Er fühlt einen Kuss auf seiner Stirne und fragt: »Nicht zu spät?«

Frau Malcorn schüttelt den Kopf; dann kniet sie neben Harald nieder, und

er legt ihr seine feinen, ausgeruhten Hände leicht aufs Haar und

spricht: »Schwer wird es mir nicht fallen, glaub' ich. Ich bin viel

näher bei allem, was in der Kinderzeit liegt, als bei dem nachher. Alles

weiss ich. Wenn Du mich doch prüfen wolltest. Bis ganz zurück. Bis

damals, da Du ein Kleid trugst, ganz aus Spitzen, wie aus lauter solchen

Wolken gemacht, -- aus Frühlingswolken. Und -- als Du oft weintest ... O

ich weiss noch. Und als Du kleine, leise Lieder spieltest in der

Dämmerung, -- kannst Du sie noch?« Frau Malcorn senkt die Stirne tief,

so dass Haralds Hände weitergleiten in ihrem Haar, von Stellen, die

unter ihnen warm geworden sind, zu anderen, kühlen. Und wieder hört sie

Haralds Stimme über sich. »... Freilich, das ist lang. Und doch, ich

fühle genau, wie es war. Als ob ein Glänzen glitte durch die

Dunkelstunde, ein Aufleuchten, ein letztes Lächeln der Dinge vor dem

Einschlafen: so war Dein Lied. Und einmal, als ich ganz leise zu Dir

trat (Du hörtest mich garnicht kommen), da nanntest Du mich ... Du

nanntest mich damals ... Jerôme ... Seltsam: Jerôme ... trotzdem ich

Harald bin ... und ... der Vater ... hiess auch Harald ... aber Du

sagtest damals Jerôme zu mir trotzdem ... Und das passte so gut zu dem,

was Du spieltest ... das war wie das Lied selbst ... Siehst Du wohl, was

ich alles noch weiss?« Pause. Und dann steht Frau Malcorn auf und zwingt

sich zu sagen: »Willst Du mir etwas zuliebe thun, Harald?«

»Alles.«

»Lass uns nicht nach Skal gehen, -- lass uns hier bleiben!«

Harald staunt über den flehentlichen Ton dieser Worte. »Aber das sollte

doch ohnehin nur auf Deinen Wunsch geschehen?«

»Ja -- siehst Du -- es ist ein grosser alter Park beim Schloss und

überhaupt ... deshalb hab' ich an den Onkel geschrieben, ob er uns nicht

einladen möchte. Ich hoffte: dort würdest Du Dich rascher erholen, --

aber --« Rasch fällt Harald ein: »Ich hätte Dich wahrscheinlich um das

Gleiche gebeten, Mama. Heut oder morgen. Im Anfang schien es mir ja eine

grosse Freude und Freiheit ... Aber mir sind unsere Stuben hier doch

lieber. Jetzt, weisst Du, während der Krankheit, sind sie mir so lieb

geworden. Und ich kenne sie eigentlich noch wenig. Ich war ja so selten

zu Haus -- früher, -- damals ... Natürlich: bleiben wir.«

Hilflos und gequält fängt Frau Malcorn wieder an: »Und Du fragst

garnicht, weshalb ich diesen Plan ..?«

»Du wirst Deine Gründe haben, Mütterchen ... Und ich glaube beinahe, ich

errate sie; ich kenne Dich ja! Es widerstrebt Dir, vom Onkel eine Gnade

anzunehmen, -- Du Stolze ...«

Aber gerade damit zwingt er Frau Malcorn zum Reden. Und blindlings, ganz

ausser sich vor Scham, wirft sie sich in die Worte: »Nein, Harald ...

ich kann nicht lügen ... vor Dir ... ich muss es Dir sagen ... es ist

nicht ... nicht ... aus Stolz, ... aus ... Furcht ...«

»Furcht?«

»Ja. Vor der weissen Frau ...«

Harald versteht noch garnicht: »Furcht? Vor Frau Walpurga? -- Aber meine

mutige kleine Mama und -- Furcht?«

Frau Malcorn versucht zu lächeln. Doch am liebsten möchte sie dem Blicke

ihres Sohnes entgehen. Sein Auge schaut so gross, und sie bleibt immer

in seinem Kreis, seinem sanften Glanze erreichbar, wie sie auch unter

den Dingen herumirrt. Endlich kauert sie sich vor den Ofen, als ob es

dringend notwendig wäre, das Feuer zu erhalten. Und so, von dieser

Zuflucht aus, knieend, das gesenkte Gesicht im heissen Schein der

angefachten Glut, beginnt sie ein flüsterndes Gespräch.

»Erinnerst Du Dich der Sage von Frau Walpurga?«

»Ungefähr. Sie ist in verschiedenen Schlössern gesehen worden?«

»Ja, am häufigsten in Skal.«

»So? Immer drei Tage bevor jemand stirbt, nicht wahr?«

»Ja. Es heisst so.«

»Und nach der Chronik ist es ja auch fünf- oder sechsmal in Erfüllung

gegangen. Wenn man aber bedenkt, dass Frau Walpurga um die Mitte des 16.

Jahrhunderts blühte und sich seither nur fünf- oder sechsmal bemüht hat

zu erscheinen, muss man annehmen, dass die meisten Malcorns ohne ihren

Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?...«

»Und sonst weisst Du nichts von ihr?«

»Einmal hab' ich das alles gewusst, als Knabe, -- als Kind ... aber dann

müsste ich's ja gerade jetzt, da ich die Kindheit wie gestern empfinde,

wieder wissen ... Wart' mal: Sie war die Gemahlin des ... des ... Grafen

(oder waren sie damals noch Freiherren?...), nein, ich glaube ... wir

wollen später doch nachschlagen, ob es richtig ist ... und, im Falle ich

recht habe, bitt' ich mir eine Belohnung aus -- ja?« Harald sucht in

seinem Gedächtnis, und so fällt es ihm nicht auf, dass Frau Malcorn

nicht scherzhaft erwidert auf die letzte Frage. Er richtet sich ein

wenig im Stuhle auf und zitiert richtig und sicher die betreffende

Stelle: »Sigismund Ferdinand, erster österreichischer Graf von Malcorn,

Herr auf Tschakathurn und Hallpach u. s. w. Söhne: Ferdinand III., Apel,

genannt der Lahme, Christoph. Christoph, nachmals Herr auf Sarnkirchen

und Skal, vermählt mit Walpurga, Freiin von Indichar ...« da haben

wir's! Siehst Du, Du wirst sehen, es stimmt. Willst Du weiter hören? Ich

glaube, jetzt weiss ich Enkel und Enkelsöhne bis ins 18. Jahrhundert

herein ...«

»Nein, nein,« wehrt Frau Malcorn heiser.

»Na, ich denke auch, das genügt. Ich begreife überhaupt nicht, warum wir

uns so gründlich mit Frau Walpurga beschäftigen. Wenn sie schon mal

keine Ruhe hat ...«

»Weisst Du, weshalb?«

»Weshalb sie keine Ruhe hat? Offenbar wie alle >weissen Frauen< der

Welt: treulos, sündig, vom erzürnten Gemahl erstochen ...«

»Treulos, sündig ...« wiederholt Frau Malcorn mit so unsicherer Stimme,

dass Harald sich erstaunt umblickt. Sie ist jetzt wieder ganz nahe,

hinter seinem Stuhl, so nahe, dass die Flügel ihrer Worte ihn streifen,

als sie fragt: »Erinnerst Du Dich an Deinen Vater, Harald?«

»Kaum. Er hatte einen dichten weissen Bart. Er war alt.«

Frau Malcorn möchte ihre Hand in Haralds Haar legen, aber sie hebt sie

nur bis auf seine Schulter; denn ihre feine Hand ist schwer. Und in

diesem Augenblick sagt Harald: »Seltsam wilde Hände hatte er ...«

»Harald!« Es ist wie ein Schrei, aber Harald kann ihr Gesicht nicht

sehen.

»Könntest Du Dir denken, Harald ...?« hört er hinter sich, und weiter,

in bangen, merkwürdig leeren Pausen -- -- »dass ... Dein ... Vater ..

mich ...« Da wendet Harald doch den Kopf. Frau Malcorn schaut über ihn

fort in die beginnende Dämmerung und schreit fast: »... dass er gethan

hätte wie Graf Christoph?...«

Erst begreift Harald nicht. Dann langt er rasch nach ihrer Hand, die

eiskalt ist, und zieht sie sanft zu sich. Und da kniet sie auf einmal

neben ihm und drückt ihr Weinen in seinen Schooss und hört über sich

Haralds Stimme gehen, leise, ernst, beinahe feierlich: »Er war ein

Greis. Ich hab' ihn nicht geliebt.« Und da küsst sie seine

erschrockenen, sich sanft wehrenden Hände. Harald aber ist schon bemüht,

sie emporzuheben, und lächelt: »Siehst Du, dazu bin ich noch zu schwach.

Das geht noch nicht. Heben kann ich Dich noch nicht.«

Dann, als sie leicht aufgestanden ist, lehnt er sich weit zurück, wie zu

glücklichem Schlaf. Sein Gesicht ist unbewegt. Nur unter dem Kinn, auf

dem gespannten, abgemagerten Halse fliesst eine kleine Ader in

springenden Wellen dem stillen Herzen zu.

Nach einer Weile holt er tief Atem, und Frau Malcorn fragt: »Ist Dir

gut?« Harald öffnet die Augen nicht: »Ja. Heute wird es am Ende gar

nicht kommen -- das Abendfieber ...«

»Aber ruh' nur jetzt ...«

»Nicht -- fortgehen --«

»Nein, ich bin immer da.«

Und in dem Schweigen, das dann folgt, vollzieht sich die Dämmerung. Die

Dinge treten lautlos aus dem Glanz zurück, wie aus einer Kirche, deren

Thore geschlossen werden. Sie kauern sich längs der Wände, wärmen sich

eines am andern, und es geht ein Schläfern von ihnen aus, welches die

Uhr am Pfeiler mühsam überwindet. Im letzten Augenblick, da die Stunde

schon unerkannt vorüber will, ruft sie sie an, hastig und hell.

Das macht Harald wach.

»... Bist Du da?«

»Ja, Liebling. Brauchst Du etwas?«

»Ich will nicht schlafen.«

»Doch, Harald, schlaf! Das giebt Kraft.«

»Mir ist zu gut zum Schlafen. Mir ist so gut. Wenn ich schlafe, vergesse

ich es. Und ich möchte gern wissen, dass mir gut ist. -- Wir wollen

reden.« Jetzt erst rührt sich Harald. Die Augen bleiben im Schlaf, aber

die Linke streckt er so nach der Seite hin und bittet: »Hand!« Und dann,

als sein Wunsch erfüllt ist: »Das ist Deine Hand ... Wenn ich erblinden

müsste, ich würde Dich doch erkennen an dieser Hand ... Ich muss also

keine Angst haben, nicht einmal vor dem Blindwerden ... nicht einmal --

-- -- wenn ... doch ... dann muss ich sie ja loslassen ...«

Frau Malcorn erschrickt, auch deshalb, weil sie sein »dann« gleich

versteht. Unwillkürlich zieht sie ihre Hand zurück.

»O« -- macht Harald, als ob er etwas Gläsernes fallen gelassen hätte,

und auf seinem Gesichte ist eine ängstliche Spannung, es aufklirren zu

hören an dem harten Boden.

Aber schnell beschwichtigt Frau Malcorn seine Angst. »Ich bin ja da,

Harald.« »Ja.« Und er lässt die Augen schlafen und spricht leise, wie um

sie nicht aufzuwecken. »Es ist doch gut, dass ich krank geworden bin.

Denk nur! Wenn ich nicht krank geworden wäre, das wäre so fort gegangen,

da unten, immer und immer, bis ... Aber jetzt ... jetzt darf ich mein

Leben wieder aufbauen ganz von Anfang ... Kindheit? Hm. Mit der war ich

zufrieden. War da jemand, der mir sie so schön gemacht hat, so

märchenhaft schön! Du wirst ... erraten ... wer ... Nicht gerade froh

war sie, was man so froh nennt: voll von Gespielen und Festen. Ich war

immer allein, oder doch allein mit Dir. -- Aber sie war so ... tief. Ich

kann ihren Anfang nicht erschauen. Es könnten Jahrtausende gewesen sein

-- Jahrtau ... Und doch, dann ist es wieder wie ein einziger Tag, der noch

immer nicht zu Ende ist und von dem ich träume, dass er nicht enden

soll. Kannst Du Dir das denken?«

Er erwartet keine andere Antwort, als die Stille. Und nachdem er dieser

eine Pause lang zugehört hat, fährt er fort: »Es muss schwer sein, sich

das zu denken. Ich hätte es selbst kaum gekonnt vorher; aber jetzt

scheint es mir ganz natürlich. Die Kindheit ist ein Land, ganz

unabhängig von allem. Das einzige Land, in dem es Könige giebt. Warum in

die Verbannung gehen? Warum nicht älter und reifer werden in diesem

Lande?... Wozu sich gewöhnen an das, was =Andere= glauben? Hat das etwa

mehr Wahrheit, als was man glaubt im ersten starken Kindervertrauen? Ich

kann mich noch erinnern ... da hatte jedes Ding einen besonderen Sinn,

und es gab unzählbar viele Dinge. Und keines war mehr im Werte als ein

anderes. Gerechtigkeit war über ihnen. Jedes durfte einmal das Einzige

scheinen, durfte Schicksal sein: ein Vogel, der in der Nacht geflogen

kam, und nun, schwarz und ernst, auf meinem Lieblingsbaum sass; ein

Sommerregen, der den Garten verwandelte, so dass alles Grün Dunkelheit

und Glanz bekam; ein Buch, in dessen Blättern eine Blume lag, Gott weiss

von wem, -- ein Kieselstein von fremder deutsamer Gestalt, -- das alles

war so, als ob man viel mehr davon wüsste, als die Grossen. Es schien,

als könnte man glücklich werden und gross durch jedes Ding, aber auch,

als könnte man an jedem Dinge sterben ...«

Dann rasch mit anderer Stimme die Frage: »Es ist nicht zu spät, hast Du

nicht so gesagt?«

»Es ist =nie= zu spät, Harald.«

»Nie? Es kann doch einmal sein, wenn ich zum Beispiel .... Sagt denn der

Doktor auch wirklich die Wahrheit?«

»Du hörst es ja. Er spricht doch immer ganz laut und froh ...«

Jetzt braucht Harald die Augen zur Zeugenschaft. Er sieht die Mutter

fest an. »Und ... er sagt Dir nicht vor der Thür etwas Anderes?«

Frau Malcorn war auf diese Frage vorbereitet. Ruhig hält sie Haralds

Blick aus, mit einem leisen, verschwiegenen Vorwurf im Gesicht.

»Verzeih, Mama. Aber es könnte ja sein. Ich habe das oft gesehen früher

in Häusern, wo Kranke waren. Ich hatte ja bisweilen Gelegenheit ... Aber

was wollen wir denn nur Marien sagen?«

Ganz unvermittelt sagt er das. »Was meinst Du?« staunt Frau Malcorn.

»Nun, damit sie nicht mehr wiederkommt.«

»Meinst Du das im Ernst?«

»Ja. Sie wird keinen Raum haben in der Zukunft, die ich mir denke. Das

Leben ist eng, und ich muss so vieles darin unterbringen. -- Marie

gehört in das andere, in das Eintagsleben, das ich vergessen habe. Ich

will nicht daran erinnert sein. Sie aber mahnt mich an das Vergangene,

selbst wenn sie nicht davon spricht, durch ihr blosses Dasein. Sie muss

fort!« Das klingt entschlossen und rücksichtslos, und Frau Malcorn kann

es gar nicht gleich fassen. Eine Menge Fragen steigen in ihr auf, für

die sie keinen Ausdruck findet, und Harald ist auch schon wieder mit

seinen Worten voraus und froh, wie erleichtert durch diese Erledigung.

»Ich werde malen ... oder vielleicht ein Buch schreiben: Kindheit und

Kunst. Mir ist so manches eingefallen in diesen letzten Wochen; ich

werde es Dir diktieren. Du musst nicht Angst haben, dass ich Dich

überanstrenge. Jeden Tag nur ein paar Zeilen, aber vollendet, schön ...

Einmal ersinn' ich vielleicht ein Lied, -- dann musst Du es spielen. Und

wenn es mir mal einfällt, ein Haus zu bauen, dann musst Du darin wohnen

natürlich ... das heisst: wir, -- denn wir werden nie voneinander gehen

... Nicht wahr?... Sag!...«

Die Letzten · 第 18 / 21 题