Abb. 431. Griechischer Bauer

mit kurzem, gefaltetem Rock, roten ledernen Schuhen, roter Jacke und

fesähnlicher Kopfbedeckung.]

Auf der Insel Korfu wird das Fasten, das im übrigen in Griechenland

strenger als sonst in der christlichen Kirche innegehalten wird, am

+Palmsonntag+ unterbrochen. An diesem Tage strömt alles vom Lande und

den kleinen Orten in die Hauptstadt der Insel, um an der großartigen

Prozession ihres Schutzpatrons, des heiligen Spiridion, teilzunehmen,

natürlich aufs festlichste geputzt und voller Freude darüber, daß man

nach dem langen, schweren Fasten sich zum ersten Male wieder dem

Genuß von Speise und Trank hingeben darf. Die Teilnehmer an dem Zuge

versammeln sich in der Kirche des Heiligen und ziehen von dort unter

dem Donner der Kanonen und dem Schmettern der Trompeten in großartiger

Prozession stundenlang durch die Straßen, unterwegs in verschiedenen

Kirchen Einkehr haltend. Den Zug eröffnen Fahnenträger und eine lange

Reihe Geistlicher in golddurchwirkten Gewändern, zahlreiche Schüler,

alle in Uniform, und Soldaten; sämtliche Teilnehmer tragen geweihte

Kerzen in den Händen. Ihnen schließt sich wiederum eine große Zahl

von Priestern an, in ihrer Mitte der ehrwürdige Patriarch mit einer

goldenen Krone auf dem weißen Haupte; in den Pausen, die die Musik

macht, murmeln alle Gebete. Unmittelbar hinter dem Patriarchen folgt

die Hauptsache des Zuges, der heilige Spiridion in eigener Person, das

heißt seine wohlerhaltene Mumie. Sie ruht in einem innen mit Purpur

ausgeschlagenen Glaskasten mit durchbrochenem Goldrahmen und wird von

vier Priestern wie eine Sänfte getragen. Mit dieser Reliquie hat es

eine eigene Bewandtnis. Sie gehört nämlich merkwürdigerweise nicht

der Kirche, sondern ist Eigentum der korfiotischen Familie Bulgaris,

die sie ihrerseits dadurch erworben hat, daß vorzeiten ein Bulgaris

mit einem jungen Mädchen sich verheiratete, das die Gebeine des

heiligen Spiridion als Mitgift erhielt. Für die Familie Bulgaris nun

ist der Besitz der Reliquie zu einer dauernden, nicht zu verachtenden

Einnahmequelle geworden. Sie hat damit zugleich allerdings die dauernde

Verpflichtung übernommen, stets ein Mitglied Priester werden zu lassen,

um durch diesen gegen Gebühren die Wohltaten zu vermitteln, die der

Heilige bei allen möglichen Unglücks- und Krankheitsfällen spenden

soll. Hinter der Mumie und ihren Trägern folgen wiederum zahlreiche

Priester und endlich die Volksmenge, die ebenfalls festlich gekleidet

ist und Palmzweige in den Händen trägt. Unterwegs drängt sich immer

mehr Volk heran, besonders in die nächste Nähe des Heiligen, um durch

ihn Erfüllung seiner Wünsche zu erhalten. Mütter lassen ihre kranken

Kinder mit den Händchen den Sarg berühren oder legen sie wohl gar

auf die Erde an der Stelle, über die der Zug kommen wird, so daß die

Träger über sie hinwegschreiten müssen, andere sammeln den Staub an der

Stelle, die jene betreten haben, ein oder fangen das Wachs auf, das von

den Kerzen neben dem Sarge herabträufelt. -- Damit ist übrigens nur

eine Auswahl aus der großen Zahl derartiger Gebräuche gegeben.

[Illustration:

Phot. H. H. Johnston.

Abb. 432. Rumänen in Volkstracht.

Die Beinkleider sind aus Wolle oder Hanf, das über sie hinweghängende,

durch einen Gürtel zusammengehaltene Hemd aus Leinen angefertigt. Die

Jacke ist aus Schafpelz hergestellt, mit der Wolle auf der Innenseite,

und außen mit bunten Wollfäden schön bestickt. Eine Lammfellmütze

vollendet den Anzug.]

Die Feier des griechischen +Karfreitags+ beginnt schon am Abend

vorher. Alles strömt dann bereits in die Kirchen, wo neben anderen

Feierlichkeiten seidene Gewänder, in die eine Darstellung des im Grabe

ruhenden Christus eingestickt ist, auf einer Art Katafalk inmitten

des Schiffes ausgestellt und mit zahlreichen Blumenspenden geschmückt

werden. -- Der +Ostersonntag+ wird auf dieselbe Weise, die schon bei

der Darstellung der russischen Gebräuche geschildert wurde, eingeleitet

und gefeiert. Die Straßen sind festlich geschmückt, und überall

herrscht große Freude, die in allerlei Vergnügungen, namentlich in

den Nationaltänzen (Abb. 433, 436 und 442) zum Ausdruck kommt. Auf

dem Lande schlachtet jeder Hausvorstand an diesem Tage ein Lamm und

bestreicht mit dessen Blut einen der Seitenpfosten an seiner Haustür

sowie die obere Schwelle. -- Bei den Rumänen besteht die schöne

Sitte, daß am Ostermorgen die Frauen der wohlhabenderen Stände die

Gefängnisse aufsuchen, um an die Gefangenen kleine runde Kuchen, denen

das Kreuz aufgedrückt ist, zu verteilen. Ostern gilt ja auch bei der

orthodoxen Kirche allgemein als das Versöhnungsfest. Die ländliche

Jugend aber zieht am Osternachmittag in die Eichenwälder, um hier

auf dem frischsprossenden Rasen der Waldwiesen das Auferstehungsfest

durch ein lustiges Spiel zu feiern. Jedes Mädchen bringt in einem

Weidenkörbchen eine Anzahl buntgefärbter Hühnereier mit. Im Walde

stellen sich dann Burschen und Mädchen, je in einer Reihe, einander

gegenüber auf und beginnen ein Spiel, das Tanz und Ballspiel in sich

vereinigt, wozu Fiedel und Dudelsack ihre Weisen ertönen lassen. Die

Mädchen werfen tänzelnd den Burschen die bunten, zerbrechlichen Bälle

in hohem Bogen zu, wobei sie sowohl im Tanz wie auch beim Werfen eine

bewunderungswürdige Geschicklichkeit und Anmut entwickeln. Aber auch

die Burschen geben ihnen nichts nach und zeigen ihrerseits eine große

Sicherheit im Auffangen, so daß nur selten ein Ei vorbeifliegt. Sind

die Körbchen geleert, so beginnt das Spiel von neuem, nur mit dem

Unterschied, daß jetzt die Rollen vertauscht werden, die Burschen also

den Mädchen die Eier zuwerfen und diese sie auffangen. Auf solche Weise

vergnügt man sich bis zum Anbruch des Abends, worauf der nationale

Horatanz zu seinem Rechte kommt.

[Illustration:

Phot. Th. Jürgensen, Kiel.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 184 / 203 题