Um +Weihnachten+ herum ziehen die Kinder in Griechenland von Haus zu
Haus, singen Weihnachtslieder und heimsen dafür allerlei Leckerbissen,
wie getrocknete Früchte, Nüsse, Oliven und Eier, ein. In Rumänien
gehen sie dabei in ähnlicher Vermummung, wie bei uns an dem Feste der
heiligen Drei Könige (Abb. 439). Da während der Adventszeit streng
gefastet wird, so tut man sich am Heiligen Abend überall besonders
gütlich. -- Die +Zeit der Zwölften+ wird in Griechenland besonders
gefürchtet, denn in diesen Tagen oder, richtiger gesagt, Nächten
steigen nach dem Volksglauben die längst verschwundenen heidnischen
Götter wieder aus ihrer Versenkung empor, aber nicht in ihrer einstigen
schönen Gestalt, sondern in der abergläubischen Einbildungskraft
des Volkes zu tückischen Unholden verzerrt, meistens bocksfüßigen
Ungeheuern -- Anklänge an den alten Vater Silen --, die in Felshöhlen
und Waldschluchten hausen, nachts ihr Unwesen treiben und besonders
den Frauen nachstellen. Ganz gefährlich sind sie jungen Müttern;
ein Kind, das in der Zeit der Zwölf Nächte geboren wird, ist ihnen
rettungslos verfallen, es muß sein ganzes Leben lang nachtwandeln und
nach dem Tode „umgehen“. Das Aussprechen eines Heiligennamens oder das
Hersagen eines frommen Spruches, auch das Hinhalten eines Kreuzes zur
rechten Zeit schlägt die bösen Mächte in die Flucht. Daher erblickt
man auch an allen griechischen Haustüren große weiße Kreuze, und am
Weihnachtsmorgen segnet der Priester feierlich jede Türschwelle,
beräuchert sie und besprengt sie mit Weihwasser. Mit dem Morgen des
6. Januar aber ist die Macht der Unholde für ein Jahr wieder einmal
endgültig gebrochen; der dritte Hahnenschrei scheucht alle Dämonen in
die ewige Finsternis zurück.
[Illustration: Abb. 434. Griechin (Athen)
in der Landestracht.]
Am +Sankt-Basilius-Abend+, der unserem Silvesterabend entspricht,
ziehen ganze Scharen festlich gekleideter Kinder und Burschen unter
fröhlichen Gesängen durch die Straßen und tragen dabei auf Stangen
zierliche, mit bunten Bändern geschmückte Reisigbündel, in deren Mitte
ein Glöckchen hängt. Vor jedem Hause lassen sie dieses erklingen,
singen Lieder zu Ehren des Heiligen und erwarten von der Hausfrau
ein kleines Geschenk in Gestalt von Äpfeln, Nüssen, Feigen oder
Eiern, wofür sie ihr ein farbiges Seidenbändchen von dem „Strauße“
einhändigen, das ihr Glück bringen soll. In dieser Nacht vergißt
wohl keiner, eine Granatfrucht in den Mondschein zu legen und sie am
anderen Morgen in der Kirche einsegnen zu lassen. Nach der Rückkehr
aus dem Gotteshause schleudert er die Frucht kräftig zu Boden, so
daß sie zerspringt, ruft dabei aus: „Möge das Haus so reich an Segen
sein wie dieser Granatapfel an Samen!“ und fügt, gleichsam die
Hausgeister beschwörend, hinzu: „Ihr aber, Flöhe, Wanzen, Ungeziefer
und Unglück aller Art, fliehet und lasset Gesundheit, Glück und Freude
herein!“ -- Alles, was am ersten Tage des Jahres geschieht, wird als
Vorbedeutung für dasselbe ausgelegt. In den Neujahrskuchen, von dem
jedes Familienmitglied, selbst der Säugling, ein Stück erhält, bäckt
man eine Münze hinein; wem sie mit seinem Stück zuteil wird, der kann
auf Glück rechnen. Ein Stück des Kuchens wird für den Hausaltar, das
heißt die Heiligenbilder in der Stubenecke, zurückgelegt. Ein Teil von
ihm wird den Armen gegeben, die mit großen Körben bettelnd von Haus zu
Haus gehen und reichlich beschenkt werden. Jeder sucht einem anderen
irgendein Geschenk zu machen, und wäre es auch nur eine wertlose
Haselnuß; selbst die Bettler versäumen nicht, von ihrem Almosen an
andere abzugeben. Diese Gebefreudigkeit ist sicherlich als ein Rest der
strenae der alten Römer zu deuten.
Wie unter allen auf niederer Kulturstufe stehengebliebenen Völkern
Europas, so spielt ganz besonders auch bei den Balkanvölkern der
+Aberglaube+ noch eine große Rolle. Vor allem der Furcht vor
übelgesinnten Mächten und dem bösen Blick begegnet man allenthalben.
Für ganz besonders bedroht hält man, wie dies auch bei der Betrachtung
anderer südeuropäischer Völker berichtet wurde, +schwangere Frauen und
neugeborene Kinder+.
[Illustration:
Phot. _Dr._ Träger.