»O -- für ... für ein Kleid ...«
»Kleid!« lacht die Holzer ausgelassen. »Trägt man bei dir solche
Kleider?« Harald schaut auf. »Bei mir? Bei mir? Wie merkwürdig das
klingt: bei mir. Ich glaube es ist zum erstenmal, dass ich diese Worte
nebeneinander ausspreche. Wie eine Erfindung ist das. Und doch so
einfach. Eben wie alle Erfindungen .... Bei Gott, -- bei den Menschen,
bei -- dir, -- bei .... und nun, ganz analog konstruiert: bei mir, ....
bei mir. -- Ja, aber, was wollte ich doch?... Wovon sprachen wir?« Und
er erinnert sich seiner Zärtlichkeit. »Ja -- und wozu stickst du denn
diesen Läufer, Mama? Wollen wir ein Fest geben?« Traurig sieht Frau
Malcorn ihn an. Aber Marie Holzer weiss Rat. »Gott, man feiert eben mal
irgend was. Man kann alles feiern. Den ersten Frühlingstag und den
ersten Schnee. Na, und wenn sonst nichts zu finden ist, feiert man eben
den Läufer selbst, wenn er fertig ist, nicht?«
Aber die andern scheinen ihren lustigen Vorschlag gar nicht gehört zu
haben, so ernst und still sind sie beisammen. Und Harald fragt nur, aus
Gedanken heraus: Das dauert wohl lang, so eine Decke zu vollenden? --«
»Wenn man fleissig ist ...« seufzt Frau Malcorn. Aber Harald geht in
seinen Gedanken weiter. »Ich« -- lächelt er -- »würde gewiss nie ganz
fertig werden damit. Ich würde sitzen und sticken, und lauter recht
dunkeltiefe Farben haben, in denen man so verloren geht. Und immer
weiter wandern durch den Canevas. Immer ins Dunklere hinein, wie in
einen Wald -- und nie das Ziel finden ... Ich würde mich fürchten, zu
Ende zu kommen!
Jetzt ist Harald weit fort von den beiden Menschen, die ihm erstaunt und
besorgt zuhören; sie verstehen ihn nicht mehr. Er aber geht immer mehr
weg von ihnen. Ueber die geschlossenen Augen hebt er seine Arme.
»... Und doch: ich habe solche Sehnsucht nach Festen, nach einer
einzigen ungemeinen Stunde! Nach Rot und Rosen, nach Duft und Gold, nach
Glanz, nach unerhörtem Glanz! Man müsste erblinden davon, nichts mehr
sehen hernach, -- nie mehr. Aber wissen: es war. Und das Gefühl haben
von einer namenlosen Verschwendung.
Es kommt manchmal über mich, die Menschen fortzuschicken: »Geht alle
nach Haus, legt eure besten Kleider an, nehmt alles, was ihr in den
Truhen habt, von den Grosseltern her, die lau duftenden Tücher, und die
schweren, verschlungenen Broschen, die wie goldene Knoten sind. Und die
Blumen, die ihr in den Töpfen vor den Fenstern zieht, gebraucht sie
einmal! Gebt sie euren Kindern in die Hände, damit sie lächeln lernen.
Und dann -- kommt wieder! Kommt alle wieder!« Aber Haralds Hände fallen
mutlos aus seiner schönen träumerischen Willkommengebärde, und er fährt
mit müder, enttäuschter Stimme fort: »-- und wenn sie wirklich wieder
kämen, alle, in ihrer geschmacklosen Sonntagsmaskerade, mit den zu
kurzen Hosen und den steifen, von Falten gebrochenen Shawlen, die nach
Kampfer riechen, -- dann .... dann würden wir einander nichts zu sagen
haben, und uns benehmen wie fremde Kinder, die plötzlich miteinander
spielen sollen ...«
Pause.
Und da er nichts hinzufügt, schwärmt Marie Holzer, die im Schweigen
keine Uebung hat: »Du sprichst erst wie ein König und dann -- wie ein
Dichter ...« »Und bin -- keines von beiden ..« Harald ist aufgewacht.
»Es gab ja wohl Könige in unserem Geschlecht, nicht wahr, Mama? -- Die
Sage geht. In langverlorener Zeit. Vor tausend Jahren vielleicht ...«
Marie schliesst die Augen, wie auf einem hohen geländerlosen Turm:
»Tausend Jahre ...«
»Ja; wenn du unseren Namen sagst, leise, -- klingt noch der alte Name
darin, dumpf, dunkel, wie die Glocken einer versunkenen Kirche ...« Und
Harald spricht weiter, wie mitten in einer Geschichte: »... Dann schlug
eine grosse Welle über den Königsthron und riss den Letzten mit ins
tiefe Vergessensein. Dort bleiben seine Enkel wohnen, Thalkinder. Aber
viel später, im Mittelalter, kommt doch wieder einer von ihnen zu Macht
und Land. Nicht wahr, Mama? In einem andern Reich zwar, mit verdunkeltem
Namen und nur als kleiner, abhängiger König. Nach ihm bleiben sie eine
Weile obenauf und erscheinen nochmals in der Geschichte, zur Zeit des
Dreissigjährigen Krieges. Aber schnell ermatten sie in kleinen Händeln
und feindseligen Streitereien und lassen, ohnmächtig, den alten Namen
los. Und er fällt, fällt lang bis auf die alten Heidenkönige zurück ...
Und ich -- ich kam gerade in eine Namenlosigkeit hinein.« Niemand sagt
etwas. Nur die Uhr spricht darüber, in ihrer milden altmodischen Art.
Beim achten Schlag erinnert sich Harald an etwas.
»Wie ein Dichter .... Wer hat das gesagt? Du, Marie? -- Aber Du bist
nicht die Erste! Lang vor Dir hat's eine Stimme ausgesprochen, tief in
mir: Dichter! -- Ich kann nichts dafür. Weisst Du, es war dort, wo man
nicht hinreicht. In jenem Dunkel, wo ein anderer Macht hat, war es --
... Künstler sein, jung sein! Als ob das dasselbe wäre -- nicht?« Und
plötzlich durchbricht es seinen Willen: »Möchtet ihr, dass ich ein
Künstler wäre?« Pause. »Sag, Mama?«
»Bliebst Du dann bei mir, zu Hause?«
»Wer weiss. Ich kann nicht davon reden. Vielleicht. Vielleicht hat man
dann alles in sich. Vielleicht giebt es dann nichts, was man nicht in
sich hat. Vielleicht ... Möchtest Du's, Marie?«
»Dass Du ein Künstler wärst? Ich glaube, Du bist's, Harald.«
»Du irrst Dich, Kind. Gewiss! Du siehst das alles zu licht. Du hast so
viel Licht in Dir für alles. Ich bin es nicht. -- Ich hätte es sein
können vielleicht. Ich hätte es -- =bleiben= können, obwohl ich es noch
nie war. -- Es ist zu spät.« Und ganz erregt tritt er auf Marie zu:
»Du sagtest früher, ich habe die Liebe, Marie. Ja, -- =hab'= ich sie denn?
Hab' ich sie nicht vergeudet, ausgestreut mit vollen Händen? Ist das
nicht mein Leben gewesen, sie zu verschwenden, seit zwei, seit drei
Jahren, bis zu diesem Augenblick? Kann ich über sie verfügen, da
Hunderte sich daran halten? Und =wenn= ich sie zurück begehre von ihnen,
-- was soll ich thun mit dieser Liebe, die die Spuren von hundert
krampfhaften Händen trägt, die abgenutzt, alt, welk geworden ist? Und
das nicht hinter ihrem Sommer etwa. O nein! Ich habe sie gar nicht reif
werden lassen; ich habe den Hungernden diese grünen Früchte zugeworfen:
Da! da! da!... und sie konnten doch nicht satt und nicht gesund werden
davon!
»Warum kamst Du mir damals die Hand reichen, Marie? Damals war es noch
Zeit. Damals hätt' ich noch retten können und -- sparen.
»Ich will Dich nicht anklagen -- nein! Nur >Künstler< darfst Du mich
nicht nennen. Das ist wie ein Hohn, wenn =Du= das thust ...« Und da
beginnt er leise zu husten, so dass Frau Malcorns Augen starr und bange
werden; aber Marie Holzer achtet jetzt nicht darauf. Sie fühlt die
Verpflichtung zu antworten.
»Du bist erregt, Harald. Du hast kein Recht, so zu reden. Du bist durch
Siege gegangen! Du darfst nicht wankelmütig werden! Du hast gewusst, was
Du willst. Muss ich Dich daran erinnern?« Sie lässt sich von Haralds
abwehrender Bewegung nichts befehlen. »Ich danke Dir alles, auch meine
Zuversicht. =Du= hast sie mir gegeben. Sie ist mein Besitz. Und wenn Du
sie wieder willst, -- nicht ohne Kampf!«
Harald fühlt den Husten kommen, und so sagt er nur rasch und hart:
»Du machst so grosse Worte, Marie.«
»Es sind Deine eigenen, die ich Dir wiedergebe -- alle, auch dieses:
Kleingläubiger! Kannst Du Deinen Sommer nicht abwarten? Nicht halbreife
Früchte, -- Samen hast Du ausgestreut an hundert Stellen und also musst
Du warten auf hundert Ernten.«
Die Holzer erwartet eine Antwort, eine, die alles wieder gut macht. Aber
Harald nickt nur, es scheint ihm so gleichgültig jetzt. Und dann
fürchtet er den Husten, der kommt. Und seine Mutter sieht ihn immerfort
an.
Da nimmt Marie noch einmal alle Kraft zusammen, und ihre Worte sind warm
und unbefangen. »Hab' Mut, Harald! Du bist ungerecht. Denk! Einmal hast
Du gesagt, wörtlich: »Ich möchte wohl Künstler sein, aber noch ist es
nicht Zeit für die Kunst ...«
»Hab' ich das ....? Verzeih' also.« Es klingt fast spöttisch.
Aber Marie Holzer giebt nicht nach: »Ist nicht ein helfendes Leben ein
zehnfaches? Haben wir nicht eine sehr stolze Pflicht? Macht uns das
nicht reich? Wissen wir nicht unsern Weg, Harald? -- Sind wir nicht
Sieger? Harald, glaubst Du an uns?«
Er muss doch die Hand sehen, die Marie Holzer ihm hinstreckt. Aber
trotzdem geht er vorbei, geht auf die Mutter zu, die ihn bange erwartet,
und sagt langsam im Gehen: »Ich -- bin -- müde ...«
Und die Holzer sieht, wie er sich in den Lehnstuhl fallen lässt und wie
die zarte Frau, die sich zu ihm niederbeugt, ihn ganz verdeckt. Und sie
sagt nichts weiter; man hätte es auch nicht gehört, denn Harald hustet
sehr laut. --
* * * * *
Wie traurig muss es für die sein, die im Winter gesund waren, -- wenn
der Frühling kommt. Wie können sie ihn verstehen, wenn sie nicht
zugleich Genesende sind? -- denkt Harald, und er sieht immerfort den
Himmeln zu, die, abwechselnd wolkig und klar, an den Fenstern
vorüberjagen hoch über dem Nachmittag des Vorfrühlings. Er schaut nicht
mit den strahlenden Augen allein, er schaut mit seinem ganzen Gesichte,
in welchem nichts Verheimlichtes ist. Nur unter dem Bart, der wild die
Lippen überwuchert, steht ein kleines Lächeln und blüht, wartend, dass
ein Wort es mit zu den Menschen nimmt. Aber Harald schweigt.
Sogar als Frau Malcorn eintritt, leise, wie man zu Kranken kommt, und
fragt: »Schon allein? Marie ist schon fort?« nickt er nur, sagt aber
dann unbestimmt: »Sieh mal.« Mit dem geübten Verständnis der Pflegerin
wendet sich Frau Malcorn den Fenstern zu, bemerkt aber nichts. Und so
erklärt Harald: »Die Wolken ... Es ist ein wundersames Bild. Und ich
habe es so lange nicht gesehen. Als Knabe manchmal und dann lange nicht
mehr ...« Und dann nach einer Weile beantwortet er auch die Frage der
Mutter. »Marie müsste eigentlich nicht mehr kommen. Ich habe sie
fortgeschickt. Ich wollte schlafen, hab' ich ihr gesagt. Aber ich war
bloss müde, -- müde sie zu sehen. Müde -- immer wieder diese alten Dinge
zu hören. Ich meine, von denen da unten. Da war ich nun ein halbes Jahr
nicht bei ihnen. Ein halbes Jahr! Und während dieser ganzen Zeit ist
nichts geschehen, scheint es. Wenigstens was Marie erzählt ...«
»Siehst Du, sie können nichts anfangen ohne Dich ...«
»Du Gute. Sie können auch =mit= mir nichts anfangen. Und vor allem: =ich=
kann nichts mit ihnen anfangen, wirklich.« Und er wendet sich wieder den
Fenstern zu, als wäre jetzt nichts so wichtig wie dieser helle, bewegte
Himmel. »Das hab' ich früher alles nicht gesehen. Und es ist doch so
viel! Ich weiss nicht, Mama, macht das das Kranksein, dass man so
aufmerksam wird auf alles und so dankbar, -- fast weise .... So
unwillkürlich weise, wie man als Kind ist? Man kann garnicht aus der
Rolle fallen.« Pause, dann leise: »Glaubst Du, dass es zu spät ist?«
Frau Malcorn richtet die Kissen, die über die Lehne des Sessels gelegt
sind.
»Zu spät, Harald, wozu?«
»Zu beginnen. Noch einmal gleich hinter der Kindheit zu beginnen. Als ob
diese drei Jahre da unten nichts gewesen wären. Oder, als ob sie eine
lange Krankheit gewesen wären, aus welcher ich jetzt langsam zurückkomme
...«