»Aber natürlich, Frau Malcorn. Denken Sie nur. Aber damit Sie ganz
beruhigt sein können, will ich ihn überreden, mal zum Arzt zu gehen.«
»Wie gut --«
»Ja, zu Ihrer Beruhigung. Es wird kein leichtes Stück sein bei ihm.
Weiss Gott! Er gönnt sich so ungern für sich selber Zeit. Aber ich
glaube, ich kann schon etwas wagen bei ihm.«
»Er thut alles, was Sie wollen, Marie ...«
»O -- wir sind gute Kameraden. Da gleicht sich das aus. Im übrigen, er
ist ja so weit über mir in allem.« Pause. »Ich bin oft ganz bange
deshalb.«
»Bange?«
»Er fühlt alles so! Oft wenn wir unter Menschen sind: Ein Wort, ein
Blick, eine Bewegung irgendwo. Ich merke es kaum, aber ich sehe an ihm
sofort: es ist etwas geschehen. Dieses Wort, dieser Blick, diese
Gebärde, war ein Ereignis, etwas Entscheidendes ...«
»Wie meinen Sie das, Marie?«
»Nun, das ist ja selbstverständlich. Er ist reif. Er hat
jahrhundertelange Entwicklungen hinter sich. Unter ihm sind Feldherren,
Bischöfe, -- Könige vielleicht sogar. Immer einer auf den Schultern des
andern. Und ganz zuhöchst: Er, Harald. Und alle leisesten Schwankungen
dieser breiten Basis sind in ihm sichtbar ...« Dann spricht Marie Holzer
von sich, ganz anders im Ton, fast grob: »=Mein= Grossvater war Bauer
....« Und nun vergisst sie alle Ehrfurcht und fährt fort, trotzdem die
Uhr siebenmal schlägt. Hastig, als ob sie erst froh sein könnte, sobald
alles gesagt ist.
»Ich bin so von gestern. Ich bin der Erde näher, dem Lehm, mein' ich,
dem Rohstoff. Ich bin jünger, jünger in der Kultur. Ich habe Gesundheit
und Kraft. Aber meine Gesundheit prahlt. Meine Kraft ist protzig und
voll Eigennutz; sie will hinauf, sie muss erst noch hinauf. Ja, ja, das
ist es. Harald kann anderen helfen. Er kann es wirklich: andere heben.
Er ist oben. Er war immer oben. Seine Hilfe ist reif, mühelos, schön
...«
Aber Frau Malcorn steht rasch auf und geht hastig an Marie vorbei und an
allen Worten. Schon seit einer Weile weiss sie, dass Harald kommt. Und
nun hört auch Marie seine nahen Schritte.
»Guten Abend, Mama. Es ist wohl spät? Guten Abend, Marie. Ihr habt wohl
schon gewartet? Ja, es gab da wieder eine Menge unvorhergesehener Dinge
..« Alles das sagt Harald rasch und seine Stimme schwankt im Laufen. Er
hebt sich aus der dunklen Umarmung der Mutter und reicht Marie eine
Ledermappe zu. »Nimm, Marie. Wir müssen das dann durchsehen, heute
noch. Es handelt sich um die Eingaben -- nun, du wirst ja sehen ....«
Plötzlich bemerkt Harald, dass er steht und es sich gefallen lässt, dass
seine Mutter den nassen Mantel von seinen Schultern nimmt. Er macht eine
erschreckte Bewegung, als ob er ihre feinen Hände schützen wollte.
»Es regnet?« fragt Frau Malcorn besorgt.
»Nebel ist, greulicher, dicker Nebel. Man sieht nicht drei Schritte vor
sich. Das legt sich so in die Kleider und auf die Lunge. Wenn nur erst
die Herbsttage wieder vorüber wären.«
Marie Holzer hat inzwischen den Inhalt der Mappe flüchtig durchgesehen.
Sie wendet ihre ruhigen, klugen Augen zu Harald.
»Hast du heute gesprochen?«
»Ja, im Studentenverein.«
»Nun -- und?..«
»Was?«
»Wie war's?«
Harald sieht auf seine fröstelnden Hände. »Na, wie immer, du weisst ja.
Bist du schon lange hier?«
Frau Malcorn beeilt sich teilzunehmen. »Ich war so froh, sie hier zu
haben. Mir war schon bange nach dir, Harald.«
»Ja, Mama, du weisst ja: ich bin nicht Herr meiner Zeit.« Haralds Stimme
und seine Bewegungen haben noch die Maasse des Saales und es fällt ihm
schwer, sie an die kleine Stube zu gewöhnen. Deshalb wendet er sich an
Marie. »Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?..«
Die Holzer bemerkt die Enttäuschung von Haralds Mutter und versucht ihn
zurückzuhalten. »Nein, Harald, jetzt will ich dich erst mal wiedersehen,
weisst du. Wenn du deine Augen erst wieder in diese schrecklichen
Papiere steckst, sind sie mir doch für heute verloren. Und ich hab' doch
auch ein Recht auf sie -- nicht?«
»Ja, ja, Marie,« und Harald ist es, als ob man etwas ausgedacht hätte,
um ihn zu quälen. »Ihr habt alle ein Recht auf mich, ich weiss. Alle, --
alle, alle ...«
Frau Malcorn ist sehr erschrocken. »Komm, setz dich da an den Ofen, du
musst ganz durchgekältet sein.«
»Ja, ja, an den Ofen, immer sich an den Ofen setzen, hinter den Ofen
womöglich ...« Aber plötzlich tritt Harald auf die Mutter zu, ganz
beschämt. »Mama, verzeih mir ... Du siehst, es steckt wieder mal so ein
boshafter Aerger in mir, der noch nicht herauskam. Marie weiss, das hat
nichts zu bedeuten, nicht wahr? Das kommt schon so mit. Und hier soll er
mir, weiss Gott, nicht heraus, hier nicht!« Er führt Frau Malcorn sanft
zu ihrem Lieblingsplatz bei der Lampe, und seine Stimme findet eine
ungeahnte Zärtlichkeit. »Du hast ganz rote Augen, Mama. Wahrhaftig,
deine Augen sind ganz rot! Hast du mir auch nicht zu viel gearbeitet?
Was? -- Dieses schreckliche Rot in deinem Stickmuster ... Ja, muss es
denn gerade dieses Rot sein, dieses blutige? -- Was wird es denn
überhaupt?«
Frau Malcorn kann so viel Glück gar nicht glauben. »Ein Tischläufer --,«
sagt sie leise, mit vor Rührung zitternder Stimme.
»Soso« macht Harald, schon wieder weit, von ganz Fremdem erfüllt und
wendet sieh an Marie. »Es ist nämlich wichtig, dass wir die Sache heute
noch erledigen. Es kommt jetzt so viel. Als ob es auch in den Herzen
nicht Tag würde jetzt, -- wie draussen. So viel Elend überall.
Physisches Elend, Not, Armut, Krankheit; -- geistiges Elend, Dünkel,
Vorurteil und Eigennutz. Und zu allem: Das Beharren darin, die Trägheit.
Die fürchterliche, dumpfe, unheilbare Trägheit! Dieses grosse Joch des
Gestern, in dem sie alle gehen. Sie haben ihre Leiden und ihre Freuden.
Unbedeutende, gehässige Schmerzen und ein banges, falsches, ängstliches
Glück. Aber sie bleiben dabei. Versuch's, sie heraus zu heben: sie
wehren sich. Und reisst du sie einfach los von ihrer armseligen
Gewohnheit, -- so sind sie wie Ausgestossene und wollen zurück in die
Pesthütte ihrer Vergangenheit. Alles umsonst.« Und nach einer ratlosen
Pause: »Und dabei hat man doch diesen ehrlichen Willen, diese
ehrfürchtige Kraft, die nicht herrschen will, die bereit ist zu dienen
und die kleinste, geringste Arbeit nicht scheut, wenn sie nur auf dem
Wege nach vorwärts liegt. -- Du weisst doch, Marie, wie gut, wie gerne
ich überzeugt bin vom Ziel, nicht wahr? Du weisst doch, aus welcher
Tiefe mir das alles kommt? Du hast's ja selbst einmal empfunden, nicht?«
»Lieber, ich empfind es jeden Tag wieder!«
»Und du glaubst an mich?«
»Wie an die Sonne.«
Da hält Harald ihr dankbar die Hand hin und fragt: »Heisst das: Blüten
oder Früchte glauben?«
»Beides. Eines nach dem andern, Harald.«
»Eines nach dem andern?.. Das braucht Zeit, Marie, viel Zeit ...«
»Wir sind jung.«
»... und Geduld ...«
»Die hast du.«
»Weisst du das so bestimmt?«
»Weil du die Liebe hast, Harald.«
Beide schweigen. Bis Harald, wie erleichtert, aufatmet: »Dank dir.« Und
gleich darauf versucht er wieder froh zu sein. »So ... du, ... Mama, --
sag, darf ich mir mal den Läufer ansehen, deine Arbeit?«
Frau Malcorn will es lächelnd verwehren. Aber nun wird der Läufer geholt
und unter der Lampe langsam aufgerollt. »O -- o --« macht Harald, noch
ehe er die Stickerei ganz geöffnet hat, »schau Marie, da reden wir so
viel und reden, aber wenn wir zeigen sollten, was wir gemacht haben --
hm? da würden wir wohl in Verlegenheit kommen! Und da, Mütterchen, macht
so etwas ganz in der Stille, ohne ein Wort, -- etwas so Prächtiges. Und
das wird nur ein Läufer. Nur ein Läufer. Wie man sich doch irren kann!
Das hätt ich nun für ... für irgend etwas viel Festlicheres gehalten.«