Nackt wurde der Sieger, der Athlet oder Läufer dargestellt, und ehe

Praxiteles, ehe Skopas seine Statuen bildete, entstanden ihre Urbilder

hier im Stadion. Hier ist für die Schönheit und den Adel der

griechischen Seele, für Schönheit und Adel des Körpers der Muttergrund.

Hier wurde das schon Geschaffene umgeschaffen, das Umgeschaffene zum

ewigen Beispiel und auch als Ansporn für höhere Artung in Erz oder

Marmor dargestellt. Hier hatte die Bildung ihre Bildstätte, wenn anders

Bildung das Werk eines Bildners ist.

Wer je sein Ohr an die Wände jener Werkstatt gelegt hat, deren Meister

den Namen Goethe trug, der wird erkennen, daß nicht nur Wagner, der

Famulus, den Menschen mit Göttersinn und Menschenhand zu bilden und

hervorzurufen versuchte: alles Sinnen, Grübeln, Wirken, Dichten und

Trachten des Meisters war eben demselben Endzweck rastlos untertan. Und

wer nicht in jedweder Bildung seines Geistes und seiner Hände das

glühende Ringen nach Inkarnation des neuen und höheren Menschen spürt,

der hat den Magier nicht verstanden.

Es ist bekannt, wie gewissen griechischen Weisen, und so dem Lykurg!

Bildung ein Bilden im lebendigen Fleische, nicht animalisch unbewußt,

sondern bewußt »mit Göttersinn und Menschenhand« bedeutete. Was wäre ein

Arzt, der seine Kranken bekleidet sieht, und was ein Erzieher, dem jener

Leib samt dem Geiste, dem er höhere Bildung zu geben beabsichtigt, nicht

nackt vor der Seele stünde? Aus dem Grunde der Stadien sproßten, nackt,

die athletischen Stämme einer göttlichen Saat des Geistes hervor. Und

hier, auf dem Boden des delphischen Stadions, gebrauche ich nun zum

ersten Male in diesen Aufzeichnungen das Wort Kultur: nämlich als eine

fleischliche Bildung zu kraftvoll gefestigter, heiterer, heldenhaft

freier Menschlichkeit.

Zwei Vögel, unsern Zeisigen ähnlich, stürzen sich plötzlich aus irgend

einem Schlupfloch der Felsen quirlend herab und löschen den Durst aus

dem Spiegel der Lache vor mir im Stadion. Ihr piepsendes Spiel weckt

Widerhall, und das winzige Leben, der sorglose, dünne Lärm der kleinen

Geschöpfe, die niemand stört, offenbaren erst gleichsam das Schicksal

dieser Stätte in seiner ganzen Verwunschenheit.

Während ich auf die grüne Erde hinstarre und der Füße jener zahllosen

Läufer und Kämpfer gedenke, aller jener göttergleichen, jugendlich

kraftvoll schönen Hellenen, die sie erdröhnen machten, vernehme ich

wiederum aus den Felsen den gewaltigen Widerhall von Geräuschen, die mir

verborgen sind. Aus irgend einem Grunde erhebe ich mich, rufe laut und

erhalte ein sechsfaches mächtiges Echo: sechsfach schallt der Name des

delphischen Gottes, des Python-Besiegers, aus dem Inneren der Berge

zurück.

Ich bin allein. Die dämonische Antwort der alten parnassischen Wände hat

bewirkt, daß mich die Kraft der Vergangenheit mit ihren triumphierenden

Gegenwarts-Schauern durchdringt und erfaßt und daß ich etwas wie ein Bad

von Glanz und Feuer empfinde. Beinahe zitternd horche ich in die neu

hereingesunkene, fast noch tiefere Stille hier oben hinein.

Der Morgen ist frisch. Wir schrieben den ersten Mai ins Fremdenbuch. Vor

der Türe des Gasthauses warten schäbige Esel und Maultiere, die uns nach

Hossios Lucas bringen sollen. Ins Freie tretend, beginne ich mit letzten

Blicken Abschied zu nehmen. Ich begrüße die Kiona, den weißen Gipfel des

Korax-Gebirges, dort, wo die Dorfstraße, wie es scheint, in den Luftraum

verläuft. Ich begrüße drei kleine Mädchen, die, trödelnd, ebenso viele

Schäfchen vor sich her treiben, begrüße sie mit einer ihnen

unverständlichen Herzlichkeit. Eines der hübschen Kinder küßt mir zum

Dank für ein kleines, unerbetenes Geschenk die Hand.

Wir lassen die Mäuler voranklingeln. Wieder schreiten wir an den Felsen

vorüber, mit den Höhlungen leerer Gräber darin, und wieder erschließt

sich dem Auge die steinigte Böschung des delphischen Tempelbezirks. Wer

alles dieses tiefer begreifen wollte, müßte mehr als ein flüchtiger

Wanderer sein. Immerhin sind mir auch hier die Steine nicht stumm

gewesen.

Wir haben den Grund von Delphi, der Stadt, die unterhalb unseres Weges

lag, über allerlei Mauern und Treppchen kletternd, durchstreift, und

während wir jetzt unsere Reise fortsetzen, zieht uns das Leuchten der

Tempeltrümmer, zwischen tausendjährigen Ölbäumen, zieht uns der weiße

Marmor umgestürzter Säulen an. An den kastalischen Wassern nehmen wir

wiederum einen kleinen Aufenthalt. Ich habe mich auf einen großen

Felsblock niedergelassen, in der wundervoll hallenden und rauschenden

Kluft, den Felsenbassins jenes alten Brunnen- und Baderaums gegenüber,

wo die delphischen Pilger von einst sich reinigten.

Ein Tempelchen, mit Nischen der Nymphen, war grottenartig in die

Felswand gestellt.

Heut sind die Bachläufe arg verunreinigt, die Wasserbecken mit Schlamm

gefüllt. Oben durch die feuchte und kalte Klamm fliegen lange

Turmschwalben und jagen einander mit raubvogelartigem, zwitscherndem

Pfiff.

Wir wiegen uns nun bereits eine gute Weile auf unseren Maultieren. Der

Weinstock, das Gewächs des Dionysos, begleitet uns in wohlgepflegten,

wohlgeordneten Feldern die parnassischen Höhen hinan. Immer wieder

begegnen uns wollige Herden mit ihren Hirten. Ich bemerke plötzlich den

mir von gestern bekannten stattlichen Weißbart auf dem Bauche im Grase

liegend am Straßenrand und empfinde mit ihm, was sein leise ironisches,

überlegen lachendes Antlitz zum Ausdruck bringt. Hinter dem Patriarchen

steigen seine Herden zwischen Rainen, Steinen und saftigen Gräsern umher

und füllen die Luft mit der Glockenmusik seines reichen Besitzes. Die

Sonne strahlt, der Tag wird heiß.

Schon im Altertum wurden solche Wege wie diese auf Mäulern zurückgelegt.

So wird auch das Um und An einer Bergreise, an Rufen, Geräuschen und

Empfindungen, nicht anders gewesen sein, als es heute ist. Maultiere

haben die Eigentümlichkeit, am liebsten nicht in der Mitte des Weges,

sondern immer womöglich an steilen Rändern zu schreiten: was dem

ungewohnten Reiter zuweilen natürlich Schwindel erregt. Allmählich

gewinne ich im Vertrauen auf das sich mehr und mehr entfaltende

Klettertalent meines Reittieres eine gewisse, schwindelfreie

Sorglosigkeit. Immer wilder und einsamer wird die Berggegend, bis hinter

Arachova die Einöde, das heißt die parnassische Höhenzone beginnt. Von

der gesamten südlichen Flora ist nichts übrig geblieben. Der letzte

Weinstock, der letzte Feigenbaum, die letzte Olive liegt hinter uns. Nun

aber tut sich ein weiter und grüner Gebirgssattel vor uns auf, von jener

gesunden, alpinen Schönheit, die ebenso heimatlich, als über alles

erquickend ist.

Der weite Paß, mit flach geschweifter, beinahe ebener Grundfläche, ist

Weideland: das heißt, ein saftiger Wiesenplan, auf dem der Huf des

schreitenden Maultiers lautlos wird und der Pfad sich verliert. Das

helle, ruhige Grün dieser schönen Alm ist eine tiefe Wohltat für Auge

und Herz, und der starke, düster-trotzige Föhrenstand, der die steile

Flanke einer nahen Bergwand hinaufklettert, fordert heraus, ihm

nachzutun. Ich weiß nicht, was in dieser Landschaft so fremdartig sein

sollte, daß man es nicht in den deutschen Alpengebirgen, um diese oder

jene Sennhütte her, ebenso antreffen könnte, und doch würde der gesunde

Jodler des einsamen Sennen hier einen Zauber vernichten, der

unaussprechlich ist.

Das hurtige Glöckchen des Maultieres klingelt am Rand einer teichartig

weit verbreiteten Wasserlache dahin, die, in den hellen Smaragd der

Bergwiese eingefügt, den blauen Abgrund des griechischen Himmels, die

ernste Wand der wetterharten Apolloföhren, und das hastende, kleine

Vögelchen in einem ruhigen Spiegel wiedergibt.

Über die Art, wie für den, der sich einmal in das Innere des Mythos

hineinbegeben hat, jeder neue sinnliche Eindruck wiederum ganz unlöslich

mit diesem Mythos verbunden wird und ihn zu einer fast überzeugenden

Wahrheit und Gegenwart steigert, möchte manches zu sagen sein. Es

beträfe nicht nur den Prozeß eines gläubigen Wiedererweckens, sondern

jenen, durch den die menschliche Schöpfung der Welt überhaupt entstanden

ist, es beträfe das Wesen jener zeugenden Kraft, die im dichtenden

Genius eines Volkes lebendig ist und darin sich die Seele des Volkes

verklärt.

Plötzlich taucht in der panisch beinahe beängstigenden, nordischen

Vision von Bergeinsamkeit die wilde Gestalt eines bärtigen Hirten auf,

der uns in schneller Gangart, fünf schwarze Böcke vor sich hertreibend,

von jenseit, über die grüne Matte entgegenkommt. Die schönen Tiere, die

von gleicher Größe und, wie gesagt, schwarz wie Teufel sind, machen

den überraschendsten Eindruck. Noch niemals sah ich ein so

unwahrscheinliches Fünfgespann. Wer wollte da, wenn eine auserlesene

Koppel solcher Böcke, wie zum Opfer geführt, ihm entgegenkommt, und zwar

über einen parnassischen Weidegrund, die Nähe des Gottes ableugnen, der

einst durch Zeus in die Gestalt eines Bockes verwandelt ward, um ihn vor

Heres Rache zu schützen, und dem diese Höhen geheiligt sind.

Wie diese Tiere einhertrotten, unwillig, durch den rauhen Treiber mehr

gestört als in Angst versetzt, mit dem böse funkelnden Blick

beobachtend, jeder mit seinem zottligen Bart, jeder unter der Last und

gewundenen Krönung eines gewaltigen Hörnerpaares, scheinen sie selber

inkarnierte Dämonen zu sein, und in wessen Seele nur etwas von dem alten

Urväter-Hirten-Drama noch rumort, der fühlt in diesem klassischen Tier

einen wahrhaft dämonischen Ausdruck zeugender Kräfte, dem es leider auch

seinen Blocksberg-Verruf in der verderbten Weltanschauung der

christlichen Zeit zu verdanken hat.

Wir besteigen nach kurzer Rast unsere Maultiere, die wiederum mager,

schäbig und scheinbar kraftlos, wie zu Anfang der Reise dastehen. Das

unscheinbare Äußere dieser Tiere täuscht uns nicht mehr über den Grad

ihrer Zähigkeit.

Zur Linken haben wir nun eine rötlich graue, senkrechte Wand

parnassischer Felsmassen, deren Rand einen Gießbach aus großer Höhe

herabschüttet. Es ist ein lautloser Wasserfall, der, ehe er noch den

Talgrund erreicht, in Schleiern verweht.

Die Maultiere müssen neben dem Lauf eines ausgetrockneten

Felsenflußbettes abwärts klettern und erweisen, mehr und mehr

erstaunlich für uns, ihre wundervolle Geschicklichkeit. Man würde

vielleicht von diesen Felstälern sagen können, daß sie Einöden sind,

wenn ihre zitternde, leuchtende und balsamische Luft nicht überall von

den wasserartig glucksenden Lauten zahlloser Herdengeläute erfüllt wäre.

Der Paris-artige Knabe, der vorhin, während wir Rast hielten, mit

zwitschernden Lauten unsere Aufmerksamkeit beanspruchte, war ein Hirt.

Hoch auf der Spitze eines vereinzelten Felskegels, der an der

Kreuzungsstelle einiger Hochtäler sich erhebt, steht, gegen den Himmel

scharf abgegrenzt, wiederum ein romantisch drapierter Ziegenhirt, mit

dem landesüblichen Hirtenstabe. Sofern uns ein Mensch begegnet, ist es

ein Hirt, sofern unser Auge in der felsigten Wildnis Menschengestalt zu

unterscheiden vermag, unterscheidet es auch ringsum sogleich ein

Gewimmel von Schafen oder Thymian rupfenden Ziegen.

In einem Engpaß, durch den wir müssen, hat sich ein Strom von dicker,

wandelnder Wolle gestaut, der sich, wohl oder übel, vor den Hufen des

langsam schreitenden Maultiers teilen muß. Der Reiter streift mit den

Sohlen über die braunen Vliese hin, nachdem die Leitböcke ihre

gewaltigen, tiefgetönten Glocken antiker Form, feurig glotzend, ungnädig

prustend, vorüber getragen haben.

Diese steinigten Hochtäler, zwischen Parnaß und Helikon, erklingen --

nicht von Kirchengeläut! -- aber sie sind beständig und überall

durchzittert vom Klange der Herdenglocken. Sie sind von einer Musik

erfüllt, die das überall glucksende, rinnende, plätschernde Element

einer echten parnassischen Quelle ist. Ob nicht vielleicht die Glocke

unter dem Halse des weidenden Tieres, die Mutter der Glocke im Turme der

Kirche ist, die ja, ins Geistige übertragen, den Parallelismus zum

Hirtenleben nirgend verleugnen will? Dann wäre es von besonderem Reiz,

den appollinischen Klang zu empfinden, den alten parnassischen

Weideklang, der in dem Gedröhne städtischer Sonntagsglocken enthalten

sein müßte.

Im Klangelement dieser parnassischen Quelle, dieses Jungbrunnens, bade

ich. Es beschleicht mich eine Bezauberung. Ich fühle Appollon unter den

Hirten und zwar in schlichter Menschengestalt, als Schäferknecht, wie

wir sagen würden, so, wie er die Herden des Laomedon und Admetos hütete.

Ich sehe ihn, wie er in dieser Gestalt jede gewöhnliche Arbeit des

Hirten verrichten muß, dabei gelegentlich Mäuse vertilgt und den

Eidechsen nachstellt. Ich sehe ihn weiter, wie er, ähnlich mir, in der

lieblich monotonen Musik dieser Täler gleichsam aufgelöst und versunken

ist und wie es ihm endlich, besser als mir, gelingt, die Chariten auf

seine Hand zu nehmen. Chariten, musische Instrumente tragend, auf der

Hand, war er zu Delphi dargestellt.

Vorsichtig schreitet mein Reittier über eine große Schildkröte, die von

den Treibern nicht beachtet wird; ich lasse sie aufheben und die

lachenden Aggogiaten reichen mir das, zwischen gewaltigen

Schildpattschalen, lebhaft protestierende Tier. Ich sehe an den Mienen

der Leute, daß die Schildkröte unter ihnen sich der Popularität eines

allbeliebten Komikers zu erfreuen hat, eines lustigen Rats, über den man

lacht, sobald er erscheint und bevor er den Mund öffnet. In das

Vergnügen der Leute mischt sich dabei eine leise Verlegenheit, wie sie

den ernsten Landmann unverkennbar überschleicht, der auf den Holzbänken

einer Jahrmarktsbude sein Entzücken über die albernen Späße des

Hanswurst nicht zu verbergen vermag. Auch fühlt man heraus, wie das

schöne Tier nicht minder geringschätzt, ja verachtet ist, als beliebt:

eine Verachtung, eine Geringschätzung, die in seinem friedlichen Wesen

und seiner Hilflosigkeit gegenüber den Menschen, trotz seines doppelten

Panzers, ihren Ursprung hat.

»Als er sie sah, da lacht er alsbald und sagte die Worte:

Du glückbringendes Zeichen, ich schmähe dich nicht, sei willkommen.

Freudegeberin heil! Gesellin des Tanzes und Schmauses.«

»Als er sie sah, da lacht er alsbald!« nämlich Hermes, der Gott, vor

Zeiten. Ganz so ergreift unsere kleine Reisegesellschaft beim Anblick

des klassischen Tieres unwiderstehliche Heiterkeit.

Wir ziehen weiter, nachdem wir das alte homerische Lachen, das Lachen

des Gottes, zu Ende gelacht haben. Aber wir töten nicht, wie Hermes, das

Tier, sondern nehmen es lebend unter unseren Gepäckstücken mit. Ich

denke darüber nach, wie wohl die Leier ausgesehen und wie wohl geklungen

hat, die Hermes aus dem Panzer der Schildkröte und aus Schafsdärmen

bildete und die in den Händen Apolls ihren Himmel und Erde

durchhallenden Ruhm gewann.

Aber wir sind nun in sengenden Gluten des Mittagslichts zu einem

wirklichen, reichlich Wasser spendenden parnassischen Brunnen gelangt,

aus dem die Tiere und Treiber gierig trinken. Dicke Strahlen köstlichen

Wassers stürzen aus ihrer gemauerten Fassung hervor und rauschend und

brausend in das steinerne Becken hinein. Es ist wie ein Reichtum, der

sich hier ausschüttet, der nirgends so, als in einem heißen und

wasserarmen Lande empfunden wird.

Wir ruhen aus in dem wohligen Lärm und dem kühlen Gestäube des

lebenspendenden Elementes.

Das Kloster Hossios Lukas bietet uns Quartier für die Nacht. Vom

behäbigen Prior empfangen, geleitet von dienstfertigen Mönchen, treten

wir, durch ein kleines Vorgärtchen, ohne Treppen zu steigen, ins Haus.

Gleich linker Hand ist ein Zimmer, das uns überwiesen wird. Auf den

gebrechlichen Holzaltan des Zimmerchens tretend, blicken wir in den

tiefen Klosterhof und zugleich über die Dächer der Mönchskasernen in das

vollkommen einsame, wilde Hochtal hinaus.

Eng und nur wenig Hofraum lassend, sind die Klostergebäude in, wie es

scheint, geschlossenem Kreis um eine alte byzantinische Kirche gestellt,

die sie zugleich beschützen und liebevoll einschließen. Das Hauptportal

der Kirche liegt schräg in der Tiefe unter uns. Wir können mit den nahen

Wipfeln alter Zypressen Zwiesprache halten, die seit Jahrhunderten

Wächter vor diesem Eingang sind.

Der Prior wünscht uns die Kirche zu zeigen, die innen ein trauriges Bild

der Verarmung ist. Reste von Mosaiken machen wenig Eindruck auf mich,

desto mehr ein Geldschrank, der, an sich befremdlich in diesem geweihten

Raum, zugleich ein wunderlicher Kontrast zu seinem kahlen, ausgepoverten

Zustand ist.

Dem Prior geht ein jugendlich schöner Mönch mit weiblicher Haartracht an

die Hand. Er öffnet Truhen und Krypten mit rostigen Schlüsseln. Das Auge

des jungen Mönches verfolgt uns unablässig mit bohrendem Blick. Als wir

jetzt wiederum auf dem Balkon unseres Zimmers sind, taucht er auf einem

nahen Altane neugierig auf.

Während über den Dächern und in der Wildnis draußen noch Helle des

sinkenden Tages verbreitet ist, liegt der Hof unter uns bereits in

nächtlicher Dämmerung. Ich horche minutenlang in die wundervolle Stille

hinunter, die durch das Geplätscher eines lebendigen Brunnens nur noch

tiefer und friedlicher wird. Mit einem Male ist es, als sei die Seele

dieser alten winkligen Gottesburg aus tausendjährigem Schlummer erwacht.

Arme werden hereingelassen und es wird von den Brüdern unterm

Klosterportale ziemlich geräuschvoll Brot verteilt.

Nach einigem Rufen, Treppengehen und Türenschließen tritt wieder die

alte verwunschene Stille ein, mit den einsamen Lauten des

Röhrenbrunnens. Dann klappert die dicke Bernsteinkette des freundlichen

Priors unten im Hof. Man hört genau, wie er sein Spielwerk

gewohnheitsgemäß bearbeitet, das heißt die Bernsteinkugeln

ununterbrochen durch die Finger gleiten läßt und gegeneinander schiebt.

Ich gehe zur Ruhe, im Ohre feierlich summenden Meßgesang, der schwach

aus dem Innern der Kirche dringt.

Der Aufbruch von Hossios Lukas geschieht unter vielen freundlichen

Worten und Blicken der Mönche, die um uns versammelt sind. Ich komme

eben von einer schönen Terrasse des Klosters zurück, die, inmitten der

steinigten Ödenei, von alten, vollbelaubten Platanen beschattet ist.

Terrassen für den Gemüsebau setzten sich in die Tiefe fort und hie und

da sind dem Felsenschutt des verlassenen Tales Wiesen und Ackerstreifen

abgerungen. Ich sah die kleinen »Mädchen für alles« der älteren Brüder

und Patres mit Besen und Wassereimern in lebhafter Tätigkeit, die Patres

selber, wie sie rotkarrierte Betten auf ihren morschen Balkonen

ausbreiteten. Die kleinen »Mädchen für alles« sind junge Lehrlinge,

deren schönes, langes Haar, wie das von Mädchen, im Nacken zu einem

Knoten aufgenommen ist. Es ist ein wolkenlos heiterer Morgen mit einer

frühlingshaften Wonne der Luft, die göttlich ist und die in jedem Auge

wiederleuchtet. Noch klingt mir der Gruß des Bruders Küper, sein

frisches [Griechisch: Kalimera] im Ohr, womit er mich grüßte, als ich

unten am Brunnen vorüberging, wo er trällernd ein Weinfaß reinigte. Es

war ein Gruß, der ebenfalls von dem frischen Glück dieses Morgens

widerklang.

Kaum hat unsere kleinere Karawane sich nur ein wenig, zwischen Gebüschen

von Steineichen hintrottend, aus dem Bereich des Klosteridylls entfernt

und schon umgibt uns wieder das alte ewige Hirtenidyll. Ich unterscheide

mit einem Blick vier einzelne Schafherden, deren Geläute herüberdringt,

und plötzlich erscheinen, Wölfen gleich, gewaltige Schäferhunde über uns

an der Wegböschung. Man scheucht sie mit großen Steinen zurück.

Wir biegen nach einem längeren Ritt in ein abwärts führendes, enges Tal,

das, wie es scheint, recht eigentlich das Dionysische ist. Wir müssen

zunächst durch eine gedrängte Herde schwarzer Ziegen förmlich

hindurchschwimmen, unter denen sich prächtige Böcke auszeichnen, jenen

ähnlich, die ich auf der Höhe des Passes sah. Und wie ich die Blicke

über die steinigten Talwände forschend ausschicke, sehe ich sie mit

schwarzen Ziegen, wie mit überall hängenden, kletternden, kleinen

schwarzen Dämonen bedeckt.

Der Eingang des schwärzlich wimmelnden Tales wird von dem vollen Glanz

des Parnasses beherrscht, der aber endlich dem Auge entschwindet, je

weiter wir in das Tal hinabdringen: das Tal der Dämonen, das Tal des

Dionysos und des Pan, das immer mehr und mehr von gleichmäßig schwarzen

Ziegen wimmelt. Wohl eine Viertelstunde lang und länger ziehen wir

mitten durch die Herden dahin, die zu beiden Seiten unseres

gestrüppreichen Pfades schnauben, Steineichenblätter abrupfen und hie

und da leise meckern dazu. Überall raschelt, reißt, stampft und prustet

es zwischen den Felsen, in den Gebüschen: da und dort wird ein Glöckchen

geschlenkert. Mitunter kommen wir in ein ganzes Glockenkonzert hinein,

dessen Lärm das gesprochene Wort verschlingt.

Ich habe, auf meinem Maultier hängend, Augenblicke, wo mir dies alles

nicht mehr wirklich ist. Ein alter Knecht und Geschichtenerzähler fällt

mir ein, der mir in ländlichen Winterabenden ähnliche Bilder als

Visionen geschildert hat. Er war ein Trinker, und als solcher ja auch

verknüpft mit Dionysos. In seinen Delirien sah er die Welt, je nachdem,

von schwarzen Ziegen oder Katzen erfüllt, wobei er von alpdruckartiger

Angst gepeinigt wurde.

Der Schritt des Maultiers, die Glocke des Maultiers, allüberall das

Eindringen dieser fremden Welt, dazu die ungewöhnliche Lichtfülle, die

Existenz in freier Luft, Ermüdung des Körpers durch ungewöhnliche

Reisestrapazen, jagen auch mir einen Anflug von Angst ins Blut. Ich habe

vielleicht eine Vision und es ist mir manchmal, als müsse ich diese

zahllosen schwarzen Ziegen vor meinen Augen wegwischen, denen mein Blick

nicht entgehen kann.

Ein weites Quertal nimmt uns auf und wie ein Spuk liegt nun die Vision

der schwarzglänzenden Ziegen hinter mir. Wir überholen einen reisenden

Kaufmann, dessen Maultier von einem kleinen Jungen getrieben wird. So

schön und vollständig, wie nie zuvor, steht der Parnaß, von dem wir

bereits Abschied genommen hatten, vor uns aufgerichtet: ein breiter

silberner Wall mit weißen Gipfeln. Ich gewinne den Eindruck, der

appollinisch strahlende Glanz strömt in das Tal, das der Berg

beherrscht.

Wir reisen nun schon seit einiger Zeit durch die Ebene hin. Neben

flacheren Felsgebieten und einem verzweigten Flußbett, das mit Gebüschen

bewachsen ist, breiten sich Flächen grüner Saat, über denen klangreich

die Lerche zittert.

Es ist faszinierend, zu sehen, wie der Parnaß nun wiederum diese Ebene

überragt. Auf breitester Basis ruhend, baut sich der göttliche Berg aus

eitel Glanz in majestätischer Schönheit auf. Hier wird es deutlich, wie

die bezwingende Gegenwart solcher Höhen göttlichen Ruhm vor den

Menschen, die sie umwohnen, durchsetzen und behaupten muß. Ich empfinde

nicht anders, als stammte der trillernde Rausch des Lerchengeschmetters,

das leuchtende Grün der Saaten, der zitternde Glanz der Luft von diesem

geheiligten Berge ab und nähre sich nur von seinem Glanze.

Oftmals wende ich mich auf meinem Maultier nach der verlassenen

Felsenwelt der Hirten und Herden zurück, während sich über mir Parnaß

und Helikon mit dem Glanz ihrer silbernen Helme über die weite Ebene

grüßen. Flössen doch alle Quellen dieser heiligsten Berge wieder

reichlich voll und frisch in die abgestorbenen Gebiete der europäischen

Seele hinein! Möchte das starre Leuchten dieser olympischen Vision

wiederum in sie hineinwachsen und den übelriechenden Dunst verzehren,

mit dem sie, wie ein schlecht gelüftetes Zimmer, beladen ist.

Nun sitze ich, von der glühenden Sonne nicht ganz geschützt, unterm

Vordach einer Weinschenke. Parnassische Hirten und Hirtenhunde umgeben

mich, unter den wettergebräunten Männern sind blonde Köpfe, deren

antiker Schnitt unverkennbar ist. Der kühne Blick verrät dionysisches

Feuer im Blut. Der Bartwuchs, ohne gepflegt zu sein, ähnelt in Form,

Dichte und Kräuselung durchaus gewissen antiken Plastiken, die Helden

oder Halbgötter darstellen.

Griechischer Frühling · 第 7 / 10 段