenübergestellt, die abermals ein Tor
durchbricht. Eilig klimmen wir weiter aufwärts: eine weißliche Sonne hat
sich schon nahe bis an den Horizont herabgesenkt. Kalter Bergwind fegt
durch ein zweites ungeheures Trümmerbereich, und wir finden uns vor dem
engsten jener Mauerringe, die den Gipfel des Festungsberges
einschließen. Diesen Gipfel erkletterten wir nun durch ein drittes Tor.
Es ist eine Wüstenei, ein Steinchaos. Fremd und schon halb und halb in
Schatten gesunken, liegt die gewaltige Bergwelt des Peloponnes unter
uns. Wir eilen, aus dieser entsetzlichen Zwingburg durch die Trümmerhöfe
wieder hinabzukommen. Wirkliches Grauen, wirkliche Angst tritt uns an.
Nach den geheiligten Hügeln und Bergen, deren Bereich ich in den letzten
Wochen betrat oder wenigstens mit dem Blick erreichte, ist dies der
erste, der unter einem unabwendbaren Fluch verödet scheint.
Seltsam wie das bange Gefühl, was der nahende Abend einflößt mit dem
kleinen Kreis sonderbar banger Phantasiegestalten in Einstimmung ist,
die für mich, seitdem ich ein bewußteres Leben führe, mit dem Namen
Korinth verbunden sind. Schon vor etwa achtundzwanzig Jahren, während
einer kurzen akademischen Studienzeit, drängten sich mir die
rätselvollen Gestalten des Periander, seiner Gattin Melissa und des
Lykophron, seines Sohnes, auf. Ich darf wohl sagen, daß die Tragödie
dieser drei Menschen in ihrer unsäglich bittersüßen Schwermut all die
Jahre meine Seele beschäftigt hat.
Periander! Melissa! Lykophron!
Periander, auf dem Burgfelsen hausend, Tyrann von Korinth, allmählich
ähnlich wie Saul, ähnlich wie der spartanische König Pausanias, in einen
finsteren Wahnsinn versinkend. Leidend an jenem unausbleiblichen
Schicksal großer Herrschernaturen, die nach erreichtem Ziel von jenen
Dämonen verfolgt werden, die ihnen dahin lockend voranschritten. Er
hatte die Einwohnerschaft Korinths von den furchtbaren Felsen herunter
terrorisiert und dezimiert. Er hatte Lyside, die Tochter des Tyrannen
Prokles, geheiratet, der zu Epidaurus saß. Die Gattin, zärtlich von ihm
Melissa genannt, ward später von ihm aus unbekannten Gründen heimlich
ermordet: zum wenigsten wurde ihr Tod Periandern zur Last gelegt.
Prokles, Lysidens Vater, ließ eines Tages vor den beiden inzwischen
herangewachsenen Enkeln, Kypselos und Lykophron, den Söhnen Melissens
und Perianders, Worte fallen, die besonders dem Lykophron eine Ahnung
von dem Verbrechen des Vaters aufgehen ließen, und diese Ahnung bewirkte
nach und nach zwischen Sohn und Vater den tiefsten Zerfall.
Der große Britte hat die Tragödie eines Sohnes geschrieben, dessen
Mutter am Morde ihres Gatten, seines Vaters, beteiligt war. Er hat die
psychologischen Möglichkeiten, die in dem Vorwurf liegen, nicht bis zu
jeder Tiefe erschöpft. Wie denn ein solcher Gegenstand seinem Wesen nach
überhaupt unerschöpflich ist, derart zwar, daß er sich selber in immer
neuen Formen, aus immer neuen Tiefen manifestieren kann. Vielleicht ist
das Problem Periander Lykophron noch rätselvoller und furchtbarer, als
es das Rätsel Hamlets und seiner Mutter ist. Dabei hat dieser göttliche
Jüngling Lykophron mit dem Dänenprinzen Ähnlichkeit ... man könnte ihn
als den korinthischen, ja den griechischen Hamlet bezeichnen.
Gleichwohl war in seiner Natur ein Zug von finstrer Entschlossenheit.
Während Periander in der wesentlichen Vereinsamung der Herrschbegier --
denn der Herrschende will allein herrschen und wenn er auch andere
Herrscher dulden muß, so erreicht er doch die Trennung von allen, das
Alleinsein, immer gewiß. Er gräbt sich meistens jeden gemütischen Zufluß
der Seele ab, wodurch sie denn, wie ein Baum bei Dürre, qualvoll langsam
zugrunde geht.
Also während Periander, sagte ich, vereinsamt, als Herrscher von
Korinth, in seinem Palast auf dem öden Burgfelsen, mit den Dämonen und
mit dem Schatten Melissens rang, hatte sich Lykophron nicht nur von ihm
abgekehrt, sondern von Grund aus alles und jedes, außer das Leben! was
er ihm zu verdanken hatte -- alles und jedes, was ihm durch Geburt an
Glanz und Prunk mit dem Vater gemeinsam war, dermaßen gründlich von sich
getan, daß er, obdachlos und verwahrlost, in den Hallen und Gassen des
reichen Korinth umherlungernd, von irgendeinem anderen Bettler nicht
mehr zu unterscheiden war.
Hier noch wurde er aber von dem allmächtigen Vater mit rücksichtsloser
Strenge verfolgt, dann wieder mit leidenschaftlicher Vaterliebe; doch
weder Härte noch Zärtlichkeit vermochten den qualvollen Trotz der
vergifteten Liebe abzuschwächen.
Die Tat des Periander wurde mit dem Schicksale dieses Lykophron zum
Doppelmord: zum Morde der Gattin und des Sohnes. Und hierin liegt die
Eigenart der Tragik, die in der Brust Perianders wütete, daß er einen
geliebten und bewunderten Sohn, das köstlichste Gut seines späteren
Lebens, plötzlich und unerwartet durch den Fluch seiner häßlichen Tat
vernichtet fand. Damit war ihm vielleicht der einzige Zustrom seines
Gemütes abgeschnitten und das Herz des alternden Mannes ward von dem
Grauen der großen Leere, der großen Öde umschränkt.
Ich bin überzeugt, daß tiefe Zwiste unter nahen Verwandten unter die
grauenvollsten Phänomene der menschlichen Psyche zu rechnen sind. In
solchen Kämpfen kann es geschehen, daß glühende Zuneigung und glühender
Haß parallel laufen -- daß Liebe und Haß in jedem der Kämpfenden
gleichzeitig und von gleicher Stärke sind: das bedingt die ausgesuchten
Qualen und die Endlosigkeit solcher Gegensätze. Liebe verewigt sie, Haß
allein würde sie schnell zum Austrag bringen. Was könnte im übrigen
furchtbarer sein, als es die Fremdheit derer, die sich kennen, ist?
Periander sendete Boten an das Totenorakel am Acheron, um irgendeine
Frage, die ihn quälte, durch den Schatten Melissens beantwortet zu
sehen. Melissa dagegen beklagte sich, statt Antwort zu geben und
erklärte, sie friere, denn man habe bei der Bestattung ihre Kleider
nicht mit verbrannt.
Als die Boten heimkehrten, hierher nach Korinth, konnte Periander nicht
daran zweifeln, daß wirklich der Schatten Melissens zu ihnen geredet
hatte, denn sie brachten in rätselhaften Worten die Andeutung eines
Geheimnisses, dessen einziger Hüter Periander zu sein glaubte.
Durch dieses Geheimnis wurde ein perverses Verbrechen des Gatten
verdeckt, der seine Gattin nicht allein getötet, sondern noch im
Leichnam mißbraucht hatte: eine finstere Tat, die das schreckliche Wesen
des Tyrannen gleichsam mit einem höllischen Strahle der Liebe verklärt.
Er ließ nun in einem Anfall schwerer Gewissensangst die Weiber Korinths,
wie zum Fest in den Tempel der Hera berufen. Dort rissen seine
Landsknechte ihnen gewaltsam Zierat und Festkleider ab und diese wurden
zu Ehren Melissens, und um ihren Schatten zu versöhnen, in später
Totenfeier verbrannt.
Periander, Melissa, Lykophron. Es hat immer wieder, während beinahe
dreier Jahrzehnte, Tage gegeben, wo ich diese Namen lebendig in mir, ja
oft auf der Zunge trug. Sie waren es auch, die, Sehnsucht erweckend, vor
mir her schwebten, als ich das erstemal den Anker gehoben hatte, um
hierher zu ziehen. Auch während der kleinen Schiffsreise jüngst, durch
den Golf von Korinth, hat mein Mund zuweilen diese drei Namen lautlos
geformt, nicht minder oft auf der Fahrt nach Akrokorinth. Und hier, im
fröstelnden Schauder heftiger Windstöße, auf dem gespenstischen Gipfel
des Burgfelsens, habe ich im kraftlosen Licht einer bleichen Sonne, die
unterging, die fröstelnden Schatten Perianders, Melissens und Lykophrons
dicht um mich gespürt.
Unten, im Dämmer der Rückfahrt, während die Feldgeister über der in
Gerstenhalmen wogenden Gräberstätte des alten Korinth sich zu regen
beginnen, zuckt im Rädergeroll der nächtlichen Fahrt ein und das andere
Bild der lärmenden alten Stadt vor der Seele auf. Mitunter ist alles
plötzlich von einer so tosenden Gegenwart, daß ich Geschwätz und
Geschrei des Marktes um mich zu hören glaubte, und alles dieses mit dem
Anblick weiter abgelegener Felder verquickt, die sich rings um den
übermächtig hineingelagerten, finsteren Gewalttäterfelsen wie
Leichentücher weit umherbreiten.
Und ohne daß dieser tote Dämmer, dieses ewig teilnahmlose Gegenwartsbild
verändert wird, sehe ich die Lohe der Totenfeier Melissens nächtlich
hervorbrechen und fühle das Fieber, das die leidenschaftliche Kraft des
großen Periander auf die Bewohner der geknechteten Stadt überträgt. Der
Heratempel ist vom Geschrei der Weiber erfüllt, denen die Bravi die
Kleider vom Leibe reißen, die Gassen vom Geschrei jener anderen, die
nackt und beraubt entkommen sind. Nicht weit vom Tempel, den Blick in
den rötlichen Schein der Feuersbrunst mit einem starren Lächeln
gerichtet, steht Lykophron: durch Schmerz und die Wollust der
Selbstkasteiung fast irrsinnig, das Antlitz durch Hunger und innere Wut
verzerrt, aber in diesem Augenblick nicht nur vom Wiederscheine des
Feuers, sondern von einem bösen Triumphe verklärt. Rings lärmen und
brüllen die Leute um ihn: es ist durch Verordnung Perianders aufs
strengste verboten, ihn anzureden.
Als aber am folgenden Tage Periander selbst dies zu tun unternimmt,
erhält er von seinem Sohne nur diese Antwort: man wird dich in Strafe
nehmen, weil du mit Lykophron gesprochen hast.
Gegen zwölf Uhr mittags, nachdem wir am Morgen Korinth verlassen haben,
befinde ich mich in einer Herberge, von der aus man die argivische Ebene
übersieht. Sie ist begrenzt von gewaltigen peloponnesischen Bergzügen
und augenblicklich durchbraust von einem heißen Wind, der in der
blendenden Helle des Mittags die Saatfelder wogen macht.
Der Raum, in dem die Kuriere das Frühstück auftragen, hat den
gestampften Boden einer Lehmtenne. Er ist zugleich Kaufladen und
Weinausschank. Es riecht nach Kattun. Blaue Kattune sind in den
Wandregalen aufgestapelt. Dank den Kurieren, die in Athen eine
Korporation bilden, herrscht in den Herbergen, die sie bevorzugen, eine
gewisse Sauberkeit.
Ich bin vor die Tür des kleinen Wirtshauses getreten. Die von den Bergen
Arkadiens eingeschlossene Ebene ist noch immer durchbraust von Sturm und
steht noch immer in weißer Glut. In weißlich blendendem Dunst liegt der
Himmel über uns. Die Burg von Argos, Larissa, ist in der Talferne
sichtbar, der Boden des Tals ist in weite Gewände abgegrenzt, die teils
von wogender Gerste bedeckt, teils unbestellt und die trockene rote
Scholle zeigend, daliegen.
Diese Landschaft erscheint auf den ersten Blick ein wenig kahl, ein
wenig nüchtern in ihrer Weiträumigkeit. Ich bin nicht geneigt, sie als
Heimat jener blutigen Schatten anzusprechen, die unter den Namen
Agamemnon, Klytämnestra, Tyest und Orestes ruhelos durch die
Jahrtausende wandern. Ihre Heimat war im Haupte des Äschylos und des
Sophokles.
Die Gestalten der großen Tragödiendichter der Alten sind von einem
Element des Grauens getragen und in ihm zu körperlosen Schatten
aufgelöst. Es ist in ihnen etwas von den Qualen abgeschiedener Seelen
enthalten, die durch die unwiderstehliche Macht einer Totenbeschwörung,
zu einer verhaßten Existenz im Lichte gezwungen sind. Auf diese Weise
wecken sie die Empfindung in uns, als stünden sie unter einem Fluch, der
ihnen aber, so lange sie noch als Menschen unter Menschen ihr Leben
lebten, nicht anhaftete. Der schlichte Eindruck einer realen
landschaftlichen Natur bei Tageslicht widerlegt jeden Fluch und zwingt
der bis zum Zerreißen überspannten Seele den Segen natürlicher Maße auf.
Den Tragikern bleibt in dieser Beziehung Homer vollkommen gesondert
gegenübergestellt. Seine Dichtungen sind keine Totenbeschwörungen. Über
seinen Gedichten ist nirgend das Haupt der Medusa aufgehängt. Gleicht
das Gedicht des Tragikers einem Klagegesang -- seines gleicht überall
einem Lobgesang, und wenn das Kunstwerk des Tragikers von dem Element
der Klage, wie von seinem Lebensblute durchdrungen ist, so ist das
Gedicht Homers eine einzige Vibration der Lobpreisung. Die dichtende
Klage und heimliche Anklage und das dichtende Lob, wer kann mir sagen,
welches von beiden göttlicher ist?
Die Tragödie ist immer eine Art Höllenzwang. Die Schatten werden mit
Hilfe von Blut gelockt, gewaltsam eingefangen und brutal, als ob sie
nicht Schatten wären, durch Schauspieler ins reale Leben gestellt: da
müssen sie nun nichts anderes als ihre Verbrechen, ihre Niederlagen,
ihre Schande und ihre Bestrafungen öffentlich darstellen. Hierin
verfährt man mit ihnen erbarmungslos.
Seit Beginn meiner Reise liegt mir eine wundervolle Stelle der Odyssee
im Sinn. Der Sonnengott, dem man seine geliebte Rinderherde getötet hat,
klagt die Frevler, die es getan haben, die Genossen des Odysseus, im
Kreise der Götter an und droht, er werde, sofern man ihn nicht an den
Tätern räche, fortan nicht mehr den Lebenden, sondern den Toten
leuchten:
»Büßen die Frevler mir nicht vollgütige Buße des Raubes;
Steig' ich hinab in Aïdes Reich, und leuchte den Toten!«
Wer wollte diese erhabenste und zugleich herrlichste Drohung in ihren
überwältigenden Aspekten nicht empfinden. Es ist nicht mehr und nicht
weniger als der ganze Inhalt eines künftigen Welt-Epos, dessen Dante
geboren werden wird. Aber wenn nicht mit der ganzen apollinischen
Lichtgewalt, so doch mit einem Strahle davon erscheinen die Gestalten
Homers beglückt und sind damit aus dem Abgrund der Toten zu neuem Leben
geweckt worden und es ist nicht einzusehen, warum der Gott nicht auch
dem dramatischen Dichter einen von seinen Strahlen leihen sollte. Ist
doch das Dramatische und das Epische niemals rein getrennt, ebensowenig
wie die Tendenzen der Zeit und des Ortes. Und wer wüßte nicht, wie das
Epos Homers zugleich auch das gewaltigste Drama und Mutter zahlloser
späterer Dramen ist.
Wenn wir einen Durchbruch des apollinischen Glanzes in die Bereiche des
Hades als möglich erachteten, so möchte ich die Tragödie, cum grano
salis, mit einem Durchbruch der unterirdischen Mächte, oder mit einem
Vorstoß dieser Mächte ins Licht vergleichen. Ich meine damit die
Tragödie seit Äschylos, von dem es heißt, daß er es gewesen ist, der den
Erinnyen Schlangen ins Haar geflochten hat.
Nehmen wir an, die Tragödie habe dem gleichen Instinkt gedient, wie das
Menschenopfer. Dann trat allerdings an Stelle der blutigen Handlung der
unblutige Schein. Trotzdem in Wahrheit aber Menschenblut nicht vergossen
wurde, hatte die bange und schreckliche Wirkung an Macht gewonnen und
sich vertieft: derart, daß erst jetzt eine chthonische Wolke gewaltsam
lastend und verdüsternd in den olympischen Äther stieg, deren
grauenerregende Formen mit den homerischen Lichtgewölken olympischen
Ursprungs rangen, und schließlich den ganzen Olymp der Griechen
verdüsterten.
Wir brechen auf, um die Trümmer von Mykene und die unterirdischen Bauten
zu sehen, die man Schatzhäuser nennt. Ich bin durchaus homerisch
gestimmt, wie denn mein ganzes Wesen dem Homerischen huldigt, auch wenn
ich nicht des wundervollen Schatzes gedenken müßte, der im Museum zu
Athen geborgen liegt und der aus den Gräbern von Mykene gehoben ist. Wo
ist das Blutlicht, mit dem Äschylos und Sophokles durch die Jahrhunderte
rückwärts diese Stätte beleuchteten? Es ist von der Sonne Homers
getilgt. Und ich sehe in diesem Augenblick die Greueltaten der
Klytämnestra, des Agist und des Orest höchstens mit den Augen des
Menelaos in Sparta an, als er dem jugendlichen Telemach, der gekommen
ist, nach Odysseus, seinem Vater, zu forschen, davon erzählt.
»Aber indessen erschlug mir meinen Bruder ein Anderer
Heimlich mit Meuchelmord durch die List des heillosen Weibes ...
Dennoch, wie sehr ich auch trauere, bewein' ich alle nicht so sehr
Als den einen ...«
womit er Odysseus -- nicht einmal Agamemnon! -- meint, den lange
Vermißten.
Wer, der die kerngesunde Königsidylle jenes Besuches liest, den Telemach
in Sparta abstattet, könnte dagegen des Glaubens sein, daß der erprobte
Held, Mann und Bruder sich sophokleischen Blutträumen überlassen hätte?
Zumal, wenn er sagt:
»Laßt uns also des Grams und unserer Tränen vergessen«
oder wenn Helena bei ihm ruhte, noch immer »Die Schönste unter den
Weibern.«
Das Löwentor, der mykenaische Schutthügel und die Hügel ringsum sind von
Sonne durchglüht und von Sturm umbraust. Überall füllt Duft von Thymian
und Myrrhen die Luft. Ganz Griechenland duftet jetzt von Thymian und
Majoran. In den Kalksteintrümmern der alten Stadt schreien Eulen
einander zu, wach und lebhaft, trotz hellblendender Sonne. Weiß wie
Schlacke liegt Trümmerstück an Trümmerstück.
Die Burg hat eine raubnestartige Anlage: in Hügeln versteckt und von
höheren felsigen Bergen gedeckt, übersah sie das ganze rossenährende
Argos. Zur Seite hatte sie eine wilde Kluft, die jeden Zugang
verhinderte.
Es ist von eigentümlichem Reiz, sich nach den mykenaischen Gräberfunden
in dieser Umgebung ein Leben in Üppigkeit und Luxus vorzustellen: Männer
und Frauen, die sich schnürten, und besonders Frauen, deren Toiletten an
Glanz und Raffinement der Toilette einer spanischen Tänzerin, die in
einem pariser Theater tanzt, gleichgekommen sind. Aber schließlich ist
es wieder Homer, der überall den Sinn für Komfort und Luxus entwickelt
und nie vergißt, Bäder, duftende Betten, reinliches Linnen, hohe und
hallende Säle, Schmuck und Schönheit der Weiber, ja sogar den
Wohlgeschmack des Getränks und der Speisen gebührend zu würdigen.
Die unterirdischen Kuppelbauten, die Pausanias Schatzhäuser nennt, sind
ihrer eigentlichen Bestimmung nach noch heute ein Rätsel. Sie waren
bekannt, wie es scheint, durch das ganze griechische Altertum und
wahrscheinlich, so weit sie frei lagen, wie noch heute, erfüllt von
Bienengesumm. Das »Schatzhaus des Atreus«, ist vollkommen freigelegt.
Die weiche, sausende Chormusik der kleinen honigmachenden Priesterinnen
der Demeter, die den unterirdischen Bau erfüllt, verbreitet mystische
Feierlichkeit. Sie scheinen im Halblicht der hohen Kuppel
umherzutaumeln. Sie fliegen, an den unbestrittenen Besitz dieser Räume
gewöhnt, gegen die Köpfe der Eintretenden. Ihr sonorer Flug bewegt sich
mit Gehen und Kommen in eine niedrige Nebenkammer, die sehr wohl eine
Grabkammer sein könnte. Aber die Menge der Schatzhäuser würde durch eine
Bestimmung als unterirdische Tempelgräber, für Totenopfer und Totenkult,
nicht erklärt. Ich stelle mir aber gern inmitten dieses sogenannten
Artreusschatzhauses einen Altar vor und das Feuer darauf, das den Raum
erleuchtet und lärmend belebt und dessen Rauch durch die kleine runde
Öffnung der Kuppel abzieht und oben scheinbar aus der Erde selber
hervordringt.
Drei Schimmel ziehen unsern Wagen im Galopp durch die Vorstädte von
Tripolitza in die arkadische Landschaft hinaus. Der wolkenlose Himmel
ist über weite Ackerflächen gespannt, auf denen Reihen bunter,
griechischer Landleute arbeiten. Der Tag wird heiß. Die Luft ist erfüllt
von Froschgequak.
Nun, nach einer längeren Fahrt durch kleine Ortschaften, verlassen wir
die Ebene von Thegea. Die schöne Landstraße steigt bergan, und statt der
Felder haben wir rötlich-graue Massen kahlen Gesteins zur Rechten und
Linken, die spärlich mit Thymiansträuchern bewachsen sind. Es beginnt
damit ein Arkadien, das mehr einer Wüstenei, als dem Paradiese ähnlich
sieht. Nach einiger Zeit ist in der Höhe ein Dorf zu sehen, mit einigen
langen, dünn belaubten Pappeln, die das Auge hungrig begrüßt. Nur wenig
lösen sich die Häuser der Ortschaft von ihrem steinigten Hintergrund,
der mit schmalen Gartenstreifen rötlicher Erde durchsetzt ist.
Die Spitzen des Parnon werden zur Linken sichtbar, auf denen der Schnee
zu schwinden beginnt. Ein kühler Wind setzt ein und erquickt inmitten
dieser arkadischen Wüste.
Ich hatte hier einen womöglich noch größeren Reichtum an Herden zu sehen
gehofft, als zwischen Parnaß und Helikon: aber auf weitgedehnten,
endlosen Trümmerhalden und auf der Landstraße begegnet nur selten Herde
und Hirt. Die Gegend ist arm und ausgestorben, die ehemals das
waldreiche Paradies der Jäger und Hirten gewesen ist.
Die Straße wendet sich auf einer freien Paßhöhe rechts und tritt in das
Gebiet von Lakonika. Der Taygetos liegt nun breit und mächtig mit weißen
Gipfeln vor uns da.
Aus einer ärmlichen Schenke ertönt Gesang. Und zwar ist es eine Musik,
die an das Kommersbuchtreiben deutscher Studentenkneipen erinnert. Die
Stimmen gehören Gymnasiallehrern aus Sparta an, die, noch im
Osterferien-Rausch, fröhlich dorthin zurückreisen.
Es erscheinen jetzt Äcker, Gartenflächen, Wiesen und Bäume oasenartig.
Die Erde zwischen Felsen und Bäumen ist rot, und hier und da stehen
rötliche Wasserlachen.