[Illustration:
Phot. Borg Mesch.
Abb. 449. Lappenhochzeit.
Das Festessen besteht aus Renntierfleisch, Renntierzunge, Knochenmark,
Kaffee, Renntiersahne. Braut und Bräutigam sitzen in der Mitte; zu
ihrem malerischen Anzug gehören unter anderem weiße Schuhe und rote
Handschuhe.]
Die +Religion+ der Lappen ist das Christentum, für die skandinavischen
das der lutherischen, für die russischen das der griechischen Kirche.
Die kirchlichen Hauptfeste werden ebenso wie bei uns zu Ostern und
im Dezember gefeiert; zu Ostern finden auch die meisten Einsegnungen
und die meisten Hochzeiten statt. Oft werden drei bis vier Paare zu
gleicher Zeit getraut. Als die Lappen noch Heiden waren, durfte in
keinem ihrer Stämme ein +Zauberpriester+ fehlen, ein sogenannter Noide,
der sich mit Hilfe einer besonderen Trommel mit den unsichtbaren
Mächten, den Göttern und den Geistern der Verstorbenen, in Verbindung
setzen konnte. Nicht ein jeder vermochte Noide zu werden; man mußte
dazu auserlesen sein, bereits mit einem Zahn im Munde zur Welt
gekommen sein und sich durch Hunger, Einnehmen von Kräutersäften
und dergleichen Maßnahmen, die das Nervensystem stark aufregten und
reizten, vorbereitet haben, schließlich durch einen erfahrenen alten
Noiden zuvor in die Geheimnisse eingeführt werden. Die +Zaubertrommel+,
die eine große Rolle spielte, war von verschiedener Größe, aber stets
von länglichrunder Form. Sie war aus einem Baumstamm durch Aushöhlen
hergestellt und mit einem Renntierkalbfell überspannt; auf dieses
waren mit rotem Saft aus Ebereschenrinde Zeichen und Bilder gemalt.
Außerdem gehörte zu einer solchen Zaubertrommel noch ein Zeiger oder
Weiser und ein Hammer, der in Form eines _T_ aus Renntierknochen
angefertigt war. Die Trommel diente in erster Linie zum Wahrsagen.
Der Zeiger wurde unter Verbeugungen und dem Hersagen von Sprüchen auf
das Bild der Sonne in der Mitte des Trommelfells gelegt und dadurch
in Bewegung gesetzt, daß in seiner Nähe anfangs leise, dann stärker
mit dem Hammer aufgeschlagen wurde. Machte der Zeiger bei einer
Figur halt, dann war die Zeremonie, die von dem Zauberer und den
Umhersitzenden mit dem eintönigen Absingen von Liedern zu Ehren der
Gottheit, an die man ein Anliegen hatte, begleitet wurde, beendet und
die Kundgebung geschehen. Das betreffende Bild zeigte dann an, was für
ein Tier geopfert werden sollte, ferner welcher Gottheit und an welcher
Stelle, ob ein Krankheitsfall tödlich verlaufen werde oder nicht und
so fort. Die Trommel wurde auch, obwohl seltener, geschlagen, wenn
der Zauberpriester einen Zustand von Verzückung herbeiführen wollte,
um sich in ferne Gegenden zu versetzen. Er verfiel dabei infolge
seiner hochgradigen nervösen Reizbarkeit in eine Art Dämmerzustand und
berichtete nach seinem Erwachen, welche Orte er auf seiner Wanderung
in die Ferne aufgesucht und was er dort gesehen habe. Es bedarf wohl
keines weiteren Nachweises, daß der Zauberpriester der Lappen mit
seiner Trommel an den Schamanen der nordsibirischen Völker erinnert,
und es ist wohl anzunehmen, daß die Lappen diese Gebräuche von dorther
mitgebracht haben.
Die kleinen +Kinder+ der Lappen werden in eine Art Lederfutteral (Abb.
450) eingewickelt, aus dem sie nur gerade mit dem Gesicht herauslugen;
sie sehen dann eingewickelten Mumien nicht unähnlich. Diese Futterale
werden gleichzeitig als Wiegen benutzt, die man zwischen zwei
Birkenstämmen aufhängt und schaukelt.
Bevor der Lappe eine +Ehe+ eingeht, erkundigt er sich ganz genau nach
der Höhe der Mitgift seiner Zukünftigen, da er in diesen Dingen sehr
nüchtern denkt. Bei der +Hochzeit+ sind Braut und Bräutigam in der
Regel mit roten Gewändern, roten seidenen Schärpen, weißen Schuhen,
Pelzgamaschen sowie roten Handschuhen angetan. Die Hauptsache bei
der Hochzeit (Abbildung 449) ist das Essen, das in gekochtem Fleisch
besteht. Aus einer gemeinsamen Schüssel nimmt sich jeder der Gäste
ein großes Stück heraus, zerschneidet es mit seinem Messer, das er
ständig im Gürtel bei sich trägt, in kleinere Stücke und schlingt diese
hinunter.
Die +Beerdigungen+ finden für gewöhnlich um Ostern statt, wenn die Erde
aufgetaut ist. Den Winter über werden die in Särge gelegten Leichen in
einem kleinen Turm in der Nähe der Kirche aufbewahrt (Abb. 452). Das
Wehklagen und Geheul, das Männer und Frauen über den Verlust des Toten
anstimmen, hat große Ähnlichkeit mit Hundegeheul.
[Illustration:
Phot. Borg Mesch.
Abb. 450. Junge Lappenfrau mit ihren Kindern,
deren jüngstes sie samt seiner Wiege auf dem Arm hält.]
+Die Finnen.+ Dieser Stamm hatte seinen ursprünglichen Sitz in
Sibirien, von wo er bereits in weit zurückliegenden Zeiten nach
Osteuropa auswanderte. Die nächsten Verwandten der Finnen in unserem
Erdteil sind die Ungarn und Türken; sie bilden mit diesen beiden
Völkern die finnisch-ugrische Völkergruppe. Zu den Finnen zählen die
Esten, Liven und Suomi oder Finnen im engeren Sinne mit verschiedenen
Unterstämmen, zum Beispiel den Kareliern; diese alle faßt man als
Westfinnen (am Baltischen Meere) zusammen. Ferner gehören zu den
Finnen die Tschuwaschen, Mordwinen, Wotjäken, Permier und Wogulen in
der Gegend des Urals (Ostfinnen). Infolge der anhaltenden Kreuzung mit
mongolischen und vor allem nordeuropäischen Rassenbestandteilen, die in
Rußland teils schon vorhanden waren, als die Finnen einwanderten, teils
deren Weg kreuzten, hat ihr Äußeres mancherlei Züge von diesen Völkern
angenommen, so daß von einem eigentlichen finnischen Typus nicht die
Rede sein kann (Abb. 451). Bemerkenswert ist unter den Finnen die große
Zahl von blonden Leuten -- unter den Permiern zum Beispiel gibt es
sechsundfünfzig Prozent Blonde und ebenso auffallend viel Blauäugige
--, die sicherlich auf Mischung mit Nordländern (Germanen) beruht.
[Illustration:
Phot. J. K. Inha.
Abb. 451. Finnenmädchen beim Urahspiel,
einer Art Würfelspiel, das als harmloser Zeitvertreib namentlich bei
der weiblichen Jugend sehr beliebt ist.]
Schon im Mittelalter wurden die Finnen zum +Christentum+ bekehrt.
Doch hat diese Lehre trotz der langen seitdem verflossenen Zeit nicht
vermocht, den alten +heidnischen+ Glauben vollständig zu verdrängen
(Abb. 458 und 473), denn neben dem christlichen Gott beten verschiedene
finnische Stämme immer noch zu den Göttern der Vorfahren, vor allem
dem Sonnengott und den Seelen der Ahnen. Auch die abergläubische
Scheu vor meist bösen Geistern, die die Luft und die Erdoberfläche
bevölkern und den Menschen übel gesinnt sind, spukt im Volke noch viel
herum. In jedem Hause gibt es auch einen Schutzgeist, der mit dem
Ehrentitel „Nachbar“ oder „Brüderchen“ belegt wird. Sobald bei den
Permiern ein neues Wohnhaus errichtet worden ist, nimmt der Hausherr
aus dem Heiligenschrein ein Heiligenbild, stellt sich damit vor den
Verschlag neben den Ofen und ruft dem Schutzgeist zu: „Nachbar,
Brüderchen, komm mit uns ins neue Heim; wir wollen im neuen Hause so
gut leben, wie wir im alten gelebt haben; liebe meine Familie und mein
Vieh!“ Darauf begibt sich alles ins neuerbaute Haus; der Hausherr läßt
zuvor einen Hahn hinein und wartet ab, bis dieser gekräht hat. Das
Heiligenbild wandert nun wieder in den Schrank zurück und der „Nachbar“
wird aufgefordert, im Verschlag neben dem Ofen seinen neuen Wohnsitz
einzunehmen. -- Auch Zauberpriester kennen die Permier noch, die
zwischen den Geistern und den Menschen vermitteln sollen.
[Illustration:
Phot. F. Hedges Butler.
Abb. 452. Kirche und Totenhaus in Jukasjarvi.
Bei den Lappen finden die Beerdigungen zu Ostern statt, da die fest
gefrorene Erde vorher das Ausgraben nicht gestattet. Bis dahin werden
die Särge in einem eigens hierfür bestimmten Hause neben der Kirche
aufbewahrt.]
Die +Hochzeitsgebräuche+ bei den finnischen Stämmen sind ziemlich
verwickelt. Teilweise kommt noch Raubehe bei ihnen vor, wobei es
nicht selten zwischen den Anhängern des Bräutigams und seinen Gegnern
zu einem ernsten Handgemenge kommt. Gewöhnlich werden die Ehen
durch einen +Vermittler+ oder Brautwerber eingefädelt. Nachdem auf
solche Weise der Boden vorbereitet worden ist, erscheint bei den
Mordwinen der Vater des Bräutigams im Hause der Braut, wird hier auf
den Ehrenplatz unter den Heiligenbildern geführt und beginnt die
Verhandlungen über den Brautpreis, die Aussteuer, die Ausrichtung der
Hochzeit und ähnliche Fragen. Sind beide Parteien einig geworden,
dann wird ein brennendes Licht auf den Tisch gestellt und alles
betet zu Gott um Schutz und Beistand; daneben ruft man aber auch die
Hilfe der heidnischen Gottheiten und der verstorbenen Ahnen an und
spendet ihnen Salz und Brot, indem man diese Gaben an der Schwelle,
wo man sich ihren Aufenthalt denkt, niederlegt. Diese Zeremonie nennt
man „das Gebet der Hochzeitskneiperei“. Darauf folgt das sogenannte
„Vertrinken“. Vater und Mutter des Bräutigams begeben sich in das
Haus der Brauteltern und fragen noch einmal feierlich an, ob diese
geneigt seien, ihrem Sohne die Tochter zur Frau zu geben. Erklären sie
ihr Einverständnis, dann stellen die Angehörigen des Bräutigams den
mitgebrachten Branntwein und die Speisen, unter denen gesalzene Brassen
als Zeichen der Fruchtbarkeit und Kuchen als Sinnbild des Sonnengottes
nicht fehlen dürfen, vor den Brautvater auf den Tisch und nehmen an
diesem Platz; darauf beginnt ein meist wüstes Trinkgelage. Bei dieser
Gelegenheit wird die Braut zum ersten Male ihrem Zukünftigen gezeigt,
auch noch um ihre Einwilligung gefragt und gleichfalls mit Branntwein
bewirtet. Von diesem Tage an hat der Bräutigam das Recht, jede Nacht
bei ihr zuzubringen. Verlust der Jungfernschaft gilt bei den Mordwinen
keineswegs als Schande, im Gegenteil ein vor der Ehe erzeugtes Kind
wird begrüßt als Anzeichen dafür, daß die zukünftige Gattin fruchtbar
sein wird. Vor der Hochzeit findet eine Art Polterabend statt. Dabei
schreit, heult und jammert die Braut ohne Unterlaß und bittet ihre
Freundinnen, sie lieber in die dunkle Erde einzubetten, als unter die
fremden Leute zu bringen. Diese singen inzwischen lustige Lieder,
in denen sie die Braut verherrlichen, den Bräutigam aber auf alle
erdenkliche Art verspotten; auch uralte nationale Heldengesänge,
darunter die Kalewala, werden bei dieser und bei anderen festlichen
Gelegenheiten vielfach noch gesungen (Abb. 454). Am Abend erscheint
der Schwiegervater mit einer bedeutenden Menge Honigbier und bewirtet
die Braut samt ihren Eltern. Am Hochzeitstage versammeln sich die
Freunde des Bräutigams vor seinem Hause. Sein Vater zündet Lichter vor
den Heiligenbildern an und setzt ein besonders großes an der Schwelle
nieder. Darauf betet er zu den Heiligen und legt neben die Schwelle
an die Seite des großen Lichtes ein Stück Brot, wobei er auch den
Sonnengott um Beistand anfleht. Der Sohn begibt sich nun in das Haus
seiner Braut. Wenn man ihn kommen sieht, schließt man eilig die Haustür
zu, worauf sich zwischen den beiden Parteien ein Gespräch über die
Person, die Einlaß begehrt, und den Zweck ihres Besuches entspinnt. Da
dem Bräutigam und seinen Freunden das gewaltsame Öffnen der Tür nicht
gelingt, so erkaufen sie sich den Eintritt endlich mit einigen Münzen.
Nach einer kurzen Unterhaltung erscheint die Braut, fällt ihren Eltern
zu Füßen und erbittet deren Segen. Der Vater entspricht der Bitte
unter Anrufung heidnischer Gottheiten, denen er von einem Laibe Brot
opfert, demselben, den schon vorher der Vater des Bräutigams gebraucht
hatte, um den Sohn zu segnen. Hierauf hebt ein männlicher Verwandter
der Braut diese auf die Arme und trägt sie in den Wagen. Das Mädchen
stellt sich dabei sehr störrisch, kneift, kratzt, schreit und sucht
sich beim Verlassen des Hauses sogar noch an der Tür festzuhalten. Noch
auf dem Wege zur Kirche versucht die Braut zu entwischen: sie steigt
vom Wagen, wirft sich vor die Füße der Pferde und bittet diese, sie
nicht zu fremden Menschen zu fahren, putzt die Tiere auch mit Bändern
aus und verspricht ihnen, dies immer zu tun, wenn sie ihr den Gefallen
tun wollten, sie wieder nach Hause zu fahren. Da dies nichts hilft,
sucht sie fortzulaufen, wird aber von den Freunden ihres Verlobten
eingefangen.
[Illustration:
Phot. J. K. Inha.
Abb. 453. Finnischer Verlobungsbrauch.
Der Vater zündet vor dem Heiligenbild ein Licht an und fordert seine
Tochter auf, es entweder auszulöschen oder brennen zu lassen und auf
diese Weise ihre Entscheidung kundzugeben.]
Die +Trauung+ geht in der Kirche nach griechischem Ritus vor sich. Auch
hier spielt die Braut von neuem die Widerspenstige; der Aufforderung
des Priesters, ihren Gatten zu küssen, widersetzt sie sich, schlägt
und knufft diesen vielmehr. Nach Beendigung der Zeremonie müssen
die jungen Burschen wieder Gewalt anwenden, um die junge Frau in den
Wagen zurückzubringen. Ist dies gelungen, geht es im Galopp nach
Hause in das neue Heim. Bei ihrer Ankunft wird die junge Frau von der
Schwiegermutter empfangen (Abb. 456) und von einem anderen Verwandten
mit Hopfen überschüttet. Sie setzt sich dann neben den Herd und muß von
neuem die Schimpfreden der jungen Mädchen über ihren Mann mitanhören.
Ihre Brüder oder in Ermanglung solcher andere junge Burschen erhalten
von den Verwandten des jungen Ehemanns kleine Geschenke und bewirten
die Freundinnen mit Branntwein; hienach fallen sie über diese her und
treiben sie mit Fußtritten aus dem Hause. Die junge Frau wird sodann
ebenfalls ergriffen und trotz ihres Sträubens zu ihrem Manne in die
Scheune gebracht, wo man das Beilager zubereitet hat; die Tür wird
hierauf hinter dem Paar verschlossen.
[Illustration:
Phot. J. K. Inha.
Abb. 454. Finnen singen die Kalewala,
das uralte nationale Epos. Sie sitzen dabei einander gegenüber,
halten sich bei den Händen und beugen den Oberkörper bald vor-, bald
rückwärts.]
Noch umständlicher sind die +Hochzeitsfeierlichkeiten bei den
Kareliern+. Hat ein junger Mann ein ihm gefallendes Mädchen
gefunden, dann bespricht er sich mit seinen Angehörigen und macht
sich in Begleitung von zwei oder drei Freunden und einem weiblichen
Wesen, gewöhnlich gegen Abend, auf den Weg zu seiner Zukünftigen.
Flintenschüsse verkünden stets bei solcher Gelegenheit dem Dorfe,
daß wieder einmal ein junger Mann ausgegangen ist, um sich ein
„wollenes Halstuch“, das ist eine Frau, zu suchen. Auf dieselbe
Weise begrüßt man seine Ankunft im Heim der Auserwählten. Der Freier
und seine Begleitung werden sogleich zu den Ehrenplätzen geleitet
und unterbreiten den Eltern des Mädchens ihr Anliegen, worauf alle
Verwandten zusammengerufen werden -- unter ihnen darf ja nicht der Pate
des Mädchens fehlen --, um die Angelegenheit hinter verschlossenen
Türen zu beraten. Ist Einverständnis unter ihnen erzielt worden, dann
zündet der Vater eine Kerze vor dem Heiligenbilde an und fordert seine
Tochter auf, sie entweder wieder auszulöschen oder brennen zu lassen,
wodurch sie ihre eigene Entscheidung bekunden soll (Abb. 453). Löscht
die Tochter die Kerze nicht aus, dann erklärt sie sich dadurch mit dem
Antrag einverstanden, und damit ist die Verbindung ein für allemal eine
beschlossene Sache. Die nächsten männlichen Verwandten beider Parteien
bestätigen dies mit Händedruck und durch Klingenlassen von Geld vor dem
Heiligenbilde. Das Mädchen gilt fortan als verlobt. -- Die neue +Braut+
setzt sich nun in die Frauenecke und an ihre Seiten je eine Freundin
als Klageweib. Von der anderen Seite des Hauses kommt die Mutter mit
weiteren weinenden Frauen herzu (Abbildung 461). Beide Gruppen gehen
einander entgegen und begeben sich dann gemeinsam in die Frauenecke, um
hier den Verlobungsgesang zu „weinen“.
Die Einladungen zur Hochzeit und das Übergeben von Hochzeitsgeschenken
sind gleichfalls von Weinen begleitet; ja ein oder mehrere Berufsweiner
helfen dabei noch tüchtig mit. Für jeden Einzuladenden müssen zwei
Lieder unter Weinen vorgetragen werden, ein Bittgesang und ein
Dankgesang; dabei strengen die Einladenden nicht nur ihre Kehle,
sondern auch ihren Rücken an, denn sie müssen beim Dankweinen den Kopf
von Zeit zu Zeit bis auf die Erde vor dem Spender neigen.
[Illustration:
Phot. F. Hedges Butler.
Abb. 455. Eine Pulka,
das ist ein Schlitten, in dem man in Lappland zu reisen pflegt.]
Die +Hochzeitsfeierlichkeiten+ beginnen meist am Samstag abend. Die
Mädchen erwärmen das Badehaus, fordern die Braut unter Weinen auf, es
zu betreten, und stimmen in dem Raum, während sie badet, ein Klagelied
in althergebrachter blumenreicher Sprache an (Abb. 457). Nach dem Bade
werden der Braut die ersten Geschenke dargebracht, und zwar bietet sie
ihr der Bräutigam selber auf einer Platte an. Nach langen Einwendungen
berührt sie diese endlich mit der Hand, worauf der Vater oder ein
anderer naher Verwandter sie in Empfang nimmt. Die Gegengeschenke
von seiten der Braut, die für die Angehörigen und Verwandten des
Bräutigams bestimmt sind, werden sodann auf dieselbe Platte gelegt;
über ihre Verteilung beschließt eine eigens dazu bestimmte Person,
der Saajannainen, das heißt Begleiter, Helfer. Bei dieser Gelegenheit
fließen wiederum reichlich Tränen.
[Illustration:
Phot. J. K. Inha.
Abb. 456. Finnischer Hochzeitsbrauch.
Bei der Ankunft vor dem Hause der Schwiegereltern wird die junge Frau
von der Mutter des Gatten mit Brot bewillkommt und hineingeführt,
worauf sie vor dieser auf die Knie fällt.]
[Illustration:
Phot. J. K. Inha.
Abb. 457. Ein finnischer Hochzeitsbrauch.
Die Braut wird von ihren Freundinnen in das Badehaus geleitet, wo sie
ein Lied „weinen“.]
Am Vormittag des darauf folgenden Hochzeitstages versammeln sich
allerhand Leute, alte wie junge, vor dem Hochzeitshause und vertreiben
sich die Zeit mit Spielen (Abb. 468). Die Braut (Abb. 466) geht mit den
Weinenden unter ihnen umher und bittet sich Geschenke aus. Hat sie
es auf eine bestimmte Person abgesehen, bei der es sich verlohnt, ein
Geschenk zu erbitten, dann legt das Mädchen die Arme um deren Hals und
weint so lange, bis sie eine Gabe herausgerückt hat, worauf die Braut
dann wieder noch den Dank zu „weinen“ hat. Nach einiger Zeit wird durch
Flintenschüsse die Ankunft des Gefolges des Bräutigams angekündet, das
bei dem Katshotus, das ist dem ersten feierlichen Erscheinen der Braut
vor den Angehörigen ihres Zukünftigen zugegen sein will. Zunächst läßt
man sich an dem langen Familientisch, der in den finnischen Häusern
unter dem mittleren Fenster, der Eingangstür gegenüber, zu stehen
pflegt und als Ehrenplatz gilt, und an weiteren, kleineren Tischen
nieder. Der Patvaska oder Zeremonienmeister streut Salz unter das
Tischzeug, nimmt ein Brot, das vom Hause des Bräutigams mitgebracht
wurde, und ein zweites aus dem Hause der Braut, schneidet aus der Mitte
beider je ein rundes Stück heraus, tut Salz in die so entstandenen
Löcher, paßt die herausgeschnittenen Stücke wieder hinein und legt die
Brote auf die Familientafel. Die Klagemädchen weinen so lange, bis der
Pate oder Bruder hinausgeht, um die Braut fertig zu machen. Über die
gewöhnlichen Alltagskleider wird ihr das beste Zeug angezogen, das sich
die Mädchen unter Klagen und Weinen ausbitten. Der Pate oder Bruder
reicht das Hemd und hält es der Braut über den Kopf, wie wenn er es ihr
anziehen wollte. Zweimal stößt diese es von sich, beim dritten Male
aber zieht sie es an. Während des ganzen Vorgangs wird ununterbrochen
geweint. Beim Anlegen des Unterrockes und des Rockes wiederholen sich
dieselben Umständlichkeiten. Bevor man sich in die Kirche begibt, nimmt
der Zeremonienmeister in der Frauenecke noch gewisse Maßnahmen vor, um
das Paar vor Zauberei zu schützen (Abb. 462). Sodann wird die Braut
in die Frauenecke geleitet; fünf Frauen lösen ihr auf dem Wege dorthin
den Haarknoten auf (Abb. 471). Sind sie zur Ecke gekommen, dann zieht
die Hebamme einen Vorhang vor, zieht ihn aber wieder zurück, nachdem
ihr der Zeremonienmeister einige Kopeken gegeben hat; nun erblickt
der Bräutigam seine Braut. Nachdem das Paar herumgegangen ist, zündet
der Zeremonienmeister drei Stückchen Feuerschwamm an, von denen Braut
und Bräutigam je ein Stück hinunterschlucken müssen; das dritte wird
unter eine Bratpfanne gelegt, die sich auf der Erde befindet. Während
sich nun die Gäste in die Kirche begeben, bleibt der Zeremonienmeister
als Vertreter der alten heidnischen Gebräuche der christlichen Feier
fern. Ehe die Braut das elterliche Haus verläßt, wird über sie ein
Heiligenbild mit einem Tuche gehalten (Abb. 467). -- Vor der Kirche
überreicht der Bräutigam seiner Braut das Kopftuch, an dem er sie
hineinführt. Auf dem Rückwege fordert er seine nunmehrige junge Frau
sowie die Gäste auf, in sein Haus oder, falls er von auswärts sein
sollte, in ein ihm zu diesem Zweck von Verwandten zur Verfügung
gestelltes zu kommen und weiter zu feiern.
Die Feier besteht in der Hauptsache in Branntweintrinken. Dabei
schüttet das junge Paar zu drei Malen Branntwein kreuzweise unter den
Tisch, um den Schutzgeist des neuen Hauses gut zu stimmen. Mann und
Frau müssen die dazu benutzten Becher möglichst nahe aneinander auf den
Tisch stellen, damit kein Streit oder Unfriede einkehre. Nachdem man
reichlich dem Branntwein zugesprochen hat, beginnt das Verteilen der
Geschenke.
[Illustration:
Phot. J. K. Inha.
Abb. 458. Finnischer Wahrsager.
Auf ein Sieb werden kleine Stückchen Brot und Kohle geworfen. Wenn sich
das darüber in Schwingung gebrachte Pendel zwischen den Brotstückchen
bewegt, geht der Wunsch des das Orakel Befragenden in Erfüllung,
dagegen nicht, wenn das Pendel über der Kohle schwingt.]
Wenn die Abschiedstunde für die junge Frau naht, wird ihr das
Stirnband, das Zeichen der Mädchenschaft, abgenommen und hierauf ein
Kasten, der voll Sachen sein muß, in die Frauenecke gebracht. Die
junge Frau setzt sich auf ihn, nachdem ein Verwandter sie dreimal um
den Kasten geführt hat. Jetzt bemächtigen sich ihrer zwei alte Frauen,
kämmen ihr das zuletzt lose herabhängende Haar und flechten es in
zwei Zöpfe anstatt des bisherigen einen, den die Mädchen tragen. Der
Zeremonienmeister übergibt ihr ein großes Tuch, mit dem sie vollständig
verhüllt wird, so daß sie selbst nichts sieht und auch von niemand
erblickt werden kann. Nur ein schöner kleiner Knabe zu ihren Füßen
darf unter das Tuch sehen; man will sie dadurch an ihren zukünftigen
Beruf als Mutter erinnern. Beim Zurechtmachen der jungen Frau singen
zwei oder drei alte Frauen das Lied vom Anlegen des Kopfschmuckes.
Das Gefolge des Mannes muß die Frauenecke verlassen, darf aber nur
gegen Erlegung von Geld hinaus, das eine Freundin der Jungvermählten
einsammelt. Nachdem dies geschehen ist, stellen sich die jungen Leute
in einer Reihe auf dem Hofe auf und warten auf die junge Frau, die bald
darauf von ihrem Paten hinausgeleitet wird. Sie ist noch immer mit dem
Schleiertuch bekleidet und wird so vor ihren Gatten geführt, vor dem
sie sich dreimal tief verbeugt. Dann übergibt der Pate sie dem Gatten
mit einer kurzen Ansprache, in der er beiden Ratschläge erteilt. Unter
anderem sagt er zu dem jungen Ehemann: „Gehorcht sie dir nicht, dann
nimm einen Strohhalm und schlag sie damit; wenn sie dir dann noch nicht
gehorcht, so nimm ein Birkenreis und tu das gleiche; gehorcht sie dir
aber auch dann noch nicht, so nimm eine härtere Waffe, auch wohl eine
Zuberstange, und schlag sie. Hüte dich aber davor, ihr dabei das Leben
auszublasen, denn wir besitzen eine ausgedehnte Bekanntschaft, die
bereit ist, die Pflicht der Blutrache zu übernehmen.“ Darauf geht der
Mann dreimal um seine junge Frau herum und sieht unter die Verhüllung,
um sich zu überzeugen, ob sie es auch in Wirklichkeit ist.
Die ganze erste Nacht wird durchgefeiert; der Zeremonienmeister muß
sorgfältig achtgeben, daß nichts Ungesetzliches vorkommt. Deshalb folgt
er selbst dem jungen Paar in sein Schlafgemach. Die junge Frau schläft
diese Nacht vollständig angekleidet. -- Die Mutter drückt, wenn die
junge Frau das elterliche Haus verläßt, ihren Schmerz darüber durch
Weinen aus (Abb. 472).
Diese umständlichen Hochzeitsgebräuche, zu denen noch verschiedene hier
übergangene weitere Einzelheiten gehören, werden von den Kareliern
streng beobachtet. Es kommt vor, daß, wenngleich der Priester das
Paar kirchlich getraut hat, dieses sich nicht eher als verheiratet
betrachtet, als bis es alle überlieferten Vorschriften erfüllt hat.
Nicht jeder kann sich aber wegen der Kostspieligkeit der Zeremonien
ihnen allen unterziehen. Daher gibt es auch ein abgekürztes Verfahren,
das anscheinend noch ein Ausläufer der früheren Raubehe ist. Der Freier
tritt vor das Mädchen, das ihm als Gattin zusagt, verbeugt sich und
bietet ihr den Zipfel eines Kopftuches an. Lehnt sie es dreimal ab,
dann will sie dem Manne damit kundgeben, daß er ihr nicht gefalle;
nimmt sie es aber an, dann erklärt sie ihr Einverständnis. Darauf
bedarf es keiner weiteren Förmlichkeiten, als daß irgendeine Frau das
Haar des Mädchens in zwei Zöpfe flicht und ihm einen Hut auf den Kopf
setzt; damit ist es zur jungen Frau gemacht.
[Illustration: Abb. 459. Pelotespieler
mit der Chistera, einem eigenartigen Wurfwerkzeug, in der Rechten.]
Zum Schluß noch einige Einzelheiten über die +Hochzeit der Esten+.
Während der Hochzeitszug sich in die Kirche begibt, müssen der
Bräutigam und die Brautführer dicht neben dem Wagen der Braut reiten
und mindestens einer von ihnen ein Schwert tragen, mit dem er unterwegs
des öfteren Lufthiebe austeilt, um die bösen Geister zu vertreiben.
Wenn das junge Paar am Abend der Hochzeit sein Lager aufsucht, nimmt
der Vater der jungen Frau ihr mit dem Schwerte den Schleier ab und
steckt das Schwert sodann in die Decke des Zimmers, gleichfalls zum
Schutze gegen böse Geister. Bei einzelnen Stämmen wird die Braut,
sobald die Gäste erscheinen, in eine Kammer versteckt, wo man sie mit
zwei anderen Mädchen unter einer Decke verhüllt warten läßt, bis
die Gäste sie gefunden haben; der Brautführer muß dann aus den drei
verborgen gehaltenen Mädchen die Braut herausfinden und in die Stube
führen. In einzelnen Gegenden versteckt man auch an Stelle der Braut
drei ihrer Brüder oder drei junge Burschen in Weiberkleidung. Die von
dem Brautführer aus ihnen herausgesuchte vermeintliche Braut wird unter
Jubel in die Feststube geführt, wenn man aber den Irrtum eingesehen
hat, sogleich wieder hinausgejagt. Hierbei scheint es sich ebenfalls um
eine Abwehrmaßnahme zu handeln: die falsche Braut soll das Unglück auf
sich nehmen, indem man hofft, die Geister durch sie über die Person der
wahren Braut zu täuschen.
An die +Schwangerschaft+ und an das neugeborene Kind knüpfen sich
ebenfalls mancherlei abergläubische Vorstellungen, die die Abwehr
böser Geister bezwecken. So muß die Schwangere, um ein paar Beispiele
anzuführen, bei langsam fortschreitender Geburt dreimal Salz hinter
sich werfen; wenn sie das Neugeborene in die Wiege legt, muß sie einen
Kreuzschlüssel, ein Messer und etwas rotes Garn mit hineintun, und so
weiter.
[Illustration: Abb. 460. Pelotespieler vor dem Fronton von Sare.]
Über die +Totengebräuche+ nur wenige Worte. Wenn bei den Permiern
der Tod eingetreten ist, dann werden die Verwandten oder auch Fremde
eingeladen, um die Leiche zu waschen und den Sarg anzufertigen.
Bevor man mit dem Waschen beginnt, sagt der damit Beauftragte zu dem
Toten: „Ärgere dich nicht; ich will dich waschen.“ In ähnlicher Weise
entschuldigt man sich bei ihm, wenn der Sarg hereingebracht wird. Im
allgemeinen schafft man die Leiche möglichst bald aus dem Hause nach
dem Friedhof, und zwar geschieht dies im Trab auf einem Schlitten.
Auf den Sarg wird ein Laib Brot gelegt, den man dem ersten besten,
der dem Zuge begegnet, zuwirft, anscheinend der letzte Rest eines
Totenopfers. Beim Hinablassen des Sarges wird der Deckel hochgehoben,
damit der Verstorbene zum letzten Mal die Welt betrachten könne.
Vielfach bleibt der Schlitten, der den Toten hinausbrachte, über
dessen Grabhügel liegen, in welchem Falle ein Friedhof durch die
vielen Schlittenüberreste einen ganz merkwürdigen Anblick bietet; auch
die Werkzeuge, die beim Auswerfen des Grabes benutzt wurden, werden
zurückgelassen.
Bei dem sich anschließenden Totenmahl werden brennende Lichter auf
die Fensterbretter und zu beiden Seiten neben die Tür gestellt, eine
Zeitlang auch diese offen gelassen; außerdem wird der Schatten des
Verstorbenen aufgefordert, sich am gemeinsamen Mahle zu beteiligen.
Er erhält auch einen Platz an der vorderen Ecke der Tafel angewiesen,
was äußerlich dadurch gekennzeichnet wird, daß eine Mütze oder ein
Kopftuch (je nach dem Geschlecht) dorthin gelegt und Gefäße für Kuchen,
Sauermilch, Branntwein und Haferbrot darum gestellt werden. Jeder Gast
hält es für seine Pflicht, einen Teil seiner Speisen in diese Schüssel
zu tun mit der Aufforderung: „Iß, Brüderchen“ oder „Iß, Gevatter“. Nach
der Mahlzeit stellt man die Schüssel in einem abseits gelegenen Winkel
des Feldes ins Gras und sieht nach einiger Zeit nach, ob etwas von den
Speisen darin geblieben ist. Sind sie nicht vollständig verschwunden,
das heißt von den Krähen und Raben nicht ganz aufgefressen worden,
dann erblickt man darin ein Zeichen dafür, daß der Verstorbene die
ihm vorgesetzten Speisen aus Zorn verschmäht hat. Am neunten und am
vierzigsten Tage nach dem Tode sowie am Jahrestage desselben finden
nochmalige feierliche Bewirtungen des Toten statt.
[Illustration:
Phot. J. K. Inha.
Abb. 461. Finnischer Verlobungsbrauch.
Während die Braut in der Frauenecke sitzt, erscheint ihre Mutter mit
den weinenden Weibern aus einer anderen Ecke, worauf alle unter Weinen
den Verlobungsgesang anstimmen.]
+Die Basken.+ Die Basken oder Euskaldunak, wie sie selbst sich nennen,
wohnen zu beiden Seiten der Pyrenäen am Biskayischen Meerbusen. Sie
sind hinsichtlich ihrer Herkunft bislang immer noch ein rätselhaftes
Volk geblieben. Die abenteuerlichsten Vermutungen sind hierüber
geäußert worden, ohne daß man zu einem einwandfreien Ergebnis gekommen
wäre. Nach dem augenblicklichen Stande der Forschung wird man nicht
fehlgehen, wenn man annimmt, daß sie aus Nordafrika stammen, schon in
der Vorzeit nach Spanien einwanderten, wo sie ursprünglich eine viel
größere Verbreitung als heute hatten -- die alten Iberer dürften als
ihre Vorfahren anzusehen sein --, und infolge ihrer Isolierung auf
einer früheren Kulturstufe stehen geblieben sind. Denn sie zeigen
noch mancherlei Gebräuche und Gewohnheiten, die an ähnliche primitive
Zustände der Vorzeit oder an solche bei wenig vorgeschrittenen
Naturvölkern erinnern. Das Merkwürdigste und am wenigsten Aufgeklärte
bei diesem Volke ist seine +Sprache+, die, wie zum Beispiel das
Chinesische und einige amerikanische Sprachen, Agglutination aufweist.
Die baskische Sprache steht daher unter den übrigen westeuropäischen
Sprachen ganz vereinzelt da; v. der Gablentz und andere Forscher
wollen Ähnlichkeit zwischen ihr und den Berbersprachen Nordafrikas
herausgefunden haben.
[Illustration:
Phot. J. K. Inha.
Abb. 462. Beschwörung bei einer finnischen Hochzeit.
Der Zeremonienmeister nimmt ein Messer zwischen die Zähne, eine
brennende Fackel in die linke und ein Beil in die rechte Hand; so geht
er um die Angehörigen des Bräutigams herum und schlägt mit dem Beil in
den Erdboden -- ein Überrest heidnischen Aberglaubens.]
Auch die +äußere Beschaffenheit+ der Basken läßt deutliche
Verwandtschaft mit der nordafrikanischen Bevölkerung erkennen.
Wenngleich kein einheitlicher Menschenschlag, so ist der Baske doch
durch eine Anzahl besonderer Eigentümlichkeiten gekennzeichnet,
wie mittlere Körpergröße, schlanke, aufgeschossene Gestalt, kurzen
oder auch länglichen, an den Schläfen merkwürdig stark gewölbten
Schädel, langes, schmales, von den Jochbeinen an auffallend scharf
nach unten sich zuspitzendes Gesicht mit außerordentlich spitzem,
leicht fliehendem Kinn, dünne gebogene Nase, die sich in die gerade
aufsteigende, etwas schmale Stirn unmittelbar fortsetzt, dunkle Augen,
dunkles Haar und brünette Hautfarbe. Die Untersuchung hat ergeben,
daß diesem Typus der der sogenannten mittelländischen Rasse zugrunde
liegt, also derjenige, dem die Bewohner von Südeuropa und Nordafrika
angehören. Offenbar haben sich zu diesem noch kurzköpfige Elemente
(alpiner Typus) hinzugesellt, und durch große Abgeschlossenheit unter
lange Zeit sich gleichbleibenden äußeren Bedingungen hat sich in
Verbindung mit Inzucht der heutige Typus der Basken entwickelt.
Die +nationale Tracht+ (Abb. 465) der Basken bestand bei den Männern
aus breiten schlaffen Kniehosen, schwarzen Strümpfen, weißem Hemd
mit hohem, bis auf die Wangen reichendem weichen Kragen, schwarzer
Jacke und runder, flacher, aus Wolle gewirkter Mütze, der Chapelak;
die Frauen trugen blauen Rock mit bunter Schärpe silbergesticktes,
schwarzes Mieder, das vorn über dem sichtbar bleibenden Hemd verschnürt
wurde, bunte Umhängetücher und ein kleines Tuch für den Haarknoten. Bis
auf die typische Mütze und die Kopftücher ist diese Tracht jetzt so
ziemlich im Aussterben begriffen.
Die Basken sind vorwiegend +Ackerbauer+, treiben aber auch +Viehzucht+
und etwas +Schiffahrt+. Ihre Sprache nimmt die Bezeichnungen für die
verschiedenen Abschnitte des Jahres von der Landwirtschaft her. So
heißt der November der Saatmonat (_Azilla_), der Juni der Gerstenmonat
(_Garagarilla_), der Juli der Weizenmonat (_Garilla edo Uzteilla_),
der Oktober der Einsammlungsmonat (_Bildilla_), der Februar der
Stiermonat (_Zezeilla_) und so weiter. Vom Sommer leitet man die
Namen für den Frühling (_Udaberri_ = neuer Sommer) und für den Herbst
(_Udazkena_ = letzter Sommer) ab. Bei der Ausübung des Ackerbaus
haben die Basken noch einige ursprüngliche Arbeitsweisen bewahrt. So
benutzen sie Karren (Abb. 476) mit mächtigen massiven Holzscheiben als
Rädern, die sich zugleich mit der fest mit ihnen zusammenhängenden
runden Achse drehen; den Aufbau dieser Karren bildet ein Kasten aus
Brettern oder ein Rutengeflecht, die Deichsel läuft bis nach hinten
durch. Beim Kochen von Flüssigkeiten, besonders von Milch, wenden die
Basken das althergebrachte Verfahren der Steinkocherei an, das heißt
des Hineinwerfens von glühend gemachten Steinen in einen mit der zu
kochenden Flüssigkeit gefüllten Holztrog.
[Illustration: Abb. 463. Siebenbürgische Zigeuner vor ihren
Wagenzelten.]
Die Basken sind große Freunde von +Tanz, Musik und Spiel+. Der
Nationaltanz, eine Art Haschtanz, hat allerdings schon vielfach den
neuzeitigen europäischen Tänzen weichen müssen, dagegen haben sich
die alten Musikwerkzeuge, mit denen er begleitet wurde, noch immer
erhalten. Das Nationalspiel der Basken ist die Pelote, ein Ballspiel,
das sich bei alt und jung großer Beliebtheit erfreut, so daß, wie man
sagt, bei ihm der Baske Essen und Trinken vergessen kann. Es wird vor
dem Fronton gespielt, einer breiten und hohen, oben mit einem Fangnetz
gekrönten Mauer; von dieser läuft ein viereckiger Spielplatz aus, der
links und rechts eingezäunt, an der Zugangseite aber offen ist (Abb.
460). Zwei Parteien, blau und rot, spielen gegeneinander. Ein Spieler
wirft mit der Chistera (Abb. 459), einem aus starken Weidenruten
hergestellten Wurfwerkzeug in Kahnform, an dessen hinterem Ende in
einem dort angebrachten Ledersack die Hand fest eingeschnürt ist, einen
Ball kräftig gegen den Fronton, während ein Spieler der Gegenpartei die
Aufgabe hat, ihn im Rückflug oder nach dem ersten Aufprall vom Boden
aufzufangen und seinerseits gegen die Mauer zu schleudern. Das Spiel
erfordert ungemeine Geschicklichkeit.
Bei den Basken besteht noch die +Auffassung, daß die Frau die
Untergebene des Mannes+ sei, was auf mancherlei Art zum Ausdruck
kommt. Bei der +Trauung+ sagt der Priester zu den Brautleuten: „Mann
und Frau sind wie die beiden Hände des Menschen, jener entspricht
der rechten, kräftigeren, diese der linken, schwächeren Hand.“ Nach
der Trauung bekleidet der Küster die Jungvermählten mit der Stola;
während er sie aber dem Manne um die Schultern hängt, legt er sie der
Frau auf den Kopf zum Zeichen ihrer Unterwerfung unter die Herrschaft
des Gatten. Das +männliche Wochenbett+ kommt heutigestags unter den
Basken wohl nicht mehr vor; nach der, allerdings fraglichen, Annahme
verschiedener Gewährsmänner soll es aber in vergangener Zeit unter den
Basken bestanden haben. Dagegen ist erwiesen das +Vorrecht der ältesten
Tochter+ vor allen Söhnen in der Erbschaft, sofern sie älter als die
Söhne ist und im elterlichen Hause verbleibt. Dies ist offenbar ein
Überrest des Mutterrechts früherer Zeiten.
[Illustration: Abb. 464. Siebenbürgisches Zigeunermädchen.]
An den +kirchlichen Festen+ finden fast immer Kinderumzüge statt, bei
denen gesungen und um Almosen gebettelt wird. In der Karwoche, wo die
Kirchenglocken nicht läuten dürfen, machen die Kinder Lärm mit Knarren.
Am Tage vor Ostern bringen sie Wasser und Feuer in die Kirchen, lassen
den priesterlichen Segen darüber aussprechen und schaffen beides dann
in die elterlichen Wohnungen, damit die Häuser vor Blitzschlag und
Ungewitter verschont bleiben. Mit demselben geweihten Wasser besprengt
man auch das Korn auf den Feldern, um es vor allerlei Schädlichkeiten
zu schützen und sein Gedeihen zu fördern. Für noch wirksamer gilt das
Wasser, das man in der Johannisnacht schöpft. In der dem San-Juan-Tage
(24. Juni) vorausgehenden Nacht strömen die Leute aus dem gesamten
Baskenlande nach Cambos und eilen mit dem Glockenschlage zwölf auf die
Brunnen zu, um sich in gierigen Zügen so viel einzupumpen, als sie nur
fassen können; denn je mehr sie sich davon einverleiben, um so besser
leben sie im neuen Jahre. Auch schleppen sie in Kesseln und Krügen
schwere Lasten des heilkräftigen Wassers mit sich, um ihre Lieben zu
Hause desselben ebenfalls teilhaftig werden zu lassen. Am Johannistage
selbst segnet der Priester Blumen, meist Lilien und Weißdorn, die
später an den Haustüren angebracht werden, ebenfalls zu dem Zwecke,
Unheil abzuwehren.
Von besonderen +Begräbnisgebräuchen+ ist folgendes zu erwähnen. Kinder,
die noch nicht der ersten Kommunion teilhaftig geworden waren, werden
in offenem, weißem Sarge zum Friedhof gebracht, während Erwachsene
in einem schwarzen, alte Jungfern in einem ebenfalls schwarzen, aber
mit weißen Schleifen geschmückten Sarge beigesetzt werden. Alten
Leuten wird ein geweihtes Hemd angezogen, das man im nächsten Kloster
kauft. Wer gestorben ist, ohne gebeichtet zu haben, findet im Grabe
keine Ruhe, sondern muß umgehen. Doch kann auch ein solcher noch den
Eingang ins Himmelreich finden, wenn der unmittelbar vor ihm im Dorfe
Verstorbene ein kleines Mädchen gewesen ist.
[Illustration:
Aus: Buschan, Illustrierte Völkerkunde.