+Die Zigeuner.+ Das „fahrende Volk“ der Zigeuner ist von einer
gewissen Romantik umwoben. Bis vor etwa fünfzig Jahren wußte man
nicht einmal, von wo sie herstammten. Bei ihrem ersten Erscheinen in
Deutschland verbreiteten sie selbst die Fabel, daß ihre Vorfahren in
Ägypten gesessen und die Eltern Christi auf ihrer Flucht dorthin nicht
aufgenommen hätten, weswegen Gott sie verflucht und zu beständiger
Wanderung, wie den Ewigen Juden, verdammt habe. Daraufhin galt als
Heimat der Zigeuner bis etwa in die Mitte des vorigen Jahrhunderts
hinein allgemein das Pharaonenland; die englische (Gipsy), spanische
(Gitano), ungarische (Pharaonenvolk) und ähnliche Bezeichnungen für
sie gaben dieser vermeintlichen ägyptischen Herkunft auch Ausdruck.
Die neueren Forschungen indessen, im besonderen solche sprachlicher
Natur, haben zweifellos festgestellt, daß als Urheimat der Zigeuner
Vorderindien anzusehen ist, wo in den Sümpfen des Indus und des
Pendschab ihre Verwandten noch heute unter dem Namen Dschab hausen.
Als deren und ihre gemeinsame Vorfahren bezeichnet die Wissenschaft
die Zott. Die Körperbeschaffenheit der Zigeuner, die dem europäischen
Typus, vor allem demjenigen der südländischen Bevölkerung sehr ähnelt,
spricht dafür, daß die Zott den Indern, das heißt den Nachkommen
europäischer Einwanderer (vermischt mit einheimischen Elementen)
verwandt gewesen sein müssen. Der Zeitpunkt, wann die indischen Zott
sich von ihren Stammesgenossen trennten und auf die Wanderschaft
begaben, ist nicht mehr genau festzustellen. Nur das eine ist
geschichtlich belegt, daß im fünften Jahrhundert nach Christus eine
größere Anzahl Zott, etwa zwölftausend, auf Veranlassung des persischen
Herrschers Bahram Gur aus Indien nach Persien kamen, damit sie die
Einwohner dieses Landes im Lautenspiel unterrichteten. Demnach scheinen
die Zigeuner bereits damals eine große Vorliebe für Musik gehabt zu
haben, wie dies noch jetzt für sie zutrifft. Der persische Dichter
Firdusi (um 1000 nach Christus) nennt diese Einwanderer Luri, und noch
heute bezeichnet man die Zigeuner in Persien so.
[Illustration:
Phot. J. K. Inha.