Der Sarg wird von sechs Ochsen zum Friedhof gefahren.]

Die +Trauer+ der Frauen dauert ein Jahr; währenddessen dürfen sie

weder singen noch Schmucksachen tragen, auch sich nicht mit Blumen

putzen. An bestimmten Tagen des Jahres gibt es Erinnerungsfeste

an die Verstorbenen, die stets auf den Sonnabend fallen und daher

„Seelensabbate“ heißen. An ihnen strömt das Volk auf die Friedhöfe

zum Besuch seiner Toten, und die Priester sprechen Gebete für sie. --

Sieben Jahre nach dem Tode pflegt man das Grab zu öffnen, die Gebeine

herauszunehmen und in einem kleineren Sarge endgültig beizusetzen.

Große Bedeutung wird dabei der Beschaffenheit der Leichenreste

beigelegt; sind sie vollständig in Verwesung übergegangen, so daß nur

noch die Knochen übriggeblieben sind, dann gilt dies für ein sicheres

Zeichen, daß dem Verstorbenen seine Sünden vergeben sind und seine

Seele in Frieden ruht.

[Illustration:

Phot. Weinberg.

Abb. 427. Das Schlachten von Hämmeln,

ein religiöser Weiheakt bei den Türken.]

Die nichtslawischen Balkanvölker.

Man versteht unter den nichtslawischen Balkanvölkern die +Türken

oder Osmanli+ einerseits und die +Griechen, Rumänen und Albanier+

anderseits. Die ersteren gehören der finnisch-ugrischen Menschenrasse

an, sind daher Verwandte der Ungarn und Finnen und stammen, wie man

annimmt, aus Nordasien her, die letzteren, wohl ursprünglich Vertreter

des nordischen Typus, wanderten bereits in der Vorzeit aus Nordeuropa

in die von ihnen heutzutage eingenommenen Gebiete ein und vermischten

sich zuerst mit den hier ansässigen Stämmen, wahrscheinlich Angehörigen

der mittelländischen Rasse, später mit hinzugewanderten slawischen

und türkischen Elementen. Von einem einheitlichen +anthropologischen

Typus+ kann daher weder bei diesen, noch bei jenen die Rede sein, denn

auch die Türken haben auf ihren langen Wanderungen durch Mittelasien

und Südrußland, wo überdies zu der Zeit ihrer Durchquerung Mischvölker

schon ziemlich stark vertreten waren, viel fremdes Blut in sich

aufgenommen, wozu nicht wenig die Erlaubnis der Lehre Mohammeds

beigetragen hat, daß ihre Anhänger sich außer den erlaubten vier

rechtmäßigen Gattinnen noch eine beliebige Zahl Sklavinnen halten

dürfen, die man den unterjochten Völkern denn auch in reichlicher Menge

entnahm. Die Türken haben annähernd vier Jahrhunderte den ganzen Balkan

beherrscht und daher großen Einfluß auf die Rassenmischung dieser

Völker sowie deren Kulturverhältnisse ausgeübt, anderseits aber auch

selbst sehr viel von den Sitten und Gebräuchen dieser angenommen.

Die +Kleidung+ der Türken (Abb. 428) ist eine ziemlich einförmige;

sie besteht aus einem langen, kaftanähnlichen Rock, Pluderhosen und

einem Fes, der bei festlichen Gelegenheiten mit einem weißen Turban

vertauscht wird; dieser ist bei Mekkapilgern mit Gold durchwirkt und

bei den Geistlichen, den Hodscha, mit einer purpurroten Verbrämung

versehen. Die Türkinnen sind gekennzeichnet durch weite Pluderhosen,

seidenes Hemd, gestickte Jacke, gelbe Schuhe und Verschleierung

des Gesichts (Abb. 429). Die letztere dürfte kaum auf religiöse

Vorschriften zurückzuführen sein -- im Koran findet sich keine Stelle,

die man in diesem Sinne auslegen könnte, und außerdem trugen die Frauen

der Türken bereits lange vor Mohammed ihr Gesicht verschleiert --,

sondern wahrscheinlich mit der Sitte der Türko-Tataren zusammenhängen,

sich der Frauen durch Raub zu bemächtigen. Da man wohl nur solche

Frauen raubte, die einem gefielen, dabei aber Gefahr lief, daß sie

auch den Beifall anderer finden möchten, die stärker waren und sie

wieder wegnehmen konnten, verfiel man auf den Gedanken, das Gesicht der

geraubten Frauen zu verhüllen, um dadurch ein Urteil über ihr Aussehen

unmöglich zu machen und ihrer Entführung vorzubeugen. Die Gewohnheit

hat sich im Laufe der Zeiten fortgeerbt, scheint aber dank der modernen

Reformbewegung auf dem Wege zu sein, mehr und mehr abzukommen.

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 428. Türken vor einem Kaffeehaus beim Rauchen des Nargileh,

einer Tabakpfeife, bei der der Rauch, bevor er in den Mund genommen

wird, durch ein Gefäß mit Wasser zieht.]

Die +Nationaltracht der Griechen+ (Abb. 431) ist den Albaniern (Abb.

430) entlehnt. Sie besteht aus einem Hemd mit weiten, fliegenden

Ärmeln, kurzen Beinkleidern, reichbestickter, blauer oder roter,

ärmelloser Jacke und dem typischen weißen, in Falten gelegten

Röckchen von ähnlicher Form, wie es unsere Ballettmädchen tragen, der

sogenannten Fustanella, deren Bund ein Ledergurt umschließt; an ihm

werden Patronentasche und Waffen getragen. Dazu kommen noch lange rote

Gamaschen, rote Schnabelschuhe mit einem Knauf an der Spitze und ein

hoher roter Fes mit lang herabhängender Quaste. Die Frauen (Abbildung

434) tragen ein langes Hemd mit tiefsitzendem Gürtel und darüber einen

kurzen, weißen, wollenen Rock; die unteren Enden der Ärmel sind reich

bestickt. Das mit Ketten aus aneinandergereihten Münzen geschmückte

Haar wird vielfach noch mit einem Fes bedeckt, den ebenfalls eine

lange, golddurchwirkte Troddel ziert.

[Illustration:

Phot. Bonfils.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 181 / 203 题