Abb. 435. Albanierin im Brautschmuck.]

In Griechenland sind es die Nereiden, die darauf ausgehen, den Frauen,

die guter Hoffnung sind, und ihrer Leibesfrucht Schaden zuzufügen,

unter anderem auch die Entbindung zu erschweren. Man sucht sich ihrer

durch Amulette, bei denen der Jaspis eine große Rolle spielt, zu

erwehren. Der Aufenthalt dieser bösen Mächte sind die Platanen oder

Pappeln, auch die Quellen, weswegen eine Schwangere solche Stellen

meiden muß, sich unter einem solchen Baume nicht aufhalten, neben

einer Quelle sich nicht niederlegen darf. Schreitet jemand über eine

Schwangere oder über ein neugeborenes Kind hinweg, so ermöglicht er den

Nereiden ihre bösen Absichten, bringt jener Unglück und hindert dieses

am Wachstum. Man kann dem Schaden dadurch vorbeugen, daß man sogleich

wieder zurückschreitet. Der griechische Volksglaube kennt ferner noch

andere bösartige Mächte in Gestalt geflügelter, häßlicher alter Weiber,

die nachts durch die Lüfte ziehen, in die Häuser kommen, schlafenden

Kindern das Blut aussaugen und ihnen sogar schon durch ihren Hauch

schaden können. Um die Kinder gegen diese Unwesen zu schützen, legt man

ihnen Jaspis in die Wiege, salbt ihnen die Stirn mit geweihtem Öl oder

reibt sie mit dem Bodensatz eines Wassergefäßes ein. Gegen den nicht

minder gefürchteten bösen Blick muß man das Kind und seine Umgebung

ausräuchern, über dasselbe ausspucken oder die Hand mit ausgespreizten

Fingern darüber halten, Knoblauch an seiner Wiege befestigen, dem

Kinde ein dreieckiges, mit Salz, Kohlen und Knoblauch -- diese

Pflanze wird als Abwehrmittel gegen allerlei Zauber sehr geschätzt --

gefülltes Amulett um den Hals hängen unter gleichzeitigem Hersagen

von Verwünschungsformeln, und so fort. Natürlich darf die Wöchnerin

in den ersten Wochen ihr Kind nicht aus den Augen lassen, erst recht

nicht aus dem Hause gehen; ist sie zu einem Ausgang gezwungen, dann muß

sie wenigstens vorher den Hausschlüssel oder einen anderen eisernen

Gegenstand berühren. Man behauptet sogar, daß sie in der Zeit, wo sie

durch die bösen Mächte gefährdet ist, auch anderen Leuten Unglück

bringen könne; daher vermeiden Personen, die einen wirksamen Talisman

zu besitzen glauben, damit in die Nähe einer Wöchnerin zu kommen, aus

Furcht, derselbe könnte an seiner Kraft Einbuße erleiden. In Albanien

machen in den ersten sieben Tagen nach einer Geburt die Nachbarn nachts

einen gewaltigen Lärm, einmal, um die bösen Geister zu verscheuchen,

und zum anderen, um Mutter und Kind am Einschlafen zu verhindern,

da sie im Schlaf jenen leicht zum Opfer fallen könnten. -- Außer

den bösen Mächten kennt das griechische Volk auch noch wohlgesinnte

Göttinnen, die Schicksalsfrauen, drei an der Zahl; sie erscheinen in

der dritten Nacht nach einer Geburt, um das Schicksal des Neugeborenen

zu bestimmen oder, wie der Ausdruck lautet, „das Glück des Kindes

niederzuschreiben“. Man sucht sie natürlich auf alle mögliche Weise

gut zu stimmen. Die Rumänen stellen zu diesem Zweck auf den Tisch

unter das Heiligenbild allerlei Eßwaren für sie hin. Niemand darf

dann in das Zimmer gehen, um nicht zu stören; vielmehr geht jeder

in dieser Nacht, wo sie erwartet werden, möglichst frühzeitig zu

Bett. Neben die Wiege des Kindes wird eine brennende Kerze gestellt.

Selbst die Hofhunde werden für diese Nacht bei den Nachbarsleuten

untergebracht, damit sie die Schicksalsgöttinnen durch ihr Gebell

nicht verscheuchen. In Mazedonien muß sich unter den dargebrachten

Eßwaren ein Honigkuchen befinden, den ein Mädchen gebacken hat, das

noch beide Eltern am Leben hat. Dieser Kuchen wird am anderen Morgen

an Ort und Stelle an die Hebamme und an Verwandte verteilt. Doch muß

man dabei ja darauf achtgeben, daß keine Krume auf die Erde falle; sie

könnte möglicherweise in die Hände von übelgesinnten Leuten geraten und

Schaden bringen. Die Göttinnen schreiben das Schicksal des Kindes auf

seine Stirn; irgendein auffälliges Merkmal oder eine Hautabschürfung an

derselben wird als Beweis für diese Niederschrift angesehen.

[Illustration:

Nach H. C. Seppings-Wright.

Abb. 436. Griechischer Volkstanz,

der noch heute an den Tanz der Phäaken bei Homer erinnert.]

Die +Taufe+ findet für gewöhnlich am achten oder zehnten Tage nach der

Geburt, und zwar meistens an einem Sonntage statt. Dieselbe Person,

die bereits bei der Eltern Hochzeit Gevatter stand, pflegt bei der

Taufe ihres Kindes das gleiche Amt auszuüben. Das Verhältnis zwischen

dem Kinde und seinem Paten ist ein so inniges, daß die Mitglieder der

beiderseitigen Familien nicht einmal untereinander heiraten dürfen.

Ebensowenig ist es gestattet, daß ein Jüngling und ein Mädchen, die

denselben Paten haben, die Ehe miteinander eingehen. -- Bei den Rumänen

schätzt man den Tag nach der Taufe, an dem das Salböl abgewaschen wird,

ebenso hoch wie den Tauftag selbst. In das Bad zur Reinigung von dem

Öle pflegt man eine Münze und ein Stück Brot zu werfen, was dem Kinde

Glück und Reichtum bringen soll, desgleichen Basilikumkraut, um es

begehrenswert zu machen.

Die +Werbe- und Hochzeitsgebräuche+ sind bei allen Balkanvölkern

ziemlich dieselben, was nicht wundernehmen wird, da sie alle

jahrhundertelang unter der gemeinsamen Herrschaft der Türken gestanden

haben. Vor Eingehung der Ehe wird im allgemeinen die materielle Frage

erörtert, was indessen nicht ausschließt, daß gelegentlich auch

Neigungsheiraten vorkommen. Für gewöhnlich bedient man sich eines

Vermittlers, der die wichtige Frage der Mitgift zu regeln hat. Sind

die Eltern nicht imstande, alle Kosten zu tragen, so nehmen wohl auch

die Brüder des Mädchens einen Teil derselben auf sich. Im allgemeinen

bleiben die Söhne so lange ledig, bis alle Schwestern unter die Haube

gekommen sind, zumal wenn keine großen Altersunterschiede zwischen

Söhnen und Töchtern bestehen. Außerdem ist es Sitte, daß die Töchter

der Reihe nach verheiratet werden, so daß eine jüngere keine Ehe

eingehen darf, bevor nicht die älteren versorgt sind. Bei der Verlobung

werden Ringe zwischen den beiden jungen Leuten gewechselt, während die

anwesenden Bekannten sie mit wohlriechenden Blüten des Mandelbaumes

überschütten und ihnen eine recht baldige „Krönung“ (das heißt Trauung)

wünschen. Erfrischungen werden herumgereicht, in manchen Gegenden wird

auch ein festliches Mahl eingenommen. Auf Korfu besteht die Sitte,

daß ein junges Mädchen, das verlobt ist, fortan eine Menge falscher

Haare anlegt, die zu beiden Seiten des Gesichts aufgetufft und mit

Streifen von rotem Stoff durchflochten werden. Diese unechten Haare

werden später das ganze Leben lang getragen und vererben sich von einem

Geschlecht auf das andere. -- In Griechenland findet sich vielfach noch

die Sitte des Kinderverlöbnisses (siehe die Kunstbeilage).

[Illustration:

Verlag Benziger & Co. A.-G., Einsiedeln. Aus: Netzhammer, Rumänien.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 186 / 203 题