Der Gutsherr verteilt an die Dorfmädchen Dornenkronen.]

Neben dieser legitimen Erwerbung der Braut kennt das Landvolk in

Rußland noch die +Raubehe+. Haben sich die beiden Liebenden zur Flucht

verabredet und den Popen durch Geld bestochen, daß er sie traue, so

wählen sie eine dunkle Nacht zu ihrem Vorhaben aus; möglichst schnell

suchen sie die nächste Kirche zu erreichen, wo dann die Trauung

stattfindet, die nach dem Gesetz unanfechtbar ist. Für gewöhnlich

glückt ihnen dies, worauf am nächsten Morgen die Neuvermählten ihre

Eltern aufsuchen, um sich vor ihnen auf den Boden zu werfen und ihre

Verzeihung zu erbitten. Diese bestrafen die beiden Ungehorsamen

zunächst wohl durch Bearbeitung mit Peitsche und Ofengabel für ihr

Vergehen, lassen sich dann aber doch versöhnlich stimmen und bewirten

schließlich das junge Paar. Sollte aber die Sache ruchbar werden,

bevor die Fliehenden das nächste Kirchdorf erreicht haben, dann

machen sich der Vater der Braut und ihre übrigen Angehörigen auf die

Verfolgung; holt man die Flüchtigen ein, dann versucht man die Braut

„herauszuhauen“, wobei es selten ohne Blutvergießen abgeht.

Bei den +Serben+ geht der Vater eines Jünglings, der sich verheiraten

will, mit zwei Personen, meist Verwandten, +auf die Freite+. Sie

bringen einen flachen, weichen Kuchen und einen Strauß Blumen mit;

einer von ihnen ist auch mit einer Flinte oder Pistole ausgestattet,

um das freudige Ereignis, wie es bei den Slawen vielfach Sitte ist,

sogleich mit Schießen zu feiern. Die Brautwerber richten es so ein, daß

sie zum Abendbrot dableiben. Während des Essens setzt einer von ihnen

in passender Weise den Grund ihres Besuches auseinander. Darauf bringt

der Vater des jungen Mannes den mitgebrachten Kuchen zum Vorschein und

legt ihn auf den Tisch, daneben den Blumenstrauß und etwas Geld. Der

Vater des Mädchens geht hinaus, um sich angeblich mit seiner Frau und

Tochter zu besprechen, meistens haben aber schon vorher Unterredungen

darüber zwischen ihnen stattgefunden. Nach einem Weilchen kehrt er

zurück, gefolgt von seiner durch einen ihrer Brüder oder nächsten

männlichen Verwandten hereingeführten Tochter. Diese geht zuerst zu

ihrem zukünftigen Schwiegervater, verbeugt sich vor dem Tisch und küßt

jenem die rechte Hand, worauf sie gegenüber den anderen Anwesenden

ebenso verfährt. Darauf händigt ihr der Vater des Bewerbers den

Blumenstrauß nebst den Münzen aus, indem er zugleich seinen Glückwunsch

darbringt. Das Mädchen verbeugt sich zum Dank noch einmal vor ihm

und küßt ihm wieder die Hand. Von diesem Augenblick an gilt es für

die Verlobte des jungen Mannes. Schließlich legt der Schwiegervater

noch ein Geldstück auf den Kuchen, das gleichsam den Brautpreis („das

Geschenk für das Haus“) versinnbildlichen soll.

[Illustration:

Verlag von R. Promberger, Olmütz.

Braut und Bräutigam aus Wltschnov bei Ungarisch-Brod.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 178 / 203 题