Abb. 466. Eine finnische Braut

wird am Hochzeitsmorgen von ihren Freundinnen unter beiderseitigem

Weinen begrüßt.]

Von Persien aus überschwemmten die Zott zunächst die Ebene des Euphrat

und Tigris, Armenien, wie überhaupt Kleinasien; hier blieben sie

anscheinend längere Zeit ansässig. Darauf teilten sie sich. Die eine

Gruppe setzte um die Mitte des neunten Jahrhunderts nach Europa über,

wo sie zunächst auf der Balkanhalbinsel festen Fuß faßte, der Zug der

anderen Gruppe richtete sich über Syrien nach Ägypten und Nubien bis

nach dem Sudan und dem übrigen Nordafrika. Auf dem Balkan erfolgte

wiederum eine Zweiteilung: ein Zug ging längs der Donau nach Ungarn,

Böhmen, Polen, Finnland. Skandinavien, Deutschland und Spanien, ein

anderer von Serbien aus über Slawonien nach Italien und Frankreich.

Nicht einmal an den Grenzen Europas machten die Zigeuner halt, denn sie

sind auch über das große Wasser nach Amerika gezogen. -- In Deutschland

tauchten sie im fünfzehnten Jahrhundert zum erstenmal auf.

Der +Zigeunertypus+ ähnelt im allgemeinen dem des Südeuropäers.

Mittelgroßer, schlanker Wuchs, meist länglicher Schädel, gerade Nase,

breites bis ovales Gesicht, gelbbraune Hautfarbe, schlichtes, schwarzes

Haar, reichlicher Bartwuchs von derselben Farbe und braune Augen (Abb.

469 und 474) kennzeichnen ihn. Unter den Frauen finden sich häufig

wirkliche Schönheiten (Abb. 464 und 477).

In ihrer +Tracht+ (Abb. 469 und 475), +Ernährung+ und +Religion+

schließen sich die Zigeuner im allgemeinen dem Volke an, unter dem

sie als Schmarotzer leben. Teils sind sie ansässig, manchmal auch

zwangsweise angesiedelt worden (wie auf dem Balkan und in Ungarn);

sie +wohnen+ dann in halb unterirdischen Lehmhütten dicht bei den

Städten und Dörfern, seltener in eigenen Ortschaften. Teils führen

sie ein Nomadenleben, sind auf beständiger Wanderschaft begriffen und

hausen dann in Leinwandzelten oder auf ihren Wagen (Abb. 463). Ihre

+Gesellschaftsordnung+ ist eine patriarchalische. Die nomadisierenden

Zigeuner beschäftigen sich zumeist mit solchen +Gewerben+, die sich im

Umherziehen betreiben lassen; sie sind Kupferschmiede, Kesselflicker,

Korbmacher, auch Schirmmacher und Schirmflicker, Bärenführer, Artisten,

Gaukler, Seiltänzer und Pferdehändler. Die bereits ansässig Gewordenen

bevorzugen den Pferdehandel und die Musik (Abb. 470). Besonders

die ungarischen Zigeuner erfreuen sich als Musikanten einer großen

internationalen Beliebtheit. Dabei kennen sie meistens keine Noten

-- die Zigeunermusik weist daher auch keine Musikliteratur auf --,

spielen vielmehr alles aus dem Gedächtnis oder auch aus dem Stegreif.

Die musikalischen Gedanken und Weisen pflanzen sich auf dem Wege

der Überlieferung von einem Geschlecht zum anderen fort und werden

unaufgeschrieben mit ängstlicher Treue bewahrt. -- Die Darbietungen

der Zigeuner sind durchweg solche instrumentaler Art, besonders im

Geigenspiel sind sie wahre Meister. Der Gesang tritt bei ihnen stark in

den Hintergrund. -- Die Zigeunerweiber gehen, wo die Stämme ansässig

sind, auf die Felder zur Bestellung und schleppen Holz herbei; ihre

Hauptbeschäftigung besteht aber in Wahrsagen, Kartenschlagen und

Traumdeuten. Mit bewunderungswürdiger Schlauheit verstehen sie es,

ihren Opfern dabei Geld abzuschwindeln. Alle diese +Beschäftigungen+

der Zigeuner sind indessen fast nur scheinbare; in Wirklichkeit gehen

sie dem Diebstahl in den verschiedensten Formen nach und fristen auf

diese Weise ihr Leben.

Im ganzen zählt man noch etwa eine halbe Million Zigeuner auf der Erde,

von denen gut drei Viertel auf Südosteuropa kommen.

[Illustration:

Phot. J. K. Inha.

Abb. 467. Finnischer Hochzeitsbrauch.

Ehe die Braut das elterliche Haus verläßt, wird ein an einem Tuche

befestigtes Heiligenbild über sie gehalten.]

Obwohl dem Namen nach Christen beziehungsweise Mohammedaner, verharren

die Zigeuner durchweg noch in krassem +Aberglauben+. Eine große Rolle

spielen dabei die Urmen oder Schicksalsfrauen, denen ein Haupteinfluß

auf das menschliche Leben zugeschrieben wird. Die Urmen sind

„ausgereifte Baumseelen“ und leben unter der Oberhoheit einer Königin

in unzugänglichen Schluchten hoher Gebirge, und zwar in Palästen, die

aus Gold und Silber erbaut sind. Man stellt sie sich als weibliche

Wesen von ungewöhnlicher Schönheit vor, solange sie jungfräulich

bleiben, ausgestattet mit zwei Flügeln, vermöge deren sie durch die

Lüfte ziehen können. Solange sie sich mit keinem Manne eingelassen

haben, bleiben sie, wie gesagt, jung und schön; nach etwaigem Verkehr

mit einem männlichen Wesen aber gebären sie sogleich drei Urmen auf

einmal, verwandeln sich in alte Weiber, werden als ehrlos von der

Königin verstoßen und ziehen sich in einsame Hütten zurück. Von den

drei Urmengeschwistern ist die eine ein böses, schlechtes Wesen, die

beiden anderen dagegen gute. Jene sucht das Schicksal des Menschen

zum Schlechten zu wenden; die beiden guten Urmen dagegen sind die

Beschützerinnen der Menschen und Tiere und haben jede unter den

Menschen sieben Lieblinge, denen sie Hilfe und Schutz angedeihen

lassen, und ebensoviele Tiere. Eine andere Art von Schicksalsfeen sind

die Keshalyi oder Waldgeister, die im Hochgebirge auf Felsvorsprüngen

sitzen und ihr oft meilenlanges Haar in die Täler wallen lassen,

wodurch sich die Entstehung des Nebels erklären soll. Ihr Verhältnis zu

den Menschen ist ein ähnliches wie das der Urmen. Außer den genannten

Naturgeistern verehren die Zigeuner noch eine ganze Reihe anderer

Dämonen, wie die Niwaschi oder Wassergeister, die Pçuvusche oder

Erdmenschen, Riesen und Zwerge, Jiuklanusche oder Hundemenschen und

verschiedene Krankheitsdämonen.

[Illustration:

Phot. J. K. Inha.

Abb. 468. Das Kyykkaspiel der Finnen.

Es ähnelt etwas unserem Kegelspiel, insofern es darauf ankommt, mit

dicken Knüppeln die in einer Reihe aufgestellten walzenförmigen

Holzstücke der Gegenpartei vom Platze zu bringen.]

[Illustration:

Phot. Topic, Sarajevo.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 194 / 203 题