Mit den angeführten Beispielen sind die Hochzeitsgebräuche unter den
slawischen Völkern (siehe die Kunstbeilage) bei weitem nicht erschöpft;
man könnte über sie ein ganzes Buch schreiben, so verschieden
untereinander und vielseitig sind sie bei diesen Völkern. Es soll nur
noch kurz die Schilderung einer +Hochzeit bei den Huzulen+, einem
Ruthenenstamm, gegeben werden, da die Gebräuche hierbei ganz besonders
fremdartig anmuten. Der Bräutigam trägt während der Trauung einen
Kranz, den man unter großer Feierlichkeit auf seiner Mütze befestigt
hat. Er besteht aus Immergrünblättern und ist mit Flittergold und
Münzen verziert; auch Knoblauch darf darin nicht fehlen, der wegen
seines scharfen Geruchs als vorzügliches Abwehrmittel gegen alles Böse
in hoher Gunst steht. In dem Brautkranz der Huzulin muß stets die
Nadel stecken bleiben, mit der er zusammengenäht wurde. Als weiteres
Schmuckstück tragen Braut und Bräutigam um den linken Arm einen großen
Ring aus Käse. Nach der Trauung reitet die Braut mit ihrem Gefolge
im Galopp nach ihrem Heim zurück, während der Bräutigam mit seinen
Gefährten absichtlich etwas zurückbleibt. Erst wenn mit der jungen Frau
zu Hause noch bestimmte Zeremonien vorgenommen worden sind, findet
sich der junge Ehemann bei ihr ein. Seine Ankunft kündet er dadurch
an, daß er seiner Gattin seinen Käsering hineinschickt. Diese erwidert
die Aufmerksamkeit, indem sie dem Harrenden den ihrigen hinaussendet;
hierauf erst nehmen die Festlichkeiten ihren Fortgang. Wenn die Braut
das elterliche Haus verläßt, um zur Kirche zu reiten, gießt man ein
Glas Wasser aus, damit „das Glück wie das Wasser komme“, eine Sitte,
die ebenfalls als eine Schutzmaßregel gegen böse Geister aufzufassen
ist.
[Illustration:
Phot. J. Brocherel.
Abb. 425. Bulgarischer Volkstanz.
Er ähnelt der Hora der Serben, aber mit dem Unterschied, daß der Kreis
nicht geschlossen wird und daß jeder Teilnehmer die Hände kreuzweise
seinem übernächsten Nachbar reicht.]
Die +Toten- und Begräbnisgebräuche+ bei den Slawen bieten wenig
Eigentümlichkeiten. Bei den Balkanslawen trifft man die Vorbereitungen
für das Begräbnis öfters lange vorher selbst; so besorgt man sich
schon bei Lebzeiten seinen Sarg, schafft die Totenkleider an, die
Taschentücher, die bei der Beisetzung an die Teilnehmer verteilt, sowie
die Wachskerzen, die dabei angezündet werden sollen; auch stellt man
ein Fäßchen des Nationalgetränkes bereit, das von dem Trauergefolge
für das „Seelenheil“ getrunken werden soll. -- Naht die letzte Stunde,
so versammelt der Sterbende alle Verwandten und Freunde um sich und
bittet jeden von ihnen um Verzeihung; man antwortet ihm darauf mit
der stehenden Redensart: „Möge dir alles in dieser und in jener Welt
vergeben sein.“ Hat der Betreffende dann seinen letzten Atemzug getan,
dann öffnet man sofort die Fenster, damit die Seele davonfliegen
könne. Der nächste Angehörige, meistens das Lieblingskind, drückt dem
Verstorbenen die Augen zu. Die Frauen lösen darauf ihr Haar auf und
lassen es weit über den Nacken hinunterfallen; ferner beginnen sie
um den Toten ein Jammergeschrei zu erheben, das sie auch während des
Begräbnisses und bei jedem späteren Besuch des Grabes wiederholen.
Ihre Wehklage weist einen bestimmten Rhythmus auf und nimmt vielfach
die Form von Fragen an den Verstorbenen an. So rufen sie ihm zu: „Was
sollen wir jetzt tun, nachdem du uns verlassen hast? Was denkst du,
daß aus unserer Familie jetzt wird? Werde ich nie mehr deine Stimme
hören?“ und so fort. Solange die Leiche im Hause liegt, dürfen bei den
Balkanslawen die Angehörigen keine Speisen zu sich nehmen. Man stellt
in dem Sterbezimmer Salz, Brot und ein Glas Wein auf, weil man glaubt,
daß der Tote noch eine Zeitlang im Hause weile und der Nahrung benötige.
Der Leichenzug (Abb. 426) wird durch Knaben eröffnet, die das heilige
Kreuz und kirchliche Banner tragen; darauf folgen andere mit großen
Mulden, die Eßwaren, und zwar vor allem Kolliva, enthalten. Ihnen
schließt sich die Geistlichkeit in vollem Ornat unmittelbar vor dem
Sarge an, der nicht zugedeckt, sondern offen getragen wird, so daß
man den Toten in halbsitzender Stellung sehen kann. Hinter dem Sarge
folgen darin endlich die Angehörigen, Freunde und Bekannten. Die Weiber
singen, während der Zug in Bewegung ist, Klagelieder. Bei den Serben
pflegt man sich auf dem Wege nach dem Kirchhof nicht umzusehen, wie man
auch auf dem Heimwege nicht rückwärts blicken darf; man fürchtet, daß
sonst leicht ein zweiter Todesfall eintreten könne. Auf dem Friedhof
spricht der Priester den Segen und gießt bei den Balkanslawen über den
Toten eine Mischung von Rotwein und Olivenöl in Form eines Kreuzes
aus, worauf der Sarg versenkt wird. Auf dem Heimwege sucht man, wenn
möglich, einen anderen Weg zu gehen. Zu Hause angelangt, waschen sich
alle Teilnehmer an dem Begräbnis die Hände. Außerdem nehmen sie von
einer Schippe, die ihnen ein junger Mensch hinhält, ein Stückchen
glühender Kohle, lassen es von einer Hand in die andere gehen und
werfen es schließlich über die linke Schulter hinter sich. Auf dem
Lande schließt sich hieran noch ein wirkliches Festmahl (Abbildung
423), bei dem jeder ein paar Tropfen Wein „für die Seele des Toten“
ausgießt. In den Städten verteilt man an die Armen und Bettler Speisen,
Kuchen und Geld, sowohl auf dem Friedhof wie auch zu Hause. Nach dem
Begräbnis wird das Haus ausgekehrt. Den dazu benutzten Besen wirft man
weg; er darf nie wieder ins Haus kommen, da sonst Unglück zu befürchten
wäre.
[Illustration:
Phot. W. Szuchie.
Abb. 426. Ruthenisches Begräbnis.