Es ist, nachdem wir die Stadt verlassen haben und weiter die steilen

Kehren aufwärts dringen, als sänke sich von allen Seiten, dichter und

dichter, Finsternis über das Geheimnis, dem wir entgegenziehen,

schützend herein. Es ist wie eine Art Unschlüssigkeit in der Natur, als

deren bevorzugtes Kind sich der gläubige Grieche fühlen muß, die sich

mir aber dahin umdeutet, als sollte erst durch die volle Erkenntnis

einengender Finsternis der volle Durst zum Orakelbrunnen erzeugt werden.

Noch immer ist die stehende Wärme auch in der fast völligen Dunkelheit

verbreitet um mich. Der Himmel hat rötlich zuckende Sterne enthüllt,

aber der Blick ist von nun an beengt und eingeschlossen. Die große

Empfindung der Götternähe weicht einer gewissen heimlich schleichenden

Spukhaftigkeit, und so will ich nun auch eine Vorstellung dieser

spukhaften Art aus dem Erlebnis der unvergleichlichen Stunden

festhalten.

Mehrmals und immer wieder kam es mir vor, als stiege der Schatten eines

einzelnen Mannes mit uns nach dem gleichen Ziele hinan, und zwar auf

einem Fußsteige immer die Kehren der großen Straße abschneidend. Kamen

wir bis an die Kreuzungsstelle heran, so schien es, als sei er schon

vorüber, oder er war zurückgeblieben und stieg weit unten, schattenhaft

über die Böschung der tieferen Straßenschlinge herauf. Auch jetzt

unterliege ich wieder dem Zwang dieser Vorstellung.

Es ist unumgänglich, daß ein bis ins tiefste religiös erregter,

christlich erzogener Mensch, auch wenn er das innere Auge abwendet,

gleichsam mittels des peripherischen Sehens doch immer auf die Gestalt

des Heilands treffen muß: und dies war mir und ist mir noch jetzt jener

Schatten. Etwas wie Unruhe, etwas wie Hast und Besorgnis scheint ihn den

gleichen Weg zu treiben, und etwas, wie der gleiche, immer noch

ungestillte Durst.

Und ist nicht auch er wiederum ein Hirt? Sah er sich selbst nicht am

liebsten unter dem Bilde des Hirten? Sehen ihn nicht die Völker als

Hirten? Und verehren ihn nicht die prunkhaften Hohenpriester von heut,

mit dem Symbole des Hirtenstabes in der Hand, als göttlichen Hirten, als

Hirtengott?

Heut, am frühen Morgen aus meiner Herberge tretend, befinde ich mich auf

der sonnigen Dorfstraße eines alpinen Dörfchens. Wenn ich die Straße

nach rechts entlang blicke, wo sie, nach mäßiger Steigung, in einiger

Ferne abbricht oder in den weißlichen, heißen und wolkenlosen Himmel

auszulaufen scheint, so bemerke ich die Spitze eines entfernteren

Schneeberges, der sie überragt.

Die Straße läuft meist dicht am Abhang hin. Von ihrem Rande ermesse ich

die gewaltige Tiefe eines schluchtartigen Tales, mit steilen Felswänden

gegenüber. Die grauen Steinmassen sind durch Thymiansträucher dunkel

gefleckt.

Der Grund der Schlucht scheint ein Bachbett zu sein, und wie sich Wasser

von seiner hochgelegenen Quelle herniederwindet, bis es am Ende der

verbreiterten Schlucht in den weiten See eines größeren Tales tritt,

ergießen sich hier, gleichsam wie Wogen aus dunklem Silber,

Olivenwaldungen in die Tiefe, wo sie die Fülle des ölreichen Tales von

Krisa aufnimmt.

Es ist eine durchaus nur schlichte und ganz gesunde alpine Wonne, die

mich erfüllt, jener Zustand des bergluftseligen Müßigganges, in dem man

so gern das Morgenidyll dörflichen Lebens beobachtet.

Hähne und Tauben machen das übliche Morgenkonzert. Es wird in der Nähe

ein Pferd gestriegelt. Beladene Maultiere trappen vorüber. Alles ist von

jener erfrischenden Nüchternheit, die wiederum die gesunde Poesie des

Morgens ist.

Kastri heißt das Dorf, in dem wir sind und genächtigt haben. Einige

Schritte auf der mit grellstem Lichte blendenden Landstraße um einen

Felsenvorsprung herum, und der heilige Tempelbezirk von Delphi soll sich

enthüllen.

In diesem Felsenvorsprung, den wir nun erreichen, sind die offenen

Höhlen ehemaliger Felsgräber. Nahe dabei haben Wäscherinnen ihren Kessel

über ein aromatisches Thymianfeuer gestellt, das uns mit Schwaden

erquickenden Weihrauchs umquillt. Schwalben schrillen an uns vorüber,

Fliegen summen, irgendwoher dringt das Hungergeschrei junger Nestvögel,

und die Sonne scheint, triumphierend gleichsam, bis in die letzten

Winkel der leeren Gräber hinein.

Eine zahlreiche Herde schöner Schafe begegnet uns, und minutenlang

umgibt uns das freudige Älplergeräusch ihrer Glocken. Ich beobachte eine

dicke Glockenform mit tiefem Klang, von der man sagt, daß sie antikem

Vorbild entspreche. Inmitten der Herde bewegt sich der dienende Hirt und

ein herrenhaft-heiter wandelnder Mann in der knappen, vorwiegend blauen

Tracht der Landleute.

Dieser Mann erscheint zugleich jung und alt: insofern jung, als er

schlank und elastisch ist, insofern alt, als ein breiter, vollkommen

weißer Bart sein Gesicht umrahmt. Doch es ist die Jugend, die in diesem

Manne triumphiert: das beweist sein schalkhaft blitzendes Auge, beweist

der freie, übermütige Anstand der ganzen Persönlichkeit, eine Art

behaglich fröhlichen Stolzes, der weiß, daß er unwiderstehlich

fasziniert.

Als Staub und Geläut uns am stärksten umgeben, bemerken wir, wie dieser

schöne und glückliche Mann, der übrigens seine Jagdbüchse über der

Schulter trägt, den langen Stab aus der Hand seines Hirten nimmt. Gleich

darauf tritt er uns entgegen und bietet uns, wirklich aus heiterem

Himmel, eben denselben Stab als Gastgeschenk.

Die Wendung des Weges ist erreicht. Die Straße zieht sich in einem

weiten Bogen eng unter mächtigen roten Felswänden hin, und der erste

Blick in dieses schluchtartige, delphische Tal sucht vergeblich nach

einer geeigneten Stätte für menschliche Ansiedelung. Von den roten,

senkrecht starrenden Riesenmauern der Phädriaden ist ein Böschungsgebiet

abgebröckelt, das steil und scheinbar unzugänglich über uns liegt.

Überall in den Alpen trifft man ähnliche Schutt- und Geröllhalden, auf

denen man, ebenso wie hier, höchstens weidende Ziegen klettern sieht.

Selten bemerkt man dort, etwa in Gestalt einer besonders ärmlichen

Hütte, Spuren menschlicher Ansiedelung, während hier der

unwahrscheinliche Baugrund für ein Gewirr von Tempeln, tempelartigen

Schatzhäusern, von Priesterwohnungen, von Theater und Stadion, sowie von

zahllosen Bildern aus Stein und Erz zu denken ist.

Wir schreiten die weiße Straße langsam fort. Wir scheuchen eine

anderthalb Fuß lange, grüne Eidechse, die den Weg, ein Wölkchen Staub

vor uns aufregend, überquert. Ein Esel, klein, mit einem Berge von

Ginster bepackt, begegnet uns: es heißt, daß die Bauern aus Ginster

Körbe zur Aufbewahrung für Käse flechten. Ein Maultier schleppt eine

Last von bunten Decken gegen Kastri heran, begleitet von einer

Handelsfrau, die während des Gehens nicht unterläßt, von dem Wocken aus

Ziegenhaar fleißig denselben Faden zu spinnen, aus dem jene Decken

gewoben sind.

Immer die steile Böschung des delphischen Tempelbezirks vor Augen,

drängt sich mir der Gedanke auf, daß alle die einstigen Priester des

Apoll sowohl als die des Dionysos, alle diese Tempel, Theater und

Schatzhäuser von ehemals, alle diese zahllosen Säulen und Statuen den

Ziegen und einer gewissen Ziegenhirtin gefolgt und nachgeklettert sind.

Das Hirtenleben ist in den meisten Fällen ein Leben der Einsamkeit. Es

begünstigt also alle Kräfte visionärer Träumerei. Ruhe der äußeren Sinne

und Müßiggang erzeugen die Welt der Einbildung, und es würde auch heut

nicht schwer halten, etwa in den Irrenhäusern der Schweiz ländliche

Mädchen zu finden, die, befangen in einem religiösen Wahn, von ähnlichen

Dingen überzeugt sind, von ähnlichen Dingen »mit rasendem Munde«

sprechen, als die erste Seherin, die Sibylle oder ihre Nachfolgerin zu

Delphi, tat. Diese hielten sich etwa für die angetraute Gattin Apolls,

oder für seine Schwester, oder erklärten sich für Töchter von ihm.

Wir klettern die steile Straße innerhalb des Tempelbezirkes empor.

Überall zwischen den Fundamenten ehemaliger Tempel, Schatzhäuser, Altäre

und Statuen blüht die Kamille in großen Büschen, ebenso wie in Eleusis

und auf der Akropolis. Die Steine der alten und steilen Straße sind

glatt, und mit Mühe nur dringen wir, ohne rückwärts zu gleiten, hinan.

Nicht weit von dem Felsenvorsprung, den man den Stein der Sibylle nennt,

ruhe ich aus. In heiß duftenden Büscheln der Kamille, zwischen die ich

mich niedergelassen habe, tönt ununterbrochen Bienengesumm. Wer möchte

an dieser Stelle mit Fug behaupten wollen, daß ihm die ungeheure

Vergangenheit dieser steilen Felslehne in allem Besonderen gegenwärtig

sei. Der chthonische Quell, jene, verwirrende Dämpfe ausströmende

Felsspalte, die Corethas entdeckte, quillt, wie es heißt, nicht mehr,

und schon zur Zeit des großen Periegeten hatten die Dämonen das Orakel

verlassen. Werden sie jemals wiederkehren? Und wird, wie es heißt, wenn

sie wiederkehren, das Orakel gleich einem lange ungenutzten Instrument

göttlichen Ausdrucks aufs neue erschallen?

Die architektonischen Trümmer umher erregen mir einstweilen nur geringe

Aufmerksamkeit. Die Kunst inmitten dieser gewaltigen Felsmassen hatte

wohl immer, nur im Vergleich mit ihnen, Pygmäencharakter. Durchaus

überragend in wilder, unbeirrbarer Majestät bleibt hier die Natur, und

wenn sie auch mit Langmut oder auf Göttergebot die Siedelungen der

menschlichen Ameise duldet, die sich, nicht ohne Verwegenheit, hier

einnistete, so bleibt die Gewalt ihrer Ruhe, die Gewalt ihrer Sprache,

die überragende Macht ihres Daseins, das unter allem, hinter allem, über

und in allem Gegenwärtige.

Man denkt an Apoll, man denkt an Dionysos, aber an ihre Bilder aus Stein

und Erz denkt man in dieser Umgebung nicht: eher wiederum an gewisse

Idole, die uralten Holzbilder, deren keines leider auf uns gekommen ist.

Man sieht die Götter da und dort, leuchtend, unmaterialisch, visionär,

hauptsächlich aber empfindet man sie in der Kraft ihrer Wirkungen. Hier

bleiben die Götter das, was unsichtbar gegenwärtig ist: und so bevölkern

sie, bevölkern unsichtbare Dämonen die Natur.

Ist wirklich der chthonische Quell versiegt? Haben die Dämonen wirklich

die Orakel verlassen? Sind gar die meisten von ihnen tot, wie es heißt,

daß der große Pan gestorben ist? Und ist wirklich der große Pan

gestorben?

Ich glaube, daß eher jeder andere Quell des vorchristlichen Lebensalters

verschüttet ist als der pythische und glaube, daß der große Pan nicht

gestorben ist: nicht aus Schwäche des Alters und ebensowenig unter den

jahrtausendelangen Verfluchungen einer christlichen Klerisei. Und hier,

zwischen diesen sonnebeschienenen Trümmern, ist mir das ganze

totgeglaubte Mysterium, sind mir Dämonen und Götter samt dem totgesagten

Pan gegenwärtig.

Noch heut sind unter den »vielen Strömen, die unsere Erde nach oben

sendet«, viele, die in den Seelen der Menschen eine Verwirrung und

Begeisterung hervorrufen, wie in dem Hirten Corethas jener, der in

Delphi zutage trat, auch wenn wir dieser Begeisterung wenig achten und

die tiefen Weihen nicht mehr allgemein machen wollen, die mit dem

heiligen Rausch verbunden sind.

Dieser Parnaß und diese seine roten Schluchten sind Quellgebiet:

Quellgebiet natürlicher Wasserströme und Quellgebiet jenes

unversiegbaren, silbernen Stromes der Griechenseele, wie er durch die

Jahrtausende fließt. Es ist ein anderer Reiz und Geist, der die Quellen,

ein anderer, der den Lasten und Wimpel tragenden Strom umgibt. Seltsam,

wie der Ursprung des Stromes und seine Wiege dem urewig Alten am

nächsten ist: das ewig Alte der ewigen Jugend. Man kann solche

Quellgebiete nicht einmal mit Fug allein griechisch nennen, denn sie

sind meist, im Gegensatz zu den Strömen, die sie nähren, namenlos.

Gegenüber, jenseit des Taleinschnitts, tönen von der Felswand, dem Ruf

des Hornes von Uri nicht unähnlich, gewaltige Laute eines Dudelsacks,

hervorgerufen von Hirten, die unerkennbar mit ihren Ziegen in den Felsen

umhersteigen. Diese gesegneten Quellgebiete waren und sind noch heute

von Hirten umwohnt. Platon nennt die Seele einen Baum, dessen Wurzeln im

Haupte des Menschen sind und der von dort aus mit Stamm, Ästen und

Blättern sich in das Bereich des Himmels ausdehnt. Ich betrachte die

Welt der Sinne als einen Teil der Seele und zugleich ihr Wurzelgebiet,

und verlege in das menschliche Hirn einen metaphysischen Keim, aus dem

dann der Baum des Himmels mit Stamm, Ästen, Blättern, Blüten und

Früchten empordringt.

Nun scheint es mir, daß die Sinne des Jägers, die Sinne des Hirten, die

Sinne des Jägerhirten, sagen wir, die feinsten und edelsten Wurzeln sind

und daß ein Hirten- und Jägerleben auf Berghöhen der reichste Boden für

solche Wurzeln, und also die beste Ernährung für den metaphysischen Keim

im Menschen ist.

Zwischen den Trümmern des steilen Tempelbezirks von Delphi

umherzusteigen, erfordert einige Mühe und Anstrengung. Am höchsten von

allen Baulichkeiten lag wohl das Stadion; ein wenig tiefer, doch mit

seinen obersten Sitzen an die unzugängliche Felswand stoßend, ist das

Theater dem Felsgrunde abgetrotzt.

Der Eindruck der natürlichen Szenerie, die es umgibt, ist drohend und

großartig. Ich empfinde eine Art beengender Bangigkeit in dieser

übergewaltigen Nähe der Natur, dieser geharnischten, roten

Felsbastionen, die den furchtbarsten Ernst blutiger Schauspiele von den

Menschen zu fordern scheinen.

In das Innere dieser Felsmassen scheint übrigens ein dämonisches Leben

hineingebannt. Sie wiederholen, in die tiefe Stille über den rötlichen

Sitzreihen, die Stimmen unsichtbarer Kinder weit unten im Tal, sie

lassen gespenstige Herdenglocken, wie in einem hallenden Saale, durch

sich hin läuten und geben die klangvolle Stimme des fernen Hirten aus

der Nähe und geläutert zurück. Aus ihrem Inneren dringt Hundegebell, und

ein fernes und schwaches Dröhnen, aus dem Tale von Krisa her, erregt in

ihr einen klangvoll breiten, feierlich musikalischen Widerhall.

Das ununterbrochene, mitten im heißen Lichte des Mittags gleichsam

nächtliche Rauschen der kastalischen Wasser dringt aus der Schlucht der

Phädriaden herauf.

Die Götter waren grausame Zuschauer. Unter den Schauspielen, die man zu

ihrer Ehre darstellte -- man spielte für Götter und vor Göttern, und die

griechischen Zuschauer auf den Sitzreihen trieben, mit schaudernder

Seele gegenwärtig, Gottesdienst! -- unter den Schauspielen, sage ich,

waren die, die von Blute trieften, den Göttern vor allen anderen heilig

und angenehm. Wenn zu Beginn der großen Opferhandlung, die das

Schauspiel der Griechen ist, das schwarze Blut des Bocks in die

Opfergefäße schoß, so wurde dadurch das spätere höhere, wenn auch nur

scheinbare Menschenopfer nur vorbereitet: das Menschenopfer, das die

blutige Wurzel der Tragödie ist.

Blutdunst stieg von der Bühne, von der Orchestra in den brausenden

Krater der schaudernden Menge und über sie in die olympischen Reihen

blutlüsterner Götterschemen hinauf.

Anders wie im Theater von Athen, tiefer und grausamer und mit größerer

Macht, offenbart sich hier, in der felsigten Pytho, unter der Glut des

Tagesgestirns, das Tragische, und zwar als die schaudernde Anerkennung

unabirrbarer Blutbeschlüsse der Schicksalsmächte: keine wahre Tragödie

ohne den Mord, der zugleich wieder jene Schuld des Lebens ist, ohne die

sich das Leben nicht fortsetzt, ja, der zugleich immer Schuld und Sühne

ist.

Gleich einem zweiten Corethas brechen mir überall in dem großen

parnassischen Seelengebiet -- und so auch in der Tiefe des roten

Steinkraters, darin ich mich eben befinde! -- neue chthonische Quellen

auf. Es sind jene Urbrunnen, deren Zuflüsse unerschöpflich sind und die

noch heute die Seelen der Menschen mit Leben speisen: derjenige aber

unter ihnen, der dem inneren Auge der Seele und gleicherweise dem

leiblichen Auge vor allen anderen sichtbar und mystisch ist, bleibt

immer der springende Brunnen des Bluts.

Ich fühle sehr wohl, welche Gefahren auf den Pilger in solchen

parnassischen Brunnengebieten lauern, und vergesse nicht, daß die Dünste

aller chthonischen Quellen von einem furchtbaren Wahnsinn schwanger

sind. Oft treten sie über dünnen Schichten mürben Grundes ans

Tageslicht, unter denen glühende Abgründe lauern. Der Tanz der Musen auf

den parnassischen Gipfeln geschah, da sie Göttinnen waren, mit leichten,

die Erde nicht belastenden Füßen: das ihnen Verbürgte nimmt uns die

Schwere des Körpers, die Schwere des Menschenschicksals nicht.

Auch aus der Tiefe des Blutbrunnens unter mir stieg dumpfer, betäubender

Wahnsinn auf. Indem man die grausame Forderung des sonst wohltätigen

Gottes im Bocksopfer sinnbildlich darstellte, und im darauffolgenden,

höheren Sinnbild gotterfüllter dramatischer Kunst, gaben die Felsen den

furchtbaren Schrei des Menschenopfers unter der Hand des Rächers, den

dumpfen Fall der rächenden Axt, die Chorklänge der Angst, der Drohung,

der schrecklichen Bangigkeit, der wilden Verzweiflung und des jubelnden

Bluttriumphes zurück.

Es kann nicht geleugnet werden, Tragödie heißt: Feindschaft, Verfolgung,

Haß und Liebe als Lebenswut! Tragödie heißt: Angst, Not, Gefahr, Pein,

Qual, Marter, heißt Tücke, Verbrechen, Niedertracht, heißt Mord,

Blutgier, Blutschande, Schlächterei -- wobei die Blutschande nur

gewaltsam in das Bereich des Grausens gesteigert ist. Eine wahre

Tragödie sehen hieß, beinahe zu Stein erstarrt, das Angesicht der Medusa

erblicken, es hieß das Entsetzen vorwegnehmen, wie es das Leben heimlich

immer, selbst für den Günstling des Glücks, in Bereitschaft hat. Der

Schrecken herrschte in diesem offenen Theaterraum, und wenn ich bedenke,

wie Musik das Wesen einfacher Worte, irgend eines Liedes, erregend

erschließt, so fühle ich bei dem Gedanken an die begleitenden Tänze und

Klänge der Chöre zu dieser Mordhandlung eisige Schauder im Gebein. Ich

stelle mir vor, daß aus dem vieltausendköpfigen Griechengewimmel dieses

Halbtrichters zuweilen ein einziger, furchtbarer Hilfeschrei der Furcht,

der Angst, des Entsetzens, gräßlich betäubend zum Himmel der Götter

aufsteigen mußte, damit der grausamste Druck, die grausamste Spannung

sich nicht in unrettbaren Wahnsinn überschlug.

Man muß es sich eingestehen, das ganze Bereich eines Tempelbezirks, und

so auch diese delphische Böschung, ist blutgetränkt. An vielen Altären

vollzog sich vor dem versammelten Volk die heilige Schlächterei. Die

Priester waren vollkommene Schlächter, und das Röcheln sterbender

Opfertiere war ihnen die gewöhnlichste und ganz vertraute Musik. Die

Jammertöne der Schlachtopfer machten die Luft erzittern und weckten das

Echo zwischen den Tempeln und um die Statuen her: sie drangen bis ins

Innere der Schatzhäuser und in die Gespräche der Philosophen hinein.

Der Qualm der Altäre, auf denen die Ziege, das Schaf mit der Wolle

verbrannt wurde, wirbelte quellend an den roten Felsen hinauf, und ich

stelle mir vor, daß dieser Qualm, sich zerteilend, das Tal überdeckte

und so die Sonne verfinsterte. Der Opferpriester, mit Blut besudelt, der

einem Zyklopen gleich das geschlachtete Tier zerstückte und ihm das Herz

aus dem Leibe riß, war dem Volk ein gewöhnlicher Anblick. Er umgoß den

ganzen Altar mit Blut. Diese ganze Schlachthausromantik in solchen

heiligen Bezirken ist schrecklich und widerlich, und doch ist es immer

vor allem der süßliche Dampf des Bluts, der die Fliegen, die Götter des

Himmels, die Menge der Menschen, ja sogar die Schatten des Hades

anzieht.

In alledem verrät sich mir wiederum der Hirtenursprung der Götter, ihrer

Priester und ihres Gottesdienstes, denn das Blutmysterium mußte sich den

Jägerhirten zuerst aufschließen und dem Hirten mehr als dem Jäger in

ihm, wenn er, friedlich, friedlich von ihm gehütete, zahme Tiere

abschlachtete, zuerst das Grausen und hernach den festlichen Schmaus

genoß.

Wir sind den steilen Abhang des delphischen Tempelbezirks bis an den

obersten Rand emporgeklommen. Ich bin erstaunt, hier, wo aus dem

scheinbar Unzugänglichen die rote unzugängliche Felswand sich erhebt,

auf eine schöne, eingeschlossene Fläche zu stoßen, hier oben, gleichsam

in der Gegend der Adlernester, zwischen Felsenklippen, auf ein Stadion.

Es ist still. Es ist vollkommen still und einsam hier. Das schöne Oblong

der Rennbahn, eingeschlossen von den roten Steinen der Sitzreihen, ist

mit zarten Gräsern bedeckt. Inmitten dieser verlassenen Wiese hat sich

eine Regenlache gebildet, darin man die roten Umfassungsmauern des

Felsendomes, mit vielen gelben Blumenbüscheln widergespiegelt sieht.

Ist nicht das Stadion dann am schönsten, wenn der Lärm der Ringer und

Renner, wenn die Menge der Zuschauer es verlassen hat? Ich glaube, daß

der göttliche Priester Apolls, Plutarch, oft, wie ich jetzt, im leeren

Stadion der einzige Zuschauer war und den Gesichten und Stimmen der

Stille lauschte.

Es sind Gesichte von Jugend und Glanz, Gesichte der Kraft, Kühnheit und

Ehrbegier, es sind Stimmen gottbegeisterter Sänger, die unter sich

wetteifernd den Sieger oder den Gott preisen. Es ist der herrlichste

Teil der griechischen Phantasmagorie, die hier für den nicht erloschen

ist, der gekommen ist, Gesichte zu sehen und Stimmen zu hören.

Die schrecklichen Dünste des Blutbrunnens drangen nicht bis in dieses

Bereich, ebensowenig das Todesröcheln der Menschen- und Tieropfer. Hier

herrschte das Lachen, hier herrschte die freie, von Erdenschwere

befreite, kraftvolle Heiterkeit.

Nur im Stadion, und ganz besonders in dem zu Delphi, das über allen

Tempeln und allen Altären des Götterbezirks erhaben ist, atmet man jene

leichte, reine und himmlische Luft, die unseren Heroen die Brust mit

Begeisterung füllte. Der Schrei und Ruf, der von hier aus über die Welt

erscholl, war weder der Ruf des Hirten, der seine Herde lockt, noch war

es der wilde Jagdruf des Jägers: es war weder ein Racheschrei noch ein

Todesschrei, sondern es war der wild glückselige Schrei und

Begeisterungsruf des Lebens.

Mit diesem göttlichen Siegesruf der lebendigen Menschenbrust begrüßte

der Grieche den Griechen über die Fjorde und Fjelle seines herrlichen

Berglands hinweg, dieses Jauchzen erscholl von Spielplatz zu Spielplatz:

von Delphi hinüber nach Korinth, von Korinth nach Argos, von Argos bis

Sparta, von Sparta hinüber nach Olympia, von dort gen Athen und

umgekehrt.

Ich glaube, nur vom Stadion aus erschließt sich die Griechenseele in

alledem, was ihr edelster Ruhm und Reichtum ist; von hier aus gesehen,

entwickelt sie ihre reinsten Tugenden. Was wäre die Welt des Griechen

ohne friedlichen Wettkampf und Stadion? Was ohne olympischen Ölzweig und

Siegerbinde? eben das gleiche erdgebundene Chaos brütender, ringender

und quellender Mächte, wie es auch andere Völker darstellen.

Es wird mir nicht leicht, diesen schwebenden und versteckten Spielplatz

zwischen parnassischen Klippen zu verlassen, der so wundervoll einsam

und wie für Meditationen geschaffen ist. Hier findet sich der sinnende

Geist gleichsam in einen nährenden Glanz versenkt, und der Reichtum

dessen, was in ihn strömt, kann in seiner Überfülle kaum bewahrt und

behalten sein.

Man müßte vom Spiel reden. Man müßte das eigene Denken der Kinder- und

Jünglingsjahre heraufrufen und jener Wegeswendung sich erinnern, wo man

in eine mißmutige und freudlose Welt einzubiegen gezwungen war, die das

Spiel, die höchste Gabe der Götter, verpönt. Man könnte hervorheben, daß

bei uns mehr Kinder gemordet werden, als jemals in irgendeinem Bethlehem

von irgendeinem Herodes gemordet worden sind: denn man läßt nie das Kind

bei uns groß werden, man tötet das Kind im Kinde schon, geschweige, daß

man es im Jüngling und Manne leben ließe.

Griechischer Frühling · 第 6 / 10 段