Abb. 417. Der Korowaj oder Hochzeitskuchen

wird zum Hause der Braut getragen. Hier überreicht der Starost den

Kuchen, auf den man ein Bäumchen mit Lichtern gesteckt hat, dem

Brautpaar mit einer Ansprache.]

Auch der böse Blick wird von den Slawen für kleine Kinder sehr

gefürchtet. Als bestes Schutzmittel dagegen gelten Kohlen. In der

Ukraine achtet man darauf, daß kein Besucher und selbst nicht einmal

die Angehörigen sich über das gute Aussehen des Kindes äußern, ohne

eine Zauber- oder Verwünschungsformel herzusagen und gleichzeitig

dreimal auszuspucken. In Serbien besteht der Aberglaube, daß man beim

Herausnehmen des Kindchens aus seinem Bett dreimal über dasselbe

spucken müsse. -- Die Mutter pflegt auch mancherlei zeremonielle

Handlungen an dem Kinde vorzunehmen, um es vor bestimmten Krankheiten

zu schützen oder für seinen künftigen Beruf brauchbar zu machen. So

muß sie bei den Serben das erste Brot, das sie ißt, mit den Zähnen

abreißen, damit das Kind bald selbständig zu essen anfange, bei den

Polen Oberschlesiens in den ersten sechs Wochen ihrem Kinde vor dem

Baden den Rücken abreiben und dreimal auf den Ofen spucken, um ihren

Liebling vor Schwindsucht zu schützen, bei den Tschechen das Badewasser

von Knaben den Pferden, das von Mädchen den Kühen zu trinken geben,

damit die Kinder später einmal mit diesen Tieren gut umgehen; bei den

Ruthenen Galiziens darf die Mutter die Wäsche der Tochter nicht mit

einem Waschholz klopfen, damit diese nicht später in der Ehe von ihrem

Gatten Schläge bekomme, und was derlei Gebräuche mehr sind.

[Illustration:

Phot. P. Postel.

Abb. 418. Korowaj oder Hochzeitskuchen der Ruthenen.

Vor der Hochzeit werden Freunde und Verwandte eingeladen, um beim

Backen der erforderlichen großen Menge Kuchen zu helfen. Dabei werden

eigens für diese Gelegenheit übliche Lieder gesungen.]

Für die +heranwachsende Jugend+ beider Geschlechter bieten sich

viele Gelegenheiten zusammenzukommen und miteinander anzuknüpfen; so

die zahlreichen Feste mit ihren Lustbarkeiten, von denen wir oben

bereits sprachen, vor allem auch die Reigentänze, bei denen meistens

die ungezügelte Leidenschaft zum Durchbruch kommt, sowie die Zeiten

des Pilz- und Beerensammelns in den Wäldern. Da die sittlichen

Anschauungen beim russischen Landvolk (und nicht minder bei der

vornehmen Stadtbevölkerung) ziemlich lax sind, so feiert die Liebe in

diesen „Nächten des Rausches“, wie sie heißen, ihre Orgien, aber selten

führt dies zu einer festen Verbindung. Denn die +Ehe+ ist nach Ansicht

des russischen Bauern weniger eine Sache der Neigung als vielmehr ein

richtiges +Kaufgeschäft+; bei dem patriarchalischen Zusammenleben

in einer großen Familie erwartet der Vater, daß sein Sohn ihm eine

tüchtige, gesunde, leistungsfähige Frau als Arbeitskraft zuführt. Bis

in die Neuzeit herein gab es in verschiedenen Gegenden Rußlands noch

wirkliche +Heiratsmärkte+, auf denen die jungen Männer die auf dem

Markte oder dem Kirchplatz aufgestellten Mädchen in Augenschein nahmen

und die ihnen passend erscheinenden aussuchten. Heutzutage ist diese

Sitte, die sich übrigens auch bei anderen slawischen Stämmen findet,

mehr und mehr in Abnahme gekommen. Jetzt kommt vielmehr eine Heirat

meistens durch eine +gewerbsmäßige Vermittlerin+, die Svacha, zustande.

Mit den Worten: „Wir haben einen Käufer, ihr eine Ware; wollt ihr nicht

eure Ware verkaufen?“ findet sich die Svacha im Hause der Eltern der

Zukünftigen ein und fängt ein regelrechtes Feilschen um den Kaufpreis

an, der nicht allein in Geld, sondern auch in Pelzwerk, Stiefeln,

Branntwein, Fleisch, Getreide und anderen Gegenständen besteht. Wenn

man sich endlich auch über den Tag der Hochzeit geeinigt hat -- die

Vermittlerin spielt gleichzeitig die Rolle einer Wahrsagerin, die

aus den Karten einen für die Ehe glückbringenden Tag herausliest --

wird der Handel durch Handschlag und ein sich daran anschließendes

Zechgelage festgemacht. Das Volk nennt dies „die Braut vertrinken“. Die

Verlobung (Abb. 399) ist sodann eine recht feierliche Handlung, bei der

der Bräutigam seiner Auserwählten neben Brot, Salz und Mandelkuchen

noch einen mit Türkisen besetzten Ring überreicht. Dieses Unterpfand

der versprochenen Ehe wird von der Braut und ihrer Familie in hohen

Ehren gehalten und gleichsam als Erbstück aufbewahrt, darf aber nie

wieder zu demselben Zweck benutzt werden.

Schon acht Tage nach der Verlobung (hierzu die farbige Kunstbeilage

sowie Abb. 422) findet die +Hochzeit+ (Abb. 412, 417 und 418) statt,

die, obwohl die Ehe eigentlich eine rein geschäftliche Sache ist,

doch sehr festlich begangen wird und große Kosten verursacht, denn

die Eltern halten darauf, daß die Tochter bei der Trauung möglichst

kostbare Gewänder trage; diese selbst pflegt außerdem meistens noch der

Jungfrau Maria der Kirche, in deren Bezirk sie wohnt oder die Trauung

stattfindet, ein neues, prächtig besticktes Gewand darzubringen.

In Südrußland erhält der Pope von ihr ein paar schneeweiße Tauben

als Geschenk. Die kurze Zeit bis zur Hochzeit muß die Braut damit

zubringen, mehrmals am Tage ihr grausames Geschick, das sie aus dem

Hause der Eltern entführt und zwingt, „einem fremden Fremdling aus

der Fremde“ zu folgen, mit Tränen und wehmütigen Liedern zu beklagen;

Freundinnen und Verwandte wachen dabei streng darüber, daß sie dies

auch in gehöriger Weise tue. Am „Jungfernabend“, der etwa unserem

Polterabend entspricht, finden sich die Freundinnen der Braut ein.

Diese löst ihren Zopf auf, der das Abzeichen des unverheirateten

Mädchens ist, und schmückt mit den Bändern und Blumen aus ihrem Haar

eine ihrer Freundinnen, meistens ihre jüngere Schwester, worauf diese

sie ins Bad begleiten. Nach dem Bade setzen die Freundinnen ihren

ganzen Stolz darein, der Braut das Haar wieder recht schön in Ordnung

zu bringen und sie aufs beste herauszuputzen, wobei sie Lieder von der

Liebe und dem Eheglück singen.

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 419. Eine russische Troika.

Von den drei Pferden, die vorgespannt sind, wird das in der Mitte an

zwei, die an der Seite an je einem Zügel gelenkt. Das Mittelpferd läuft

im Trab, die Seitenpferde im Galopp.]

Am Hochzeitstage erwartet die Braut verhüllten Hauptes unter Absingung

von Klageliedern ihren Zukünftigen. Wenn sich der Zug des Bräutigams

nähert, öffnet der Brautvater die bis dahin verrammelte Tür. Ehe man

aber die Gäste hereinläßt, spielen sich noch lustige Gespräche zwischen

ihnen und dem Druzka (dem „Freundchen“) ab, einer Art Witzbold, der auf

keiner Hochzeit fehlen darf; namentlich gibt dieser Rätsel zum Raten

auf, die unter dem russischen Volke sehr beliebt sind. Der Bräutigam

und der Brautvater müssen darauf ihren Platz neben der Braut sich

durch Geldstücke erkaufen. Dann erst findet die Bewirtung der Gäste

statt, bei der die Braut den „fremden Fremdling aus der Fremde“ noch

einmal fragt, wie er heiße und woher er stamme. Ehe man sich zur Kirche

begibt, wirft sich die Braut noch vor ihren Eltern auf die Knie, bittet

sie um Verzeihung für alle ihnen bereitete Sorge und küßt sie sowie

die Heiligenbilder. Sie bleibt noch immer verschleiert, bis ihr in

der Kirche bei der Trauung, einer langatmigen, aber sehr anziehenden

Zeremonie, bei der unter anderem wieder die Heiligenbilder geküßt

werden, die Brautleute dreimal um den Altar herumgehen und so fort,

der Schleier endlich abgenommen wird. Gleichzeitig spielt sich hier

auch die Haubung ab, das heißt der lange Zopf wird in zwei kleinere

geflochten und der Neuvermählten das Abzeichen der verheirateten Frau

angelegt. Darauf begibt sich der Hochzeitszug, meistens zu Pferde, nach

dem Hause des jungen Ehemanns. Hier wird das junge Paar von den Eltern

mit Salz und Brot empfangen, womit der Wunsch angedeutet werden soll,

daß es in dem neuen Haushalt nie an dem Nötigsten zum Leben fehlen

möge. -- Bei den Weißrussen müssen beide Eheleute nach der Rückkehr aus

der Kirche, wie schon vorher beim Verlassen des elterlichen Hauses,

über einen brennenden Scheiterhaufen reiten oder fahren, in den sie

einige kleine Münzen werfen; offenbar soll damit ein Reinigungsopfer

angedeutet werden und zugleich eine Abwehrmaßnahme gegen böse Geister,

die dem jungen Paare etwa folgen könnten. -- In Bosnien macht die junge

Frau im neuen Heim drei feierliche Verbeugungen vor der Türschwelle,

küßt diese und opfert einige Silbermünzen; die Schwelle wird, wie

schon oben erwähnt, als der Sitz der Ahnen aufgefaßt. -- Vielfach fährt

die Hochzeitsgesellschaft in flottem Trabe von der Kirche heim; das für

Rußland bezeichnende Fahrzeug ist das Dreigespann, die Troika (Abb.

419).

[Illustration:

Phot. C. Chusseau-Flaviens.

Abb. 420. Serben bei der Hora, einem ihrer Nationaltänze.

Männer und Frauen sind in Landestracht; die verheirateten Frauen tragen

einen Nackenschleier.]

Bei dem nun stattfindenden Gastmahl geht es hoch her, und besonders

wird dem Wodka gut zugesprochen. Die Eheleute werden gegen Abend von

der Svacha und den Brautführern ins Hochzeitsgemach geleitet, wo die

Frau dem Manne feierlich die Schuhe auszieht. Die Gäste feiern indessen

mit Essen und Trinken weiter und fahren darin am nächsten Tage an dem

„Fürstentisch“ fort, dem Gastmahl, das die Neuvermählten ihnen geben.

Bei dieser Gelegenheit findet unter den Verwandten ein allgemeines

Abküssen statt. In einzelnen Teilen des Reiches ist es Sitte, daß

man bei der Hochzeit alle Türen, Fenster und selbst den Schornstein

geschlossen hält, um den bösen Geistern den Zutritt zu verwehren.

[Illustration:

Phot. Nevin O. Winter.

Abb. 421. Szene vom russischen Erntefest.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 177 / 203 题