In Griechenland sind es die Nereiden, die darauf ausgehen, den Frauen,
die guter Hoffnung sind, und ihrer Leibesfrucht Schaden zuzufügen,
unter anderem auch die Entbindung zu erschweren. Man sucht sich ihrer
durch Amulette, bei denen der Jaspis eine große Rolle spielt, zu
erwehren. Der Aufenthalt dieser bösen Mächte sind die Platanen oder
Pappeln, auch die Quellen, weswegen eine Schwangere solche Stellen
meiden muß, sich unter einem solchen Baume nicht aufhalten, neben
einer Quelle sich nicht niederlegen darf. Schreitet jemand über eine
Schwangere oder über ein neugeborenes Kind hinweg, so ermöglicht er den
Nereiden ihre bösen Absichten, bringt jener Unglück und hindert dieses
am Wachstum. Man kann dem Schaden dadurch vorbeugen, daß man sogleich
wieder zurückschreitet. Der griechische Volksglaube kennt ferner noch
andere bösartige Mächte in Gestalt geflügelter, häßlicher alter Weiber,
die nachts durch die Lüfte ziehen, in die Häuser kommen, schlafenden
Kindern das Blut aussaugen und ihnen sogar schon durch ihren Hauch
schaden können. Um die Kinder gegen diese Unwesen zu schützen, legt man
ihnen Jaspis in die Wiege, salbt ihnen die Stirn mit geweihtem Öl oder
reibt sie mit dem Bodensatz eines Wassergefäßes ein. Gegen den nicht
minder gefürchteten bösen Blick muß man das Kind und seine Umgebung
ausräuchern, über dasselbe ausspucken oder die Hand mit ausgespreizten
Fingern darüber halten, Knoblauch an seiner Wiege befestigen, dem
Kinde ein dreieckiges, mit Salz, Kohlen und Knoblauch -- diese
Pflanze wird als Abwehrmittel gegen allerlei Zauber sehr geschätzt --
gefülltes Amulett um den Hals hängen unter gleichzeitigem Hersagen
von Verwünschungsformeln, und so fort. Natürlich darf die Wöchnerin
in den ersten Wochen ihr Kind nicht aus den Augen lassen, erst recht
nicht aus dem Hause gehen; ist sie zu einem Ausgang gezwungen, dann muß
sie wenigstens vorher den Hausschlüssel oder einen anderen eisernen
Gegenstand berühren. Man behauptet sogar, daß sie in der Zeit, wo sie
durch die bösen Mächte gefährdet ist, auch anderen Leuten Unglück
bringen könne; daher vermeiden Personen, die einen wirksamen Talisman
zu besitzen glauben, damit in die Nähe einer Wöchnerin zu kommen, aus
Furcht, derselbe könnte an seiner Kraft Einbuße erleiden. In Albanien
machen in den ersten sieben Tagen nach einer Geburt die Nachbarn nachts
einen gewaltigen Lärm, einmal, um die bösen Geister zu verscheuchen,
und zum anderen, um Mutter und Kind am Einschlafen zu verhindern,
da sie im Schlaf jenen leicht zum Opfer fallen könnten. -- Außer
den bösen Mächten kennt das griechische Volk auch noch wohlgesinnte
Göttinnen, die Schicksalsfrauen, drei an der Zahl; sie erscheinen in
der dritten Nacht nach einer Geburt, um das Schicksal des Neugeborenen
zu bestimmen oder, wie der Ausdruck lautet, „das Glück des Kindes
niederzuschreiben“. Man sucht sie natürlich auf alle mögliche Weise
gut zu stimmen. Die Rumänen stellen zu diesem Zweck auf den Tisch
unter das Heiligenbild allerlei Eßwaren für sie hin. Niemand darf
dann in das Zimmer gehen, um nicht zu stören; vielmehr geht jeder
in dieser Nacht, wo sie erwartet werden, möglichst frühzeitig zu
Bett. Neben die Wiege des Kindes wird eine brennende Kerze gestellt.
Selbst die Hofhunde werden für diese Nacht bei den Nachbarsleuten
untergebracht, damit sie die Schicksalsgöttinnen durch ihr Gebell
nicht verscheuchen. In Mazedonien muß sich unter den dargebrachten
Eßwaren ein Honigkuchen befinden, den ein Mädchen gebacken hat, das
noch beide Eltern am Leben hat. Dieser Kuchen wird am anderen Morgen
an Ort und Stelle an die Hebamme und an Verwandte verteilt. Doch muß
man dabei ja darauf achtgeben, daß keine Krume auf die Erde falle; sie
könnte möglicherweise in die Hände von übelgesinnten Leuten geraten und
Schaden bringen. Die Göttinnen schreiben das Schicksal des Kindes auf
seine Stirn; irgendein auffälliges Merkmal oder eine Hautabschürfung an
derselben wird als Beweis für diese Niederschrift angesehen.
[Illustration:
Nach H. C. Seppings-Wright.
Abb. 436. Griechischer Volkstanz,
der noch heute an den Tanz der Phäaken bei Homer erinnert.]
Die +Taufe+ findet für gewöhnlich am achten oder zehnten Tage nach der
Geburt, und zwar meistens an einem Sonntage statt. Dieselbe Person,
die bereits bei der Eltern Hochzeit Gevatter stand, pflegt bei der
Taufe ihres Kindes das gleiche Amt auszuüben. Das Verhältnis zwischen
dem Kinde und seinem Paten ist ein so inniges, daß die Mitglieder der
beiderseitigen Familien nicht einmal untereinander heiraten dürfen.
Ebensowenig ist es gestattet, daß ein Jüngling und ein Mädchen, die
denselben Paten haben, die Ehe miteinander eingehen. -- Bei den Rumänen
schätzt man den Tag nach der Taufe, an dem das Salböl abgewaschen wird,
ebenso hoch wie den Tauftag selbst. In das Bad zur Reinigung von dem
Öle pflegt man eine Münze und ein Stück Brot zu werfen, was dem Kinde
Glück und Reichtum bringen soll, desgleichen Basilikumkraut, um es
begehrenswert zu machen.
Die +Werbe- und Hochzeitsgebräuche+ sind bei allen Balkanvölkern
ziemlich dieselben, was nicht wundernehmen wird, da sie alle
jahrhundertelang unter der gemeinsamen Herrschaft der Türken gestanden
haben. Vor Eingehung der Ehe wird im allgemeinen die materielle Frage
erörtert, was indessen nicht ausschließt, daß gelegentlich auch
Neigungsheiraten vorkommen. Für gewöhnlich bedient man sich eines
Vermittlers, der die wichtige Frage der Mitgift zu regeln hat. Sind
die Eltern nicht imstande, alle Kosten zu tragen, so nehmen wohl auch
die Brüder des Mädchens einen Teil derselben auf sich. Im allgemeinen
bleiben die Söhne so lange ledig, bis alle Schwestern unter die Haube
gekommen sind, zumal wenn keine großen Altersunterschiede zwischen
Söhnen und Töchtern bestehen. Außerdem ist es Sitte, daß die Töchter
der Reihe nach verheiratet werden, so daß eine jüngere keine Ehe
eingehen darf, bevor nicht die älteren versorgt sind. Bei der Verlobung
werden Ringe zwischen den beiden jungen Leuten gewechselt, während die
anwesenden Bekannten sie mit wohlriechenden Blüten des Mandelbaumes
überschütten und ihnen eine recht baldige „Krönung“ (das heißt Trauung)
wünschen. Erfrischungen werden herumgereicht, in manchen Gegenden wird
auch ein festliches Mahl eingenommen. Auf Korfu besteht die Sitte,
daß ein junges Mädchen, das verlobt ist, fortan eine Menge falscher
Haare anlegt, die zu beiden Seiten des Gesichts aufgetufft und mit
Streifen von rotem Stoff durchflochten werden. Diese unechten Haare
werden später das ganze Leben lang getragen und vererben sich von einem
Geschlecht auf das andere. -- In Griechenland findet sich vielfach noch
die Sitte des Kinderverlöbnisses (siehe die Kunstbeilage).
[Illustration:
Verlag Benziger & Co. A.-G., Einsiedeln. Aus: Netzhammer, Rumänien.