wird zum Hause der Braut getragen. Hier überreicht der Starost den
Kuchen, auf den man ein Bäumchen mit Lichtern gesteckt hat, dem
Brautpaar mit einer Ansprache.]
Auch der böse Blick wird von den Slawen für kleine Kinder sehr
gefürchtet. Als bestes Schutzmittel dagegen gelten Kohlen. In der
Ukraine achtet man darauf, daß kein Besucher und selbst nicht einmal
die Angehörigen sich über das gute Aussehen des Kindes äußern, ohne
eine Zauber- oder Verwünschungsformel herzusagen und gleichzeitig
dreimal auszuspucken. In Serbien besteht der Aberglaube, daß man beim
Herausnehmen des Kindchens aus seinem Bett dreimal über dasselbe
spucken müsse. -- Die Mutter pflegt auch mancherlei zeremonielle
Handlungen an dem Kinde vorzunehmen, um es vor bestimmten Krankheiten
zu schützen oder für seinen künftigen Beruf brauchbar zu machen. So
muß sie bei den Serben das erste Brot, das sie ißt, mit den Zähnen
abreißen, damit das Kind bald selbständig zu essen anfange, bei den
Polen Oberschlesiens in den ersten sechs Wochen ihrem Kinde vor dem
Baden den Rücken abreiben und dreimal auf den Ofen spucken, um ihren
Liebling vor Schwindsucht zu schützen, bei den Tschechen das Badewasser
von Knaben den Pferden, das von Mädchen den Kühen zu trinken geben,
damit die Kinder später einmal mit diesen Tieren gut umgehen; bei den
Ruthenen Galiziens darf die Mutter die Wäsche der Tochter nicht mit
einem Waschholz klopfen, damit diese nicht später in der Ehe von ihrem
Gatten Schläge bekomme, und was derlei Gebräuche mehr sind.
[Illustration:
Phot. P. Postel.
Abb. 418. Korowaj oder Hochzeitskuchen der Ruthenen.
Vor der Hochzeit werden Freunde und Verwandte eingeladen, um beim
Backen der erforderlichen großen Menge Kuchen zu helfen. Dabei werden
eigens für diese Gelegenheit übliche Lieder gesungen.]
Für die +heranwachsende Jugend+ beider Geschlechter bieten sich
viele Gelegenheiten zusammenzukommen und miteinander anzuknüpfen; so
die zahlreichen Feste mit ihren Lustbarkeiten, von denen wir oben
bereits sprachen, vor allem auch die Reigentänze, bei denen meistens
die ungezügelte Leidenschaft zum Durchbruch kommt, sowie die Zeiten
des Pilz- und Beerensammelns in den Wäldern. Da die sittlichen
Anschauungen beim russischen Landvolk (und nicht minder bei der
vornehmen Stadtbevölkerung) ziemlich lax sind, so feiert die Liebe in
diesen „Nächten des Rausches“, wie sie heißen, ihre Orgien, aber selten
führt dies zu einer festen Verbindung. Denn die +Ehe+ ist nach Ansicht
des russischen Bauern weniger eine Sache der Neigung als vielmehr ein
richtiges +Kaufgeschäft+; bei dem patriarchalischen Zusammenleben
in einer großen Familie erwartet der Vater, daß sein Sohn ihm eine
tüchtige, gesunde, leistungsfähige Frau als Arbeitskraft zuführt. Bis
in die Neuzeit herein gab es in verschiedenen Gegenden Rußlands noch
wirkliche +Heiratsmärkte+, auf denen die jungen Männer die auf dem
Markte oder dem Kirchplatz aufgestellten Mädchen in Augenschein nahmen
und die ihnen passend erscheinenden aussuchten. Heutzutage ist diese
Sitte, die sich übrigens auch bei anderen slawischen Stämmen findet,
mehr und mehr in Abnahme gekommen. Jetzt kommt vielmehr eine Heirat
meistens durch eine +gewerbsmäßige Vermittlerin+, die Svacha, zustande.
Mit den Worten: „Wir haben einen Käufer, ihr eine Ware; wollt ihr nicht
eure Ware verkaufen?“ findet sich die Svacha im Hause der Eltern der
Zukünftigen ein und fängt ein regelrechtes Feilschen um den Kaufpreis
an, der nicht allein in Geld, sondern auch in Pelzwerk, Stiefeln,
Branntwein, Fleisch, Getreide und anderen Gegenständen besteht. Wenn
man sich endlich auch über den Tag der Hochzeit geeinigt hat -- die
Vermittlerin spielt gleichzeitig die Rolle einer Wahrsagerin, die
aus den Karten einen für die Ehe glückbringenden Tag herausliest --
wird der Handel durch Handschlag und ein sich daran anschließendes
Zechgelage festgemacht. Das Volk nennt dies „die Braut vertrinken“. Die
Verlobung (Abb. 399) ist sodann eine recht feierliche Handlung, bei der
der Bräutigam seiner Auserwählten neben Brot, Salz und Mandelkuchen
noch einen mit Türkisen besetzten Ring überreicht. Dieses Unterpfand
der versprochenen Ehe wird von der Braut und ihrer Familie in hohen
Ehren gehalten und gleichsam als Erbstück aufbewahrt, darf aber nie
wieder zu demselben Zweck benutzt werden.
Schon acht Tage nach der Verlobung (hierzu die farbige Kunstbeilage
sowie Abb. 422) findet die +Hochzeit+ (Abb. 412, 417 und 418) statt,
die, obwohl die Ehe eigentlich eine rein geschäftliche Sache ist,
doch sehr festlich begangen wird und große Kosten verursacht, denn
die Eltern halten darauf, daß die Tochter bei der Trauung möglichst
kostbare Gewänder trage; diese selbst pflegt außerdem meistens noch der
Jungfrau Maria der Kirche, in deren Bezirk sie wohnt oder die Trauung
stattfindet, ein neues, prächtig besticktes Gewand darzubringen.
In Südrußland erhält der Pope von ihr ein paar schneeweiße Tauben
als Geschenk. Die kurze Zeit bis zur Hochzeit muß die Braut damit
zubringen, mehrmals am Tage ihr grausames Geschick, das sie aus dem
Hause der Eltern entführt und zwingt, „einem fremden Fremdling aus
der Fremde“ zu folgen, mit Tränen und wehmütigen Liedern zu beklagen;
Freundinnen und Verwandte wachen dabei streng darüber, daß sie dies
auch in gehöriger Weise tue. Am „Jungfernabend“, der etwa unserem
Polterabend entspricht, finden sich die Freundinnen der Braut ein.
Diese löst ihren Zopf auf, der das Abzeichen des unverheirateten
Mädchens ist, und schmückt mit den Bändern und Blumen aus ihrem Haar
eine ihrer Freundinnen, meistens ihre jüngere Schwester, worauf diese
sie ins Bad begleiten. Nach dem Bade setzen die Freundinnen ihren
ganzen Stolz darein, der Braut das Haar wieder recht schön in Ordnung
zu bringen und sie aufs beste herauszuputzen, wobei sie Lieder von der
Liebe und dem Eheglück singen.
[Illustration:
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 419. Eine russische Troika.
Von den drei Pferden, die vorgespannt sind, wird das in der Mitte an
zwei, die an der Seite an je einem Zügel gelenkt. Das Mittelpferd läuft
im Trab, die Seitenpferde im Galopp.]
Am Hochzeitstage erwartet die Braut verhüllten Hauptes unter Absingung
von Klageliedern ihren Zukünftigen. Wenn sich der Zug des Bräutigams
nähert, öffnet der Brautvater die bis dahin verrammelte Tür. Ehe man
aber die Gäste hereinläßt, spielen sich noch lustige Gespräche zwischen
ihnen und dem Druzka (dem „Freundchen“) ab, einer Art Witzbold, der auf
keiner Hochzeit fehlen darf; namentlich gibt dieser Rätsel zum Raten
auf, die unter dem russischen Volke sehr beliebt sind. Der Bräutigam
und der Brautvater müssen darauf ihren Platz neben der Braut sich
durch Geldstücke erkaufen. Dann erst findet die Bewirtung der Gäste
statt, bei der die Braut den „fremden Fremdling aus der Fremde“ noch
einmal fragt, wie er heiße und woher er stamme. Ehe man sich zur Kirche
begibt, wirft sich die Braut noch vor ihren Eltern auf die Knie, bittet
sie um Verzeihung für alle ihnen bereitete Sorge und küßt sie sowie
die Heiligenbilder. Sie bleibt noch immer verschleiert, bis ihr in
der Kirche bei der Trauung, einer langatmigen, aber sehr anziehenden
Zeremonie, bei der unter anderem wieder die Heiligenbilder geküßt
werden, die Brautleute dreimal um den Altar herumgehen und so fort,
der Schleier endlich abgenommen wird. Gleichzeitig spielt sich hier
auch die Haubung ab, das heißt der lange Zopf wird in zwei kleinere
geflochten und der Neuvermählten das Abzeichen der verheirateten Frau
angelegt. Darauf begibt sich der Hochzeitszug, meistens zu Pferde, nach
dem Hause des jungen Ehemanns. Hier wird das junge Paar von den Eltern
mit Salz und Brot empfangen, womit der Wunsch angedeutet werden soll,
daß es in dem neuen Haushalt nie an dem Nötigsten zum Leben fehlen
möge. -- Bei den Weißrussen müssen beide Eheleute nach der Rückkehr aus
der Kirche, wie schon vorher beim Verlassen des elterlichen Hauses,
über einen brennenden Scheiterhaufen reiten oder fahren, in den sie
einige kleine Münzen werfen; offenbar soll damit ein Reinigungsopfer
angedeutet werden und zugleich eine Abwehrmaßnahme gegen böse Geister,
die dem jungen Paare etwa folgen könnten. -- In Bosnien macht die junge
Frau im neuen Heim drei feierliche Verbeugungen vor der Türschwelle,
küßt diese und opfert einige Silbermünzen; die Schwelle wird, wie
schon oben erwähnt, als der Sitz der Ahnen aufgefaßt. -- Vielfach fährt
die Hochzeitsgesellschaft in flottem Trabe von der Kirche heim; das für
Rußland bezeichnende Fahrzeug ist das Dreigespann, die Troika (Abb.
419).
[Illustration:
Phot. C. Chusseau-Flaviens.
Abb. 420. Serben bei der Hora, einem ihrer Nationaltänze.
Männer und Frauen sind in Landestracht; die verheirateten Frauen tragen
einen Nackenschleier.]
Bei dem nun stattfindenden Gastmahl geht es hoch her, und besonders
wird dem Wodka gut zugesprochen. Die Eheleute werden gegen Abend von
der Svacha und den Brautführern ins Hochzeitsgemach geleitet, wo die
Frau dem Manne feierlich die Schuhe auszieht. Die Gäste feiern indessen
mit Essen und Trinken weiter und fahren darin am nächsten Tage an dem
„Fürstentisch“ fort, dem Gastmahl, das die Neuvermählten ihnen geben.
Bei dieser Gelegenheit findet unter den Verwandten ein allgemeines
Abküssen statt. In einzelnen Teilen des Reiches ist es Sitte, daß
man bei der Hochzeit alle Türen, Fenster und selbst den Schornstein
geschlossen hält, um den bösen Geistern den Zutritt zu verwehren.
[Illustration:
Phot. Nevin O. Winter.
Abb. 421. Szene vom russischen Erntefest.